Egyd Gstättner
Schriftsteller
Home
Biographie
Interviews
Buchpublikationen
Beiträge in Anthologien
Feuilletons
Theater
Preise
Rechte
Downloads
Kontakt

        Interview

Karikatur:
Pismestrovic
pismestrovic.com


« zur Übersicht 

Resumme-Interview "one year after"
Autor Egyd Gstättner mit dem Standard-online-Journaliten Martin Putschögl

***

Putschögl: Lieber Herr Gstättner, das Motto unseres Heftes lautet "Hinterhalt" Bei der Präsentation Ihres neuen Buches "Der Mensch kann nicht fliegen" im September im italienischen Kulturinstitut in Wien hat Sie der Institutsleiter vor versammeltem Publikum gefragt, ob er das erste Kapitel des Buches, das er selbst ins Italienische übersetzen hat lassen, in seiner Hauszeitschrift veröffentlichen darf. Sind das so die Hinterhalte, auf die man als Autor vorbereitet sein muss?

Gstättner: Naja, Hinterhalte gibt's im ganzen Leben, und im Autorenleben im Speziellen. In dem Fall ist es aber ein freundlicher, wohlwollender Hinterhalt. Es ist ja durchaus in meinem Interesse und im Interesse des Verlages, dass es zu Übersetzungen kommt. Die naheliegendste ist natürlich jene ins Italienische, weil der Roman in Italien spielt. Jeder Autor wünscht sich Übersetzungen, und wenn dann das Angebot kommt, gibt's eigentlich keinen Grund, nicht zuzusagen.

Putschögl: Das ist aber wohl ohnehin Verlagssache?

Gstättner: Ja, das wickelt der Verlag ab. Aber ich würde mich auch nicht dagegen sperren. Die Fragen sind dann: Entweder dreht sich's ums Finanzielle, aber das ist, wenn es nicht gerade das Englische ist, ohnehin untergeordnet. Es stellt sich natürlich auch die Frage der Qualität, was ich mangels Italienischkenntnissen auch nicht selbst überprüfen kann. Der Thomas Sessler Verlag hat einmal eine Übersetzung eines meiner Stücke ins Schwedische untersagt, weil ihm das Schwedische zu mangelhaft war. In dem Fall habe ich mir vielleicht einen Flug nach Stockholm erspart oder für später aufgehoben.

Aber es gibt andere "Hinterhalte", die mir auffallen: Es gibt zum Beispiel so "Kultur-Papparazzi", die Fotos schießen, die dann irgendwann einmal irgendwo erscheinen, und du hast überhaupt keine Ahnung, wann und wo das war. Manchmal bin ich selber erschreckt, wenn ich mich dann sehe. Manchmal sind's auch gute Fotos, aber im Grunde hat man da auf seine öffentliche Präsenz wenig Einfluss. Mit so etwas muss man rechnen. Andererseits wär's wohl schlimmer, wenn das nicht passiert – denn das hieße, man wird überhaupt nicht wahrgenommen. Hie und da irgendwo ein schlechtes Foto, das lässt sich überleben.

Putschögl: Der Protagonist Ihres Buches, Carlo Michelstaedter, sagt selbst auch, dass er "in die Falle gegangen" ist, indem er wieder nach Hause zurückgekehrt ist.

Gstättner: Naja, es hat ihn natürlich niemand gezwungen, aber er ist dann auf die schiefe Bahn rückwärts geraten. Er ist sicher in die Falle gegangen, aber er hat sich auch selbst nicht genug darum bemüht, diese Mausefalle wegzuräumen.

