Gerhard Streminger
[geschrieben für den Humanistischen Pressedienst, hpd-online]

Bertrand Arthur William Russell
zum 37. Todestag am 2.2.2007

 

Leben

Am 18. Mai 1872 wurde der spätere Philosoph, Mathematiker, Freidenker, Sozialkritiker, Nobelpreisträger und Pazifist Bertrand Russell in Südwales geboren. Seine Familie galt als eine der liberalsten Großbritanniens. Der Großvater hatte das Amt des Premierministers bekleidet, und der Vater setzte sich im Parlament für die Geburtenkontrolle und für das Frauenwahlrecht ein. Als Atheist suchte Bertrands Vater ungläubige Hauslehrer, um seine Kinder >vor den Übeln einer religiösen Erziehung zu bewahren<. Bertrands Taufpate war der berühmte Philosoph und Ökonom John Stuart Mill.

Russell studierte Mathematik und Philosophie am Trinity College in Cambridge, wo er danach als Fellow und schließlich als Dozent für Logik und Mathematik unterrichtete. 1896 veröffentlichte er sein erstes Buch, nicht über Logik oder Mathematik, sondern über die deutsche Sozialdemokratie. 1911 lernte er Ludwig Wittgenstein kennen. Russell, der gemeinsam mit G.E. Moore die Analytische Philosophie begründet hatte, ermutigte Wittgenstein, nicht die Laufbahn eines Piloten anzustreben, sondern bei seinen philosophischen Studien zu bleiben.

Wegen seines aktiven Pazifismus verlor Russell die Anstellung an der Universität und musste 1918 von Mai bis September eine Gefängnisstrafe verbüßen. Russell, den die patriotische Kriegshysterie zutiefst abstieß, verfasste Zeitungsartikel, in denen er sich für die Unterstützung von Kriegsdienstverweigerern aussprach. Während einer pazifistischen Kundgebung entging Russell nur um Haaresbreite der Lynchjustiz des kriegslüsternen Pöbels.

Obwohl Russell über den Ausbruch des 2. Weltkrieges so unglücklich war wie über den ersten, hielt er den Einsatz der alliierten Truppen für das kleinere von zwei Übeln; das größere war die drohende Herrschaft des Faschismus über weite Teile Europas.

Zwischen den beiden Weltkriegen bereiste Russell China, Sowjetrussland und die Vereinigten Staaten. 1922/23 wurde er von der Labour Party als Kandidat für das Unterhaus nominiert, nachdem er sich zuvor für die Liberalen engagiert hatte. Russell verlor.

Als Philosophielehrer unterrichtete er in Cambridge, Oxford, London, Chicago, Los Angeles, an der Harvard University und in Peking. Von 1927-34 gründete er mit seiner zweiten Frau das Schulprojekt Beacon Hill, eine freisinnige Internatsschule. 1943 wurde diese aus pädagogischen Bedenken, aber angeblich auch auf Betreiben des Kriegsministeriums geschlossen.

Eine Professur am College of the City of New York wurde 1940/1 von christlicher Seite verhindert. Russell wurde vorgeworfen, dass sein Atheismus und seine liberalen Ansichten über Sexualität das Verbrechen begünstigten. Albert Einstein ergriff für Russell Partei und meinte, dass große Geister von mittelmäßigen immer bekämpft würden, weil diese sich mit ererbten Vorurteilen begnügen wollten.

Aber die eingeschüchterte Universitätskommission widerrief die Einladung. Russell kehrte 1944 nach England zurück, wo er erneut am Trinity College unterrichtete. 1948 überlebte Russell einen Flugzeugabsturz vor der Küste Norwegens praktisch unverletzt. In England wurde er mit dem >Order of Merit<, dem großen Verdienstorden, ausgezeichnet.

1950 erhielt Russell für seine präzise wissenschaftliche Prosa den Nobelpreis für Literatur. In der Urteilsbegründung war zu lesen, dass der Preis u.a. in Anerkennung des schriftstellerischen Einsatzes für humanitarian ideals and freedom of thought verliehen worden war.

1955 verfasste Russell zusammen mit Einstein und anderen das Russell-Einstein Manifest, in dem über alle ideologischen Grenzen hinweg in Wissenschaft und Forschung zu mehr Verantwortung aufgerufen worden war. 1958 erfolgte die Gründung der Campaign for Nuclear Disarmament (CND) unter der Präsidentschaft Russells, in der er sich aktiv für atomare Abrüstung einsetzte.

Als fast Neunzigjähriger wurde er 1961 Russell hatte in London an einem Sitzstreik teilgenommen wegen >Aufhetzung der Öffentlichkeit gegen die Staatsgewalt< zu zwei Monaten Haft verurteilt. Nach öffentlichem Protest schon vor dem Gerichtssaal war eine jubelnde Menge erschienen wurde Russell nach einer Woche wegen >ärztlicher Bedenken< entlassen.

1963 gründete er die Bertrand Russell Peace Foundation, deren Ziel es war, die Ursachen von Krieg und Frieden sowie die Möglichkeiten einer Friedenserziehung zu erforschen. 1966 gründete Russell gemeinsam mit J.P. Sartre ein internationales Tribunal gegen Kriegsverbrechen, das ein Jahr später als Russell-Tribunal über den Vietnamkrieg verhandelte und die Kriegsverbrechen der USA verurteilte.

