Zu unserer Arbeit

Unsere fotografische sowie filmische Arbeit bewegt sich im Bereich der Inszenierung und/oder Komposition. Die Themen sind dabei oft biografischen Ursprungs, sei es in Form von Erlebtem oder Gesehenem, sei es in Form von Fundstücken aus Wissenschaft, Kultur, Medien. Die Verarbeitung des Ausgangsmaterials erfolgt mittels geistiger sowie materialer Manipulation: Medientheorie wird in den Arbeiten reflektiert, imitiert, persifliert; Langzeitbelichtungen, Lochkameraaufnahmen, Doppelbelichtungen etc. finden sich als stilistische Mittel. Ergebnisse werden in Form von Fotoserien, Objekten, Rauminstallationen präsentiert. Ein erzählerischer Kern bleibt stets erhalten, der selbst wieder Ausgangspunkt für neue Assoziationen und Geschichten sein kann. Die Präsentation unserer Arbeiten erfolgt zum Teil mittels Displays, die aus populären Bereichen wie Werbung, Tourismus, Massenmedien - wie etwa Fotowürfel, Leporellos, Zeitungsbeilagen, Leuchtkästen - kommen und diese mit anderen Inhalten füllen. Dabei werden diese Präsentationsmedien aus ihrem massenhaften Zusammenhang gelöst und als Einzelstücke oder Serien in einen Fotoobjektcharakter überführt, der mit dem Spannungsfeld zwischen Populärästhetik und Kunstobjekt spielt. Film- bzw. Videoarbeiten werden immer wieder im Hinblick auf Installation, Skulptur oder Mehrfachprojektion realisiert. Dieses breit angelegte Spektrum an Präsentationsformen soll uns als Medienkünstler die Bewegungsfreiheit zwischen den verschiedenen Kategorien medialer Inszenierung (vom Kino bis zum Projektraum) erhalten und darüber hinaus ermöglichen, die für uns interessanten Ränder und Überschneidungen von Medienprodukten zu erforschen.


<< Nach Dürer © 2001

<< Der gescheiterte Künstler © 1999

<< Höhere Gewalt © 1997

<< Eine Minute um über Kunst zu sprechen © 1997

<< Wurfmagnetisierung eines Videobandes © 1992

<< Belichtung eines Kaninchens © 1992

     
     
     
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Translation

 

Das Projekt TRANSLATION basiert auf der Vorstellung, dass in jeder Sprache eine andere Sprache verborgen ist. Dies ist eine zugleich poetische, sprachwissen-schaftliche, musikalische und medientheoretische Vorstellung. Sie ist aber auch das Ergebnis eigener Erfahrung. Wer kennt nicht das Phänomen, dass man plötzlich in einer Fremdsprache - z.B. einer tschechischen Radiosendung - deutsche Fetzen zu verstehen meint. Oder dass man etwas hört, was überhaupt nicht gesagt wurde. Die Idee, dieses Phänomen systematisch zu verfolgen, wurde durch meine Praxis im Videoschnitt bestärkt, wo es häufig vorkommt, dass mitten im Satz oder manchmal sogar im Wort geschnitten wird und das mit durchaus plausiblen Ergebnissen.



Das Verhören bzw. Neu-Hören ist also der Ausgangspunkt für das Projekt TRANSLATION, in dem vier Personen in ihren vier Muttersprachen (russisch, japanisch, spanisch, englisch) sprechend mit Video aufgenommen wurden, die Passagen dann in kleinste Lautpartikel zerlegt und in einen deutschen Text umgeschnitten wurden. Die Gestaltungsmethode ist so etwas wie eine freie Imitation. Ich imitiere ein Programm für künstliche Texterzeugung. Bei der relativen Rohheit der Methode - die kleinste Schnitteinheit bei Video ist 1/25 Sekunde - ist der Anspruch an den neuen Text seine Verständlichkeit, vielleicht auch nur in teilweisen Abschnitten. Der Anspruch an das Bild ist seine Verfremdung.