Die Figur des Carlo, die eine historisch verbürgte ist, hab ich selbst auch so als Alter Ego zu mir entworfen, so wie es Goethe mit seinem Werther gemacht hat: Ihm das rasches Ende für seine Lebensmängel oder für seine Unglücklichkeiten bereitet, das mir selber Gottseidank erspart geblieben ist. Diese Figur hat hauptsächlich ex negativo, aber doch auch mit dem Autor zu tun. Es gibt eine Passage, wo er sagt, es wäre sein großer Traum, einmal in der Neuen Freien Presse zu schreiben. Er hat schon einen Brief aufgesetzt daheim, und es geht nur noch darum, dass er die Kraft findet, die Marke draufzukleben und den Brief an die Redaktion zu schicken, von dem vielleicht sein ganzes Leben abhängt. Das war eine Anspielung auf meine eigene Karriere, wo es genau so war: Mein erster Text, den ich 1988 dem Karl Woisetschläger von der Presse geschickt habe, ohne ihn zu kennen, das war auch so eine Hopp-oder-Tropp-Aktion. Drei Tage später hat er sich dann gemeldet und gemeint: Ja, den Text werden wir nehmen. Eine harmlose Geschichte letztlich, aber für mich einer der Gründe, warum ich mich nicht erschossen habe (lacht). Es sind immer ganz knappe Entscheidungen: Fällst du über die Kippe, oder geht's noch weiter.

Putschögl: Ich möchte nochmals den Carlo zitieren: "Ich würde nie einen historischen Roman schreiben, auch wenn er in der Vergangenheit spielt. Immer müsste sich in der Vergangenheit meine Gegenwart spiegeln." Das ist auch so was wie Ihr Leitsatz…

Gstättner: Genau. Das ist kein Zitat aus einem Michelstaedter-Brief, sondern der Satz ist von mir. Das heißt, er ist von mir dem Carlo in den Mund gelegt worden, denn sagen tut ihn ja er. Aber das ist tatsächlich offenbar einer der Kernsätze da drinnen, auf den Satz haben mich schon viele angesprochen. Daran lässt sich auch zeigen, wie meine Arbeitstechnik ist: Das ganze Buch ist eine Mischung aus Realem und Fiktivem, wobei das Lebensgerüst des Carlo Michelstaedter real ist, von der Geburt bis zum Tod, vieles aber innerhalb des Lebens – schon deshalb, weil man es nicht kennt – von mir erfunden wurde, von mir gefüllt und gestopft, exemplarisch aufgewertet und charakteristisch gemacht.. Man weiß , dass sich Michelstaedter einmal eine Zeitlang mit dem ganz unbekannten vorsokratischen Philosophen Gorgias aus Leontinoi beschäftigt hat. Das hab ich auch gemacht (daraus ist dann der „König des Nichts“ geworden), ohne etwas von Michelstaedter zu wissen. Nach und nach hat bei der Beschäftigung mit meinem „Helden“ immer mehr zusammengepasst.

Und so hat's halt immer mehr Punkte gegeben, die diese Figur für mich interessant gemacht haben. Der Ich-Erzähler hält sich ja selbst sehr zurück. Der schaut sich das unter der Lupe an, was damals war, und zwischendurch schaut er von der Lupe auf und schaut, wie das heute ist.

Putschögl: Wenn man den Wikipedia-Eintrag des Carlo Michelstaedter gelesen hat, dann könnte man glauben, der Eintrag wäre anhand Ihres Buches geschrieben worden.

Gstättner: Aha. Ich habe ihn nicht gelesen, das weiß ich nicht. Mir geht's aber auch nicht um diese konkrete historische Figur. Meine Figuren sind immer Beispiele für etwas. Mir geht's immer um den Typus, um – wie in diesem Fall - die Situation eines jungen Menschen, Künstlers, der "lebensfähig" wird. Lebensfähig zu werden, das ist für mich so was wie ein Lebensthema. Ich glaube nicht, dass ich es schon zusammengebracht habe, ich arbeite da noch daran. Ich glaube, es ist ziemlich brutal, lebensfähig zu werden.

