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Feine Fallrückzieher
Pichler Verlag, Wien 2008
LESEPROBE (Einleitung)
 
Die Lage der Fußballnation vor der EURO

Österreich ist keine Fußballnation. Österreich ist eine Kulturnation. Kultur ist natürlich keine Kunst. Fußball wäre eine Kunst. Früher als der Weltfußball schlecht und unbedeutend war, war der österreichische Fußball gut und bedeutend. Je besser jedoch der Fußball weltweit wurde, desto schlechter wurde er in Österreich: daran hat sich auch jetzt, knapp vor der Europameisterschaft im eigenen Land, leider nichts Gravierendes geändert. Kein anderes Land Europas war einmal so groß und ist jetzt so klein: Das meine ich fußballerisch ebenso wie politisch, und das muß Auswirkungen auf die Seele eines Volkes und eines Landes haben. Immerhin ist Österreich ein sympathischer Gastgeber und hat sich mit den meisten Niederlagen von allen teilnehmenden Nationen für die EURO qualifiziert.

Fußball gespielt wird in den Alpen, neben den Alpen, zwischen den Alpen aber trotzdem. Deswegen möchte ich Fußball hier nicht als Sport, sondern als Kultur präsentieren, als Alltagskulturgut der Masse, als Lebensäußerung nicht nur der Spieler und Trainer, Funktionäre und Präsidenten. Zur Fußballkulturnation gehören auch die Zuschauer, die VIPS am warmen Buffet, die randalierenden Nackten im Käfig und in der Arrestzelle, die ewig um ihre heiligen Rasen bangenden Platzwarte, die bügelnden Ehefrauen, die ausgehenden Ehefrauen, die totospielenden Mindestrentner, die Herzinfarktkandidaten, die Spielerfrauen, die Frauenspielerinnen, die Väter, die ihre Knirpse an Sonntagmorgen zu Auswärtsspielen chauffieren, die verzweifelten Modeschöpfer, denen kein neues Dressendesign mehr einfällt, die Autogrammjäger und Cheerleader, die Historiker und die berühmten Statistiker, die jede Mannschaftsaufstellung aus den Dreißiger Jahren hersagen können, die Analytiker, Kommentatoren, Moderatoren, Präsentatoren, Phrasendrescher, Biertischpropheten...und natürlich die Schriftsteller, die nach alter österreichischer Tradition den Untergang des Fußballlandes in Anekdoten erzählen.
Ich möchte Fußball hier als Erziehungsmittel zeigen (zum Beispiel im Umgang mit Niederlagen), als Länderkunde (eine Tour d`Europe von England bis Israel, von Portugal bis zur Türkei - unter besonderer Berücksichtigung der Länder Kroatien, Polen und Deutschland am Ende des Buches, gegen dessen Teams das österreichische Team bei der EURO spielen wird), als Opium fürs Volk: Fußball ist Religion. Der Papst ist Deutscher, der letzte Papst war Pole. Die Chancen stehen schlecht. Sollte Österreich in der Vorrunde scheitern, wäre das immerhin ein Gottesbeweis; ein eventueller Österreichischer Triumph umgekehrt ein atheistisches Manifest – es sei denn, die Wege des Herrn sind unergründlich – und der nächste Papst wird Kroate oder gar Österreicher.

Fußball als Politik: Denn der Fußball hat seine historische Rolle gewechselt, seine Bedeutung geändert, ja ins Gegenteil verkehrt. Kein König, kein Kaiser wäre vor hundert Jahren auf die Schnapsidee gekommen, einen Fußballplatz zu betreten. Kein Bundeskanzler käme heute auf die Schnapsidee, bei einem Länderspiel das Stadion nicht zu betreten. Hundert Jahre lang – und bis vor wenigen Jahren – ist der Fußball von unten gekommen als Gegenwelt, als Trost der Massen für ihre entgangenen schönen Leben, als Aufschrei, als Protest und zornige Selbstbehauptung. Und als wir. Wir sind das Volk! Arbeiter, Arbeitslose, jedenfalls der kleine Mann von der Straße hat Vereine gegründet für die Verdammten dieser Erde. Hier regiert die Basis! Hier regiert der Verein! Hier regiert der FCX! Heute kommt der Fußball von oben. Er wird von oben geradezu verordnet. Vereine werden von Politikern vereinnahmt oder bei Bedarf gleich gegründet. Wir sind die Mächtigen! Bejubelt uns! Wählt uns! Kauft unsere Produkte! Aus einem Instrument der Opposition ist der Fußball zu einem Instrument der Regierung geworden. Berlusconi hat seine Partei nach dem Schlachtruf „Forza Italia!“ genannt, und wer weiß, wie lang es dauert, bis auch bei uns die „Immer-wieder-Österreich-Partei“ auf der politischen Landkarte erscheint. Hier regiert die Regierung! Hier regiert der Landeshauptmann! Hier regiert der Cashpoint X! Der Fußball war im Lauf seiner Geschichte schon Repräsentant aller möglichen politischen Systeme. Heute ist er Botschafter des Kapitalismus. Aber er ist als solches so schön, so wandlungs- und anpassungsfähig, dass er auch diese Ära noch locker überleben wird.

Ich präsentiere Fußball als Philosophie und Demoskopie, als Geographie und Geschichte, als Kriegsersatz und Sexualersatz, als Droge, als Sprachkunst, als Theater, als Drama, als Epos, als Märchen, als Menschenhandel, Geschäft und Prostitution, als schnellen Reichtum und schlimme Armut, als große Hoffnung und tiefen Absturz, als Patriarchat und Möglichkeit zum Seitensprung, als Lachen und Weinen... Fußball als Spiegelbild der ganzen Welt.

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