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Kapitel 17: Soziales und politisches System

       Alfa schlenderte im Ortskern ziellos umher. Als er am Rathaus vorbei war, hörte er sich angerufen: ,,Hallo, Alfa. Alfa sah sich um, erblickte den Bürgermeister, grüßte mit ,,Guten Tag, Herr Bürgermeister! und seinem Gefühl folgend ging er zurück. ,,Haben Sie schon Mittag gegessen? fragte der Bürgermeister. ,,Noch nicht verneinte Alfa. ,,Dann essen Sie bei mir, wenn Sie wollen lud der Bürgermeister ihn ein. ,,Gerne nahm Alfa an. Daraufhin führte der Bürgermeister seinen Gast Alfa durch das Rathaus in den Wohnteil. Er bot ihm auf der Terrasse einen Korbsessel an, holte frischgepreßten Süßmost und setzte sich zu Alfa. Er sprach mit Alfa über das Essen auf der Erde und entschied dann, einen Apfel- und Topfenstrudel zu machen, als Vorspeise eine Gemüsesuppe. Dann redeten sie über Alfas Eindrücke von der Erde.
      Mittendrin kam eine Frau, Alfa erkannte sie als Partnerin des Bürgermeisters wieder. Der Bürgermeister stellte sie als ,,Brigitte vor, schob ihr einen Sessel zurecht und holte noch ein Glas. Er fragte sie, ob sie mit seiner Entscheidung für das Essen einverstanden wäre. Sie war es. So saßen sie alle drei beisammen, plauderten, ließen sich von der Sonne bescheinen und befeuchteten von Zeit zu Zeit ihre Kehlen mit Süßmost.
       Als sie alles leergetrunken hatten, schlug Brigitte vor, mit der Zubereitung des Essens zu beginnen. Die Arbeiten wurden verteilt, Alfa fiel das Putzen und Zerkleinern des Gemüses zu. Sie aßen an einem durch eine Markise beschatteten Teil der Terrasse. Nachher räumten sie alles zusammen. Dann machten sie es sich am Swimmingpool bequem. Um der schläfrigen Stimmung zu begegnen, bat Alfa den Bürgermeister:
       ,,Das Zusammenleben von soviel Menschen bedarf doch sicher einiger Organisation. Können Sie mir, bitte, dieses System darlegen? ,,Gerne, antwortete der Bürgermeister, überlegte kurz und führte dann aus:
       ,,In unserem System schafft sich jeder seine Lebensmittel und Grundmittel des Lebens auf ,seinem Grundstück selbst und das Anrecht auf die Güter unserer Industrie durch seine Arbeit während seiner ,dreijährigen Maturareise. Somit sind alle Menschen grundsätzlich gleichberechtigt.
      Unsere ,Systemerhalter leisten einen zusätzlichen ständigen Beitrag zum Wohl der Allgemeinheit; deshalb stehen ihnen auch gewisse Vergünstigungen zu, nämlich ein Doppelgrundstück und ein Zimmer im Systemerhaltertrakt im ,Bahnhofshotel. Die Begründungen dafür . . . ,,. . . sind mir bekannt, fiel Alfa ein, ,,das Doppelgrundstück als Zeitausgleich, das Zimmer im Systemerhaltertrakt zur Nervenschonung. ,,Genau, so kann mensch es in Kurzform sagen, bestätigte der Bürgermeister und fuhr dann fort: ,,Diese Vergünstigungen sind folgerichtig und werden von allen gebilligt. Wir bringen unseren Systemerhaltern auch eine besondere Achtung entgegen, aber wir räumen ihnen deswegen keine Macht ein. Nach einer kurzen Pause setzte er fort:
       ,,Wir gestehen grundsätzlich keinem Menschen Macht über andere Menschen zu. Wir haben damit eine Entwicklung folgerichtig zu Ende geführt: Unsere Altvorderen unterwarfen sich Herrschern, die für sich göttliche Ehren und uneingeschränkte Macht beanspruchten. Mit zunehmender Einsicht und Bildung schwand die Bereitschaft, einem (!) Menschen Macht zuzugestehen, und die Macht der Herrscher wurde immer mehr eingeschränkt, bis nach einigen Übergangsstadien die Herrscher durch ,Volksvertreter ersetzt wurden. Die Macht der Volksvertreter wurde ebenfalls immer mehr beschnitten und ging an das Volk selbst. Bei uns jetzt ist endgültig die Macht unmittelbar beim ,Volk, das heißt, entschieden wird durch Abstimmen und Stimmenmehrheit, wobei wir für eine positive Entscheidung 69 Prozent Zustimmung verlangen.
      Durch unsere vollständige Vernetzung durch unser TKS sind Volksabstimmungen leicht durchzuführen, und zwar offen oder geheim, schnell oder besonders fälschungssicher - wie es der vorliegende Fall verlangt. Zum Beispiel bei einer besonders fälschungssicheren Abstimmung wird eine jede Stimme an den Zentralrechner des Ortes und (!) an jedes TKS des Ortes übermittelt und das Endergebnis für den Ort im Zentralrechner und unabhängig davon in jedem TKS errechnet, wodurch jeder Bürger das Abstimmungsergebnis seines Ortes überprüfen kann. Bei Abstimmungen über größere Gebiete wird das Abstimmungsergebnis eines Ortes an die entsprechende Zentrale und (!) an den Zentralrechner eines jeden Ortes, der zu dieser Zentrale zählt, übermittelt, wodurch in jedem Ort das Ergebnis der Zentrale überprüft werden kann. Die Ergebnisliste der Zentrale kann von jedem TKS abgerufen werden, somit kann jeder Bürger das Wahlergebnis überprüfen.
      In eine Pause des Bürgermeisters schaltete sich Brigitte ein:
       ,,Wir wachsen üblicherweise im Jugendhaus auf, in einer Gruppe mit sechs bis sieben Mitgliedern im Alter von vier bis achtzehn Jahren. Die Älteren, also Vierzehn- bis Achtzehnjährigen, sind selbst auch als jüngste in die Gruppe gekommen und haben alle Altersstufen und damit auch jede Stellung innerhalb einer Gruppe durchlebt, sie sind noch voller jugendlichem Idealismus, sie sind selbst noch Suchende und daher unsicher, sodaß sich innerhalb einer Gruppe von selbst demokratische Lebensformen ausbilden, nämlich Meinungsvielfalt, Diskussion, Ausgleich, Abstimmung, Sich-Fügen in einen Mehrheitsbeschluß. Wir wachsen also demokratisch auf und haben somit die Demokratie in Fleisch und Blut . . .
       ,,Entschuldigt! unterbrach der Bürgermeister. ,,Ich hole uns was zu trinken. Ich kann bieten: Apfel-, Johannisbeer-, Ribisel-, Himbeer-, Hollundersaft; Erdbeer-, Brombeermilch; Most. ,,Mir, bitte, einen Ribiselsaft, sagte Brigitte; ,,Bitte, mir auch einen Ribiselsaft, schloß sich Alfa an. Der Bürgermeister erhob sich und ging ins Haus. Brigitte nahm den Faden wieder auf:
       ,,Vor der ,großen Umgestaltung lebten die Kinder bis zum achtzehnten Lebensjahr bei den Eltern. In diesem Lebensabschnitt haben die Kinder zwei Trotzalter, eines mit ungefähr vier und das zweite mit ungefähr sechzehn Jahren. Die Auflehnung des vierjährigen Kindes wurde durch die Übermacht der Eltern normalerweise niedergewalzt, der Vater war der ,starke Mann, er entschied; das Kind hatte sich zu fügen. Und so blieb das bis zum zweiten Trotzalter mit sechzehn. Da gelang es den Jugendlichen, sich mehr oder weniger vom Einfluß der Eltern freizumachen, aber es blieb noch genug Bevormundung durch die Eltern übrig, da die Jugendlichen von den Eltern abhängig waren. Natürlich wollten die Eltern für ihre Kinder ,nur das Beste, und vielleicht war es das in den meisten Fällen auch. Diese Erziehung hatte aber einen schwerwiegenden Nachteil. Die Menschen wurden von Kind auf daran gewöhnt, über sich entscheiden zu lassen(!); in Krisenzeiten riefen sie nach einem ,starken Mann. Das paßt aber nicht zu Demokratie.
      In einer echten Demokratie sollte jeder tätig selbst mitentscheiden, und er muß fähig sein, sich zu fügen, wenn der Mehrheitsbeschluß seiner eigenen Meinung zuwiderläuft. Genau das lernt mensch bei uns im ,Jugendhaus recht gut. Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort:
       ,,Wir wissen natürlich auch, daß Stimmenmehrheit nicht unbedingt eine richtige Entscheidung gewährleistet. Aber erstens sind auch oft Fachleute verschiedener Meinung und zweitens irren sich auch Fachleute. Eines ist sicher: Wenn die Mehrheit für etwas ist, dann sind die Chancen für ein günstiges Gelingen größer.
      Außerdem haben wir einen Sicherheitsmechanismus: Wenn nur der leiseste Verdacht (!) einer Gefahr für zukünftige Generationen auftaucht, - über das TKS kann sich ja jeder zu Wort melden -, so lassen wir es bleiben: aus Verantwortung für die Schöpfung. Wir verzichten dabei auf nichts. Wir glauben, daß wir materiell alles haben, was ein Mensch wirklich (!) braucht und daß wir technischer Neuerungen eigentlich nicht bedürfen. Einen Roboter, der den Garten bestellt, die Tiere hegt, der kocht, der Wäsche und Kleidung in Ordnung und das Haus und seine Einrichtung sauber und instand hält, halten wir nicht für sinnvoll. Die Arbeit im Garten und der Umgang mit Tieren hält uns seelisch und körperlich gesund, beim Kochen würzen wir nach der Tagesverfassung durch Abschmecken, den unangenehmen Teil des Wäschewaschens übernimmt ohnehin die Waschmaschine, das Haus und seine Einrichtung reinigen wir nicht nur, sondern wir pflegen alles, das heißt wir erfreuen uns an der Schönheit und Gediegenheit der Dinge und erhalten ihre Schönheit. Das heißt: Wir bringen bei allem mehr ein als ein Roboter, nämlich einen Teil unserer Seele, eine Art von Liebe.
       ,,Liebe, das ist das Stichwort, dachte Alfa, ,,Sie bekommen viel und geben viel, und weil sie viel geben, bekommen sie auch viel. Er sah Brigitte an. Sie lächelte ihn an. ,,Ob sie auch ein ,Spiel zu dritt spielen wird, wie Nora damals bei Reinhold? fragte sich Alfa unwillkürlich.
      Der Bürgermeister kam zurück, in der einen Hand einen Krug Johannisbeersaft; in der anderen ein Tablett mit drei Gläsern. Er stellte das Tablett auf einem Tischchen ab, füllte die Gläser, reichte das Tablett mit den vollen Gläsern zuerst Alfa, dieser nahm mit Dank ein Glas, dann Brigitte, diese nahm zu ihm hinauflächelnd ein Glas, schlußendlich nahm er selbst das übriggebliebene Glas und legte das Tablett auf den Tisch. ,,Na dann zum Wohl, wünschte er und sie nahmen alle einen Schluck. Der Bürgermeister setzte sich wieder auf seinen Platz. ,,Wir waren bei den Abstimmungen, knüpfte der Bürgermeister wieder an und fuhr fort:
       ,,Wir stimmen grundsätzlich über alles ab, was die Gemeinschaft betrifft, und zwar im entsprechenden Rahmen; zum Beispiel den Neubau eines Gemeindehauses stimmen wir innerhalb eines Ortes ab, die Errichtung eines Flußkraftwerkes stimmen wir unter allen Betroffenen ab. Selbstverständlich erläutern vorher Fachleute das Für und Wider, dann kann jeder, der zur Entscheidung durch einen Gedanken beitragen kann, über das TKS zu Wort kommen und es kann über das TKS auch diskutiert werden. Der Bürger wird also vor der Abstimmung ins Bild gesetzt, - bei sehr wichtigen Sachen auch durch schriftliches Material.
      Der Bürgermeister nahm einen Schluck und setzte dann wieder fort:
       ,,Die Gemeinschaft hat folgende Aufgaben: Erhaltung und Instandsetzung bestehender Bauten und Anlagen, Ersatz von nicht mehr entsprechenden Altanlagen durch Neubau, Bau von neuen Anlagen. Dabei kann die Bevölkerung eines Ortes, mehrerer Orte, eines Tales oder des Einzugbereiches eines Stromes betroffen sein. Daraus ergibt sich unser politisches System.
      Die kleinste politische Einheit ist die Ortschaft. Die Ortschaften entlang eines Flusses sind zu einer Flußschaft zusammengeschlossen. Alle Ortschaften im Einzugsbereich eines Stromes sind zu einer Stromschaft zusammengefaßt. Die Wasserscheide ist die Grenze zwischen zwei Stromschaften.
      Die Ortschaft ist so groß, daß jeder Bewohner jeden kennt, aber der Einzelne doch nicht im Blickfeld aller steht, und daß die Aufgaben der Gemeinschaft erfüllt werden können, z. B. Schule und Kultur.