Als Schriftsteller arbeitet man eben exemplarisch und plastisch. Man verlegt ein Thema in der Zeit oder im Raum, um vom Vordergründig-Aktuellen wegzukommen. So, wie's dasteht, soll man es ja auch in 20 Jahren noch lesen können und die Problematik verstehen. Nebenbei habe ich natürlich ein bisschen Liebe zu den Schauplätzen, die da vorkommen, und natürlich auch zur Zeit.

Putschögl: In Ihrem Buch kommt auch ein Absatz vor, wo ein Freund dem Carlo vorhält, dass die Satiriker "nichts bewegen können in der Welt". Sie sind ja unter anderem auch Satiriker. Sehen Sie das auch so?

Gstättner: Schon, natürlich. Ich glaube, dass Künstler insgesamt kurzfristig weniger bewirken können, als sie sich selbst einreden und glauben.

Der Carlo Michelstaedter hat ja auch gezeichnet, und vielleicht war das das künstlerisch Wertvollste, was er gemacht hat. Ein Toulouse-Lautrec, ein Deix, ein Ironimus seiner Zeit… Wir Künstler sind alle zusammen relativ machtlos. Durch keinen Satiriker oder Karikaturisten ist jemals irgendetwas anders geworden. Ganz im Gegenteil ist es so, dass die Karikierten sich geehrt fühlen, wenn sie sich in einer Figur erkennen – selbst wenn sie negativ dargestellt und verspottet wurden. So wie Sokrates irgendwann einmal in einem Theaterstück gesessen ist und sich in einer Figur erkannt hat, und da ist er aufgestanden und hat sich verneigt. Die Karikatur stabilisiert den Karikierten, also den Mächtigen. Das war eigentlich immer noch so. Der Hofnarr hat die Narrenfreiheit gehabt, der durfte sich über seinen Herrn – in Maßen zumindest - vor dessen Angesicht lustig machen. Das hatte so eine befreiende, abführende, homöopathische Wirkung. Das war sogar in absolutistischen Regimen so. Das ist eine ganz komische Geschichte.

Wenn dann die Herrscherfigur weg ist, muss der Karikaturist sofort umsatteln. Das ist also immer auch ein erbärmliches Nachhecheln, wer gerade am Platz ist.

Der von Ihnen zitierte Satz ist entstanden, als einmal nach einer Lesung im Literaturhaus Graz ein Student auf mich zukam und sagte: "Ich würde Sie gerne etwas fragen. Es ist nämlich so: Ich bin ein Linker, das heißt, ich habe keinen Humor." Das hat er mir von sich aus, ohne dass ich vorher irgendwas in der Richtung gesagt hätte, genau so gesagt. So hat er sich vorgestellt. Und ich hab drei Tage gebraucht, wo mir diese Szene im Kopf herumgegangen ist und ich mich gefragt habe: Was ist da jetzt passiert? Als Schriftsteller ist man ja normalerweise kein schneller Mensch. Wenn man immer so spontan wäre, müsste man sich ja nicht mit Schreibarbeit aufhalten. Aber diese Szene, dieser Satz hat so in mir gearbeitet, bis ich mir gedacht habe: Moment, eigentlich hat er ja recht. Also ich würde das von mir selbst nie behaupten. Aber er wollte das natürlich auf eine politische Ebene holen, so quasi: Ob ich mit meiner Arbeit denn irgendwas verändern könne. Ich komme immer so politisch daher, aber eigentlich verändere ich nichts. Das war so seine Kernaussage. Und es stimmt ja: Ich verändere nichts.

