Wienerwald


Das Agnesbründl
© Gerhard Holischka, 1998-2008



Für die Wiener war und ist der Wienerwald schon immer beliebtes Erholungsgebiet. Wenn die ersten Sonnenstrahlen locken, ziehen Scharen von luft- und sonnenhungrigen Wanderern durch die ausgedehnten Gebiete, aber schon ein wenig abseits der stark begangenen Wege findet man völlig stille und abgeschiedene Plätzchen.

  Auf dem Weg vom Hermannskogel
zur Jägerwiese


Alte Postkarte


 .

Zu den das ganze Jahr über vielbesuchten Zielen der Wanderer und Spaziergänger zählt die Jägerwiese am Fuße des Hermannskogels. Nicht zuletzt wegen der dort für Kinder interessanten Streichel- und Haustiere und der Lagerwiese, aber auch wegen der sehr familienfreundlichen Einkehrmöglichkeit im Gasthaus am Rande der Wiese.

Der Hermannskogel, der als einer der Hausberge, der im Nordwesten an den 19. Wr. Gemeindebezirk angrenzt durch seine Höhe durchaus von Bedeutung ist, erfreut sich aber aufgrund des zwar kurzen aber steilen Aufstieges schon etwas seltenerer Besuche. Die vom Touristenklub im Jahre 1888 dort errichtete Aussichtswarte ist für Kinder und Erwachsene eine kleine Attraktion und man hat an schönen Tagen von dort aus einen wunderbaren Ausblick. Die unzähligen Mobilfunksender- und Richtfunkantennen müssen der Wanderer und der an und für sich schöne romantische Bau als Tribut an die scheinbaren Erfordernisse der Gegenwart akzeptieren.

Wesentlich mehr im Abseits, im Schatten vom Hermannskogel und in geringer Entfernung von der vielbesuchten Jägerwiese, liegt das

Agnesbründl

Nur eine kleine Wegweisertafel beim Gasthaus zeigt den Weg zum Brünnl an (Zeitangabe "5 Minuten"). Und schon nach wenigen Metern auf dem Weg dorthin wird es stiller und abgeschiedener. Rechts neben dem Weg fällt das Gelände steil ins Weidlingbachtal ab und es erscheint die Umgebung nicht anders als im übrigen Wienerwald.

Nach wenigen Minuten findet sich ein unscheinbarer Platz im Wald, der nur durch eine gemauerte Quellfassung und ein eher einfallslos gestaltetes Quellbecken auffällt. Ein Sitzplatz und ein metallener Papierkorb runden den bescheidenen Eindruck ab. Aus der Quelle tröpfelt es, je nach Jahreszeit, mehr oder weniger spärlich in das großteils laubgefüllte Becken.

Die unscheinbaren Wegweisertafeln, die zu diesem Ort führen sind der Unauffälligkeit dieses Waldfleckchens angemessen. Und trotzdem birgt dieser Platz sehr vieles, das ihn aus den unzähligen Waldgegenden des Wienerwaldes hervorhebt.

      Auf einer Tafel, die neben dem wundersamen Bründl errichtet ist, wird kurz und in schlecht erhaltener Schrift die Sage dieses Ortes geschildert.

Demnach lebte einst bei dieser Quelle die schöne Waldfee Agnes, die mit dem Kohlenbrenner-Karl verlobt war. Eines Tages kam ein König vorbei und übernachtete in der Hütte. Am nächsten Morgen zog er weiter und ließ seine Rüstung an diesem Ort zurück. Mit dieser Rüstung zog der Kohlenbrenner-Karl in den Krieg gegen die Türken, aus dem er nie mehr zurückkam. Von Forstleuten und Jägern würde öfter erzählt, daß man beim Bründl, wenn es ganz still ist, noch den Waffenlärm dieses Krieges vernehmen kann.

In dieser einfachen kurzen Geschichte ist sehr viel enthalten und das Volk hat alles hineinverpackt, was im Laufe der Zeit für die Menschen dieser Gegend Bedeutung hatte. Das schon seit je her verehrte Bründl wird durch die dort wohnende Waldfee noch zusätzlich mystifiziert. Trotz des sehr übernatürlichen Wesens dieser Fee war diese mit dem Kohlenbrenner Karl, der schon aufgrund seiner Namensgebung in die untere soziale Schicht gezählt wird, verlobt, also eine sehr deutliche Verbindung zwischen einer sehr hohen geistigen Ebene und dem Materiellen. Diese Symbolik der Verlobung finden wir auch in zahlreichen Werken der Alchemie.