Wenn ich nun im Projekt TRANSLATION aus einer Sprache eine andere bastle (denn als Bastelarbeit ist dieses Nachbauen von phonetischen Strukturen ganz gut beschrieben), wird auch inhaltlich umgebaut. Die neuen Texte sind keine herkömmlichen Übersetzungen, die semantische Bedeutung wird eine völlig andere. Darin liegt auch der poetische Anteil an diesem Medienprojekt. Ich versuche nämlich, die neuen Texte aus den alten gleichsam herauszuhören. “Stehen Sie nie nackt im grünen Beet! Sitzen Sie nie mit Hunger im Koffer! Gehen Sie nie mit der Masse!" (aus dem Japanischen). Ich möchte nicht vorgefertigte Inhalte aus dem Ursprungstext destillieren, sondern durch wiederholtes Abhören des ersten Textes mehr oder weniger zu einer neuen Geschichte hingeführt werden. "Bei der Architektur stoppen wir ganz krassen Schutt. Ja, dies ist das Maximum. Die Probleme stoppen wir nicht." (aus dem Russischen). Ähnlich der Technik des "Hineinsehens" von Bildern in unregelmäßige Strukturen (Wolken, Mauern, Steine, etc.), die man bereits aus der Renaissancemalerei kennt, soll die lautliche Struktur gesprochener Sprache zu bestimmten Assoziation und damit zu neuen Texten führen. "Im Osten ist das Brot heiß wie ein Kuss, im Westen ist ein Kuss heiß wie ein Liter Schnee.³ (aus dem Englischen). Und dementsprechend erfährt auch das Bild eine durch meine persönliche Wahrnehmung geführte (sprach)rhythmische Zerstückelung und Veränderung. In dieser Unbestimmtheit bzw. scheinbaren Unendlichkeit der Möglichkeiten liegt auch das utopische Moment des Verfahrens: Das Spiel mit einer universalen Sprache, mit der Relativheit bedeutungsvollen Sprechens. “Die Politik muss die Position im Falle der Sache anwenden." (aus dem Spanischen)

Gerda Lampalzer

<< Translation © 2003


     
     
     
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flugs

 

Ich habe meine Arbeit an der Bilderserie "flugs" im Sommer 2002 begonnen. Seitdem beschäftige ich mich kontinuierlich mit dem Thema Fahren und Wahrnehmung. Die Bewegung in einem Fahrzeug, sei es im Auto, Zug, Schiff oder auf dem Fahrrad ruft eine spezielle Bildwahrnehmung hervor. Diesen Fluss der Bilder halte ich mit Fotografie und Video fest. Ein Widerspruch, ich weiß, doch das festhalten macht es möglich, dem Bilderfluss bleibende und damit wiedergebbare Eindrücke zu entreißen. Dabei sind die Konzepte zu Fotografie und Video etwas unterschiedlich:

Die Fotos entstehen direkt hinter dem Steuer. Ich fahre und fotografiere. Die Spannung, beides fehlerfrei zu schaffen, manifestiert sich in den Bildern. Es entstehen verschiedene Serien, die zu einem Gesamtbild montiert werden. Jedes Gesamtbild spiegelt eine spezielle Fahrstimmung wider, die sich aus Landschaft, Geschwindigkeit, Tageszeit, Wetter etc. zusammensetzt. Zu jeder dieser großformatigen Montagen gehört eine idente kleinformatigere Ausgabe, auf der Texte angebracht sind. Die Texte sind buchstabenweise direkt auf die Fotos aufgeklebt, gesammelt aus Zeitungen und Zeitschriften, die ebenfalls mit dem schweifenden Blick überflogen werden. Die Texte repräsentieren den Gedanken- oder Redefluss, der sich beim Autofahren einstellt. Monolog, Dialog, Missverständnis.... "wir sind gleich da. Das darf nicht wahr sein ! Wo sind wir ? Ich weiß nicht... Hier ist es schön. Ich habe keine Angst. Wir haben Zeit. Wo müssen wir hin ? Wir schaffen es." Derzeit gibt es 30 Fotoserien in der Größe von 90 x 100 cm (großformat) + 45 x 50 (kleinformat) bis 30 x 60 (großformat) + 15 x 30 (kleinformat)

