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Editorial   Inhaltsangabe


Peter Geißler

Psychosozial
Schwerpunktthema: Psychoanalyse und Körper


Editorial


Eine der wichtigsten Neuerungen in der analytischen Psychotherapie der letzten Jahre stellt die Öffnung zu körpertherapeutischen Interventionen dar. Unter dem Einfluß der Publikationen der letzten 10 Jahre vor allem von Tilmann Moser wurde das Augenmerk auf neuartige psychoanalytisch orientierte Behandlungsmöglichkeiten gelenkt wie schon lange nicht mehr.
Dabei kann die Einbeziehung des Körpers innerhalb der Psychoanalyse auf eine lange Tradition zurückgreifen. Psychoanalytiker wie Reich, Ferenczi, Groddeck, Balint, Winnicott und andere haben das traditionelle psychoanalytische Setting zeitweilig verlassen und mit körper- und handlungsbezogenen therapeutischen Techniken experimentiert und gearbeitet. Ihre Ideen fanden jedoch im Mainstream der Psychoanalyse zu wenig Resonanz, so daß sie lange Zeit nicht weiterentwickelt wurden. Die alte, innerhalb der Psychoanalyse verdrängte Diskussion um diese Entdeckungen ist heute unter dem Einfluß der modernen Säuglings- und Kleinkindforschung wieder autgegriffen worden.
Mittlerweile liegt eine Vielzahl an Publi-kationen zu diesem Thema vor, z.B. von Becker(1986, 1989), Berliner (1986, 1989, 1993a, 1993b, 1994a, 1994b, 1998), Downing (1996), C. Geißler (1998), P. Geißler (1994, 1996, 1997a. 1997b, 1998), Heister-kamp (1993, 1994, 1996, 1998), Hepke (1995, 1998), Hofer-Moser (1998), Kutter (1995), Moser(1989, 1993,1994a, 1994b), Lang (1996. 1997, 1998), Maaser (1994, 1998), Müller-Braunschweig (1992, 1996), Peter (1989. 1994), Reinert (1995), Roth (1986, 1991), Schärft (1994, 1995), Stolze (1978,1992), Ware(1984,1995,1996)und Worm(1990, 1992, 1994, 1998). Allen die-sen Publikationen ist gemeinsam, daß in ihnen herausgearbeitet wird, wie gewisse Festlegungen des herkömmlichen psychoanalytischen
Settings es bei bestimmten Patienten erschweren, daß sich Übertragungen in therapeutisch nutzbarer Form entwickeln und verdeutlichen.
Es sind zwei Stoßrichtungen zu erkennen, die mittlerweile in eine gemeinsame therapeutische Strömung unter der Bezeichnung "analytische Körperpsychotherapie" münden. Zum einen ist es eine wachsende Zahl an Psychoanalytikern, die die Begrenzungen des traditionellen psychoanalytischen Settings nicht weiter bedingungslos zur Kenntnis nehmen und auf dem Boden einer experimentierfreundlichen Grundhaltung therapeutisches Neuland zu erschließen beginnen; dies nicht zuletzt auch deswegen, weil die Psychoanalyse seit langer Zeit an einem deutlichen Theorie-Praxis-Mißverhältnis krankt. Einer extrem und bis in feinste psychische Facetten elaborierten Theorie steht eine insgesamt eher dürftige Palette an behandlungstechnischen Möglichkeiten gegenüber. Die "klassische" Psychoanalyse mag für Ausbildungskandidaten weiterhin nützlich sein und ihre Berechtigung haben; für die Mehrzahl der Patienten, die uns in der freien Praxis aufsuchen, ist sie nicht mehr zeitgemäß.
Auf der anderen Seite waren es Körperpsychotherapeuten, zunächst überwiegend aus dem Felde der Bioenergetik, die vor allem mit den langfristigen Behandlungseffekten ihres therapeutischen Ansatzes, aber auch mit der dahinterstehenden mangelhaften, durch den spekulativen "Energiebegriff" in esoterische Randbereiche gedrängte Theoriebildung un-zufrieden waren. Dazu kamen die berufspolitischen Entwicklungen der letzten 8 Jahre in Österreich, die eine schulenübergreifende Auseinandersetzung zwischen den mittlerweile vielen psychotherapeutischen Methoden unumgänglich machten. Als Ergebnis dieser Entwicklungen in Österreich, mit dem Effekt eines wachsenden "Lernens voneinander", sei als Beispiel der 1996 in Wien stattgefundene
" l. Weltkongreß für Psychotherapie" genannt. Es ist also wahrlich kein Zufall, daß gerade in Wien, dem Ursprungsort der Psychoanalyse, das "l. Wiener Symposium Psychoanalyse und Körper", (9.-12. Juli 1998), als Gelegen-heit der Zusammenschau und des wissenschaftlichen Diskurses, stattfinden konnte. Es war dieses Symposium ebenso eine gute Möglichkeit der Etablierung einer wechselseitig hilfreichen Zusammenarbeit zwischen den beiden Veranstaltern, einerseits dem Wiener Psychoanalytischen Seminar als erstem Psychoanalytikerkreis Wiens, der sich für die Einbeziehung des Körpers in die analytische Psychotherapie geöffnet hat; andererseits dem AKP (Arbeitskreis für analytische körperbezogene Psychotherapie), einer Therapeuten-gruppe ursprünglich bioenergetischer Orientierung, der wiederum vom psychoanalytischen Fundus seiner Veranstaltungspartners profitieren konnte.
Zeitgleich mit dieser Fachtagung ist eine erste umfassende Publikation erschienen, die vor allem auf die behandlungstechnischen Möglichkeiten analytischer Körperpsychothe-rapie eingeht. Mittlerweile hat sich diese neue Strömung in der Psychotherapielandschaft so weit etabliert, daß erste institutionelle Verankerungen, als Ausdruck des derzeitigen Stadi-ums eines methodischen Identitätsfindungsprozesses, bereits stattgefunden haben. In Deutschland existiert seit 1997, um die Grün-derfigur von Hans-Joachim Maaz, eine "Sektion für analytische Körperpsychotherapie" unter dem Dach der DGAPT (Deutsche Gesellschaft für analytische Psychologie und Tiefenpsychologie). In Österreich ist es der seit 1994 bestehende "Arbeitskreis für analytische körperbezogene Psychotherapie", der eine Reihe an Entwicklungen in Gang gesetzt hat. In der Schweiz sind ähnliche Ansätze mittler-weile ebenso in Fluß. Bemühungen um eine länderübergreifende Kooperation der einzel-nen Kreise und ebenso Einzelpersonen begin-nen sich herauszubilden. Das l. Wiener Sym-posium Psychoanalyse und Körper war ein be-deutsamer Schritt in diese Richtung.
Die in diesem Band versammelten Beiträge, allesamt Hauptvorträge im Rahmen der genannten Fachtagung, ziehen eine Bilanz der vielfältigen Entwicklungen gerade der letzten zehn Jahre und legen Zeugnis ab von einem in fruchtbarer Entwicklung befindlichen Prozeß. Wichtige und namhafte Vertreter einer modernen Psychoanalyse weisen neue Wege. In diesem Sinn wünschen wir uns, daß es uns mit dem "l. Wiener Symposium Psychoanalyse und Körper " gelungen ist, einen Eindruck dieses spannenden Geschehens zu vermitteln. Dieses Heft widmen wir Christine und Iris.


