Auszüge aus Besprechungen und Kommentaren zum Roman >Raubtiere<:

 

Mit Jiří ist das so eine Sache. ER ist unberechenbar, für „undiszipliniert“ hält ihn die Erzählerin Teri gar. Das ist deshalb seltsam, weil sein Beruf Dompteur eigentlich höchste Konzentration erfordert. Nachlässigkeiten rächen sich auf der Stelle. Zu Besuch kommt er unangekündigt, wenn er gerade in der Stadt ist: „Ein paar Wochen vorher hängen nur plötzlich überall Zirkusplakate ...“ Sein „panslawistisches Lachen, das mit tiefen Wolgaschleppertönen beginnt und mit einem hohen Jaulen am Bosporus endet“, wirkt auf Teri anziehend. Er war dabei, als ihr Vater von einem Tiger getötet wurde. Seitdem sucht ein hoher Grad an Verstörung Teri heim. Die Raubtiere sind nicht nur gefräßige Tiere, sondern auch eine Metapher für das Innenleben einer Frau, der die Vergangenheit zusetzt. Dabei ist der Roman locker-leicht erzählt.

(Anton Thuswaldner / Salzburger Nachrichten)

Das letzte Mal in einem Zirkus war ich, als unsere Kinder im Zirkus-Alter waren und das ist nun lange her. Und nun stellt uns die Autorin unter anderem eine Zirkuswelt vor, die so ganz anders ist . Ist  sie wirklich so anders? Gibt es nicht dort auch Liebe, Betrug, Hinterlist, ungeklärte Verhältnisse, gleich wie im Leben außerhalb der Manege? Sind diese Verhältnisse aus dem Rund oder Oval unter der Kuppel nicht auf das Leben „draußen“ zu übertragen? Die Charaktere sind anders, geprägt vom Leben auf engstem Raum in einem Wohnwagen, und doch? Ist  das Leben „draußen“ nicht auch ein Aufeinanderprallen von Raubtieren und ihren Tierlehrern, ein Kräftemessen zwischen denen, die sich angepasst haben und den „Anderen?“

Da sind die Volksschullehrerin, die hin und her sucht zwischen dem Pflegeheim in dem ihre Mutter betreut wird und eine alzheimergeschützte Existenz aufgebaut hat, um zu vergessen oder zu mindest zu verdrängen, den Hilfeaktionen für ihren – ja und hier stockt der Rezensent: was ist er nun wirklich? – Jiri mit seinem panslawistischen Lachen vom Dnjepr bis zur Moldau. Ist der Jiri, der welcher oder ist er gar der? Nein, das verrate ich nicht, das sollen die (hoffentlich sehr zahlreichen) Leser selber herausfinden. 

Vice-Bürgermeister tauchen auf, frustrierte Mütter von verhaltensauffälligen Knaben, Tierärzte, die auch nicht das sind, was sie versprechen, Jäger auf  Frauenjagd, ein Panoptikum von Menschen wie du und ich, wie wir alle. Und das alles in einem köstlichen Zusammenhang mit einer Tigerin, die ihre Jungen in einem niederösterreichischen Vierkanter bei einer Biobäuerin werfen sollte. Und dazwischen oder mitten drinnen, Teresa, die Volksschullehrerin, die einen sehr schmerzhaften Prozess des Loslassens der Vergangenheit sehr spät entwickeln muss. Alles eingebettet in die Geschichte der letzten 50, 60 Jahre. Die Vertreibung der Sudentendeutschen, die samtene Revolution am Wenzelsplatz, alles was eigentlich uns Zeitgenossen geprägt hat in den vergangenen Jahrzehnten ist in einer meisterhaften, atemberaubenden Art mit dem Geschehen Teresas  verwoben. Ist’s ein Fleckerlteppich, eine Patchworkweberei? Egal, was der Leser darin sehen mag. Es ist ein Buch – wieder einmal – das mich nicht los ließ. Das heißt, ich begann zu lesen und weiter und weiter, bis ich fertig war.  Wieder ein Buch, das in einem Zug durchgelesen wurde, um zu wissen was nun wirklich mit Jiri, mit Teresa und all den anderen geschieht. Aber dann wird das Buch wieder aufgeblättert, nachgelesen, und man amüsiert sich über Köstlichkeiten die vorkommen, streicht an, freut sich, lächelt oder lacht auch an einigen Stellen laut auf. Bleibt bei einer zufällig aufgeschlagenen Stelle hängen und liest wieder die gesamte Passage noch einmal. Was kann einem Leser mit einem Buch besseres passieren?

Ich freue mich auf das nächste Buch der Autorin!

Und abschließend, nach diesem Buch, bedaure ich, dass es nicht mehr möglich ist, Raubtiernummern in den Zirkussen zu sehen, da diese angeblich verboten wurden. Was machen Jiri und Jan und all die anderen aus dieser zauberhaften Welt?

(Hans Bäck / Europa Literaturkreis)

 Das Leben der Lehrerin Teresa ist von einem Trauma geprägt: Sie musste als Kind miterleben, wie ihr Vater im Tigerkäfig zerfleischt wurde. Sie ist seitdem zu keiner echten Beziehung fähig, nur ihre Freundin Hannah macht eine Ausnahme. Auch die Fürsorge für ihre an Alzheimer leidende Mutter, die ehemalige Trapezkünstlerin Gertraud, ist nur von Pflichtbewusstsein  bestimmt. Da trifft ihr väterlicher Freund Jiři plötzlich mit einer trächtigen Tigerin ein und quartiert sich auf Hannahs Hof ein. Die Konfrontation mit dem Dompteur und dessen Sohn Jan zwingt Teresa, sich mit der Vergangenheit, mit ihrem Leben und ihrem Verhältnis zum Zirkus auseinanderzusetzen. Sie kommt schließlich zur Erkenntnis, dass nicht der Zirkus und die gefürchteten Tiger die Schuld trugen sondern die Schwächen der Menschen. „Zirkus ist Kunst und Handwerk und Disziplin und ganz viel Arbeit“ erklärt sie schließlich ihren Schülern. Ein liebenswürdiger Roman, der das Zirkussujet nutzt, um sich mit Themen wie Schuld, Verantwortung und Beziehungsproblemen zu beschäftigen und gleichzeitig einen Blick in die besondere Welt des Zirkus und seiner Tiere zu ermöglichen.

(Gisela Winkler / Circusarchiv)  

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