      Der Vertreter der Ortschaft nach innen und außen ist der Bürgermeister; nach innen z. B. als Verkünder eines Schiedsgerichtes, nach außen z. B. als Gastgeber für offizielle Besuche.
      Für die Durchführung von Arbeiten im öffentlichen Interesse ist der ,Gemeinderat zuständig. Dieser besteht aus einem Tiefbau-, einem Hochbau-, einem Maschinenbau-Ingenieur, je einem Fachmann für Umweltfragen, Organisation/Koordination, Bildung und Kultur und einem Richter. Alle werden von den Bürgern des Ortes gewählt und sind ,Systemerhalter. Sie haben keine Macht, sie können nur vorschlagen und die Bürger abstimmen lassen. Spielen wir das an einem Beispiel durch: Die Fachfrau für Bildung und Kultur hat einen Einfall, wie die Schauspieler und Schauspielerinnen im Schauspielhaus die Zuschauer und Zuschauerinnen mehr in das Geschehen auf der Bühne einbinden können. Zuerst wendet sie sich an ihren Kollegen Bauingenieur oder einen Bekannten, dessen Steckenpferd das Bauwesen ist, und bittet ihn, den Bauaufwand abzuklären. Daraufhin geht sie damit über das TKS an die Öffentlichkeit und versucht, die Bürger für ihre Idee zu gewinnen. In einer festgelegten Nachdenkfrist kann jeder Bürger seine Meinung darüber kundtun, - am einfachsten über das TKS. Dann wird mittels TKS offen abgestimmt. ,Offen, das heißt: wer zustimmt, erklärt sich zugleich bereit, seinen Arbeitsanteil zu übernehmen. Stimmt die Bevölkerung für das Projekt, so zieht es der Fachmann für Organisation/Koordination durch.
      Bei größeren Vorhaben wählen die Gemeinderäte der betroffenen Ortschaften aus ihrer Mitte einen Projektleiter, der dann gestützt auf seine Kollegen von den einzelnen Ortschaften das Projekt durchzieht. Damit stehen die Maschinen, Geräte und Bürger von mehreren Ortschaften, - bei sehr großen Projekten von tausenden Ortschaften also tausende Maschinen und Millionen von Menschen - für ein Projekt zur Verfügung. Das größte Problem ist dabei die Planung und Koordination. Projekte von weltweitem Interesse können ebenfalls auf diese Art abgewickelt werden, es ist dann nur der Rahmen entsprechend größer. In diesem Fall kommt es zugute, daß wir eine einheitliche Weltsprache haben.
      Wichtig ist uns, daß niemand Macht hat. Ein Projektleiter ist für ein Projekt gewählt, er hat somit Befugnisse, das heißt, er kann im Rahmen des Projektes etwas anordnen, aber er hat keine Macht. Alle seine Mitarbeiter sind ja Freiwillige, die jederzeit ohne den geringsten Nachteil sich auf ,ihr Grundstck zurückziehen können - also in keinster Weise abhängig und damit nicht erpreßbar sind. Auch Politiker haben keine Macht. Um Macht zu haben, braucht man blind ergebene Gefolgsleute, mit denen man die Gegner unterdrücken kann. Das Leben im Jugendhaus fördert demokratisches Denken, unsere Schule entwickelt den kritischen Verstand, die dreijährige Maturareise weitet das Blickfeld, das macht mündige Bürger, nicht blind ergebene Gefolgsleute. Dadurch ist es unmöglich, zu Macht zu gelangen. Zudem haben wir die Güter dieser Welt so gerecht aufgeteilt, sodaß kein Anreiz für Raubzüge vorhanden ist. Andere Menschen zu versklaven, um selbst ohne Arbeit in Genuß zu schwelgen, bedarf bewaffneter Schutztruppen, die selbst aber unfrei und somit schlechtergestellt wären als im bestehenden System. Somit sind alle Gründe für Krieg ausgeräumt und wir leben in Frieden. Falls ein Bezirk im Lebensstandard unter das allgemeine Niveau absinkt, - aus welchen Gründen ist uns gleichgültig -, helfen die Nachbarbezirke aus; das ist sinnvoller als einen Raubzug aus Neid zurückschlagen zu müssen, auch wenn nur mit Jagdgewehren, Heugabeln und Messern gekämpft wird.