Der vorbeireisende König, der die weltliche Macht repräsentiert und an diesem Ort übernachtet, wertet diesen ebenfalls auf. Und der nicht wiederkehrende Karl ist ein sentimentaler Schluß dieser Geschichte, den wir in ähnlicher Form in vielen Sagen finden. Allerdings ist der Bezug auf den Türkenkrieg eine konkrete Verarbeitung der in diesem Gebiet stattgefundenen Ereignisse der zweiten Türkenbelagerung (September 1683). Der Hinweis auf den fallweise zu hörenden Schlachtenlärm soll in der Folge bei den Eindrücken der dort nächtigenden Brünnlverehrer genauer betrachtet werden.

 
Die Quelle am Fuß der Buche mit dem von
Theresia Schreckin gestifteten Marienbild

aus: Dr.Walter Hirschberg "Das Agnesbrünnl"

Der Hermannskogel war schon immer von Sagen und geheimnisvollen Erzählungen umgeben. Trotz seiner Höhe, seiner Mythen und seiner leichten Erreichbarkeit ist er eigentlich nie wirklich so populär geworden, wie die anderen Hausberge Leopoldsberg und Kahlenberg. Viele, die regelmäßig die Jäger- wiese besuchen, wissen kaum um den Hermannskogel an dessen Fuß sie sich befinden. Aber wahrscheinlich ist es gerade diese etwas mystische Stimmung, die von diesem Berg ausgeht, die den emotionellen Zugang etwas schwieriger macht.

Die Sagen und Legenden um Agnes haben vor allem im Gebiet zwischen dem 19. Bezirk und Klosterneuburg ihren Niederschlag gefunden. Straßen – und Flurnamen beziehen sich auf Agnes.

    Kohlezeichnung von Agnes ursprgl. im Gasthaus "Zur Agnes",
1190 Wien, Sieveringerstraße

In den Wasserflecken vermeinten wanderfaule Lottospieler, die sich den Fußmarsch zum Bründl ersparen wollten, die Zahlen der nächsten Ziehung erkennen zu können.

Sie diente immer schon als Mittelpunkt der Sagen, die von der bewegten Geschichte dieser Region geprägt waren. Einmal tritt sie in den Geschichten als Waldfee auf, ein anderes Mal ist sie ein einfaches Mädchen. Eigentlicher Kern dieser Sagen ist aber wohl Agnes, die Frau des Gründers von Klosterneuburg, Markgraf Leopold III. Dieser steht, nicht zuletzt auch als Landespatron von Niederösterreich, nach wie vor in großer Popularität, der auch heute noch in Klosterneuburg ihm zu Ehren stattfindende Leopoldikirtag (Landesfeiertag in Niederösterreich, Faßlrutschen) zählt zu den beliebtesten Festen des Landes. Kaum ein Wiener weiß, daß der Wiener Landespatron Clemens Maria Hofbauer ist und nicht, wie allgemein angenommen, Leopold. Über die Markgräfin Agnes weiß man im Volk, abgesehen von der Schleierlegende (die Gründungslegende von Klosterneuburg), kaum etwas, auch wenn ihre historische Bedeutung durchaus belegt und in größerem Umfang bekannt ist.

   Wir finden noch zahlreiche Spuren, die auf die seinerzeitige Popularität  von Agnes hinweisen.

 Agnesgasse, Agneswiese
 Gasthaus "Zur Agnes"
 Apotheke "Zur Agnes"

 

Sogar der (eher unbekannt gebliebene) Marsch für Zither "Auf zur Agnes" wurde komponiert.

Wasser stand als das lebensnotwendigste Gut neben der notwendigen Nutzung im Alltag auch immer im Mittelpunkt sakraler Handlung und Brauchtum. Um die meisten Quellen ranken sich Sagen und Mythen, manche dieser Quellen entwickelten sich zu bedeutenden Anziehungspunkten (Wallfahrtsorte), jedoch fielen auch viele wieder der Vergessenheit anheim. Frisches Wasser, das früher oft eine Seltenheit war, stand in besonderem Ansehen und seine kühlende Wirkung vor allem bei Waschungen der Augen war von Vielen oft wie eine Heilung empfunden.

Das Brünnl fand, wie auch unzählige andere Quellheiligtümer, sicher schon vor langer Zeit Verehrung. Allerdings ist der Kult um das Agnesbrünnl erst in neuerer Zeit belegt.

Der geheimnisvolle Hermannskogel und das Agnesbrünnl stellen aus Sicht der mythologischen Betrachtung und des Volksglaubens eine sehr passende Einheit dar.

Die in das Weidlingbachtal abfallende nördliche Hangseite des Hermannskogels ist von zahlreichen mehr oder weniger starken unterirdischen Wasserführungen geprägt. Das Agnesbrünnl ist nur eine von vielen, in diesem Fall tritt das Wasser auf halber Höhe zutage.

Wasseradern, Erdstrahlen, Verwerfungen etc. haben verschiedene Auswirkungen auf den Menschen und die Natur. Im Bereich des Agnesbrünnls ist eine sehr enge Dichte mehrerer Wasseradern und anderer Strahlungszonen feststellbar, was zweifellos dem Ort eine besondere energetische Qualität verleiht, wodurch die Empfindung und das Spüren des genius loci für viele Menschen sehr deutlich wird und das Empfinden, anders als an anderen Orten, von der Umgebung geprägt ist.

Drehwuchs

Drehwuchs und veränderte Vegetation im Bereich des Bründls




Photo: G. Holischka


Auch die Vegetation zwischen dem Gasthaus "Zur Jägerwiese" und dem Bründl zeigt einige Besonderheiten. Dreh- und Schrägwuchs von Bäumen und bizarre Verformungen lassen die starken Energien der Wasserführungen und anderen radiästhetischen Phänomenen erkennen (dazu mehr  auf einer eigenen folgenden Webseite).


Leider wurden im Zuge forsttechnischer Maßnahmen einige sehr markatne Exemplare dieser Bäume entfernt. Es ist aber noch immer sehr deutlich das seltsame Erscheinungsbild der Bäume im Umkreis des Agnesbründls und des abfallenden Geländes des Hermannskogels zum Weidlingbachtal zu erkennen, das sich sehr vom übrigen Wald dieser Gegend unterscheidet.

So still dieser Ort heute auch erscheint, so hat er für einige Menschen eine besondere Ausstrahlung. 

Auch mehrere bekannte Autoren (z.B. Univ.Prof. Dr. Roland Girtler, etc.) haben sich mit dem Agnesbrünnl befaßt und suchen diesen Platz immer wieder auf.

Die wohl umfassendste Arbeit lieferte 1949 Univ.Prof. Dr. Walter Hirschberg, der in einer heute leider nicht mehr erhältlichen und kaum mehr in Antiquariaten auffindbaren Schrift die Geschichte und Entwicklung dieses unscheinbaren Ortes detailliert darstellt.

Das Bründl heute

Ursprung

In der Überlieferung hieß das Brünnl (auch: Bründl) ursprünglich auch Jungfernbrünnl, Maienbrünnl und Jugfernbrunn. 
Hammer Purgstall erwähnte in einem Gedicht schwärmerisch diesen Ort:, nennt ihn aber noch "Jungfernbrunn".

 

Wie dank´ ich Dir, Du heil´ger Buchenhain
Am Jungfernbrunn ! die süßen Weihestunden;
Den Schatz von Hochgenuß, von höherm Seyn
Und von Erkenntnis, die ich hier gefunden.

 

Der Ursprung liegt, wie bei vielen derartigen Orten, in einem Marienbild, das an einer bei der Quelle stehenden Buche angebracht war. Dieses Bild wurde 1805 von einer alten Frau aus Klosterneuburg namens Theresia Schreckin gespendet. Viele andere derartige Heilige Orte datieren wesentlich früher, vor allem im Barock fand eine Flut von Wundern und Mirakeln statt, die viele dieser Orte hervorbrachte. (vgl. auch : Zeichenstein und Wunderbaum. Österreichs Kirchen und Klöster in ihren Ursprungslegenden, Klosterneuburg 2000)

Es gab noch viele derartige Erwähnungen in der Literatur. Die Sagen über das Brünnl wurden von Furtenbach, Vernaleken und anderen erwähnt.

 

Kult und Brauch

Nach Anbringung des Marienbildes am Stamm der beim Quellaustritt wachsenden Buche entwickelte sich rasch eine sehr populäre Verehrung dieses Quell- und Baumheiligtums. Vielleicht war auch die Nähe zur Stadt für diese Beliebtheit dieses Ortes verantwortlich. Jedenfalls fanden in der Folge sogar Prozessionen zum Brünnl statt und an diesen Festtagen war beim Brünnl buntes Kirtagstreiben. Wie immer spielte auch hier eine Mischung aus Volksfrömmigkeit und Aberglauben eine wesentliche Rolle. So gehörte es dazu, daß die Besucher des Brünnls auf einer Leiter, die an der mächtigen Buche lehnte, zu dem Marienbild hinaufstiegen und es küßten, man konnte Splitter, die aus der Buche gehackt wurden, käuflich erwerben und das Wasser der Quelle wurde gegen und für alle möglichen Dinge nach Hause mitgenommen.

Vernaleken erzählt in seinem volkskundlichen Standardwerk über Mythen und Brauchtum, daß von Leuten behauptet wird,  .... auf der Jägerwiese könne man Geister durch Gebete und gewisse Sprüche bannen. Namentlich sollen dies die Jesuiten (!) können und sie sollen auch zweimal mit Kaiser Josef II. dort gewesen sein, um dies zu beweisen. Diese Erzählung, daß gerade Josef II. sich der Hilfe der Jesuiten bediente, ist jedoch eher unglaubwürdig. Eine weitere Erzählung "Kaiser Josef und die Glückswaberl vom Jungfernbrünnl" (Wien, 1872) schildert, wie sich der Kaiser einer Lotterieschwester annimmt und reges Interesse an ihren Künsten zeigt.

 

Das Lottobründl

Bald entstand auch die Meinung, daß man nach Anfeuchten der Augen im Wasser der Quelle die Lottozahlen der kommenden Ziehung des kleinen Lottos sehen könne.

Im unteren Drittel ca in der Mitte der Karte sind aufgestempelte Glücksziffern (schlecht)  erkennbar

Das von Maria Theresia gegründete "Kleine Lotto" war in Wien von Anfang an überaus beliebt. Die breite Masse der von den napoleonischen Kriegen ausgezehrten Bevölkerung war von Armut getroffen und mit dem "Kleinen Lotto" konnte man mit relativ geringem Einsatz die Chance auf raschen Reichtum erwerben. Hauptgewinn beim heute noch existierenden "Kleinen Lotto" ist der sogenannte "Terno", wobei drei der fünf gezogenen Zahlen erraten werden müssen. Und dieser Terno war für einen Großteil der das Brünnl besuchenden Wiener der eigentliche Hauptgrund. Man drängte sich um die Quelle und hoffte auf die Gnade, durch Trinken und Benetzen der Augen im Wasser die richtigen Zahlenkombinationen zu erkennen.

Im Spiegel des Wassers Lottozahlen erkennen

So entstand die Bezeichnung "Lotteriebrünnl" als weiterer Name für das Agnesbrünnl, worin der eigentliche Beweggrund, diesen Ort aufzusuchen, wesentlich deutlicher zum Ausdruck kam.

Das ganze Treiben um das Brünnl wurde noch durch viele bunte Menschentypen bereichert. So waren wahrsagende Zigeunerinnen, Losverkäufer und andere geheimnisvolle und interessante Figuren unter den Besuchern. Auf kleinen Zettelchen wurden auch Liedtexte von Zigeunermädchen verkauft, die den Leuten die Melodien ins Ohr summten, Splitter des Holzes wurden ebenso verkauft, wie Backwaren, in denen Zettel mit Lottozahlen eingebacken waren.

Der ehemalige Pfarrverweser von Weidling, Franz Xaver Schwoy, berichtet über den Massenansturm, daß neben der Empfänglichkeit der Menge für das Mysteriöse und der Schwierigkeit der Zeitlage betrügerische Elemente, die aus gewinn- süchtigen Motiven Gerüchte über wunderbare Heilungen bei der Quelle verbreiten, .... sodaß sogar Wallfahrer aus Ungarn, Böhmen Steiermark und Mähren nach dem Jungfernbrünnl kamen, um dort ihr Heil zu finden. Das Wasser der Quelle sollte vor allem gegen rheumatische Erkrankungen und Augenleiden helfen.

Das Nummersuchen war anfangs noch nicht im Vordergrund der Besuche des Brünnls. In erster Linie waren die üblichen Wallfahrtsmotive gegeben.

"Vom Frühjahr 1817 an steigerte sich der Zustrom. Ein schwachsinniges Weib, das bei dem Brünnl die Dienste einer Aufseherin versah, spielte gegen Geld die Rolle einer Seherin. Eine "Gräfin", welche in Wirklichkeit aber eine Lohnkutschersfrau war, wirkte als Anführerin der Prozessionen ..."


Das Bründl zwischen Polizeigewalt und Biedermeier

Dieses Treiben beim Brünnl wurde von Staat und Kirche mit größtem Mißtrauen beobachtet. Die Kirche sah solche Eigenentwicklungen nicht gerne, auch wenn diese zum Teil von Frömmigkeit und vordergründigem Glauben getragen waren. Jedoch entsprach der Brünnlkult dem Bedürfnis des Menschen der Zeit des Biedermeier.

Man wollte kirchlicherseits die Sache zum Erliegen bringen. Das von Theresia Schreckin gestiftete Bild wurde nach umständlichen Beratungen zu einem bedeutungslosen Seitenaltar in die Kirche von Weidling gebracht. Man hatte vor, die Bewohner der Umgebung dahingehend darauf einzustimmen, daß man es dort den Leuten näherbringen wollte und

"... wenn der Eyfer wieder lau geworden seyn wird, kann das Bild bey Gelegenheit einer Kirchenreinigung wieder aus derselben hinausgeschafft werden ..."

Der vor allen Eigenbewegungen der Bevölkerung zitternde Staat suchte dringend nach Mitteln, das Treiben beim Agnesbrünnl zu unterbinden. Zu groß war die Gefahr, daß aus einer Massenansammlung aufrührerische Strömungen hervorgehen.

      Wallfahrtstag beim Agnesbründl  

".. der Unfug nimmt von Tag zu Tag zu. Von dem Steinbruch zu Sievering bis zur sogenannten Wunderquelle war der Weg zahlreich mit Bettlern besetzt, die ihre ekelhaften Schäden den Vorübergehenden zur Schau boten, um ihr Mitleid zu erregen. Weiter am Berge herauf .. war eine Menge Viktualienhändler, welche Kipfeln, Obst, Würste, Gugelhupfs verkauften und Wein ausschenkten. Die Gegend um den Baum übertrifft aber alles. Der Baum war nach Art der Gängelbuden der Marktschreier mit Bildern, Rosenkränzel, Kruzifixen, Pfennigen behangen. Am Fuße des Baumes, wo ein neues Muttergottesbild heraus- zuwachsen anfängt, wie die dahin Wallenden zu sehen glauben, brannte eine Menge kleiner Wachslichter, wie in Kirchen am 2. November. Am Baume lehnten zwei Leitern, um den Wunderauswuchs auf dem Baume, die in der Phantasie bald ein Kruzifix, bald ein Mariazeller, bald ein Mariahilfer Bild darstellt, näher betrachten zu können. Die Mädchen und Weiber ohne Unterschied die Leiter bestiegen, so gewährt es für den Untenstehenden manche unanständige Ausblicke .... Während die Abergläubigen auf dem nassen Boden knieten und beteten, winkten feile Dirnen zur Wollust in die Gebüsche. ...."

 Alte Postkarte von einem Ausflug zum Agnesbrünnl
"Wo sind die Nummern ?"


Und letztlich entschloß man sich zu einer harten Vorgangsweise.

"Am 11. Oktober .. für den folgenden Tag war wieder ein Massenaufgebot an Wallenden zu erwarten, wurden von der Polizeidirektion zwei Beamte und zwei Polizeidiener auf den Hermannskogel gesandt, um das Terrain zu erkunden und für den nächsten Tag die notwendigen Vorkehrungen zu treffen. Fürs erste sollten alle .. Bilder weggeräumt werden. ..."

Man wies alle Herankommenden zurück. und in der Folge wurde die Marienbuche gefällt, die Wurzeln wurden ganz herausgesägt, das Holz in Scheiter gehackt und das Ganze mit dem Wagen nach Klosterneuburg gebracht. Die Quelle wurde mit Steinen und Erde zugeschüttet.

So hieß es im Polizeibericht.

" .. dieß ward ohne Aufsehen in Vollzug gesetzt; und diese schwärmerische Andächteley ist nun ganz zu Ende .."


Bründlschwestern, Bründlnarren

Das Agnesbrünnl war nun seiner zentralen Elemente beraubt und dieser Schlag gegen den so beliebten Kult traf die Bevölkerung, die in der Zeit des Biedermeiers ohnehin nicht mit Belustigungen gesegnet war, hart. Doch es wuchsen neue Buchen und die Menschen blieben.

Bereits 18 Jahre danach berichtet Adolf Schmidl von einem Ausflug zum Agnesbrünnl, wo aus einer Felsengruppe, in welcher eine schöne alte Buche wurzelte und deren Stamm in seinen Windungen der Gestalt eines Marienbildes ähnelte ....(!)

Ein frommer Geist brachte bald wieder ein Marienbild an dem Baum an und schon bald wurden wieder Berichte über Wunderheilungen laut. Mit der Zeit wurde auch der Zustrom zum Brünnl heftiger.

           

Bildbäume
beim Agnesbrünnl

In der Quelle Lottozahlen erkennen

Das Wasser hat seinen Weg durch das aufgeschüttete Erdreich gefunden und man konnte sich wieder die Augen benetzen und auf die Lottozahlen im Wasser warten. Alles ging nun etwas stiller vor sich und es bildeten sich Gruppen von Brünnlverehrern, die im Volksmund "Brünnlschwestern", "Brünnlnarren" genannt wurden.

         

Handlesendes Zigeunermädchen 
beim Agnesbründl

Der Volkskundler Dr. Hirschberg bei den "Bründlschwestern"

Diese verschworenen Gruppen waren nach wie vor von der Wunderkraft des Brünnls überzeugt, vor allem was die Wirksamkeit beim Lottospiel betraf. Es handelte sich dabei meist um Frauen, die das Lottobrünnl weiter verehrten und diese setzten sich der Kraft des Ortes vollkommen aus, indem sie beim Brünnl im Wald übernachteten. Man kümmerte sich nicht um das damals herrschende Verbot, im Wald zu übernachten.

  Brünnlschwestern übernachten
beim Agnesbrünnl

Foto: Dr. W. Hirschberg

 

Daß dies nun ein ganz anderer Zugang zum Brünnl war, als das Kirtagstreiben, wird deutlich, wenn man verschiedene Einflußfaktoren betrachtet.

Ob durch das Brünnl wirklich Lottogewinne erzielt wurden, ist nicht bekannt, allerdings ist es durchaus glaubhaft, daß verschiedene halluzinatorische Erlebnisse stattfanden.

Es wird berichtet, daß die Frau eines Bäckermeisters aus der Paulinengasse im 18. Wr. Gemeindebezirk zu den Lottoschwestern gehörte und der Bäckermeister diese Aktivitäten seiner Frau nicht goutieren wollte. Er wollte seiner Frau eine Lektion erteilen und borgte sich einen feurigen Schimmel aus und ritt in der Johannisnacht, als seine Frau mit ihren Lottonarren dort nächtigte, wild durch den Wald und erschreckte, als Ritter verkleidet, die dort Anwesenden, die sich durch eilige Flucht im finsteren Wald zerstreuten. Als er seine Frau erkannte, ritt er ihr nach und versetzte der Verängstigten 3 schallende Ohrfeigen und ritt unerkannt davon. Die Frau war von einer Geisterscheinung des aus dem Türkenkrieg nach fast 200 Jahren zurückgekehrten Kohlenbrenner-Karl überzeugt und setzte im Lotto gleich am nächsten Tag die aus dem Traumbuch für Ritter und den Schimmel gefundenen Zahlen, als dritte Zahl war die "3" für die Anzahl der erhaltenen Ohrfeigen ja bereits vorgegeben. Und sie gewann – zum Erstaunen des Bäckermeisters - einen Terno (Anm.: Haupttreffer)

 

Das Kohlenbrennerbründl

Nicht allzu weit entfernt vom Agnesbrünnl an der Höhenstraße befindet sich ein zweites, jedoch nahezu unbekanntes Brünnl, bei dem sich um die Jahrhundertwende ebenfalls ein heftiger Kult ausbreitete, das dem Geschehen beim Agnesbrünnl sehr ähnlich war.

Von den Leuten, die sich dort noch nach dem Krieg aufhielten, wurden ebenfalls mit dem Agnesbrünnl vergleichbare Geschichten und Legenden über dieses Kohlenbrenner-Brünnl erzählt.

Allerlei wundersame Dinge wurden von diesen Leuten authentisch berichtet, so zum Beispiel, daß sie am hellichten Tag von plötzlich erschienenen Gestalten angesprochen wurden und diese sich plötzlich wieder ins Nichts auflösten. Vor allem bei Vollmond sollen sich viele seltsame Begebenheiten ereignet haben. Besonders prädestiniert dazu war die Johannisnacht.

Möglicherweise handelte es sich bei den Verehrern des Kohlenbrenner-Brünnls um eine tradierte Gruppe, die anläßlich der Unruhen um das Agnesbrünnl ihre Aktivitäten dorthin verlegt haben. Hirschberg vermutete auch anfangs eine Wiedertäufersekte, jedoch erwiesen sich diese Leute als reine mystische Verehrer dieses Ortes.

Ich konnte noch vor wenigen Jahren beim Kohlenbrenner-Brünnl an einem Baum in ca. 2 m Höhe am Stamm ein Blechkreuz mit einer Länge von ca 25 cm sehen, das den primitiv eingestanzten Schriftzug "PAX CHRISTI" trug. Leider ist dieser letzte Rest dieser Kulte mit der Fällung des Baumes verloren gegangen.

Die gemauerte Quellstube ist nunmehr in sehr desolatem Zustand, auf einen heute eventuell noch existierenden Kult läßt nichts schließen.


Das Bründl nach dem zweiten Weltkrieg

Univ.Prof. Dr. Walter Hirschberg hat sich nach dem Krieg intensiv mit dem Agnesbrünnl befaßt und hat noch persönlich den damals noch im Abseits existierenden Brünnlkult erlebt. Das Brünnl war noch immer populär und an manchen Tagen waren noch immer wahrsagende und handlesende Zigeunerinnen beim Brünnl anzutreffen und eine schon kleinere aber verschworene Gemeinschaft von "Brünnlschwestern" hielt sich in der Johannisnacht noch immer bei der Quelle auf. Im Laufe der Zeit kam dieser Brauch jedoch gänzlich ab und das Brünnl fristet nun seit mehreren Jahren ein wenig beachtetes Dasein.

In den letzten Jahren habe ich mehrmals in der Johannisnacht das Agnesbrünnl aufgesucht, um eventuell noch Bewahrer des Brünnlkultes anzutreffen, aber mit der Zeit dürften auch die letzten Brünnlverehrer ausgestorben und die Tradition des Kultes um das Agnesbrünnls vergessen worden sein.

Es fanden seit dem Krieg einige mehr oder weniger einfallslose Renovierungen der Hangstützmauer und des Quellbeckens statt. Der ganze Ort wirkt heute beim bloßen Hinsehen nicht besonders auffällig. Die Quelle fließt meist nur sehr spärlich, manchmal nur tropfenweise. Trotzdem wird jeder, der sich allein und mit offenen Sinnen den Wirkungen des Brünnls und seiner Umgebung aussetzt, spüren, daß es sich hier wirklich um einen Ort besonderer feinstofflicher Qualität handelt. Auch heute noch erleben Menschen, wenn sie sich in absoluter Ruhe dort befinden sehr merkwürdige und überraschende Dinge.

Immer wieder gibt es Versuche von einzelnen Unbekannten, den Brünnkult zu beleben. So finden sich plötzlich an Bäumen um das Brünnl Heiligenbilder, Kerzen werden aufgestellt, aber es dürfte die Zeit nicht mehr nach diesen Dingen verlangen, denn schon nach kurzer Zeit werden diese von vorbeikommenden "Wanderern" wieder zerstört.

Vielleicht findet sich aber doch wieder eine Anzahl Unbekannter, die an die Tradition des Agnesbrünnls anschließen und sich der besonderen Kraft dieses Ortes aussetzen und dabei nicht zuletzt auch für sich etwas gewinnen wollen. Und vielleicht habe ich in einer Johannisnacht doch einmal Glück, jemanden beim Brünnl anzutreffen, der sich auch der Rationalität unserer Zeit für ein paar Stunden entziehen will.

Wanderhinweis

Die Jägerwiese, von der das Agnesbründl nicht mehr als 5 Minuten entfernt ist, ist auf mehreren gemütlichen Wanderwegen leicht erreichbar. 

Von Heiligenstadt mit dem Bus zum Parkplatz Cobenzl und von dort über die Kreuzeiche zum Gasthof Jägerwiese

Von Salmannsdorf über das Häuserl am Roan - Griaß di a Gott-Wirt, vorbei am Fuß des Hermannskogels zur Jägerwiese

Von Sievering über den Gipfel des Hermannskogels (Warte) auf die Jägerwiese.

Autofahrer können das auto auch kurz nach dem Fischerhaus auf der Höhenstraße abstellen und bei der Kohlenbrennerbrücke bei dem Hinweisschild den Weg durch den Wald bis zur Jägerwiese hinaufgehen 

und es finden sich noch unzählige andere Varianten, auf denen man bequem die Jägerwiese erreicht.

Der Gasthof  "Zum Agnesbründl"

Der Gasthof  "Zum Agnesbründl" ist ganzjährig von Mittwoch bis Sonntag geöffnet und wird - mit gutem Grund - von Wienerwaldwanderern gerne besucht. Es besteht ein vielfältiges und sehr preiswertes Angebot an Hausmannskost aber auch vegetarischen Gerichten von ausgezeichneter Qualität. Die gemütliche Atmosphäre der Gaststätte birgt eine Besonderheit in Form von zwei wandgroßen Bildern, die einerseits das frühere Treiben beim Bründl und andererseits eine lustige Heurigenpartie mit Pferdewagen in Sievering dokumentieren. Trotz der etwas folkloristischen Darstellung sind diese beiden Bilder eine sehr authentische Darstellung des früheren Geschehens um das Agnesbründl. 

Das Lokal wurde in letzter Zeit sehr behutsam renoviert und hat seinen früheren Charakter eines Ausflugsgasthofes im Wienerwald absolut behalten. Es bleibt zu hoffen, daß die beiden Wandmalereien auch noch weitere Renovierungen schadlos überleben.

Ein Geheimtipp für die ersten Sonnentage des Jahres für sonnenhungrige Wanderer nach dem grauen und dunklen Wiener Winter ist die große Terrasse des Gasthauses.

Die Jägerwiese ist ein ideales Ausflugsziel für Familien mit Kindern. Dem Gasthof angeschlossen ist ein Streichelzoo.

Die Entscheidung, das Gasthaus zu einem Nichtraucherlokal zu machen, hat sicher einigen Mut erfordert, wird aber zweifellos von den meisten Wanderern - und auch an dieser Stelle - sehr gedankt. Insoferne zeigt man sich hier weit fortschrittlicher, als in den meisten Lokalen im Wiener Stadtgebiet. 

Ein vom Gasthaus vor nicht allzu langer Zeit herausgegebener immerwährender Kalender mit wunderschönen, seltenen alten Ansichten von der Jägerwiese und vom Agnesbründl ist leider nicht mehr erhältlich, aber vielleicht könnte sich eine Neuauflage ergeben, wenn genügend Nachfrage besteht .


Also bitte alle Wienerwaldenthusiasten und Bründlnarren:   Nicht vergessen, bei einem Besuch des Gasthauses "Zum Agnesbründl" auf der Jägerwiese nach dem Kalender mit den hochinteressanten historischen Fotos fragen, vielleicht entschließen sich die rührigen Wirtsleute zu einer Neuauflage, wenn die Nachfrage zu unüberhörbar wird.

 


Literatur

Adolf Schmidl; Wien´s Umgebungen auf zwanzig Stunden im Umkreise, 1835
Lothar Schremmer; Sagen und Geschichte Döblings, 1922
Theodor Vernaleken; Mythen und Bräuche des Volkes in Österreich, 1859
Heimatbuch Döbling; 3 Bde.
Karl Lukan; Das Wienerwaldbuch
(Hrsg. Österreichischer Touristenclub) Der Hermannskogel
Gustav Gugitz
; Österreichs Wallfahrtsstätten in Kult und Brauch
G.v.List; Deutsch-mythologische Landschaftsbilder
Walter Hirschberg; Das Agnesbrünnl, 1949
Zeichenstein und Wunderbaum; Katalog zur gleichnamnigen Ausstellung, Stift Klosterneuburg 2000
(Freytag & Berndt) Wienerwaldatlas
Heide Dienst; Agnes – Herzogin und Markgräfin 1985
(Katalog NÖ Landesausstellung 1985) Markgraf Leopold III.
Jörg Purner
; Radiästhesie – Ein Weg zum Licht
Toth-Sonns; Sonntagsleut´ im Wienerwald

(c)  Gerhard Holischka, 1998 - 2008

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In einem von Siegrid Hirsch  und Wolf Ruczicka herausgegebenen Buch "Heilige Quellen in Niederösterreich" wurde ein Teil dieser Seite 1:1 (ohne dafür das erforderliche Einverständnis einzuholen,) kopiert und als Kapitel abgedruckt., da der für das Verfassen eines Buches erforderliche Rechercheaufwand die beiden "Autoren" offenbar deutlich überfordert hat, wie auch zahlreiche andere Rezensenten die Buchreihe über Heilige Quellen von Hirsch / Ruzicka entsprechend zurückhaltend beurteilt haben.  Insoferne sei aus noch immer bestehender Verärgerung an dieser Stelle vom Kauf dieser Bücher abgeraten.