Das Mädchen aus dem Wald

Märchen, Sagen, und Ortsgeschichten
von Claus Stephani
 

Inhalt

  Vorbemerkung     Buchenhain
  Radautz   54. DER BÄR, DIE SCHLANGE UND DER DISTELFINK
1. DAS MÄDCHEN AUS DEM WALD   55. DIE EICHE AM ROCHLERBACH
2. AUERHAHN UND FÜCHSIN   56. DER TEUFELSBACH
3. DER MANN UND DIE HABGIERIGE FRAU   57. DIE GUTEN UND DIE BÖSEN FEEN
4. DIE BADEUTZER   58. „WIE LANG LEBEN DIE MANDL ?"
5. SATU MARE   59. DIE FARBE DER „LICHTL"
6. DER MOND IM SUTSCHEWITZBACH   60. VOM SCHATZGRABEN
7. LEHRER SCHWARZ   61. „PINTSCHN" UND STIEFEL
8. RADAUTZ   62. DICHTER UND GÄNSEDIEB
9. BÖHM   63. TAG ODER NACHT ?
10. DIE „TITANIC"     Lichtenberg
11. VOM KRIEG   64. DIE MANDL
12. DIE SCHÄTZE IM KETSCHARABERG   65. „WOHER KOMMEN DIE MANDL ?"
13. VETTER KITSCH   66. HEIDUCK GOLDMAUL
14. „WOS MECHTN HOBN DER HÄRR ?"   67. HILF DIR SELBST
  Altfratautz / Neufratautz / Oberwikow / Unterwikow   68. DIE HÄßLICHE RESL
15. BÄR UND MENSCH   69. TROSTWORTE
16. DIE „FRAUENSTEINE"     Karlsberg
17. WIE DIE FÜNF GEMEINDEN ENTSTANDEN SIND   70. AUF DER MÖNCHAU
18. KALUSCHNIK (I)   71. WOHER DIE DEUTSCHBÖHMEN GEKOMMEN SIND
19. KALUSCHNIK (II)   72. KARLSBERG (I)
20. KALUSCHNIK (III)   73. KARLSBERG II)
21. KALUSCHNIK (IV)   74. KARLSBERG (III)
22. KALUSCHNIK (V)   75. DIE SCHKORBURA (I)
23. KALUSCHNIK (VI)   76. DIE SCHKORBURA (II)
24. KALUSCHNIKS SOHN   77. DIE SCHKORBURA (III)
25. AUFERSTANDEN VON DEN TOTEN   78. DIE HAND AM FELSEN
26. DOKIA   79. DIE SIEBENTE FRAU
27. DIE WINDFEE   80. „OSPRÄCHA"
28. DIE FRAU MIT DEM SACK   81. DER KOHLENHAUFEN
  Fürstenthal   82. DIE ERSTEN GLASARBEITER
29. DIE KLETTE     Althütte / Neuhütte
30. DIE ERSTEN ANSIEDLER   83. BUKOWENA
31. DIE MAIGLÖCKCHEN   84. DIE DREI KREUZE
32. DIE RIESENMURMEL   85. DER SOLONETZBACH
33. DIE „MILICH-HEX"   86. DIE SALZQUELLE
34. DER SCHWARZE RIESE (I)   87. DIE ERSTEN GLASHÜTTEN
35. DER SCHWARZE RIESE (II)   88. DIE WALDWEIBLKINDER
36. DER SCHWARZE RIESE (III)   89. DARI (I)
37. BEIM KAISER-AHORN   90. DARI (II)
38. AUF DER „ALUMSUL"   91. DARI (III)
39. AUF DER MÖHRER ALMWIESE   92. DARI (IV)
40. BAUMGESTALTEN   93. DARI (V)
41. „IN DER BALTE"   94. DARI (VI)
42. DAS ROTE MÄNNCHEN   95. TERENTO DOBUSCH
  Bilka / Strascha     Katschika / Solka / Schwarzthal
43. DER TEICH BEI KRUHL   96. DER STEINBERG
44. DOUBUSCH (I)   97. SAßKABURG
45. DOURUSCH (II)   98. DIE „FRAUENSTEINE" BEI SOLKA
46. DOUBUSCH (III)   99. DIE KASCHGARIER
47. DOUBUSCH (IV)   100. KATSCHIKA
48. DOUBUSCH (V)   101. DER EICHENBAUM BEI KATSCHIKA
49. DER GRAF MIT DER TRISCHKA   102. DER WEG DER ANSIEDLER
50. BÖHM UND DIE WÖLFE   .103. DIE ERSTEN ANSIEDLER IN BORI
51. „LEUTNANT VON BÖHM"   104. DIE LEHRER STECKBAUER UND FRITZ
52. „NEBBICH"   105. SCHWARZTHAL
53. DIE „LICHTL"   106. WEIN AUS ... DEM LEEREN KANNDL

