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Neuer Standort von Echinocactus grusonii Hildmann entdeckt?

 

von Gottfried Unger und Rudolf Huber

 

Am 3. April 2003 wurde von einer Reisegruppe bestehend aus Dipl. Ing. Günther Pichler, Rudolf Huber, Hugo Englacher und Thomas Fredriks ein neues Vorkommen von Echinocactus grusonii entdeckt. Das neue disjunkte Areal ist rund 550 km von den bisher bekannten Standorten entfernt und hat deshalb eine so besondere Bedeutung, weil Echinocactus grusonii auf seinen altbekannten Standorten durchaus selten ist und durch den Bau eines Staudammes derart stark gefährdet wurde, dass damals die wenigen noch vorhandenen Pflanzen durch eine Umsiedlungsaktion gerettet werden mussten.

Das neu entdeckte Vorkommen beschränkt sich auf eine nur ganz kleine Schlucht und liegt an der gemeinsamen Grenze der Staaten Zacatecas und Durango bei San Juan Capistrano. Ob darüber hinaus noch Areale vorhanden sind, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Jedenfalls stellt dieser sensationelle Fund, 117 Jahre nach der Erstbeschreibung, eine große Herausforderung dar, über die Entstehungsgeschichte dieser Art - und auch anderer - wieder einmal nachzudenken.

Gab es früher ein zusammenhängendes großes Verbreitungsgebiet, von dem im Laufe der Zeitalter nur mehr Relikte an den Rändern übrig geblieben sind, während in der Mitte dieses ursprünglichen Areals andere Arten entstanden? Oder sind hier im Zuge der Evolution weit auseinander liegend zwei so ähnliche Arten entstanden, dass man sie praktisch nicht mehr auseinanderhalten kann?

Bekanntlich wurde erst vor wenigen Jahren durch DNA-Untersuchungen (Cota 1996:49-50, 69) festgestellt, dass Ferocactus histrix (De Candolle) Lindsay ganz eng mit Echinocactus grusonii verwandt ist. Die beiden Areale des Echinocactus grusonii befinden sich nun jeweils an entgegengesetzten Rändern des Areals von Ferocactus histrix.

 

Von der Vorstellung, dass die primäre Artentstehung ausschließlich nur in kleinen Schritten, graduell über die Rassenbildung vor sich gehen kann, ist man heute ja schon etwas weggekommen. Vielleicht hätte das Hauptwerk von Charles Darwin (1859) "Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampfe um's Dasein", besser den Titel "Über die Entstehung der Rassen durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begünstigten Arten im Kampfe um's Dasein" getragen. Gleichwohl wird die überragende Bedeutung Darwins für die gesamte Biologie ewig ungeschmälert erhalten bleiben, auch wenn man jetzt im Detail zweifellos schon klarere Vorstellungen über die Artentstehung hat. Die Literatur darüber ist allerdings so reichhaltig und unübersichtlich, dass auch Kakteenliebhaber, die sich ja mit Arten aus ganz besonderem Interesse heraus beschäftigen, in ihren Fachzeitschriften nur ganz selten etwas über die Fortschritte und Forschungsergebnisse in Bezug auf die Artentstehung lesen können.

Aus dem Buch "Evolution, Tatsachen und Probleme der Abstammungslehre" von Adolf Remane, Volker Storch und Ulrich Welsch, 5. Auflage, 1980, Seite 183, zitieren wir:

"Arten können sich im Laufe der Generationen langsam verändern, so dass allmählich aus einer Art eine zweite entsteht. Beide sind durch die verschiedenen Zeiten mit Übergangsformen vertreten. Solche Artumwandlung nennt man Progression oder allochrone Artbildung.

Unter synchroner Artbildung verstehen wir dagegen das Aufspalten einer Art in zwei oder mehrere. In diesem Bereich kennen wir die Evolutionsfaktoren recht genau, so dass wir hier bis auf einige Randprobleme sichere Aussagen machen können. »The origin of species« in dieser Form ist also gelöst."

Das wurde vor mehr als 20 Jahren geschrieben. Weiß man inzwischen noch mehr und hat man auch schon einige von den Randproblemen gelöst?

