Rezension


Gerhard Streminger:

David Hume. Sein Leben und sein Werk

2. unveränd. Aufl. Paderborn, München, Wien, Zürich
Verlag Ferdinand Schöningh, 1994, 715 S.

Rezensiert von Matthias Bohlender

In: Beliner Debatte INITIAL,
Zeitschrift für sozialwissenschaftlichen Diskurs, Berlin 3/1995, S. 125-128


Leben und Werk eines bedeutenden Intellektuellen des 18. Jahrhunderts zu beschreiben, ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein risikoreiches Unterfangen. Es gilt ja nicht nur, die theoretische Breite und Vielfalt eines solchen Denkers in geeigneter Weise zu erfassen und darzustellen; auch die Schilderung der Leberweise, des Charakters und der mannigfaltigen politischen, diskursiven und kulturellen Verflechtungen gehören zum festen Bestandteil einer solchen Biographie. Gleichwohl steht diesen Anforderungen das Recht des Lesers gegenüber, nicht durch zu detaillierte Informationsfülle gelangweilt und durch übermäßigen Fachjargon abgeschreckt zu werden.

Mit seinem Buch David Hume. Leben und Werk (715 Seiten inklusive eines Anhangs, in dem zwei neue Briefe und eine neu aufgefundene Rezension von Hume enthalten sind) hat Gerhard Streminger diesen schwierigen Gang nun zu bewältigen versucht, wobei der große schottische Aufklärer es seinem Biographen im Hinblick auf diskursive Varianz, lebensgeschichtliche Fülle und theoretische Tiefe nicht gerade leicht gemacht hat. Das Leben des vielgereisten Tutors, Bibliothekars, Kriegsgerichtsrates, Diplomaten und Club-Königs zu schildern und dabei den Epistemologen, Religions- und Moralphilosophen, Essayisten, Historiker und politischen Ökonomen nicht zu vernachlässigen, ist wahrlich keine leichte Sache. Doch hätte es, um es vorweg zu sagen, dem Buch gut getan, in Hinblick auf Seitenzahl, Stil und Leser, klare, ausgewiesene Präferenzen und thematische Schwerpunkte zu setzen. Streminger aber, so scheint es, wollte "alles", und so wird der Leser, noch bevor er die "Kindheit" David Humes in schillernden und romantisierenden Farben gemalt bekommt, in die Geschichte Schottlands von den Pikten über die Christianisierung bis hin zu Maria Stuart, John Knox und dessen Lehre eingeführt. Zweitausend Jahre auf 60 Seiten, gefolgt von knapp siebzig Jahren auf 600 Seiten.

Das Buch von Streminger ist interessant hinsichtlich eines Aspektes, der wichtig genug erscheint, um hier eine knappe Zusammenfassung vernachlässigen zu können. Hierbei handelt es sich um den vom Autor lediglich implizit verwendeten und damit rhetorisch stilisierten Begriff von Aufklärung. David Hume war ein "klassischer, liberaler Aufklärer" das ist die scharfe Kontur, die Streminger nach und nach, streng der Chronologie folgend, dem vielseitigen, nicht immer bruchlos verlaufenden Leben und Denken des schottischen Gelehrten zuweist. Aber was heißt das? Wer war zu dieser Zeit unter den Gelehrten kein Aufklärer, wer war nicht liberal, und wer ist nicht in den Kanon der Klassiker einzureihen? Auf diese Fragen gibt Streminger zwei Antworten: die Religion, in Gestalt der streng calvinistisch-presbyterianischen Geistlichen, und Jean-Jacques Rousseau. Mit der Religion, dem schottischen Klerus, der Kirk wird sich Hume ein Leben lang auseinandersetzen; an ihr wird er sich abarbeiten theoretisch, in Form seiner einflußreichsten Schriften (The Natural History of Religion, Dialogues concerning Natural Religion), lebenspraktisch dagegen, indem er sich bis zu seinem Tode immer wieder gegen Anfeindung, Zensur und Atheismusverdacht zur Wehr setzen muß. Was Jean-Jacques Rousseau betrifft, so währte das heftige Aufeinanderprallen dieser beiden Größen des europäischen Kultur- und Geisteslebens nur relativ kurz (1765/66). Gleichwohl scheint mir Stremingers Schilderung und Deutung dieses Treffens eine Art interpretatives Schlüsselkapitel für das gesamte Buch zu sein, gerade auch in Hinblick auf den von ihm verwendeten Begriff von Aufklärung.