      Wir erzeugen keine Waffen zum Kampf gegen Menschen. Unsere Industrie wird von der Jugend der ganzen Erde in Gang gehalten und die Jugendlichen sehen somit ganz genau, was erzeugt wird. Junge Menschen wollen leben und nicht in einem Krieg sterben oder schwer verletzt werden - was noch schlimmer ist. ,,Entschuldigung. Was ist ,Krieg? Das Wort kam schon mehrmals. unterbrach Alfa, und der Bürgermeister ging auf die Frage ein:
      ,Krieg war der organisierte mit tödlichen Waffen geführte Kampf zwischen Volksgruppen, Völkern oder Staaten. Als Gründe oder Rechtfertigung vorgeschoben wurden immer Ideale wie Gott, Kaiser, Vaterland, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, ,wahrer Glauben, ,Gerechtigkeit. Die wahren Gründe für einen Krieg wurden nie genannt - möglicherweise waren sich die Leute darüber auch nicht bewußt. Unsere geschichtlichen Forschungen lassen uns als wirkliche Gründe ahnen: Kriege wurden von Machthabern geführt, um noch mehr Macht zu gewinnen oder noch reicher zu werden, oder die Menschen wurden in Kriege hineingehetzt, um wirtschaftliche Vorteile zu erringen oder um sich aus wirtschaftlichen Niedergängen ,herauszukämpfen. Der Ablauf war immer der gleiche: Die Erwachsenen stellten den Jungen das Töten als Heldentat dar, und zwar offen oder unterschwellig; dann lehrte man die jungen Männer das Töten mit gräßlichsten Waffen - natürlich ,nur zur Verteidigung des Staates - ; und wenn dann die alten Staatsmänner mit ihren verkalkten Gehirnen nach noch mehr Macht und Geld gierten oder für ein anstehendes ,Staats-Problem keine befriedigende Lösung fanden, dann schickten sie die jungen Männer in die Schlacht; gleich wie der Krieg dann ausging, er ging immer auf Kosten der Jungen und des Volkes, im Hochtechnologie-Zeitalter durch radioaktive und chemische Umweltverschmutzung auf Kosten von mehreren Generationen.
       Wir meinen: Krieg läßt sich nicht rechtfertigen, weder durch einen Grund noch durch ein Ziel.
      Unsere Jugendlichen wachsen deshalb nicht als ,Friedenstauben auf, die meisten lernen körperliche Selbstverteidigung in wirkungsvollen Sportarten. Den Umgang mit hochtechnischen Waffen können und brauchen sie nicht lernen, weil wir keine mehr bauen. Den Bau von Waffen zum Töten von Menschen lehnen wir als unsinnig ab: unsinnig ist der Zweck; die Zeit, Arbeit und Rohstoffe dafür sind unsinnig vergeudet.
      Auf drei Milliarden Jahre Erdlebenszeit gerechnet ist unsere Rohstoffbasis bei Metallen sehr schmal. Die Materialschlachten in den Kriegen vor der ,großen Umgestaltung waren menschenverachtend in dreifacher Weise: erstens wurden dadurch viele Menschen auf gräßliche Weise getötet oder verwundet, zweitens wurde dadurch die Rohstoffbasis aller späterer Generationen auf unsinnigste Weise verringert, drittens wurden Waffen gebaut, die wir nicht verschrotten konnten - so haben wir heute Stollen, in denen tonnenweise hochgiftiges Plutonium aus Atombomben lagert, ein unangenehmes Erbe für 100000 Jahre, Sie können sich vorstellen, wie wir auf die dafür verantwortlichen Physiker, Techniker und Politiker zurückblicken.
      Der Bürgermeister schwieg und nahm einen großen Schluck aus seinem Glas. Brigitte setzte fort:
       ,,Der Fachmann für Umweltfragen überprüft die Güte der Luft, des Trinkwassers, der Gewässer, des Waldes und sorgt bei Neubauten für eine bestmögliche Einpassung in das Gefüge der Natur.
      Der Fachmann für Bildung und Kultur belebt die Gemeinde durch Veranstaltungen aller Art, wie zum Beispiel Musikabende, Schauspiele, Volksfeste. Er fördert die Musik- und Schauspielgruppen des eigenen Ortes, macht den Veranstaltungskalender und sorgt für den Austausch zwischen den Ortschaften.
      Der Richter sichert oder schafft den Frieden in der Ortsgemeinschaft, das heißt er schlichtet Streitigkeiten, bringt Störenfriede zur Vernunft oder macht sie unschädlich. Viel hat er nicht zu tun, denn viele Vergehen von früher haben in unserem System keinen Beweggrund mehr.