Aber solche Szenen, die mir passieren, fließen dann umgebaut in die spätere Arbeit mit ein – wenn ich sie irgendwo brauchen kann. In dem Buch sind Alltagserfahrungen und Lektüreeindrücke aus einer Zeitspanne von vier bis fünf Jahren im frühen 21. Jahrhundert versammelt. Und das verrate ich jetzt nur für "etcetera", weil das eh keine Millionen-Auflage hat und das auch eher nur die Experten lesen, die sich wirklich damit beschäftigen: Es gibt zum Beispiel eine Passage im hinteren Teil, wo der Carlo sagt: Naja, also heiraten – theoretisch schon. Aber wenn, dann muss es so sein, dass ich meinen Namen behalte und sie ihren, und ich behalte meine Wohnung und sie ihre, und die Wohnungen müssen mindestens 300 km voneinander entfernt sein, und man dürfte sich nur mit Ankündigungen gegenseitig besuchen, und wohnen bleibe ich sowieso bei meiner Mutter usw. Der Name fällt zwar im Buch nicht, aber ich habe das nicht vom Michelstaedter, sondern von der Elfriede Jelinek. Das ist genau die Jelinek-Geschichte. Das heißt, es spiegelt sich ja nicht nur der Autor in diesem Buch, sondern viele, viele Personen. Es geht mir auch nicht um die Jelinek, sondern um diesen zeitlosen Typus.

Putschögl: Weil Sie sich selbst darüber im Klaren sind, dass Sie mit Ihren Geschichten im realen Leben "nichts bewegen": Gibt es gerade aus dieser Einsicht heraus den Wunsch, in Ihren Geschichten selbst mit den Veränderungen zu spielen? Indem Sie zB im Schluss, der mir sehr gut gefallen hat, diese verschiedenen Möglichkeiten aufzeigen, wie das Leben des Carlo weitergehen hätte können. Das hat ein bisschen was vom zeitgenössischen Kino, Episodenfilm sozusagen.

Gstättner: Das prinzipiell Spannende in der Kunst und in der Literatur ist ja, dass du Sachen tun kannst, die dir in der Wirklichkeit schon rein technisch unmöglich sind. Vielleicht war der Kunstgriff, mich um hundert Jahre zurück zu bewegen, auch deshalb erforderlich, um ihn dann am Ende fiktiv im Schnelllauf zeigen zu können. Einer der letzten Sätze ist ja: "Mit mir selber kann ich das Experiment nicht machen." Denn ich kann mir nicht sagen, was bis 2108 passieren wird. Aber für ihn ist es ja genau dieselbe Situation, in der wir jetzt sind. Nur ist bei uns die Wende schon 1990 passiert. Wir stecken heute in einer Zeit des Turbokapitalismus einerseits, in einer wahnwitzigen Völkerwanderung andererseits. Was aber im Grunde auch so eine spätmonarchistische Geschichte ist, mit den Nationalitätenkonflikten und so weiter. Alle diese Probleme liegen nicht so weit auseinander. Heute sind das halt europaweite Probleme, damals waren das donaumonarchistische.

Putschögl: Was reizt Sie eigentlich so daran, historische Figuren, die sich real nie getroffen haben, zusammenzubringen?

Gstättner: Vielleicht ist es das Bestreben, ein Weltbild konziser zu machen. Ein Weltbild ist ja von vornherein immer einmal ein Aquarell, wo schon fast nur noch Wasser drinnen ist und sonst nix. Und mein Versuch ist, das Weltbild auf eine schöne Rötelzeichnung zurückzuführen, wo man dann Konturen besser sehen kann. Erfindung ist immer eine große Lust, wenn hinter der Erfindung eine gewisse Notwendigkeit steckt. Mein Arbeitsprinzip ist in der Regel, dass ich weniger das Personal erfinde als die Komposition und die Situation. So, wie ich es beschreibe, hätte es ja sein können. Und ich fange immer dann an zu beschreiben, wenn es gilt, Lücken zu füllen. Wenn zuviel Luft zwischen den einzelnen Knochen im Skelett da ist. Das Wesentliche ist aber nicht der Mantelständer, sondern das sind die Mäntel, die dran hängen.