 

Interessant ist vielleicht noch, wie das neue Areal entdeckt wurde:

 

Vom Autofenster aus glaubte Günther Pichler im Garten eines Gehöftes einen Ferokaktus zu sehen. Da sich Rudolf Huber besonders für die großen Kugelkakteen interessierte, hielt man an und ging hin, um diese Pflanze anzusehen. Zur großen Überraschung musste man feststellen, keinen Ferocactus sondern einen Echinocactus, ähnlich grusonii, vor sich zu haben. Zuerst rätselte man, wie dieser wohl hierher gekommen sei. Sollte es wirklich Mexikaner geben, die sich einen Echinocactus grusonii kaufen und hunderte Kilometer transportieren, um ihn vor dem Haus einzupflanzen? Eine Frau trat hinzu und erklärte, diese Bisnagas gäbe es in der Nähe in der Barranca eines Flusstales. Der Junior des Hauses erklärte sich schließlich bereit, dieses Tal zu zeigen. An der Kante der Schlucht angekommen, konnte man auf der gegenüberliegenden Seite bereits die weißen, wolligen Scheitel dieser Pflanzen sehen. Sie erreichen hier eine Höhe von ca. 2 m und einen Durchmesser von etwa 60 bis 70 cm. Der Blütendurchmesser beträgt 4 bis 5 cm. Die Samen sind unter dem Mikroskop von Echinocactus grusonii nicht zu unterscheiden. Die Bedornung scheint ebenfalls gleich zu sein. Auffallend ist nur, dass bei Jungpflanzen der Dornenfuß schön rot gefärbt ist. Der genaue Fundort (RH 518) wird nach Abschluss weiterer Untersuchungen später bekannt gegeben. Sollte sich wider Erwarten herausstellen, dass es sich hier doch um ein neues Taxon handelt, beabsichtigen die Entdecker eine Neubeschreibung.

 

Noch ein Wort zu dem botanischen Begriff "Standort". Man versteht darunter gewöhnlich ein zusammenhängendes Areal in dem eine Art oder ein Taxon einer niedrigeren Rangstufe vorkommt. Jeder neue Standort ist also immer von allen bisher bekannten getrennt. Da man häufig nicht von Anfang an weiß, in welche Richtung sich ein Standort ausdehnt und wie er begrenzt wird, kommt es oft zu der irrtümlichen Ansicht, man hätte einen neuen Standort gefunden, obwohl das gefundene Areal mit dem früher schon bekannten durchaus zusammenhängt. Ein Beispiel dafür ist Echinocereus lindsayi, von dem man bisher offensichtlich noch immer keine wirklich neuen Standorte gefunden hat, sondern bloß die Richtung, in die sich der schon bekannte Standort ausdehnt. Hier bei Echinocactus grusonii liegen die getrennten Standorte aber sehr weit auseinander, der eine in der Sierra Madre Oriental, der andere in der Sierra Madre Occidental. Ein anderer Fall wurde kürzlich für Ferocactus chrysacanthus bekannt. Die Inselgruppe Cedros und San Benito liegt rund 550 km nördlich des neu entdeckten Standortes auf der Insel Santa Margarita.

 

Literatur:

 

Cota, J. Hugo (1996): A Review of Ferocactus Britton and Rose. In: The Taxonomy and Ecology of the Genus Ferocactus. Tireless Termites Press. pp. 35-80.

 

 

Zuletzt bearbeitet am 27. November 2003.

                               am 15. September 2004.

 

 

Dipl. Ing. Gottfried Unger

Ludwig-Anzengruber-Str. 32

A - 8430 Leibnitz

 

Rudolf Huber

Bahnhofstrasse 36

A - 4553 Schlierbach

 

 

 

Bilderfolge (1 bis 10)

 

(Alle Aufnahmen von Rudolf Huber am 3. April 2003)

 

 

 

     Dia 1: Günther Pichler glaubte zuerst im Garten eines Hauses einen Ferocactus zu sehen.

 

 

          Dia 2: Standortaufnahme in der Barranca eines Flusstales bei San Juan Capistrano.

 

 

            Dia 3: Standortaufnahme in der Barranca eines Flusstales bei San Juan Capistrano.

 

 

            Dia 4: Standortaufnahme in der Barranca eines Flusstales bei San Juan Capistrano.

 

 

               Dia 5: Reisebegleiter Thomas mit ca. 1,8 m großen Echinocactus aff. grusonii.

 

                                  

 

                        Dia 6: Junger Mexikaner zeigte uns den Weg in die Schlucht.

 

 

                                               Dia 7: Jungpflanze am Standort.

 

 

                                                   Dia 8: Jungpflanze am Standort.

 

                                  

 

                                   Dia 9: Scheitel und Blüten eines alten Exemplars.

 

     

 

                                    Dia 10: Wollige, ca. 1 cm große, kugelig-runde Frucht.

 

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