Rezension zu:

Adam Smith. Rowohlts Bildmonographie
von Gerhard Streminger
Bd. 440, 158 S. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

 

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Moralphilosoph und Ökonom

von Reinhard Kager

Salzburger Nachrichten vom 16. September 1989

In allen Zeitungen der Welt ist in diesem Jubiläumsjahr viel über die Französische Revolution geschrieben worden. Nur allzu selten wurde in den zahlreichen Essays bedacht, daß es etlicher philosophischer Voraussetzungen bedurfte, bis im August vor 200 Jahren durch die französische Nationalversammlung die Deklaration der Menschenrechte verlesen werden konnte. Entscheidendes hatten die französischen Enzyklopädisten dazu beigetragen.

Noch viel weniger ist bekannt, daß die Wiege der Gedanken der französischen Aufklärer im hohen Norden Schottlands zu suchen ist: David Hume, der Begründer der modernen empiristischen Philosophie, Francis Hutcheson, der große Moralphilosoph, und nicht zuletzt "der ökonomische Luther" Adam Smith wie ihn Friedrich Engels nannte waren es in erster Linie, deren Reflexionen weit über die engen Grenzen Schottlands hinaus wirkten.

Die Ökonomie von Adam Smith war darüber hinaus die erste systematische Analyse der durch die bürgerliche "industrial revolution" verursachten Veränderung der westlichen Produktionsbedingungen. "Daß Großbritannien im 19. Jahrhundert zur Schmiede, zum Schiffsbauer und Spediteur der Welt und zur Weltbank wurde, hat viele Ursachen; eine entscheidende ist Adam Smiths "Wohlstand der Nationen'." Der Grazer Philosoph Gerhard Streminger, der in seiner kürzlich erschienenen Monographie über den schottischen Aufklärer dieses Fazit zieht, ist aber weit davon entfernt, das Werk von Smith bloß auf das Ökonomische zu reduzieren.

Eindrucksvoll macht die ungemein detailreich und liebevoll ausgearbeitete Studie deutlich, daß es moraphilosophische Prinzipien sind, die ohne stets explizit genannt zu werden im Hintergrund der ökonomischen Theorie von Smith walten. (Ähnliches läßt sich übrigens auch vom Marxschen "Kapital" sagen.) Zentriert um den in der anglosächsischen Tradition vieldiskutierten Begriff der "Sympathie" entwickelte Smith als Professor für Logik an der Universität Glasgow seine "Theorie der ethischen Gefühle", deren Prinzipien auch für den "Wohlstand der Nationen" tragend sind.

Vieles von Smiths Ethik und Ökonomie wirkt heute geradezu idealistisch, und die jüngsten historischen Entwicklungen haben nur zu deutlich gezeigt, wie es um jene angeblich regulierende "Unsichtbare Hand" bestellt ist, auf deren Wirken Smith immer an jenen Stellen hofft, wo sich die kapitalistische Ökonomie in ihre immanenten Widersprüche verstrickt. Die Monographie von Streminger die sich im übrigen auch mit Kritik an Smith nicht zurückhält macht jedoch deutlich, daß es noch Zeiten gab, in denen sich Moralisten Gedanken über die Ökonomie machten, während heute Ökonomisten die öffentliche Moral um des Profits willen korrumpieren.

Gerhard Streminger. "Adam Smith". Rowohlts Bildmonographien, Bd. 440; 158 S. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg