Wienerwald


Der Cobenzl
© Gerhard Holischka, 1998-2008


Etwas südlich des Kahlenberges, ganz nahe an der Höhenstraße, findet man in den Wanderkarten den Cobenzl. Kaum jemand fragt sich, wieso denn mit dem Cobenzl eigentlich die, an dem völlig unbekannten Latisberg gelegene, Bergstufe in nur 377 m Sh. viel bekannter und populärer ist, als der eigentliche Latisberg (492 m Sh.) selbst. Allgemein wird mit Cobenzl der Latisberg bezeichnet.

Heute mag das daran liegen, daß man über die Höhenstraße bequem den großen Parkplatz am Cobenzl erreichen kann und von dort aus mit wenigen Schritten zum Heurigen bzw. zum Cafe-Restaurant gelangen kann, von wo aus man einen wunder- baren Ausblick über Wien hat. Daß man damit eigentlich nur auf einer Hangstufe des Latisberges angelangt ist, ist nicht allzu wesentlich, weil man ja trotzdem "am Cobenzl" war und ein bißchen Gipfelsieg in dieser Bezeichnung mitklingt.

Der Cobenzl hat jedoch nicht erst in den Tagen der Motorisierung Bedeutung gefunden. Bereits 1775 hat der Politiker Graf Philipp Cobenzl am Ostabhang des Latisberges ein Schloß errichtet und "Leuten von Distinction Einlaß in seinen Park gewährt" (Zitat Franz Gaheis). Dieser Park erscheint, wenn wir heute die Umgebung des Cobenzl betrachten, fast wie eine Phantasiegeschichte des angesehenen Berichterstatters Gaheis. Er schildert von Brunnenhäusern, einem Teich, "...auf dem Schwäne, türkische Aenten und anderes Geflügel herumschwimmen....", künstlichen Wasserfällen und sogar einer Grotte, auf deren Wänden die wunderbarsten Mineralien glänzten.

        Die nicht mehr existierende Grotte am Cobenzl

(Kupferstich; Hist. Museum d, Stadt Wien)

   
           

Daß Gaheis hier allerdings nicht phantasiert und durchaus tatsächlich Gesehenes schildert, können aufmerksame Wanderer und Hobbyforscher auch heute noch nachvollziehen.

Die geschilderte Grotte ist leider gänzlich verschwunden, es existiert noch ein Kupferstich, der, auch wenn in den dargestellten Ausmaßen vielleicht etwas überzeichnet, diese darstellt.

Hingegen ist ein anderes Zeugnis der einstigen Pracht im Wald unterhalb des Parkplatzes zu finden. Etwas abseits des Weges durch den Wald findet man deutlich erkennbar den seinerzeit dort bestehenden Teich, den Gaheis schilderte. Sogar die Formen der Auslaufbauwerke sind noch erkennbar. Wie eine alte Darstellung zeigt, muß der Blick über diesen romantischen Teich eine eindrucksvolle Aussicht zu dem Schloß Cobenzl gegeben haben.

    Die Reste des schon lange abgekommenen Teiches sind noch im Wald unterhalb des Parkplatzes am Cobenzl für aufmerksame Wanderer zu finden

Im Hintergrund das Schloß Cobenzl am Fusse des Latisberges, der fälschlicherweise als "Cobenzl" bekannt ist.

     
             

Eine deutliche Änderung im Ansehen des Schlosses ergab sich mit dem Erwerb des Besitzes durch den deutschen Freiherrn Karl v. Reichenbach (1788-1869). Reichenbach war Industrieller, Chemiker und beschäftigte sich mit vielerlei Grenzbe- reichen. Neben der Entdeckung von Paraffin und Kreosot verdanken wir ihm Forschungen, die zwar nach wie vor umstritten, jedoch heute wieder Bedeutung bekommen. So war Reichenbach Entdecker einer geheimnisvollen Strahlung, die er "Od" nannte und die etwa der heute wieder sehr beachteten "Aura" entspricht. Im Keller des Schlosses fanden viele Versuche statt. Er arbeitete mit Leuten, die nach mehrtägigem Aufenthalt in den lichtlosen Räumen imstande waren, fluoreszierende Gegenstände (Kristalle, Metalle ..) mit freiem Auge zu sehen.