Wien, im August 1998 Peter Geißler






Inhalt



Editorial von PETER GEISSLER 5

HANS-JOACHIM MAAZ
Integration des Körpers in eine analytische Psychotherapie 9

GÜNTHER HEISTERKAMP
Vom Handeln des Analytikers in der "talking cure" 19

ELISABETH FIVAZ-DEPEURSINGE
Gestische und mimische Interaktion in der primären Dreiecksbeziehung.
Therapeutische Implikationen
33

JÖRG M. SCHARFF
Der "Erfahrungsraum" der Psychoanalyse und der "Erfahrungsraum" bei inszenierender Interaktion:
ein erster Vergleich
45

JACQUES BERLINER
Indikationen und Kontraindikationen für körperbezogene Interventionen in der Einzel- und Gruppentherapie:
Theorie und Praxis
61

PETER KUTTER
Sexualität, Nähe und Liebe in Psychoanalyse und Körpertherapie - Probleme und Problemlösungen 77

MATHIAS HIRSCH
Selbstbeschädigung, Autoerotismus und Eßstörungen - zur Psychodynamik des Körperagierens 93

RAINER DANZINGER
Störungen des Körperbildes bei schizophrenen Patienten 105

Aus Forschung und Praxis

HORST HALTENHOF
Professionelle Helfer und Angehörige psychiatrischer Patienten - eine schwierige Beziehung im Stationsalltag 113

ROLF-PETER WARSITZ
"Biomedizin" - ein Angriff auf die medizinische Ethik? 105

Rezession143


Die AutorInnen144








Ing. Karin Policzer