Das Video besteht aus der Aneinanderreihung verschiedenster Fahrten, zu Wasser, zu Lande, im Auto, im Zug, auf dem Schiff, in der Straßenbahn,... Ein Strom vorbeiziehender Bilder - rhythmisch auf- und abgeblendet - über die ebenso gleichförmig Texte hinwegziehen. Hier speisen sie sich aus den durch die Geschwindigkeit des Vorbeifahrens entstandenen Veränderungen oder Deformationen gehörter oder gelesener Worte. Aufgeschnappte Gesprächsfetzen, innere Wortbilder, Lesefehler... Wien: In der Straßenbahn. Eine alte Frau schimpft mit lärmenden Jugendlichen. Da lese ich deutlich im Vorbeifahren: BLUTHOCHDRUCKEREI. Seltsam, ein zweiter Blick eröffnet mir, dass es BUCHDRUCKEREI heißt. Aber oft hat man nicht die Zeit für diesen zweiten Blick. Im Vorbeifahren muss man mit dem arbeiten, was sich einem bietet: "Hominidenschleuse, Frucht- und Rettungsplan, Steiderle, Steiderle !, telefonische Abgase, Lehmmuskel, Deformationsassistent."

Gerda Lampalzer

<< flugs © 2003


     
     
     
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Zu den Doppelbelichtungen

 

In unseren neueren fotografischen Arbeiten beschäftigen wir uns mit Doppel- und Mehrfachbelichtungen. Mit dieser Technik erweitern wir unseren Montagegedanken ins Innere der Bilder. Die langjährige Beschäftigung mit elektronischen Medien bildet die assoziative Folie für den geschichteten Bildaufbau. Wipes, Keys, Superimpose sind die Grundgrößen des Videomischers, Untertitel, Blenden, Stanzen nehmen den Film auch noch mit. Wir verwenden dafür aber nicht die diesem Vokabular nachempfundenen Features diverser digitaler Fotobearbeitungsprogramme, unsere spezielle Ästhetik ergibt sich daraus, dass die Belichtungseffekte in der Kamera erzielt werden. Dadurch entsteht eine mittlerweile ungewohnte Weichheit, ein Rest von dreidimensionaler Illusion, Fotografien die digital sein könnten, es aber nicht sind. Die Serien werden in verschiedenen Formaten, in Dreierserien, Einzelbildern, Viererserien, hinter Plexiglas, zwischen Glas, auf Aluminium und auch wieder in Leuchtkästen präsentiert. Wir verstehen diese Werkgruppe auch als Station einer 20-jährigen Medienarbeit, in der Grundfragen zum elektronischen Bild, zum chemischen Bild, zum Schnitt, zur Blende diskutiert wurden. Trotz aller Erfahrung, nein wegen aller Erfahrung, dem Zufall wird Raum gegeben. Die Ungenauigkeiten, die er schafft, sind präzise.

Es gibt mehrere Methoden, die Doppelbelichtungen herzustellen.

1. Inszenierte Bilder

Die Serien werden nach einem genauen Drehbuch geplant. Die erste Tranche wird fotografiert, der Film wird in der Kamera zurückgespult und die zweite (und dritte) Tranche wird fotografiert. Die endgültige Zusammenstellung der Serien wird in einem letzten Durchgang festgelegt.

2. Bild/Text Kombinationen

Ein vorgefertigter Text dient als Choreografie der Serien. Die Doppelbelichtungen werden ebenfalls im Rückspulverfahren der Reihe nach angefertigt und in einem dritten Belichtungsvorgang mit dem Text versehen.

3. Der gelenkte Zufall

Hier wird die automatische Doppelbelichtungsfunktion der Kamera ausgenützt. Ein thematisches oder formales Zielgebiet wird avisiert und systematisch doppelt durchbelichtet. Vor allem malerische und/oder grafische Elemente bestimmen die Zusammenstellungen der Serien.


<< Überblendung 2 © 2001

<< Überblendung 5 © 2001

<< Die Erscheinung 2 © 2001

<< Ohne Titel © 2001

<< Working Hand in Glove 1 © 2000

<< Die schaukelnde Gießkanne © 1999

<< Experianthe © 1999

<< Kunst ist wie Seife © 1998

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meanwhile

Am Tag als die Billatüten sich aufhörten zu drehen,
der Käfer sich in einem Erdloch festwühlte,
der Waldgänger einen glosenden Baumstumpf löschte und der pinkfarbene
Plastikbeißkorb von der Sonne durchleuchtet wurde,
ging ich im Wald spazieren.
Meanwhile ritt meine Tochter auf der frechen Lotte.


<< meanwhile © 2003


     
     
     
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Reilluminierte Fahrplanzylinder

Südbahnhof Wien

Seit September 1996 betreiben wir eine permanente Fotoinstallation am Ort der ehemaligen Fahrplanhinweise am Wiener Südbahnhof.
(... >>) Diese Fahrplanhinweise waren auf drehbaren durchleuchteten Glaszylindern angebracht, die uns schon seit längerer Zeit fasziniert hatten. Als sie bzw. ihre Vitrinen nur mehr als Werbeflächen angeboten wurden, bemühten wir uns um die Möglichkeit, dort unsere Fotoarbeiten präsentieren zu können.



<< Kunst und Leben © 1997

Unser Konzept ist einfach: Wir stellen Fotoserien her, die Narration und optische Prägnanz so verbinden, dass ein Bahnhofslaufpublikum angeregt wird, diese Zylinder wieder in Betrieb zu nehmen. Die Verbindung von Kinetik (Drehbarkeit der Zylinder) und Lichtprojektion (Beleuchtung der Zylinder) assoziieren wir mit einem Animations-Effekt, die Serien mit ihrer "Story" - auch wenn diese nur angedeutet ist - kommen dieser Assoziation entgegen.



<< Ein Ausflug ans Meer © 1997

Da wir uns in all unseren Medienarbeiten (Fotostories, Filme, Installationen) einerseits mit dem Thema Erzählung - Serie, anderseits mit dem Thema Licht (Leuchtkästen, Projektionen, Durchleuchtung usw.) beschäftigen, verbindet sich für uns der serielle Charakter dieser Installation (5 Bilder) ideal mit ihrer Form als Leuchtobjekte. Die Drehbarkeit bietet die interaktive Kontaktaufnahme des Betrachters, der Betrachterin mit der Arbeit und verweist zugleich auf unsere Vorliebe für das Aufspüren von (scheinbaren und wirklichen) Parallelitäten unterschiedlicher Medien (z.B. das Foto als Filmstill, der Zylinder als Gebetsmühle, die Fotostory als literarische Form usw.)

Wir möchten diese Möglichkeit, Kunst in einem öffentlichen städtischen Knotenpunkt kontinuierlich zu platzieren, als Langzeitprojekt weiterführen. Für uns ist es wichtig, dass durch die Kontinuität der Installation so etwas wie ein Festwachsen dieser Kunstzelle im Südbahnhof ermöglicht wird. Die Passantinnen und Passanten warten im besten Fall schon immer auf die neue Serie und benutzen die Zylinder, um hinter die Geschichte zu kommen oder sich einfach zu unterhalten.

<< Kunst und Leben © 1997

<< Ein Ausflug ans Meer © 1997

     
     
     

Gedächtniskunst

Gedächtniskunst und Eselsbrücke oder Geschirrständer und Seemannsgarn

Weil der alte Seebär sich bei der Rollfähre an Steuerbord und Backbord und andere Zeichen auf See erinnern wollte, hat er es den polynesischen Navigatoren gleichgetan. Ähnlich ihren aus Palmengeflecht und Muscheln gefertigten Seekarten hat er sich aus Bambus, Seemannsgarn und Overheadfolie ein Gedächtnistheater gebastelt: Verschiedene Seemannsknoten - rot und grün gefärbt - werden zur Deckung gebracht bis er sich erinnert: Damals in der Haifischbar. Richard Germer, der alte Sänger, sandte ihm die Eselsbrücke über Fernseher ins elterliche Wohnzimmer: "Die Backpfeife rötet die Backe - Backbord ist rot". Im Hintergrund ertönt die Abschlussmelodie - ja, ja in der Haifischbar da ist was los....

Die Fähigkeit, die ihr die Gedächtniskunst verheißt: Sehen und Erinnern wird eins. Um sich bestimmte Kombinationen von Spielkarten zu merken, greift sie auf die Methoden des Gedächtnistheaters zurück: Im dunklen Gewölbe balanciert sie auf ihrem Kopf ein Gestell, das mit lichtgefüllten Filmdosen behängt ist. Die papierenen Symbole der Karten werden zum Glühen gebracht und umkreisen wie Gedanken ihren Kopf. Nach einer Zeit der höchsten Konzentration ist das Ziel erreicht: Vor ihrem inneren Auge stehen die Zeichen aus Licht, abrufbar auf Verlangen.

<< Eselsbrücke © 1996

<< Canasta © 1996

     
     
     

Experiment of the Month

Die Arbeit "Experiment of the Month" bezieht sich in ihrem Titel auf eine Kolumne im Magazin "Spektrum der Wissenschaft" (die deutsche Ausgabe des "Scientific American"), in der regelmäßig auch für Laien verständliche wissenschaftliche Experimente beschrieben werden.

( ... >>) Zwei solcher Experimente waren der inhaltliche Ausgangspunkt für unser Filmobjekt, das 1997 in einem Artist in Residence Aufenthalt in Canada entstanden ist: Die Eislinse und der Grinsekatzeneffekt.

Beide Versuche beschäftigen sich mit optischen Phänomenen und beide kommen mit ihrer Einladung, die Versuchs-
anordnungen nachzubasteln, unserem künstlerischen Geschmack entgegen. Im Eislinsenexperiment geht es darum, ein Kameraobjektiv mit einer Linse aus Eis herzustellen, beim Grinsekatzeneffekt geht es darum, die jeweiligen Sichtfelder beider Augen durch ein Spiegelsystem zu trennen und diese unterschiedlichen Bilder nachträglich miteinander zu "mischen".

Die inszenierte Nachstellung dieser Experimente dient als Folie für zwei Fotogeschichten, die den narrativen Rahmen dafür benützen, Fotoexperimente (optisch manipulierte Fotos und Doppelbelichtungen) durchzuführen. Dabei geht es immer auch darum, mit aufnahmetechnischen Gesetzen und ihrer Ironisierung und Manipulation zu spielen und so auch verborgene Sichtmöglichkeiten aufzuspüren. Die Täuschung und Vernebelung der konstruktionsbezogenen Hintergründe technischer Bilderzeugung ist konstitutives Moment ihrer Verwendung und wird in unserer Arbeit explizit künstlerisch thematisiert.

Der skulpturalen Präsentation dieser Fotostories liegt die Idee eines "begehbaren Films" zu Grunde. Auf Metallgestellen aufgespannt und durch verschiebbare Vergrößerungslinsen zu betrachten, erzählen zwei Diastreifen nicht nur von den Experimenten des Monats sondern auch vom Erzählen durch Bildfolgen an sich. Das Objekt mutet selbst wie eine Versuchsanordnung an - Gummiverspannungen, Häkchen, Schraubzwingen, die das Gestell halten usw. werden nicht verborgen - Untersuchungsgegenstand: Der Film. Anders als im Kino müssen sich die Betrachter hier aber selbst den Bildern nähern, sie können dafür Bildfolge und Betrachtungszeit wählen. Der Schritt auf das Objekt zu und der Blick durch die Linsen wendet den Voyeurismus, der jedes Filmerlebnis konstruiert, zur aktiven Tätigkeit des Betrachters. Dass es sich bei dem "Film" um eine Fotostory handelt, gibt dem ganzen noch einmal jene erzählerische Wendung, die all unsere Medienarbeiten kennzeichnet: ein Medium erzählt über das andere ...

<< Experiment of the Month © 1997

     
     
     

Visitez ma tente

Es ist ein Regentag. Er eilt nach Hause. Ein Mann mit Papiersack kommt ihm entgegen. Durch den Regen aufgeweicht, reißt der Boden. Der Mann bückt sich, um die ins Nasse gefallenen Papiere aufzuheben. Er meint, im Vorbeigehen auf ihnen ausgeschnittene Nacktfotos zu sehen. Die Begegnung dauert nicht länger als 10 Schritte. Der Eindruck "es sind Pornos" wird in zwei Schrittlängen gebildet. Mit seinen roten Lackhandschuhen zieht er die schwarze Strumpfhose vor und lässt Schokopudding hineinplumpsen. Er drückt auf den Pudding, schiebt ihn zwischen die zusammengepressten Beine. Die gallerte Masse schmilzt und rinnt an den Schenkeln herab. Er fühlt den Raum, es ist ein Frisiersalon, obwohl er nichts erkennt, was darauf hindeutet. Er fühlt sich wohl, obgleich alles dagegen spricht.