Vorbemerkung
Jede Landschaft hat ein Gesicht; das Radautzer Ländchen in der Südbukowina — zwischen den Flüssen Sutschawa, Moldau und Moldowitza — kann still, festlich und verschlossen wirken — wandert man durch die tiefen Wälder, in denen einst Heiducken ihre Schlupfwinkel hatten, und gelangt zu den hohen Bergen, deren Namen in den Volkserzählungen ebenfalls immer wieder genannt werden; die Gegend kann aber auch lieblich, offen und vertraut sein — in den sanften Tälern, in den Flußauen, wo Dörfer mit anmutigen Holzhäusern stehen und gravitätische Klosterkirchen, umgeben von Türmen und Befestigungsmauern.
Wer jedoch noch nicht im Radautzer Ländchen war, wird vielleicht aus den Märchen, Sagen und Ortsgeschichten einiges über diese Gegend erfahren : von Ereignissen aus fernen Zeiten, von Menschen, die sich durch ihre Taten einen Namen gemacht haben — denn hier wird von Waldarbeitern, Bauern, Glasbläsern und anderen fleißigen Ansiedlern erzählt, doch auch von Heiducken, Räubern und Spaßmachern, die das Leben weniger ernst genommen haben. Dann wird aber auch von Mandln, vom Schwarzen Riesen, von der Windfee und verschiedenen Tieren berichtet, die in den Märchen eine Rolle spielen.
So führt uns jede Volkserzählung einen Schritt weiter durch das Radautzer Ländchen, und zuletzt, glaube ich, kennt man sich in der Gegend beinahe schon ein bißchen aus — wenigstens dort, wo die Phantasie des Volkes um einen ungewöhnlichen Ort, einen Waldsee, einen seltsamen Stein, eine Sage gesponnen hat, wo über die Entstehung eines Dorfes oder von verborgenen Schätzen berichtet wird. München dürfte dem Leser nach der Lektüre dieser Erzählungen irgendwie vertraut scheinen : selbst die zu den Wolken ragende Spitze des Schwarzen Berges, Tschorna Hora, wirkt nicht mehr so bedrohlich und fremd, weiß man, daß dort oben der berühmte Heiduck Doubusch — fast schon ein Nationalheld der Huzulen — begraben liegt.
Wie oft diese Märchen, Sagen und Ortsgeschichten „vom Volksmund" weitererzählt und dabei mehr oder weniger verändert wurden, kann man heute nicht mehr genau feststellen. Wir haben sie aufgezeichnet, so, wie sie uns von den Gewährsleuten — meist Deutsche und Huzulen — mitgeteilt wurden und nur vor der Veröffentlichung leicht bearbeitet. In einigen Geschichten wurde — des sprachlichen Kolorits wegen — die südbukowinische Erzählweise beibehalten.
Nachdem im Radautzer Ländchen Jahrhunderte hindurch neben Rumänen, Deutsche, Huzulen, Juden und andere Bevölkerungsgruppen beisammen gelebt haben, ist anzunehmen, daß es sich bei vielen Volkserzählungen um sogenanntes Wandergut handelt. Deshalb dürfte es auch nicht einfach sein, den „Ursprung" dieser Märchen und Sagen auszumachen, und das liegt auch nicht in unserer Absicht. Wir wollen unseren Spaß daran haben, weil sie uns den Blick für eine ferne Landschaft öffnen.

C.S.

Radautz

1. Das Mädchen aus dem Wald

Es war einmal ein wunderschönes Mädchen ; das lebte ganz allein in einem dunkeln abgelegenen Wald. Es hatte weder Mutter noch Vater, weder Geschwister noch andere Menschen, mit denen es ein Wort wechseln konnte. Nur mit den wilden Tieren war es befreundet, und die kamen zur kleinen Holzhütte, in der das Mädchen wohnte, und halfen ihm, so gut sie konnten : der Fuchs brachte manchmal einen schönen fetten Fisch, die Hirschkuh kam und ließ sich melken, und so hatte das Mädchen Milch, die Bienen brachten Honig, die Vögel aber legten manchmal ein Ei vor die Tür und dann buk das Mädchen die Waldfrüchte in Ei. (So hatte man es früher im Buchenland gern gemacht : die Früchte wurden mit einem geschlagenen Ei vermischt und in heißem Fett ausgebacken).
In seiner Einsamkeit war das Mädchen doch recht glücklich, und es wollte auch niemals andere Menschen kennenlernen.
Doch da sprach es sich eines Tages herum, daß in dem tiefen dunklen Wald das schönste Mädchen der Welt lebe. Und da kamen schon von überall junge Burschen herbeigeritten und wollten das Mädchen freien.
Als es nun hörte, wie viele fremde Männer in den Wald eingedrungen waren, eilte es zur Waldmutter und bat um Schutz. Diese älteste Fee des Waldes bereitete aus Alraunwurzeln einen Zaubertee und das Mädchen mußte ihn trinken. So wurde es unempfindlich gegen die fremden Freier.
Wohl über hundert junge Männer standen vor dem Holzhäuschen, als das Mädchen wieder zurückkehrte. Und jeder der Freier trat nun vor, sagte wer er sei und rühmte seine Kraft und seinen Reichtum : es Waren nur Söhne von Königen, Fürsten und Grafen.
Das Mädchen aber saß unbeweglich am Fenster und erwiderte kein einziges Wort. Verärgert zogen die Freier nach einiger Zeit wieder ab.
Zurück blieb nur ein junger Holzfäller, der mit seinem Pferd abseits gestanden hatte und von sich nichts zu berichten wußte, denn er war sehr arm, dafür aber ehrlich und fleißig.
Dieser trat nun vor das Mädchen, nannte seinen Namen und sagte, er sei „nix wie a Holzhackerbub".
Da ließ plötzlich die Wirkung des Alrauntees nach und das Mädchen spürte auf einmal ein Gefühl in der Brust, das es bis dahin noch nicht gekannt hatte.
„Grad a solchn mecht i", erwiderte es.
„Anu, los !" sprach der Bursche, hob das Mädchen aufs Pferd und fort ging's in ein fernes Dorf, wo nur arme aber freundliche Holzfäller wohnten.
Weil das Mädchen aber nicht nur sehr schön, sondern auch sehr lieb und fleißig war, wurde es eine gute Frau, bekam viele Kinder und lebte glücklich und zufrieden.
Nun ist die Geschichte aus, und wer noch etwas zu erzählen weiß, soll's jetzt tun, denn morgen hat er es vielleicht schon vergessen.


