Rezension zu:

Adam Smith. Rowohlts Bildmonographie
von Gerhard Streminger
Bd. 440, 158 S. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

 

Der Altmeister persönlich

Süddeutsche Zeitung vom 23.12.1989

GERHARD STREMINGER: Adam Smith. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1989, 158 Seiten. (rororo Bildmonographien 440)

Adam Smith, der Altmeister der Wirtschaftswissenschaft, war Schotte wie man es von einem Pionier der Markt-, Preis- und und Spartheorie wohl auch erwarten darf. Sein Vater starb noch vor seiner Geburt, und er selbst fand vor lauter wissenschaftlichem Eifer nie die Zeit oder Energie zu heiraten. Und dies, obwohl Zeitgenossen ihn als "wenn auch hitzig, so doch in ungewöhnlichem Maße freundlich und großzügig" charakterisierten. Schließlich hatte er die wunderbaren Marotten eines Genies: Oft geistesabwesend und allein oder auch in Gesellschaft in zähe Selbstgespräche vertieft.

"Interessante Selbstgespräche setzen einen klugen Partner voraus", behaupten Satiriker zu Recht. Wie klug und vielseitig Smith war, darüber informiert das vorliegende Taschenbuch "mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten" in gedrängter und doch umfassender Form. Klassische Sprachen, Naturphilosophie und Mathematik gehörten zum Studienprogramm des Gründervaters der Wirtschaftswissenschaft, und als Hochschullehrer hat er auch über Logik und Recht, Rhetorik, Ästhetik und die "Theorie der ethischen Gefühle" gelehrt.

Diese seine Beiträge zur Wiederbelebung der klassischen Moralphilosophie sind auch als Buch erschienen fast zwanzig Jahre vor dem berühmten "Wohlstand der Nationen". Vor allem die Ursachen und gesellschaftlichen Folgen des Egoismus einerseits und menschlichen Mitgefühls andererseits hat Smith darin untersucht. Es zeigt ihn als einen viel differenzierteren Vertreter der Aufklärung, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt. (Einer seiner engen Freunde war übrigens David Hume.) Auch das Klischee von Smith, als einem wirtschaftlichen Anarcho-Liberalen, das neuerdings manchmal gestanzt und als Leitbild für die Gegenwart propagiert wird, erweist sich als falsch. So sah er z.B. klar die verdummende Wirkung extremer Arbeitsteilung und die Notwendigkeit, deswegen eine ausgleichende Bildungspolitik zu schaffen. Wer sich ein unverzerrtes Bild vom "wahren Adam" der Nationalökonomie machen will, kann mit dieser Monographie einen Einstieg und Wege zu weiteren Quellen finden.

P.S.: Als Smith, der es in reifen Jahren als Zollrevisor auch zu einigem Wohlstand gebracht hatte, starb, wurde ein hoffnungsfroher Erbneffe übrigens schwer enttäuscht. Der Onkel hatte nicht nur der Welt den ersten umfassenden Wirtschaftswälzer geschenkt, sondern auch noch große Teile seines Vermögens heimlich an Bedürftige verteilt. So freigebig sind schottische Star-Ökonomen!

kw.