Ihr Bauch wird von mehreren Händen befühlt. Dreimal die selben Fragen, dreimal die selben Antworten. Als die Elektrokontakte im Gelee auf ihrer Haut schwimmen, bekommt sie Angst. Im TV wird eine Bauchdecke geöffnet. Im Glas ruht eine Schlaftablette. An der silbernen Oberfläche spiegelt sich ihr immer wieder das fleischfarbene Bild eines gesunden Körpers. Über Nacht wächst ihr ein zarter Schwanz. Zwei verschlungene Geschichten erzählen von Joghurt und Schokopudding. Einmal weiße Spitzenstrümpfe, einmal schwarze Strümpfe mit eleganterem Slip. Die Klinge fährt auf und ab. Die Spritze dringt nun rechts ein. Heute spurlos gegenüber vier blauen Blutseen. Danach kommen Fische. Unkenntlich bis zu Senfgurken winden sie sich um Handschuh und Höschen.

<< Visitez ma tente © 1999

     
     
     

Doppeltes Spiel

Ist etwas geschehen ? Eine Frage, die sich wie ein Fadenspiel über eine Medieninstallation legt, die Gedanken an mögliche Verbrechen aufkommen und zugleich wieder anzweifeln lässt. Als ob man im Kopf eines Kriminalisten verkehren würde, kann man die gesehenen Bilder als harmlos oder verdächtig interpretieren, als Fiktion oder Realität, je nach dem Zusammenhang, den man herstellt.

Sie hat ihren Pass dabei, sie landet sofort auf der Terrasse über dem See. Blasser Mond, junge Herren, viel Wein, ein wunderbares Haus, Gesang. Ein äußerst gefährlich aussehender Mann bewegt sich durchs Foyer. Sie weiß, dass er ihr Untergang wäre. Sie würde ihn hassen, seine dünnen Locken am Nacken, sein drogenmissbrauchtes Gesicht. Im Zoo hatte sie gesehen, wie riesige Schmetterlinge aus ihren Kokons schlüpften. Ein älterer Herr hatter erklärt, dass sich die Puppen vollkommen auflösen, bevor sie zu Schmetterlingen werden. Im Kokon ist nur ein formloser Brei. Jack bringt die Zeitung ans Krankenbett ihres Vaters. Als sie aus dem Krankenzimmer tritt, wird ein Bett vorbeigeschoben, das vollkommen mit einem Leintuch bedeckt ist. Darunter eine schmale Gestalt. Auf einem großen Pappschild, ans Bett gebunden, steht "STROKE".
Er streift mit seinem Blick wie ein Pendel über den Strand. Er versucht seine Augenmuskulatur zu entspannen. Das zu Findende soll unkontrolliert in ihn eindringen und entweder aufgehoben oder verworfen werden. Die durch Photonen ausgelösten und retinal verarbeiteten Nervenimpulse müssen an anderer Stelle im Gehirn auf etwas Korrespondierendes treffen, etwas das ergänzt wird. Ein Energieniveau soll durch das andere aufgehoben oder auf einen Sollwert gebracht werden. Wenn er etwas findet werden Energiepotentiale in Beziehung gesetzt. Es gibt also das Energiepotential für "irgendetwas nicht spezielles" was natürlich ganz genau und speziell und konkret ist.

<< Doppeltes Spiel © 2000

     
     
     

Goethes Farbenlehre

"Als ich gegen Abend in ein Wirtshaus eintrat und ein wohlgewachsenes Mädchen mit blendendweißem Gesicht, schwarzen Haaren und einem scharlachroten Mieder zu mir ins Zimmer trat, blickte ich sie, die in einiger Entfernung vor mir stand, in der Halbdämmerung scharf an. Indem sie sich nun darauf hinwegbewegte, sah ich auf der mir entgegenstehenden weißen Wand ein schwarzes Gesicht mit einem hellen Schein umgeben, und die übrige Bekleidung der völlig deutlichen Figur erschien von einem schönen Meergrün." (aus: Goethe, Johann Wolfgang von: Farbenlehre, Stuttgart 1979)

<< Goethes Farbenlehre © 1995