2. Auerhahn und Füchsin

In den tiefen Wäldern des Großen Schander begegneten einst einander ein Auerhahn und eine Füchsin und weil es schon recht kühl war und der Herbst seinem Ende zuging, sprach der Auerhahn zur Füchsin :
„Laß mich in deinem Bau überwintern, dafür will ich dich im Frühjahr fliegen lehren."
Der Füchsin gefiel der Vorschlag, und weil der Auerhahn sie auch durch sein schönes Gefieder beeindruckte, sagte sie zu.
So verlebten Füchsin und Auerhahn einen langen Winter und waren glücklich und zufrieden.
Als es nun Frühjahr wurde und sie sich vor dem Fuchsbau sonnten, hörte man plötzlich Menschenstimmen und Lärm. Das waren die Jäger aus Boderlau, die den Wald durchstreiften.
Schnell schlüpften die beiden in ihr Versteck, und bald hörten sie die Jäger sagen :
„Da ist ja der Fuchsbau, den wollen wir aufgraben, um den Rotpelz zu fangen'"
„Weißt du was ?" sagte die schlaue Füchsin, „du legst dich zum Eingang, so daß sie dich bald finden. Während sie dich betrachten, schlüpfe ich rasch durch den hinteren Ausgang hinaus und verschwinde im Wald. Wir treffen uns dann später bei der alten Buche. Du aber fliegst dann, wenn sie hinter mir her sind, auf."
Gesagt, getan. Die Jäger fielen auf den Trick herein :
„Der arme Auerhahn !" riefen sie. „Die Füchsin hat ihn totgebissen."
Hai ! Da war sie schon im Wald verschwunden, und der Auerhahn flog auf und davon. Da schimpften die Jäger und waren böse, daß man sie so einfach an der Nase herumgeführt hatte.
Inzwischen trafen sich Füchsin und Auerhahn an der verabredeten Stelle im Wald und die Füchsin sagte :
„Mein Lieber, das ist uns gut gelungen. Bring mir jetzt aber das Fliegen bei, damit wir zusammen hinauf zu den hohen Bergen fliegen können."
Dem Auerhahn war das nun nicht ganz recht, denn eigentlich wollte er sich von der Füchsin trennen, um nach einer Auerhenne zu suchen. Trotzdem erwiderte er :
„Setz dich. Liebste, auf meinen Rücken, ich will dir das Fliegen beibringen."
Die Füchsin setze sich auf den Rücken des Auerhahns, und der flog auf und flog so hoch, daß man die Bäume unten kaum noch erkennen konnte.
„So", sagte er, „jetzt flieg !" Und damit schüttelte er die Füchsin ab.
„Wie schön das Fliegen ist", rief sie noch, und dann fiel sie auf einen Felsen und war tot.
Der Auerhahn aber flog weiter und tat so, als ginge ihn das Ganze nichts an.

3. Der Mann und die habgierige Frau

Das soll sich vor vielen hundert Jahren zugetragen haben, als auf der Erde noch Wunder geschahen und die Menschen arm waren und nichts anders taten, als eben auf solche Wunder zu warten.
Da lebte in Oberwikow ein Mann, der hieß Balthasar — einfach Balthasar, weil die Menschen damals noch keine Familiennamen hatten —, und dieser Mann hatte eine Frau, die hieß Katharina. Die beiden waren sehr arm, so arm, daß sie außer ihrer Hütte nichts besaßen.
Eines Tages sagte nun die Frau zu ihrem Mann :
„Balthasar, geh in den Wald und schlag Holz, wir haben nichts mehr. um uns zu wärmen und die elende Löwenzahnsuppe zu kochen."
Der Mann machte sich auf, und als er im Wald war sah er eine junge Buche, die der Sturm ein wenig gebeugt hatte und die man fällen konnte.
Als er jedoch die Axt hob, um zuzuschlagen, hörte er die Buche sagen :
„Ach, Balthasar, verschon mich, ich bin noch jung. Ich will dir gern jeden Wunsch erfüllen."
„Nun", sagte der Mann, „dann mach, daß unser Schuppen voll Holz steht." Damit eilte er nach Hause.
Als er hier ankam, war der Schuppen tatsächlich vollgestopft mit dem schönsten Brennholz, fein geschnitten und geschichtet.
Balthasar erzählte Katharina, was er im Wald erlebt hatte.
„Du Dummkopf !" rief die Frau. „Du hättest viel mehr verlangen können, zum Beispiel eine neue Hütte. Geh, lauf in den Wahl und verlange eine neue Hütte !"
Balthasar eilte in den Wald und verlangte eine neue Hütte.
Als er wieder ins Dorf kam, sah er schon von weitem eine neue schöne Hütte stehen, und davor saß in der Sonne seine Frau.
„Wir sind dumm, Balthasar", sagte sie verärgert, „wir hätten auch zwei Kühe, Hühner und ein Schwein verlangen sollen. Los, geh zurück und verlang, was ich dir gesagt habe."
Auch dieser Wunsch wurde ihm erfüllt. Das ging nun so weiter, daß die Frau immer noch etwas haben wollte, und jeder Wunsch wurde erfüllt.
Eines Tages sagte sie aber : „Geh in den Wald, Balthasar, und verlange, daß die Einwohner von Oberwikow unsere Diener werden."
Als nun Balthasar — ein wenig verlegen, denn ihm war dabei nicht ganz wohl zumute, das muß man schon sagen — diesen Wunsch hervorbrachte, rauschte die junge Buche böse mit den Zweigen, es begann zu donnern und ein Gewitter meldete sich an. Rasch eilte Balthasar zurück ins Dorf.
Wie groß war jedoch seine Enttäuschung, als er hier ankam und sah, daß anstelle der neuen schönen Hütte wieder die alte stand, und seine Frau — so wie früher— in Lumpen gehüllt vor dem Herd hockte.
Das war die Strafe für ihre Habgier und dafür, daß sie andere Menschen zu ihren Dienern machen wollte.
Der Mann ging nun in den Wald, um die junge Buche zu Suchen und sie um Verzeihung zu bitten. Soviel er aber auch suchte, er konnte sie nicht mehr finden.

4. Die Badeutzer

Die ersten Ansiedler in Badeutz und Millischoutz waren Pfälzer. Als sie 1789—1792 ins Buchenland kamen, ließen sie sich auf der schönen Flußau des Sutschawa, südlich von Radautz nieder. So entstand zuerst die Gemeinde Badeute, und später das zwei Kilometer weiter südlich gelegene Millischoutz.
Als die Pfälzer ins südliche Buchenland entlang des Flusses einwanderten, lebten hier schon seit vielen hundert Jahren rumänische Hirten und Bauern.
Die Badeutzer waren sehr fleißig und bald überall als gute Landwirte bekannt. Darum sagten die Rumänen früher : „Wo der Badeutzer pflügt und sät, gibt es immer eine reiche Ernte — ob das Wetter gut war oder nicht."
Es hieß auch : „Ein Badeutzer vermag soviel wie drei Bauern und ein Huzule." Fragte man : „Warum Sagst du '. . . und ein Huzule ?" erhielt man zur Antwort : „Weil er obendrein auch noch ein Gläschen Schnaps verträgt."