"Der Streit mit Jean-Jaques Rousseau gehört zu den aufwühlendsten Episoden im ohnedies nicht gerade ereignislosen Leben David Humes und ist somit für ein Verständnis seines Charakters besonders wichtig. (541) Die Geschichte des Streites selbst ist rasch erzählt. Über die Vermittlung der Pariser Salondame Mme. Boufflers wird Hume auf das Schicksal des von der Kirche Verfolgten und Exilierten aufmerksam. Er bietet Rousseau Schutz an in Form einer Einladung, auf die britische Insel, das "Land der Freiheit", zu kommen. Beide treffen sich in Paris, und schon kurze Zeit später reisen sie gemeinsam Richtung Norden. Von Anfang an, so Streminger, war das Verhältnis der beiden asymmetrisch und spannungsgeladen. "Der Philosoph aus Genf war mißtrauisch geworden. Ihm mißfiel, daß David Hume bei französischen Aristokraten so beliebt war, daß er an fröhlicher Gesellschaft Gefallen fand und daß er mit den Feinden, den philosophes, ungezwungen Kontakt pflegte." (542) Nur der arme Hume merkte trotz eindringlicher Warnungen von seiten des Baron Holbach nichts von den heraufziehenden dunklen Wolken; ganz im Gegenteil: der "gütig lächelnde" bon David schwärmte geradezu überall von seinem Reisepartner, dem "kleinen, netten Mann". Ja, er traf sogar Anstalten, eine Pension für Rousseau beim englischen König zu erwirken. Rousseau, der bad guy, dankte es ihm schlecht. In England angekommen, sorgte er sich mehr um seinen Hund Sultan als um König George III. und brüskierte damit seinen Gastgeber. Die verschiedenen Unterkünfte, die Hume ihm besorgte, waren dem "Naturschwärmer" auch nicht recht, und gleichzeitig fühlte er sich wie ein Kind behandelt. "Ohne auch nur den Schein einer realen Grundlage für solch finstere Gedanken zu haben, war Rousseau von nun an felsenfest vom Treuebruch seines Wohltäters überzeugt." (549) Als die beiden sich trennten Rousseau fuhr aufs Land, Hume blieb in London hatte sich Rousseaus Mißtrauen "zu Zwangsvorstellungen gesteigert, die allmählich in Form eines akuten Verfolgungswahnes ausbrachen" (549). In zwei Briefen an Hume wird er diesen der Falschheit und Lüge bezichtigen und ihm unterstellen, er hätte ihn nach England gebracht, um ihn zu entehren und zu vernichten. Hume hingegen wird den gesamten Briefwechsel an d'Alembert schicken und um seine Veröffentlichung bitten. Damit war der Streit offen ausgebrochen, und jeder konnte sich daran beteiligen. In einer Art Resümee dieses Streites faßt Streminger dann noch einmal die beiden Charaktertypen, des "liberalen, weltbürgerlichen Aufklärers" Hume und des "paranoiden, totalitären Schwärmers" Rousseau, zusammen:

"[D]er eine ausgeglichen großzügig, tolerant, freundlich, humorvoll, ohne jeden Sinn fürs Mysteriöse, undogmatisch, vernünftig, weitgehend vorurteilsfrei; der andere reizbar, argwöhnisch, egoistisch, voller Verachtung für logische Argumente, trübsinnig einem Kult des Gefühls und des Ichs frönend und dadurch Mißtrauen erweckend; der eine in religiösen Dingen radikal und in politischen Dingen liberal-konservativ; der andere in religiösen Dingen ein ziemlicher Obskurantist und in politischen Dingen ein radikaler Demokrat" (561).

Hier haben wir die Attribuierung nicht nur zweier Personen, sondern zweier Weltanschauungen, die keinen Zweifel darüber lassen, wer oder was hier zu wählen sei: die "Ordnung, Vernünftigkeit und Gesundheit der Aufklärung", deren "helles Zeitalter" sich zu verdunkeln droht, oder die "fanatische Schwärmerei". Stremingers poetisches Bild von der sanften Aufklärung, verkörpert in seinem bon oder St. David, bedarf des dunklen, wilden und mysteriösen Gegenparts; sei es nun in Gestalt Rousseaus oder, wie er später ausführen wird, in Gestalt des "gälisch sprechenden Pastorensohns aus den Highlands" Adam Ferguson. Auch er, der erstmals die sozialen Verwerfungen manufaktureller Arbeitsteilung und gesellschaftlicher Entfremdung in seinem Werk gleichsam seismographisch aufzeichnet, wird umstandlos zu jenen Schwärmern geschlagen, die an der "klassischen Mode der Ordnung, des Maßes und der Vernunft" rütteln.

Das Licht der Aufklärung, das einige Jahrzehntelang so hell geleuchtet hatte und mit einem weitgehenden positiven Naturbegriff Mensch und Natur noch in eine einheitliche Konzeption zu integrieren versuchte, ging bald in müdes Flackern über; und je kleiner diese lichtspendende Quelle wurde, desto bedrohlicher wurden die Schatten (573).