Ein Bericht schildert dies:

"..... Das Gelaß, zwei Klafter unter der Erde, war mit schwarzem Tuch ausgeschlagen, das Luftloch durch Panzer und Platten dicht verschlossen. In dieser Finsternis lag allerhand Gerät, das den Zauberer ergötzte und unterstützte. ... Magnete und Elemente hielten sich mit langen Drähten umschlungen. In einem Aquarium schwammen Fische und allerhand Wassergetier. Kristalle, Retorten standen umher, und ein einsames Monochord (einsaitiges Musikinstrument) harrte des Augenblicks, das seine Saite zum Schwingen bringen würde. Kann es uns daher wundern, daß sich in kurzer Zeit ein geheimnisvoller Kranz düsterer Sagen um Reichenbachs Gestalt schlang und die Weinhauer im nahen Grinzing sich manch schauerliche Geschichte vom Zauberer zuraunten, der da oben in rätselhafter Einsamkeit lebte. Wer am Schloß vorüberging, schlug dreimal das Kreuz. Reichenbach vereinsamte später vollständig, hauste mit einer alten Bedienerin alleine in dem verwahrlosten großen Schloß und ließ sich gänzlich verborgene Pfade vom Cobenzl zum Kahlenberg anlegen, deren Ein- und Ausgang von Gestrüpp verdeckt waren. Seine wenigen Anhänger empfing der übergroße und hagere Mann in einen wallenden Faustmantel gehüllt und von faustischem Wust umgeben. In finsteren Nächten zog er auch auf den Grinzinger Friedhof hinab und stellte mit einem Medium Versuche an frischen Gräbern an, die nach seiner Lehre vom "Od" gleichfalls ein für Sensitive wahrnehmbares Licht ausstrahlen sollten ..."

Reichenbach wurde wegen seiner Beschäftigung mit diesen geheimnisvollen Dingen, die bis zu nächtlichen Experimenten auf Friedhöfen der Umgebung reichten, natürlich in der damaligen Bevölkerung gemieden. Jedoch waren seine Versuchspersonen natürlich Freiwillige und seine "Versuche" waren vor allem Experimente, in denen er die Fähigkeit mancher besonders sensitiver Menschen untersuchte, gewisse Dinge mit freiem Auge zu sehen, heute wird dies als "Aurasehen" bezeichnet und es wird damit nichts Böses mehr in Verbindung gebracht. In seinem heute als Nachdruck und als online-Version erhältlichen Buch "Odisch-magnetische Briefe" beschreibt er diese interessanten Versuche und Forschungen sehr genau.

Das Schloß kam 1855 in den Besitz von Johann Karl Freiherr von Sothen. Dieser war, im Gegensatz zu Reichenbach, eine in mehrfacher Hinsicht negative Erscheinung.

Das Adelsprädikat war von einem deutschen Großherzog gekauft (das gab es sogar damals schon) und er betrieb mehrere Unternehmen, darunter eine Bank, über die er mit Wucherzinsen zu einem Vermögen kam. Mit einer Art eines Vorläufers eines Reisebüros bot er mit Eseln einen "Lustritt auf den Kahlenberg" an, wobei man für schöne Sonntage bereits im vorhinein im "Sothen´schen Comptoir" seinen Ritt buchen mußte.

Den Großteil seines Vermögens machte er jedoch mit dem "Kleinen Lotto", indem er sich die Ziehungsergebnisse aus der Stadt mit Brieftauben senden ließ und in Sievering, wo die Lotterien noch Wetten annahmen, die bereits gezogenen Lottozahlen setzte und es mit diesem Betrug zu einem enormen Vermögen brachte.