5. Satu Mare

Satu Mare gehört zu den Gemeinden, die zur Zeit der ersten Ansiedlerwelle unter Kaiser Franz Joseph II. gegründet wurden. Als sich hier acht deutsche Familien neben dem schon bestehenden rumänischen Dorf niederließen, entstand eine selbständige Siedlung, die man ab 1820 Deutsch-Satulmare nannte.
Im Jahr 1834 zerstörte eine Feuersbrunst fast die ganze Gemeide, so daß die Ansiedler mit dem Aufbau wieder von vorn beginnen mußten. Der erste Bürgermeister, der Bauer Ludwig Neher, machte sich um den wirtschaftlichen Aufschwung der Gemeinde besonders verdient.

Für den Bestand von Deutsch-Satulmare war zunächst der Schulunterricht in der Muttersprache äußerst wichtig. Der erste Lehrer an der evangelischen Privatschule (erbaut 1843), der für srin Amt entsprechend vorgebildet war, hieß Johann Meisel und stammte aus Felka in der Zips. Sein Jahresgehalt betrug 150 Gulden, 6 Koretz Korn, 6 Koretz Weizen, 4 Koretz Mais, die Nutznießung des Schulgartens und des Schulfeldes, freie Wohnung und Heizung. .
Meisel blieb bis zu seinem Tod am 6. November 1870 in Deutsch-Satulmare. „Er war ein echter Zipser", sagten .die Bauern, „fleißig, streng und gerecht. Der hat aus unseren Kindern Menschen gemacht !"
Die beiden deutschen Kirchen — die evangelische war 1885 und die katholisch 1887 fertiggestellt worden — hatten das gleiche Schicksal wie jene in Badeutz : auch sie wurden während des Ersten Weltkriegs von deutschen Soldaten „als Zielobjekte, die dem Feind dienen könnten", 1917 in die Luft gesprengt.
Der Kummer der Menschen über diesen Zerstörungsakt war so groß, daß in den zwanziger Jahren viele nach Radautz zogen und sich dort niederließen.

6. Der Mond im Sutschewitzbach

Bald nachdem die Schwaben ins Radautzer Ländchen eingewandert waren und die Siedlung Deutsch-Satulmare gegründet hatten, soll sich folgendes zugetragen haben.
Eines Abends sah ein Bauer, wie der Mond sich im Sutschewitzbach spiegelte. Als er nun hinauf zum Himmel blickte, schob sich gerade eine Wolke vor den Mond, so daß es plötzlich ganz dunkel wurde.
„Der Mond ist in den Sutschewitz gefallen !" rief der Bauer und eilte ins Dorf.
Bald kamen Männer und Frauen, mit Leitern und Stangen ausgerüstet, um den Mond wieder herauszuziehen. Sie suchten und suchten, konnten jedoch die Stelle nicht mehr finden, an der der Mond ins Wasser gefallen war.
Es dämmerte schon, da kam zufällig ein Huzule aus Wollowetz vorbeigeritten.
„Dobroje utro", grüßte er nach huzulischer Art und fragte :
„Was' passiert, was' passiert, was für ein Njekaß ?"
„Der Mond ist in den Sutschewitz gefallen und wir können ihn nicht mehr finden !" riefen die Bauern.
„No", sagte der Huzule, „wenn das so ist, ich hab den Mond bei mir in der Trajßta*, will ihn verkaufen auf dem Markt in Radautz." Damit holte er einen großen runden Käse hervor.
„Lieber Mann", baten die Bauern, „verkauf ihn doch uns, wir zahlen gut. Denn ohne Mondlicht kann man abends bei uns im Dorf nicht mehr über die Straße gehn."
„Aja", meinte der Huzule, „wenn ihr mir wollt geben einen Taler, ich kann euch geben den Mond."
Rasch holten die Bauern das Geld und trugen triumphierend „den Mond" ins Dorf.
„Den setzen wir aufs Kirchdach, damit er uns von dort immer leuchtet !" Gesagt, getan.
Weil es aber an jenem Tag sehr heiß wurde, begann der Käse-Mond zu schmelzen, und bis zum Abend war er ganz weg geschmolzen. Die vielen Mäuse aber, die auf dem Dachboden der Kirche hausten, freuten sich über den herrlichen Käse, der nun am Gebälk herunterfloß.
Am Abend merkten die Leute, was geschehen war und jammerten und klagten. Wie groß war jedoch ihre Freude, als sie plötzlich den Mond wieder am Himmel sahen. „Es ist ein Wunder geschehen !" riefen sie.
Es sprach sich aber bald herum, wie das mit dem „Wunder von Deutsch-Satulmare" gewesen war, denn der Huzule hatte in einer Schenke in Radautz die Sache zum besten gegeben, und man lachte lange Zeit darüber.
Seither, heißt es, wollen die Leute aus Satulmare keine runden Schafkäse mehr sehen. Und wenn ihnen jemand einen Käse anbietet, so meinen sie, der will sie „über den Gansdreck ziehen", wie es so schön heißt.
*) rum. Zwerchsack.

7. Lehrer Schwarz

In Badeutz wurde 1792 unter der Leitung von Andreas Ephraim Schwarz, der aus Waltersdorf im Nösnerland stammte, die erste deutsche Schule des Buchenlandes eröffnet. Schwarz wohnte zu jener Zeit in Millischoutz, von wo er oft zu Fuß nach Badeutz kam.
Er war Lehrer und Prediger, konnte aber auch wie jeder andere deutsche Ansiedler Hand anlegen : seinen Garten bebaute er selbst, er säte und erntete, er war Bauer und Erzieher zugleich.
Bei der Hundertjahrfeier der Badeutzer Schule, 1892, erinnerte man sich auch an ihn. Lehrer Schwarz pflegte zu sagen : „Wenn der deutsche Bauer nicht lesen und schreiben lernt, ist er nur ein halber Mensch", zitierte ein Redner aus den Aufzeichnungen seines Großvaters, der zu den ersten Ansiedlern gehört hatte, „in unserer Gemeinde soll es jedoch nur ganze Menschen geben !" Diesen Wunsch Schwarz' hat man in Badeutz immer beherzigt.