Stremingers Bild der Aufklärung verwandelt sich sukzessiv in einen poetischen Mythos, den zu hinterfragen einer "Ruhestörung" (so der Titel eines Abschnitts über die Schottische Philosophie des Common Sense von Thomas Reid) gleichkommt. Rousseau, Adam Ferguson und auch Thomas Reid als einfache Gegenaufklärer zu stilisieren, täuscht jedoch erheblich darüber hinweg, daß die sanfte Aufklärung Stremingers selbst jene Schatten produziert, die diese Philosophen erstmals wahrnahmen und politisch, sozial und kulturell problematisierten. Die Blindheit Humes, den "paranoiden Charakter" Rousseaus nicht erkannt zu haben, ist gleichsam die kulturgeschichtliche Metapher für die Blindheit der Aufklärung gegenüber ihrer eigenen Dialektik. Der gute, sanftmütige und weltoffene Hume ist von den Damen, Palästen und Salons von Paris beeindruckt; für die breite Masse der Bettler, Tagelöhner und Manufakturarbeiter hat er in seiner Wahrnehmung nur Almosen übrig. Oder nehmen wir ein anderes markantes Beispiel für die Schattenseiten der Aufklärung. In Humes Essay Über nationale Charaktere von 1753/54 heißt es in einer Fußnote:

"Ich hege den Verdacht, daß die Neger und allgemein alle anderen Menschenrassen (denn es gibt vier oder fünf verschiedene Arten) den Weißen von Natur aus unterlegen sind. Es gab noch nie eine zivilisierte Nation von anderer Hautfarbe als der weißen oder auch einen einzelnen von Bedeutung in Tat oder Spekulation. Keine erfindungsreichen Manufakturen bei ihnen, keine Künste, keine Wissenschaften." (Hume, D.: Politische und ökonomische Essays, Bd.1, Hamburg 1988, S.165, Fn. 13)

Daß Streminger den rassischen Diskurs(1) Humes der darin einen deutschen Aufklärer namens Immanuel Kant als Schüler finden wird(2) nur bedauernd zur Kenntnis nimmt und als "Ironie der Geschichte" (598) apostrophiert, scheint mir bezeichnend für einen unterschwelligen Begriff von Aufklärung, der die widersprüchliche Einheit von Fortschritt und Sklaverei, Vernunft und Repression, öffentlichem Wohl und Panoptismus nicht zu reflektieren vermag.

Stremingers Buch ist eine breit angelegte Darstellung von Leben und Werk David Humes, des "klassischen, liberalen Aufklärers". In Fülle und Material, in der Bearbeitung von Quellen und Sekundärliteratur gleicht es einem Nachschlagewerk, das sich heranzuziehen lohnt, um einen ersten Einblick in die Mannigfaltigkeit Humeschen Denkens zu erhalten. Insbesondere das Kapitel über Humes frühes, radikal philosophiekritisches Hauptwerk, den Treatise of Human Nature (1739/40), ist eine kompakte Skizze seines epistemologischen Skeptizismus; jedoch eine kritische Fragestellung an das Werk findet man dort nicht. Humes späte, 1775 öffentlich erfolgte Distanzierung von seinem Frühwerk ist weniger "voll Tragik" (597), wie Streminger schreibt, sondern vielmehr die Konsequenz eines schon vorher vollzogenen Bruchs mit seinem ursprünglichen Programm einer Anatomie der menschlichen Erkenntnis, einer epistemologischen Obduktion der menschlichen Natur. Daß Thomas Reid in Aberdeen und Immanuel Kant in Königsberg gerade hier, an der radikalen Inspektion von Kausalität, Induktion, Subjekt- und Objektkonstitution wieder ansetzen werden, zeugt von der virulenten Sprengkraft dieses frühen, wilden und manisch-depressiven Hume, von dem der späte, klassisch-liberale Hume (wie auch sein Biograph) nichts mehr wissen wollte.


Anmerkungen

(1) Ich verwende hier ausdrücklich den Begriff "rassischen" im Unterschied zu rassistischen Diskurs", weil Humes Rasseneinteilung und
-diskriminierung noch nicht wie im 19. Jahrhundert dann biologistisch, sondern kulturell begründet wird. Vgl. dazu Foucault, M.: Vom Licht des Krieges zur Geburt der Geschichte. Berlin 1986.

(2) 1766 schreibt Kant: Die Negers von Afrika haben von Natur kein Gefühl, welches über das läppische stiege. Herr Hume fordert jedermann auf, ein einziges Beispiel anzuführen, da ein Neger Talente bewiesen habe, und behauptet: daß unter den hunderttausenden von Schwarzen, die aus ihren Ländern anderwärts verführt werden, obgleich deren sehr viele auch in Freiheit gesetzt werden, dennoch nicht ein einziger jemals gefunden worden, der entweder in Kunst oder Wissenschaft, oder irgendeiner anderen rühmlichen Eigenschaft etwas Großes vorgestellt habe, obgleich unter den Weißen sich beständig welche aus dem niedrigsten Pöbel empor schwingen und durch vorzügliche Gaben in der Welt Ansehen erwerben." (Kant, I.: Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen, in: Kants Werke Bd. II, Berlin 1968, S.253 )