Allerdings verstand es Sothen, sich als großer Wohltäter zu präsentieren und seinen Ruf durch Spenden an Waisenhäuser, Witwenfonds und Feuerwehren zu polieren. Eine von ihm gestiftete Kapelle oberhalb des Gspöttgrabens ist - neu renoviert - heute noch zu sehen. Er war ein Ausbeuter der übelsten Sorte und ließ sich in seinem Büro von den Angestellten täglich bei Dienstschluß die Hände küssen. Arbeiter in seinen Gütern wurde der karge Lohn gestrichen, wenn sie bei einer Pause ertappt wurden, wobei er die Menschen ständig mit einem Fernrohr beobachtete. Seine Frau ritt mit einem Pony durch die Weinberge und schlug dabei auf die in ihren Diensten stehenden Leute nach Lust und Laune mit der Reitpeitsche ein.

Sothen wurde 1881 von einem seiner Förster, der entlassen wurde, weil er um eine Gehaltserhöhung bat, erschossen. Kurioserweise trug der Förster den Namen Eduard HITTLER (oder Hiettler). Nach einem ursprünglichen Todesurteil wurde er vom Kaiser zu 12 Jahren Kerker begnadigt.

Trotzdem nahmen rund 20.000 Menschen am Begräbnis von Sothen Anteil, aber wohl nicht aus Trauer, sondern, um die Gewißheit zu haben, daß dieser Unmensch wirklich unter der Erde war. Unter großem Polizeiaufgebot fand die Begräbnisfeierlichkeit statt und der Sarg wurde von der Bevölkerung mit Steinen und Unrat beworfen. Heute vergessen ist der damals entstandene Grabspruch, der auf die Geldgier Sothens abzielte:

              Hier in dieser Gruft
liegt ein großer Schuft
zeigt´s kan Zwanzger ´nunter,
Sonst wird er wieder munter
.
           

Die von Sothen errichtete Elisabeth-Kapelle am Gspöttgraben (unterhalb des Baumkreises am "Himmel") wurde mit großem Aufwand vom Kuratorium "Rettet den Wald" restauriert und 2005 wurden die Arbeiten abgeschlossen. Auf einer Informationstafel wird darauf hingewiesen, daß die Kapelle Sothen zu verdanken ist, der dafür die Grundstücksfläche zur Verfügung gestellt hat. Das Mißverständnis über den vermeintlichen Wohltäter Sothen hält also bis in das 21. Jahrhundert an und es wäre vielleicht angeraten, die fragwürdige Ehrung des Herrn Sothen zu überdenken. Die Kapelle zeigt sich heute- in renoviertem Zustand - auf den ersten Blick hin sehr eindrucksvoll, allerdings dient die Kapelle, die als "ein gebautes Crossover; an der Grenze zwischen Stadt und Land gelegen" ( Link: http://www.sisi-kapelle.at/ ) bezeichnet wird, nunmehr einer künstlerischen Präsentation des "Kreuzweges der Natur" unter Verwendung von 14 Flachbildschirmen und stellt als fragwürdige säkularisierte Kulisse den Hintergrund für ..."  reden, tanzen, lachen, denken trinken, feiern, trauern, lieben. träumen ..." dar, was von manchen Betrachtern der zeitgemäß restaurierten Kapelle als späte Strafe für das in der Gruft der Kapelle bestattete Ehepaar Sothen gedeutet wird.

Das Schloß diente erst während des zweiten Weltkrieges einem spezielleren Zweck, als man dort für verwundete Soldaten ein Lazarett einrichtete. Inschriften der Soldaten auf alten Bäumen in der Umgebung weisen noch heute darauf hin, noch sind einige Jahreszahlen aus den Kriegsjahren erkennbar.

                   

Schloß Cobenzl

an dessen Stelle ist heute, nahe des 
Parkplatzes, nur eine kleine Wiese zu sehen.