8. Radautz

Neben den bodenständigen Rumänen wurden zu Beginn des vorigen Jahrhunderts in Radautz Deutsche, Juden, Polen, Ruthenen, Slowaken, Ungarn und Tschechen angesiedelt. Die meisten Deutschen stammten aus böhmischen Glasmacher- und Holzhauerfamilien, die ab 1805 in Althütte, Fürstenthal und Karlsberg angesiedelt worden waren.
Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Deutschböhmen nach Radautz, wo sie als geschätzte Handwerker leicht Arbeit fanden und es so zu einem gewissen Wohlstand brachten. Es entstand ein „Mischtypus auf böhmischer Grundlage", der die deutsche Böhmerwäldler Mundart in das sogenannte Radautzer Deutsch umprägte. Charakteristisch war dabei der Einfluß des Tschechischen auf den Lautbestand und des Jiddischen auf den Satzbau.
Während im vorigen Jahrhundert die Deutschböhmen aus den überbevölkerten Dörfern Althütte, Neuhütte, Karlsberg, Fürstenthal und Augustendorf, sowie aus Kraßna-Ilsky-Schönthal, Putnathal, Arbore, Solka hauptsächlich nach Radautz zuwanderten, zogen die erwerbslosen Bewohner aus Lichtenberg, Glitt, Buchenhain, Bori und Schwarzthai hauptsächlich ins Städtchen Gura-Humorului, in dessen Nähe auch die Mischsiedlungen Oberfrassin, Bukschoja und Paltinossa liegen.

9. Böhm

Der Heiduck Böhm — sein Vorname ist verschieden überliefert worden : Franz, Wenzeslaus, Anton — lebte vor dem Ersten Weltkrieg in den Wäldern zwischen Strascha und Banilla. Man sagt, daß er sehr gut aussah : hochgewachsen, blond, mit einem mächtigen Vollbart, weswegen man ihn auch „den wilden Siegfried" nannte.
Böhm hatte viele Verehrerinnen — junge Mädchen, reifere Frauen, Bäuerinnen, doch auch Gutsbesitzerinnen, bei denen er immer Unterschlupf fand, wenn die Gendarmen ihn verfolgten.
Einmal kam er eines Abends zu einer jungen schönen Huzulin nach Bilka, wo er eine angenehme Nacht verbringen wollte. Jemand aus dem Dorf hatte ihn jedoch gesehen und verständigte die Gendarmen.
Als nun der Heiduck nach einem reichlichen Essen zufrieden und ahnungslos schnarchte, weckten ihn plötzlich die Gendarmen : „Böhm, kommen S' raus. Keine Gegenwehr, sonst krachts !"
Rasch schlüpfte er in die Hosen, sprang zum Kammerfenster hinaus, lief durch den Garten und verschwand im dunklen Wald.
Nach weiteren Warnrufen stürmten die Gendarmen das Haus, sahen das verschreckte Mädchen im Bett sitzen, doch von Böhm keine Spur. Wütend ritten sie fort.
Am nächsten Morgen kehrte Böhm wieder zurück (er war ja nur in Hemd und Hosen davongelaufen), kleidete sich an, frühstückte ausgiebig und kaufte dann von einem Bauern ein Pferd. Er nahm Abschied von dem Mädchen und ritt fröhlich pfeifend das Bilkatal hinauf, immer am Bach entlang, in Richtung Kraßna-Ilsky.
Nach einer halben Stunde etwa kehrte er jedoch wieder zurück : er hatte seine Pfeife vergessen.

10. Die „Titanic"

In einem Brief schilderte Ludwig Hartmann, Sohn des Karl Hartmann und der Therese geborene Armbrüster aus Badeutz, wie er während seiner Reise nach Kanada auf hoher See die „Titanic" kurz vor ihrem Untergang im April 1912 bewundert habe : „. . . Und da ich schon von Meeresbreite und -weite schreibe, will ich die Tatsache hier erwähnen, daß meine Augen das Riesenschiff ,Titanic' im April 1912 auf dem Meere sahen bevor es Schiffbruch erlitt und unterging. Die ,Titanic' fuhr stolz und schnell 1/4 Kilometer an uns vorbei. Wir wurden alle aufs Verdeck gerufen, um das größte Schiff der Welt zu sehen. Manch einer von uns wünschte sich damals, auf der ,Titanic' zu sein ..."
Als Hartmann den Hafen Regina (Saskatchewan) erreichte, erfuhr er, daß die „Titanic" untergegangen war . . .

11. Vom Krieg

Während des Ersten Weltkriegs wurde der Glockenturm der Badeutzer deutschen Kirche von feindlichen Granaten schwer beschädigt.
Kurz danach kamen deutsche Soldaten ins Dorf, fanden, daß die Kirche „ein wichtiger Markierungspunkt für den Feind" sei und sprengten das erst 1902 errichtete Gotteshaus in die Luft. Vergeblich versuchte Kurator Johann Leib diese unsinnige Zerstörung zu verhindern : er konnte nichts ausrichten.
Später mußte dann die Bevölkerung evakuiert werden. Badeutz wurde zu etwa achtzig Prozent, Millischoutz vollständig zerstört. Von diesem Schlag konnten sich die beiden Gemeinden erst in den zwanziger Jahren wieder erholen.

12. Die Schätze im Ketscharaberg

Im Jahr 1920 verbreitete sich in Radautz die Nachricht, daß in Sutschawa ein über hundert Jahre alter Mann im Sterben lege ; er habe Pfarrer Martin Decker gebeichtet, daß an einer bestimmten Stelle im Ketscharaberg die Schätze der Heiducken vergraben seien.
Im Waldteil, den man Bukowena nennt, am Fuße des Ketschara, soll der Alte gesagt haben, stehen drei mächtige Buchen in einer Reihe. Von dieser Stelle, zehn Meter weiter unter einer Felsenplatte, ist eine Öffnung, die in den Berg führt. Dort befinden sich unermeßliche Reichtümer — Fässer mit Gold und Schmucksachen, die im Laufe der Zeit hier angesammelt wurden.
Als drei ukrainische Bauern zu graben begannen, stießen sie tatsächlich auf eine Felsenplatte, und dahinter war auch wirklich ein Gang, der in den Berg führte.
Es hatte sich hier sehr viel Volk versammelt, und weil es schon dunkelte, beschloß man am nächsten Tag, ausgerüstet mit Laternen, den Eingang näher zu untersuchen.
Am Tag darauf war jedoch das Loch verschüttet, und als die Leute wieder zu graben begannen, kamen einige Waldheger des Grafen Wassilko zu Berchometh, dem die Waldungen gehörten, und jagten die Schatzsucher davon.
Seither hat niemand mehr nach den Schätzen im Ketscharaberg geforscht.

13. Vetter Kitsch

Das soll sich noch oben in Katharinendorf zugetragen haben. Dieses war eine Reihensiedlung : die Häuser standen rechts und links entlang der Hauptstraße.
Eines Tages zankten sich zwei Frauen und bedachten einander mit kräftigen Schimpfworten. Nachdem aber dieser Streit lautstark von einem Hof zum anderen, über die Straße ausgetragen wurde, mußten die anderen Bewohner alles mit anhören.
Zufällig kam Vetter Kitsch, der Spaßmacher des Dorfes, vorbei, und als er sah, daß die beiden Frauen den Streit nicht mehr beenden wollten, eilte er nach Hause und kehrte sogleich mit einer „Brech"* zurück. Indem er sich nun zwischen die beiden Streitenden stellte, vollführte er ein ohrenbetäubendes Konzert, so daß die Frauen ihre eigenen Worte nicht mehr verstanden.
Die beiden schimpften jetzt über Vetter Kitsch, zogen sich aber dann in ihre Häuser zurück, und der Spaßmacher ging lachend weiter.
*) Gerät zum Brechen der Hanfstengel, um Faser zu gewinnen.

14. Wos mechtn hobn der Härr?"

Ein Zipser aus Eisenau hatte einmal in Radautz zu tun, und bei dieser Gelegenheit sollte er seiner Frau Nadeln und Nähgarn besorgen.
Als er einen Laden mit Gemischtwaren sah, trat er ein und bemerkte aber nicht, daß da ein Käfig mit einem Papagei stand.
„Wos mechtn hobn der Härr ?" krächzte der Vogel.
„I mecht zba Nodeln und zba Rollen Garn fier meine Frau," entgegnete der Zipser und wunderte sich, daß er den Sprecher nicht erblicken konnte.
„Wos mechtn hobn der Härr ?" krächzte es wieder.
„Tjuh, hob schon sogt: zba Nodeln, zba Garn !"
Nun kam die Frage wieder.
„Bos frogst soviel, bleede Stimm !" schimpfte der Zipser und wollte gehn.
In diesem Augenblick erschien der Ladenbesitzer und fragte höflich : „Wos mechtn hobn der Härr ?"
„A Hundsdreck mecht i hobn vun Eich !" schrie der Zipser und lief hinaus.
„Von mir kennes nit hobn a Hundsdreck," rief ihm der empörte Mann nach, „den findens gratis auf der Gaß !"

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15. Bär und Mensch

In den tiefen Wäldern der Obtschinaberge hauste einst ein mächtiger Bär, der weit und breit von allen Tieren gefürchtet wurde. Wenn er aus seiner Höhle hervorkam, da verkrochen sich selbst die Wildeber im dichtesten Gestrüpp, denn auch sie hatten schreckliche Angst vor dem Bären, obwohl ihre Keiler auch nicht zu unterschätzen waren.
Trabte der Bär durch den Wald, so blieb er manchmal stehen, blickte hinauf ins Geäst der Bäume und fragte die Vögel : „Wer ist der stärkste auf der Welt ?"
„Du bist der stärkste !" riefen die Vöglein und schlugen ängstlich mit den Flügeln. (Die anderen Tiere, die sich auf der Erde bewegen, konnte er nicht fragen, denn die hielten sich verborgen — die kamen aus ihren Verstecken nur dann wieder hervor, wenn er in seine Höhle kroch.)
Eines Tages nun, als der Bär wieder selbstsicher durch die Gegend ging und sich seiner Macht bewußt war, rief ein Zaunkönig (das ist der kleinste Vogel, den es bei uns gibt) : „He, Bär, du bist nicht der stärkste auf der Welt, es gibt da einen, der viel stärker und klüger ist als du !" „Was ?" brummte der Bär wütend. „Ja", erwiderte der Zaunkönig, „wenn du den Weg hinunter nach Brodina läufst, da kommst du bald zu einem Gehöft. Der Bauer, der dort wohnt, ist viel stärker als du — und auch klüger !"
„Na", rief der Bär, »den werd ich mir mal vornehmen", und damit machte er sich auch sogleich auf den Weg.
Wenn Bären es eilig haben, so können sie ziemlich rasch laufen. Und nach etwa fünf Stunden erblickte der Bär das Gehöft.
„He !" brüllte er herausfordernd, „ist jemand zu Hause?"
Da öffnete sich die Tür der Blockhütte, und ein junger kräftiger Bursche kam zum Tor ; in der Hand trug er ein langes glänzendes Rohr.
„Nur langsam", sagte der Bauer, „erst soll ich dich nach altem Brauch begrüßen." Und damit hob er das lange Rohr, legte an, es krachte fürchterlich, und aus dem Pelz des Bären kräuselte Rauch.
„Blöde Bräuche habt ihr Bauern !" brüllte der Bär und lief davon, so rasch er konnte. Damit hatte er aber auch erkannt, daß der Mensch wohl stärker ist als er.
Vor den Tieren des Waldes aber führte er sich nun nicht mehr so großartig auf ; er wurde bescheidener und auch freundlicher.

