Libanon in Schutt und Asche

Seit mittlerweile zwei Wochen bombardieren israelische Kampfflugzeuge, Kriegsschiffe und Artellerie täglich den Libanon - von Naqoura im Süden bis Tripoli im Norden. Sie legen ganze Wohngebiete in Schutt und Asche und zerstören mutwillig die Infrastruktur. Das Hauptziel ist die Destabilisierung des Landes. Wohnhäuser, Strassen, Brücken, E-Werke, Fabriken, Schulen, Flughäfen etc werden gezielt bombardiert. Die Begründung ist, die Hisbollah könnte diese Einrichtungen verwenden. Es reicht also ein ganzes Volk zu massakrieren, ihre Infrastruktur zu zerstören, weil einige Leute die Infrastruktur des Landes verwenden. Natürlich fliegt ein Hizbollah Mitglied vom int. Flughafen in Beirut, bezieht sein Strom aus den Elektrizitätswerken, benützt Strasssen und Brücken aber auch Supermärkte, Universitäten, Einkaufszentren...

Diese Art zu denken ist grausam und gefährlich und führt unweigerlich zu Massakern an der Zivilbevölkerung und unermesslichen Leid. Innerhalb einer Woche sind 350 Zivilisten ermordet worden, oft auf der Flucht, wie über 700.000 andere Libanesen. Der Schaden ist unbezifferbar.

Und die oppurtunistische Welt schweigt. Weder die EU noch die USA verurteilt den Krieg Israels. Die Libanesen sind schuld. Allenorts wird die Hisbollah kritisiert, da sie zwei israel. Soldaten entführt haben. Soldaten. Die meisten Analysten sind sich einig, dass Israel dies nur als Vorwand benützt, um einen lang vorbereiteten Plan umzusetzen. Aber wo bleibt der Aufschrei der Welt, die bei jeder Kleinigkeit nach Menschenrechten und Völkerrecht verlangt?

Reportage: "Unsere Würde ist wertvoller als Steine"
Die Menschen im Südlibanon leiden unter den israelischen Angriffen, aber sie stehen hinter Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, den sie mit jedem Tag mehr verehren

Eine Reise in den Süden des Libanon ist eine Fahrt gegen den Flüchtlingsstrom. Die Autos, Kleinbusse und Pickups sind überladen, nicht jeder hat einen Sitzplatz. Ein weißes T-Shirt oder ein Handtuch sollen vor israelischen Luftangriffen schützen.

Bereits kurz nach Beirut ist die Hauptstraße zerbombt, der Weg führt nun über verwinkelte Sträßchen durch das Chouf-Gebirge. Das Gebiet der Drusen wurde bisher von Angriffen verschont. Klar ist die israelische Taktik zu erkennen, dass der Flüchtlingsstrom in sunnitische, drusische und christliche Gebiete gelenkt werden soll, um die schiitische Hisbollah von ihrer Basis abzuschneiden.

Trümmerfeld

Die Abzweigung nach Nabatiye ist ein Trümmerfeld. Nabatiye selbst ist fast ausgestorben. Die Altstadt liegt in Ruinen. Jeden Tag fallen weitere Bomben. Die Infrastruktur ist zerstört, das Spital muss ohne Strom und Wasser auskommen. In Friedenszeiten ist Nabatiya eine lebendige Kleinstadt, bekannt für das schiitische Ashoura-Fest, das hier mit besonderer Inbrunst gefeiert wird.

Wir setzen uns zu einer Gruppe von Männern, die in einer noch einigermaßen intakten Gegend vor einem kleinen Café schwatzen und Wasserpfeife rauchen. Sie sind Ladenbesitzer, Handwerker und Beamte. Nur zehn Prozent der Menschen seien geflüchtet, behaupten sie. Das Leben sei ganz normal. Der Augenschein zeigt eine andere Wahrheit. Nabatiya ist fast eine Geisterstadt. Der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab. Im Kaffeehaus fragen sie nach dem Weg, der durch immer neue Zerstörungen jeden Tag ein anderer ist.

Aber die Männer geben sich unerschrocken und kämpferisch, obwohl in der Ferne Rauchsäulen aufsteigen, dort wo die israelische Bodeninvasion bereits im Gang ist. "Unter jedem Sandkorn gibt es hier einen Kämpfer. Die Würde ist wichtiger als Steine", meint einer, angesprochen auf die jüngsten Leiden der Zivilbevölkerung. Er lädt zur Siegesfeier ein und lobt die bisherigen militärischen Erfolge der Widerstandsbewegung.

Krieg gegen Schiiten

Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah sehen sie schon als neue Führungsfigur in der arabischen und islamischen Welt und als Held aller, die für ihre Unabhängigkeit kämpfen. Für sie ist der von den USA unterstützte israelische Angriff auf den Libanon ein Krieg gegen die Schiiten, weil die in vielen Ländern zu mächtig werden würden.

In der religiös gemischten Hafenstadt Tyrus sitzen Fischer untätig in einer Bar. Auch sie stehen alle hinter Nasrallah. "Auch wenn er uns das Bier verbietet", scherzt einer von ihnen und nimmt einen Schluck aus der Efes-Dose. "Ich kann auch hier sterben. Es ist billiger, als die 700 Dollar für das Taxi nach Beirut zu bezahlen", sagt einer, der geblieben ist.

Angst haben sie allerdings davor, dass die Hisbollah ihre Raketenabschussrampen näher an bewohnte Gebiete rücken könnte, denn wo immer solche Rampen vermutet werden, schlägt die israelische Armee gnadenlos zu. Von der Bucht in Tyrus, wo man bis nach Haifa sieht, lassen sich die Bombeneinschläge in den libanesischen Grenzdörfern mit bloßem Auge verfolgen.

Das Nadelöhr der Flüchtlingsroute liegt zwischen Tyrus und Sidon, wo schon am ersten Tag die Brücke über den Litani-Fluss zerbombt wurde. Die Umfahrung ist ein schmaler Feldweg. Der Strom der leeren Taxis und Busse kommt aus Beirut zurück. Und wie jeden Tag sind am späteren Nachmittag die israelischen Kampfjets in der Luft und die donnernden Einschläge in der Gegend zu hören. In Sidon tönt der Knall wie ein Feuerwerk. "Keine Angst, das sind nur Flugblätter", beruhigt ein älterer Mann und zieht weiter an seiner Wasserpfeife.

Zwei Sujets, beides Karikaturen, sind darauf zu sehen. Die eine zeigt Nasrallah, wie er sich hinter Zivilisten versteckt. Auf der anderen fragt Nasrallah Bashar al-Assad, Ismael Haniyeh und Mohammed Ahmadi-Nejad "ay chidma?"- braucht ihr meine Dienste? Nicht einmal ein müdes Lächeln haben die Männer in Sidon für die psychologische Kriegsführung der Israelis übrig. "Seit Jahrzehnten kämpfen sie gegen uns, aber sie haben keine Ahnung von uns und unserer Mentalität", ist alles, was sie dazu sagen. (Astrid Frefel aus Tyrus/DER STANDARD)

Hisbollah bringt auch arabische Despoten in Bedrängnis
Muslime in aller Welt bekunden Sympathien für den libanesischen "Widerstand" und kritisieren ihre eigenen Machthaber
Mit wehenden Hisbollah-Fahnen fahren die Autos in Damaskus, an den Scheiben kleben Hassan Nasrallah-Porträts. "Natürlich wünsche ich mir einen Sieg der Hisbollah", sagt etwa Abu Ibrahim, ein Unternehmer in der syrischen Hauptstadt. "Und wie jeder guter Muslim bete ich auch jeden Tag dafür".

Die Begeisterung für die schiitische Miliz wird derzeit in der gesamten arabisch-islamischen Welt geteilt. Nicht nur im Iran und Irak gingen vergangene Woche die Menschen auf die Straße, um ihre Unterstützung für Hisbollah im Kampf gegen Israel zu zeigen. Selbst in den sunnitischen Ländern Pakistan, Jordanien, Sudan, Marokko oder auch in Ägypten bezeugten Tausende von Demonstranten öffentlich ihre Sympathien für die libanesische "Widerstandsgruppe".

Märtyrer statt...

Die ägyptische Zeitung Al Dustoorbrachte mit einem ironischen Vergleich zwischen dem Hisbollah-Generalsekretär, Hassan Nasrallah, und dem Staatspräsidenten Hosni Mubarak das auf einen Nenner, was hinter der Popularität der Hisbollah steht. Mubarak mache seinen Sohn in sechs Jahren zu seinem Nachfolger während Nasrallah seinen Sohn als Märtyrer opferte. Der wurde 1997 im Kampf gegen Israel getötet.

Die Menschen der arabischen Welt wollen statt Worten endlich Taten sehen. Seit Jahren bestimmt der Palästina-Konflikt den gesamten Mittleren Osten, ohne dass eine politische Lösung in Sicht wäre. Seit Jahren liefert das Satellitenfernsehen aus Gaza und der Westbank das Leiden der Palästinenser und auch das Sterben der Bevölkerung im Irak in arabische Wohnzimmer. Nun sind die toten Zivilisten im Libanon dazugekommen, die zerstörten Brücken, Straßen und Häuser. In den Augen vieler haben dies die Könige, Präsidenten und Diktatoren ihrer Region zu verantworten, die es seit Jahren versäumt haben, gegen die Ungerechtigkeit Israels und das Hegemoniestreben der USA entschieden genug einzutreten.

...Nachfolger

Besonderer Unbeliebtheit erfreuen sich Jordanien und Ägypten, die nicht nur Verbündete der Vereinigten Staaten von Amerika sind, sondern auch mit Israel Friedensverträge abgeschlossen haben.

"Obwohl die Entführung der beiden israelischen Soldaten von der Hisbollah nicht gerade von politischer Weisheit zeugt", erklärt Amal Saad Ghorayeb von der amerikanisch-libanesischen Universität in Beirut, "kann sie in dieser Situation zum absoluten Gewinner werden und arabische Staatsoberhäupter in die Zwickmühle bringen."

Sollte die Hisbollah auch nur einen kleinen Teilsieg im aktuellen Konflikt erringen, würde sich ihre Popularität noch um ein Vielfaches steigern. Und damit wüchse wohl auch der öffentliche Druck der Massen auf die arabischen Regierungen, eine aggressivere Politik gegenüber Israel zu verfolgen. (Alfred Hackensberger aus Damaskus/DER STANDARD