Am 2. Februar 1970 starb Bertrand Russell an einer Influenza in Penrhyndendraeth, Wales.

 

Religionskritik

Russell hatte sich zeitlebens mit Religion beschäftigt. Dieses Interesse spiegelt sich in vielen seiner Schriften wider, gebündelt in Warum ich kein Christ bin. Von der Unfreiheit der Christenmenschen. Diese Aufsatzsammlung geht auf einen Vortrag zurück, den Russell 1927 in der Stadthalle von Battersea, London, unter der Schirmherrschaft der National Secular Society gehalten hatte.

Russell untersucht darin einige der traditionellen Gottesbeweise und kommt zum Ergebnis, dass alle misslingen. Die Argumente für Gottes Nicht-Existenz seien überzeugender als jene für Gottes Existenz. Aus dieser Einsicht schloss Russell, dass nicht kognitive Argumente der Ursprung von Religiosität seien, sondern nicht-kognitive Beweggründe, und zwar Angst: die Angst vor dem Unbekannten, die Angst vor Niederlagen, die Angst vor dem Tod, die Angst vor Leid, die Angst, bei allen Schwierigkeiten des Alltags allein zu sein. Deshalb imaginieren Menschen einen allmächtigen großen Bruder als Beistand.

Angst ist aber auch die Mutter vieler Grausamkeiten, und es nimmt daher nicht wunder, dass Religiosität und Grausamkeit oft wie Geschwister Hand in Hand gehen. Von einer schlechten Metaphysik zur moralischen Korruption ist es oft nur ein kleiner Schritt.

Da Religion nicht auf Vernunftgründen basiert, ist sie für Russell ein Aberglaube, der einen schädlichen Einfluss ausübt. Russell nennt in diesem Zusammenhang wiederholt die kirchlichen Sexualkodizes. Aber das gemeinsame Auftreten von Religiosität und Grausamkeit lässt sich beispielsweise auch am Helden des Christentums beobachten.

Zwar hält Russell viele der moralischen Forderungen Jesu für durchaus bedenkenswert, aber dieser hatte einen entscheidenden, >sehr schweren Charakterfehler<: Jesus bzw. seine Chronisten glaubten nämlich an ewige Höllenstrafen. Häufig findet sich, so Russell, in den Evangelien >eine rachsüchtige Wut< auf jene, die die Predigten Jesu nicht hören wollten. Diese werden als >Schlangen und Natterngezücht< beschimpft, denen weder hier noch im Jenseits vergeben werde. Aber ein wirklich gütiges Wesen verbreitete in einer Welt voll Leid, in diesem Jammertal, nicht noch zusätzlich Angst und Schrecken. Da mit Heulen und Zähneknirschen und Feuerofen in den Evangelien mehrmals gedroht wird, ist es für Russell >ganz offenbar<, dass dies >ein gewisses Vergnügen bereitete<. Da bei Buddha oder Sokrates Derartiges völlig fehlt, stellt Russell die beiden hinsichtlich Weisheit und Tugend über Jesus.

Russell hoffte, dass die Religion dereinst durch Wissenschaft ersetzt und der Mensch sich eine bessere, eine angstfreiere Welt schaffen werde. Es wäre dies eine Welt ohne Aberglaube -- und das heißt auch: ohne totalitäre Ideologien, die Russell für verkappte Religionen hält , aber mit Realismus und humanistischem Engagement:

"Wir wollen auf unsern eigenen Beinen stehen und die Welt offen und ehrlich anblicken ihre guten und schlechten Seiten, ihre Schönheit und ihre Hässlichkeit; wir wollen die Welt so sehen, wie sie ist, und uns nicht davor fürchten. Wir wollen die Welt mit unserer Intelligenz erobern und uns nicht nur sklavisch von dem Schrecken, der von ihr ausgeht, unterdrücken lassen. Die ganze Vorstellung von Gott stammt von den alten orientalischen Gewaltherrschaften. Es ist eine Vorstellung, die freier Menschen unwürdig ist. Wenn man hört, wie sich die Menschen in der Kirche erniedrigen und sich als elende Sünder usw. bezeichnen, so erscheint das verächtlich und eines Menschen mit Selbstachtung nicht würdig. Wir sollten uns erheben und der Welt frei ins Antlitz blicken. Wir sollten aus der Welt das Bestmögliche machen, und wenn sie nicht so gut ist, wie wir wünschen, so wird sie schließlich immer noch besser sein als das, was die andern in all den Zeitaltern aus ihr gemacht haben. Eine gute Welt braucht Wissen, Güte und Mut, sie braucht keine schmerzliche Sehnsucht nach der Vergangenheit, keine Fesselung der freien Intelligenz durch Worte, die vor langer Zeit von unwissenden Männern gesprochen wurden." (aus: Warum ich kein Christ bin.)

 

Bücher

Russell hat mehrere Ddutzend Bücher verfasst, darunter viele populäre Arbeiten zu ethischen, physikalischen, pädagogischen, gesellschaftlichen und politischen Themen. Eine kleine Auswahl: Principia mathematica (gemeinsam mit A.N. Whitehead, 1910-3), Probleme der Philosophie (1912), Philosophie des Abendlandes (1946), Warum ich kein Christ bin (1967), Autobiografie. 3 Bände (1967/9).