16. Die „Frauensteine"

Im Volksmund heißt es, daß die „Frauensteine" ihren Namen nicht zufällig erhalten haben.
Als einmal in alten Zeiten die Tataren ins Buchenland einfielen, kamen sie auch in die Gegend von Kimpolung, das damals noch ein Dorf war. Frauen und Kinder flüchteten in die nahen Wälder, und die Männer bereiteten sich für den Kampf vor.
Einige Tataren durchstreiften jedoch die Wälder des Rarrau und kamen so in die Nähe einer Höhle, wo sich die Kimpolunger Frauen versteckt hielten.
„Lieber wollen wir hier sterben, als in die Gefangenschaft gehen !" riefen die Frauen.
Das hörte der Berggeist und verwandelte sie in große Steine ;
daher der Name „Frauensteine" — „Pietrele Doamnei" oder „Pietrele Doamnelor".

17. Wie die fünf Gemeinden entstanden sind

Vor vielen hundert Jahren wollte der Winter im Buchenland kein Ende mehr nehmen. Eisige Winde wehten vom Norden aus der wolhynischen Steppe hinunter durch die Radautzer Senke, und Menschen und Tiere verkrochen sich in den Gehöften und hofften, daß doch bald wieder der Frühling käme. Die Wochen vergingen, aber wärmer wurde es nicht.
Eines Abends trafen sich die Männer.beim Dorfältesten in Altfratautz und berieten, was nun zu machen sei, denn lange könnte man der Kälte nicht mehr standhalten.
Da sagte ein alter Bauer : „Weit unten in südlicher Richtung, an einem großen Fluß, den man Donau nennt, da ist es um diese Zeit schon Frühling, hin müßten wir ziehen, dort würde es uns sicher besser gehen als hier im kalten Norden."
Die Männer berieten hin und her, und schließlich einigten sie sich, nach dem fernen Süden aufzubrechen. Am Tag darauf wurden die Schlitten bepackt, Frauen und Kinder saßen auf, und zurück blieben nur einige Hirten, die auf die Schafherde zu sorgen hatten.
Los ging es, mit Peitschenknallen und Glockenläuten, die Pferde liefen, und am Abend hielt man bei einem verlassenen Gehöft und zündete ein großes Feuer an, um die Wölfe fern zu halten, die sich bald bemerkbar machten.
Wie es nun ist, wenn mehrere Männer beisammen sind : jeder hat seine Meinung, und jeder will rechthaben. Als man nun beriet, welchen Weg man nächsten Morgen fahren wolle, so gab es gleich Streit : einige wollten am Serethflüßchen entlang, andere geradeaus in die Ebene, und so konnte man sich nicht einigen.
Aus diesem Grunde zogen sie nun in fünf verschiedene Richtungen und sahen einander nie wieder. Niemand weiß, wer wirklich im Süden angekommen ist. Vielleicht sind alle von den Wölfen gefressen worden. Aber es könnte auch sein, erzählten früher die alten Bergbauern, daß die Kinder jener Auswanderer wieder zurückgekommen sind und die fünf Gemeinden — Wikow, Horodnik, Fratautz, Badeutz und Millischoutz — gegründet haben, denn nur so läßt es sich erklären, daß alle Einwohner hier „von einer Art" sind.

18. Kaluschnik (I)

Im vorigen Jahrhundert hauste in den Wäldern zwischen dem Witzau- und dem Berkeßtal ein Heiduck, der Bernhard Kaluschnik hieß.
Man sagte, daß er der Sohn eines Huzulen und einer Deutschen war. Seine Mutter stammte aus dem Dörfchen Karlsberg, ihr Vater war ein armer böhmischer Holzfäller gewesen, der allein neun Kinder großgezogen hatte, denn seine Frau war bei der Geburt des neunten Kindes gestorben. Soviel ist über Kaluschniks Herkunft überliefert worden.
Er wuchs in Sandau, einem Weiler bei Brodina auf, wo auch Seine Eltern lebten. Schon als kleiner Junge besaß er ungewöhnliche Kräfte.
Als er einmal während des Winters im Keppawald von zwei Wölfen angefallen wurde, zog er das Messer, lehnte sich mit dem Rücken an einen Baum und schlug dem ersten Wolf mit dem Stiefel so geschickt in die Schnauze, daß der heulend davonlief. Dem anderen schlitzte er, den Bauch auf, als er ihm an die Kehle springen wollte.
Ein anderes Mal — das soll sich in Falken zugetragen haben — packte er einen wütenden Stier an den Hörnern und brach ihm das Genick. Als einmal ein Bär in die Schafhürde der Gemeinde Brodina einbrach, befand sich der junge Kaluschnik zufällig in der Sennhütte, bei den Hirten. Er nahm einen „Tschomak" und stieß ihn dem Bären ins weit geöffnete Maul, gleichzeitig stach er mit dem Messer zu und traf den Bären, der sich auf die Hinterbeine erhoben hatte, mitten ins Herz.
Eines Tages gefiel es ihm jedoch in Sandau nicht mehr. Er „borgte sich" das Pferd des Oberförsters aus Brodina und ritt einfach davon, ohne sich von jemandem zu verabschieden.
Bald sprach man überall von Bernhard Kaluschnik, dem gefürchteten Heiducken.

19. Kaluschnik (II)

Die huzulischen Bergbauern aus der Gegend von Oberwikow erzählen, daß Kaluschnik ein Sohn der Mittagsmutter war. Die hatte, als sie einmal an einem heißen Sommertag über die Schikower Flußau ging, einen jungen Hirten behext, der ahnungslos unter einem Baum schlief, während die Kühe friedlich weideten.
Die Mittagsmutter kam Iautlos herangeflogen, führte ihn fort und machte ihn zu ihrem Knecht. Sieben Tage lang mußte er ihr dienen. In dieser Zeit bekam er nichts zu essen und durfte nur warmes Wasser trinken (denn die Mittagsmutter mag kein kaltes Wasser).
Während dieser „Klacka"* wurde ein Kind gezeugt: Bernhard Kaluschnik, der später selbst hexen konnte, denn das hatte er bald seiner Mutter abgeguckt.
So vermochte er später seine Verfolger immer wieder zu täuschen und konnte nicht gefaßt werden. „Der hat es mit dem Teifi", pflegte man damals zu sagen.