       
                                 

Nach dem Krieg verfiel das Schloß gänzlich. Und 1966 machte man den Fehler, das Problem mit der Spitzhacke und dem Bagger zu lösen. Heute befindet sich an der Stelle des einst schönen Schlosses eine kleine Wiese und ein paar Bänke bieten die erste Rast, wenige Meter nach dem Parkplatz am Cobenzl. Ein Aussichtspunkt vor diesen Bänken bietet einen schönen Ausblick auf die Stadt, niemand würde jedoch annehmen, sich dort auf der Stelle eines noch vor einigen Jahrzehnten sehr eindrucksvollen und geheimnisvollen Schlosses zu befinden.

                  Schloß Cobenzl von der Terrasse des
Kahlenbergrestaurants aus gesehen

(Aufnahme vermutlich 50er Jahre)

   
                         

Der Latisberg, der sogar ein klein wenig höher als der Kahlenberg ist, liegt jedoch völlig abseits des Interesses der Wanderer und Spaziergänger. Es führt auch kein erkennbarer Weg direkt auf den Gipfel, allerdings kann man ihn sehr rasch direkt erreichen. Der bewaldete Gipfel des Latisberges bietet kaum Aussicht und dem interessierten Besucher bietet sichlediglich der zerfallene Rest von Befestigungen einer Geschützstellung aus dem Weltkrieg.

Der Latisberg wird 1354 erstmals urkundlich als Laydersperg" benannt, ursprünglich soll die Bezeichnung auf "Leiderates berc", also "der im Leid Rat Gebende" zurückgeführt werden. Angeblich soll sich dort ein Versammlungsplatz (Richtplatz) befunden haben.

Eine Besonderheit konnte bis vor kurzem von ausdauernden Wienerwaldforschern allerdings noch entdeckt werden: 

Zu den prunkvollen Anlagen des einstigen Schlosses gehörte auch ein Eiskeller, in dem angeblich Eis, das im Winter eingelagert wurde, sehr lange Zeit aufbewahrt werden konnte. Dies ist zumindest die Erklärung für ein geheimnisvolles und nur sehr schwer aufzufindendes Bauwerk, das sich ebenfalls unterhalb der Höhenstraße und eigentlich sehr nahe des Parkplatzes am Cobenzl befindet. Im Dickicht des Waldes ist in einer V-förmigen Vertiefung des Bodens ein gemauerter Eingang, der früher offenbar durch eine Türe zu verschließen war, zu entdecken. Dieser schmale Durchschlupf führte auf ein kleines Plateau im Inneren eines großen unterirdischen Gewölberaumes, in den man im Dunkeln hinunterblicken konnte. Eine schmale Ziegeltreppe führte mehrere Meter hinunter auf den Boden dieses geheimnisvollen Raumes. Allerdings war die Erforschung nicht ungefährlich und man mußte die etwas baufällige Treppe nur angeseilt und mit ausreichender Beleuchtung betreten.

Das versteckte unterirdische Gewölbe unterhalb des Cobenzls im Wald
(durch diesen verborgenen Zugang gelangte man in das unter dem Waldboden verborgene Gewölbe)


Foto: G. Holischka


In jedem Fall stellen diese Relikte eine geheimnisvolle Verbindung zu anderen Zeiten dar und es genügt oft, nur ein wenig die Augen zu öffnen für diese kleinen Dinge, hinter denen viele interessante Geschichten stehen.

 

Literatur

Franz Gaheis; Spazierfahrten in die Gegenden um Wien, Wien 1794
Döbling; Heimatkunde des XIX. Wiener Bezirkes, Wien 1922
Freytag-Berndt; Wienerwaldatlas, Wien 1975
Karl Lukan; Wienerwaldbuch, Wien 1980
Bouchal / Wirth; Verborgener Wienerwald, Wien 2003
Adolf Schmidl; Wien und seine nächsten Umgebungen, Wien 1847
Werner Toth-Sonns; Sonntagsleut im Wienerwald, Wien 1943

© Gerhard Holischka, 1998-2008

Anregungen, Ergänzungen und Kritik bitte an
inst_arch @hotmail.com

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