Unter anderem ist der – von mir erfundene - Briefwechsel Carlos mit Sigmund Freud nicht zufällig eingeführt, denn ich brauche ihn ja dann im zweiten Teil. Aber so was verrate ich natürlich nicht von vornherein, sondern darin liegt ja der Lesegenuss, dass man erkennt: Aha, da lösen sich jetzt Dinge auf. Es steckt schon ein Bauplan dahinter, der dann präzise befolgt wird.

Putschögl: Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?

Gstättner: Etwa vier Jahre. Der Beginn wird so etwa im Frühjahr 2004 gewesen sein, aber es überlagert sich ja teilweise mit anderen Arbeiten. Es setzt ungefähr da ein, wo das "Mädchen im See" aufhört. Ich war damals noch mit dem Ende des "Mädchen im See" beschäftigt, als schon erste Ideen für dieses Buch da waren.

Putschögl: War Ihnen Michelstaedter auch vorher schon ein Begriff?

Gstättner: Eine große Nummer war und ist er außerhalb von Görz oder dem Friaul sicher nicht. Wenn jemand mit 23 abtritt, hat er's natürlich postum schon schwer – vor allem unter diesen Umständen. Gerade das war aber sicher auch etwas, was mich an dieser Figur besonders gereizt hat. Görz ist nicht bekannt für seine großen Künstler. Görz ist Provinz, Görz liegt abseits. Ich wohne auch in so einer Stadt. Michelstaedter kommt zwar irgendwo in einem Fremdenverkehrsprospekt vor, aber die wissen halt auch nicht so recht: Sollen wir ihn "verkaufen", und als was? Dass sich einer erschießt, das passt halt auch nicht so richtig zu den Volkstanzgruppen, die's sonst so dort gibt.

Die Idee ist brach gelegen im Hinterkopf, und irgendwann war ich mal in der Gegend und hab mir gedacht: Schau ich mir das an. Aber aus vielen solcher Ideen wird dann auch oft gar nichts.

Putschögl: Vor einem Jahr haben wir einmal ein Interview für derStandard.at gemacht, da haben Sie gesagt, dass der so genannte "Jahrhundertherbst der österreichischen Literatur" schon im Frühjahr "mausetot" sein würde. Wie ist das jetzt?

Gstättner: Ich gebe die Frage zurück: Sehen Sie noch irgendwo die Bücher dieses Herbstes?

Putschögl: Nein, die Bücher sind weg…

Gstättner: Sie sind weg, und sie stehen auch nicht auf irgendwelchen Bestsellerlisten. Der ganze Jahrhundertherbst ist wie weggewischt. Und das ist wirklich schade, denn das waren teilweise sehr gute Sachen. Ich habe zum Beispiel das Buch von Glavinic sehr gut gefunden – das war so eine Stadtneurotiker-Geschichte.

Aber es hat im Grunde diese Geschichtsschreibung aufgehört. Der Kapitalismus kennt keine Geschichtsschreibung, weil die nicht zu Geld zu machen ist. Und dadurch hört die auf, aber Literatur lebt da davon. Und wenn man das Wort "Jahrhundert-" hernimmt - das ist ja etwas, was eigentlich mit Geschichte und Geschichtsschreibung direkt zu tun hat -, dann haben wir da einen Widerspruch in sich: Man kann nicht ein "Jahrhundert-" Ereignis behaupten, wenn man gleichzeitig die Geschichtsschreibung de facto abschafft. Das stimmt vorne und hinten nicht.

Putschögl: Und das geht natürlich schon gar nicht am Anfang eines Jahrhunderts…

Gstättner: Stimmt, das macht das Ganze noch grotesker. Das Wort "Jahrhundert-" ist ein reines Marketing-Instrument, und als solches so patschert eingesetzt, dass jeder nur den Kopf schütteln kann, der zwei Augen im Kopf hat.

Ich bin jetzt so mittelalt und kenne die Literaturgeschichte aus meiner ersten Lebenshälfte. Da ist ein "Wunschloses Unglück" etwa ein Buch, das Karriere gemacht hat, ohne dass am Anfang "Jahrhundertwerk" oder Ähnliches draufgestanden wäre. Da könnte man zehn, zwölf Titel nennen. Ich meine jetzt nicht nur den Verkauf, sondern auch die Beschäftigung damit, die in der Schule, an den Universitäten, auch in den Medien passiert, vor allem in den elektronischen. Ich bin noch aufgewachsen mit wunderschönen Literatursendungen, -porträts und –verfilmungen. Da ist Geschichte erzeugt worden, nachhaltig – auch kontroversiell, mit Gegenstimmen und Disputen. Das hat sich heute alles aufgehört. Es geht nur noch um schnelle Ladentischpräsenz. Der stärkere Verlag setzt sich durch. Und der Autor ist das schwächste Glied.

Mein neues Buch ist zur Zeit auf den meisten Ladentischen oben, aber ich erkenne gleichzeitig, dass das mit mir und meiner Arbeit überhaupt nichts zu tun hat, sondern mit der Verlagswahl. Ich habe im letzten Jahr den Romanverlag gewechselt, weil ich mit der Arbeit des alten Verlags nicht sehr zufrieden war, und bin momentan mit dem neuen Verlag sehr glücklich. Es ist zwar noch immer kein großer deutscher Verlag, aber einer der größeren österreichischen, ein angesehener Verlag mit engagierten Leuten.

Putschögl: Wie genau verfolgen Sie eigentlich die österreichische Literatur? Wieviel lesen Sie selbst, wie viel Zeit haben Sie überhaupt dafür?

Gstättner: Naja, ich lese natürlich auch nur einen Bruchteil. Teilweise passiert das aufgrund von Empfehlungen von Bekannten, oder man lernt jemanden kennen, trifft mit dem zusammen und muss ein Buch einführen, und da muss man dann natürlich wissen, wovon man redet. Teilweise sind's auch Zufälle. Je älter man wird, desto größer wird natürlich die Liste von Bekanntschaften. Wenn der Josef Winkler oder der Alois Brandstetter etwas machen, dann liest man das natürlich automatisch.

Putschögl: Noch eine Frage zu Ihrer Arbeitsweise: Haben Sie eine bestimmte Tageszeit, wann sie schreiben?

Gstättner: Ich habe ein Büro, das ist so wie ich's beschrieben habe: Auf mein Haus hinaufgebaut. Aber ich schreibe dann, wenn ich Ruhe habe, wenn die ganze restliche Familie außer Haus ist, das beginnt so um 9 Uhr. Natürlich ist nicht jede Arbeit unmittelbar eine kreative – wenn man nicht gerade einen "Schub" hat. Ich lese Zeitungen, rufe E-Mails ab etc.

Mittlerweile ist das Schreiben eher eine "Unter-Tag-Arbeit". Als jüngerer Mann habe ich immer noch gerne in der Nacht gearbeitet, dazu bin ich jetzt schon zu müde. Das heißt, ich gehe zwar spät schlafen, aber abends schreibe ich nicht mehr, sondern lese, surfe oder was auch immer. Dem Alter entsprechend entstehen die besseren Sachen am Vormittag, wenn man ausgeruht ist und noch nicht so erschöpft ist.

Putschögl: Naja, so alt sind Sie ja noch nicht…

Gstättner: Sagen wir: Mittelalter. Junger Autor bin ich keiner mehr. Ich habe mir auf dem Weg hierher gerade gedacht: Es kann schon nicht mehr stehen "Hat sein Leben verpfuscht". Es kann nur noch stehen "Ist im Alter verarmt" oder so was. Das muss man noch ausschließen, dann hab ich's schon auf Schiene. Aber völlig verhaut kann mein Leben nicht mehr sein.

« zur Übersicht   « zum Seitenanfang 
 
 © 2006-2015 by Egyd Gstättner / Impressum  site by RED-EYE