      Stehlen ist sinnlos, da jeder ungefähr gleichwertig ,begütert ist; Vergewaltigung ist unnötig, da wir Frauen im allgemeinen nicht prüde sind und daher leicht einen Weg finden, einen sextollen Mann zu entspannen, ohne uns etwas zu vergeben, - und auch für den Mann nicht ungefährlich, weil wirkungsvolle Kampftechniken bei uns zur Allgemeinbildung gehören; Partnermord ist selten, da sich jeder rechtzeitig auf ,sein Anwesen zurückziehen und somit Abstand dazwischen legen kann, bevor der Haß jede Vernunft auffrißt; Eifersuchtsmorde sind ebenfalls selten, da wir das Eigentumdenken abgebaut haben und daher auch den Partner nicht als Eigentum betrachten. Raubmord ist vollkommen sinnlos.
      Die häufigste Tätigkeit des Richters ist das Aufklären von Verkehrsunfällen, aber auch die sind selten, da der Wasserstoffantrieb jeden stärkeren Unfall höchst lebensgefährlich macht und darum jeder entsprechend vorsichtig fährt. Die Verschuldensfrage ist deswegen wichtig, weil davon das Maß der Arbeit abhängt, um ein neues Auto zu bekommen.
      Brigitte schwieg kurz, dann fügte sie noch hinzu:
       ,,Unsere Weltsprache ist die Sprache eines kleinen Volkes, das vor ein paar tausend Jahren bereits die Demokratie entwickelt und eine ähnliche politische Struktur hatte, wie wir jetzt, nämlich kleine überschaubare ,Stadtstaaten, die nur bei Bedarf gemeinsam auftraten, und das einen ausgeprägten Sinn für Schönheit hatte, also so ähnlich dachte, wie wir jetzt. Daneben haben die einzelnen Völker noch ihre eigene Sprache, aber durch die allgemeine Vermischung verschwinden diese immer mehr.
      Brigitte nahm einen tiefen Zug aus ihrem Glas. Alfa empfand die Luft plötzlich drückend. Der Bürgermeister meinte: ,,Heute wird ein Gewitter kommen, es ist so schwül. Ich schlage vor, wir erfrischen uns im Swimmingpool. ,,Gute Idee! stimmte Brigitte zu und Alfa nickte. Der Bürgermeister und Brigitte standen auf und schlüpften aus ihren Kleidern, Alfa tat es ihnen nach. Sie stiegen beim seichten Kinderteil in das Schwimmbecken, kühlten sich ab und hechteten dann ins Tiefe. ,,Ob Brigitte...? fragte sich Alfa, aber Brigitte hielt Abstand. So schwamm jeder für sich und genoß das klare, lichtdurchflutete, weiche Wasser. Alfa hatte als erster genug; er stieg heraus, streifte sich die Wassertropfen von der Haut, ließ sich von der Sonne trocknen und kleidete sich an. Dann setzte er sich wieder in seinen Liegestuhl, verstellte ihn so, daß er in den Himmel sah, und schaute dem Spiel der Wolken zu. Sie wurden zusehends dunkler und schoben sich auf die Sonne zu. Nach einer kleinen Weile kamen auch Brigitte und der Bürgermeister. ,,Stellen wir vielleicht die Liegestühle ins Haus und verziehen wir uns selbst auch hinein. schlug der Bürgermeister vor. Also nahm jeder seinen Liegestuhl und stellte diesen in den ,Glaspalast. Dann griff sich jeder sein Glas, der Bürgermeister noch den Krug und Brigitte das Tablett, sie gingen auf die Terrasse und machten es sich dort bequem. Der Bürgermeister fragte Alfa nach dem gesellschaftlichen und politischen System seiner Stammheimat. Als es zu regnen anfing, schob der Bürgermeister die Glasteile zu. So saßen sie, abgeschirmt vom Unwetter, aber doch heraußen. Sie redeten, bis es dunkel wurde.
      Weil sie so schön im Plaudern waren, lud der Bürgermeister Alfa zum Abendessen ein. Alfa nahm erfreut an. Er benachrichtigte Nora über das TKS. Dann grillten sie auf der Terrasse, die jetzt zur Veranda geschlossen war. Der Bürgermeister entkorkte eine Flasche Wein, - ein Geschenk eines Freundes aus einer Gegend, wo Wein wuchs -, und später noch eine. Als es Zeit war, schlafen zu gehen, sagte der Bürgermeister, daß er nicht Auto fahre, wenn er Alkohol getrunken habe, und daß Alfa in einem Gästezimmer des Rathauses schlafen möge.


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