*)
rum. Knüttel. 2 Frondienst; später auch für freiwillige Hilfeleistungen.

20. Kaluschnik (III)

Manche alte Bauern meinen auch, Kaluschnik sei ein Sohn der Sonnenfrau gewesen, die man früher oft in der Serether Niederung sehen konnte.
Die Sonnenfrau war eine Hexe, die die Bauern bei der Feldarbeit störte, sie müde machte, Kopfschmerzen verursachte, die Sinne verwirrte oder die Menschen für einige Stunden einfach fortführte. Wenn sie dann wieder zu sich kamen, war es schon Abend und die Armen befanden sich weit weg von Feld und Dorf und mußten nun einen langen Weg zurücklaufen. Vor der Sonnenfrau konnte sich niemand schützen.
Von ihr hatte Kaluschnik den „heißen Blick" bekommen ; der wirkte nicht nur auf junge Mädchen und Frauen, sondern auch auf seine Feinde : schaute er sie scharf an, waren sie buchstäblich festgenagelt und konnten sich nicht mehr rühren, Gendarmen und Soldaten standen wie gelähmt da und niemand wagte es, ihn anzufassen. So ritt Kaluschnik vor den Augen seiner Feinde seelenruhig davon.

21. Kaluschnik (IV)

Als Kaluschnik älter wurde, machte ihm das freie wilde Heiduckenleben immer weniger Spaß ; und so sah er sich nach einem ruhigen Ort um, wo er seine letzten Jahre verbringen wollte.
Es heißt, daß Kaluschnik dann in einem einsamen Gehöft, oben im Tal der Großen Bilka, bei einer Huzulenwitwe noch viele Jahre glücklich und zufrieden gelebt hat. Im Radautzer Ländchen und in anderen Gegenden des Buchenlandes aber glaubte man, daß er gestorben sei.
Die Bergbauern aus der Umgebung wußten nicht, daß der neue Wirt auf dem Hof der Jewkaterina (so hieß die Witwe) der einst berühmte Heiduck war. Selbst seine Frau ahnte nicht, wen sie da aufgenommen hatte. Sie fragte ihn auch nie nach seiner Herkunft und war zufrieden, daß sie einen Mann bekommen hatte.

22. Kaluschnik (V)

In einer anderen Geschichte heißt es, daß Kaluschnik — schon „ieber die fimfunddreißig, wann die G'scheitheit kommt" — eine fromme Witwe aus einem kleinen Bergdorf geheiratet hatte. Er gab sich jedoch nicht zu erkennen und sagte, daß er aus dem Städtchen Radautz stamme und ebenfalls Witwer sei.
Erst kurz vor seinem Tod beichtete er dem Popen seine Sünden, und nun erfuhr auch seine Frau, daß sie viele Jahre mit einem Heiducken zusammengelebt hatte.
Die war sehr böse und sagte :
„Ich war Magd beim Herrn von Flondor und hab viele feine Herren vor dir gekannt, aber ein Räuber und Heiduck war nicht darunter. Von nun an kommt mir auch kein Mann mehr ins Haus, von dem ich nicht weiß, was er sonst getrieben hat. . ."
So schimpfte sie auf den sterbenden Kaluschnik ein. Der aber schloß die Augen und war tot.

23. Kaluschnik (VI)

Von Kaluschniks „heißem" oder „bösem Blick" erzählt man sich die merkwürdigsten Geschichten.
Einmal befand er sich in einer jüdischen Kneipe in der Gegend zwischen Unterwikow und Altfratautz. An den Tischen saßen bei Schnaps und Bier viele Bauern und es ging sehr laut und lustig zu : einige Männer tanzten nach huzulischer Art, während die Frauen bedienten.
Plötzlich ging die Tür auf und zwei österreichische Gendarmen betraten den Raum. Sicher hätten sie Kaluschnik sofort verhaftet und mitgenommen, doch der rief, bevor sie noch ein Wort sagen konnten : „Los, tanzt, Soldaten, tanzt !"
Und es geschah ein Wunder : die Gendarmen legten rasch Gewehre, Riemzeug und Helme ab, tanzten und tranken, bis sie unter die Tische rutschten und einschliefen.
Der Heiduck aber bezahlte die Zeche und ritt weg.
Am nächsten Morgen, als die Gendarmen aus ihrem Rausch erwachten, begannen sie wütend nach Kaluschnik zu suchen ; der war aber schon über alle Berge.

24. Kaluschniks Sohn

Der Heiduck Bernhard Kaluschnik — einst bekannt im ganzen Raudautzer Ländchen und sogar auch in anderen Gegenden des Buchenlandes — soll einen Sohn gehabt haben (es heißt aber auch, daß in jedem Bergdorf entlang der Sutschawa einige Kinder von ihm stammten).
Nun, dieser, der Gregor oder Grigorij hieß, wurde ebenfalls Heiduck, und man sagt, daß er der einzige war, der „ganz seinem Vater ähnelte".
Grigorij war kaum dreizehn Jahre alt und durchstreifte die Gegend zwischen Radautz und Solka und wollte ebenso berühmt werden wie sein Vater. Das gelang ihm jedoch nicht, denn immer wieder verglich man seine Taten mit jenen seines Vaters, und da hieß es : „Den Bernhard hättest schau'n soll'n, der hat des ganz a'nderscht'macht ! "
Um das Jahr 1900 verschwand er plötzlich und wurde nicht mehr gesehen. Es heißt, er habe die schöne Tochter eines jüdischen Gastwirten entführt und sei mit ihr in eine Stadt in den Norden gezogen — nach Wisnitz oder Waschkautz.
Das war die kurze Geschichte vom Heiducken Grigorij, der seinen Vater an Heldentaten übertreffen wollte und dasselbe Los hatte, wie die meisten Söhne berühmter Väter. „Er hätt'nit sagen derfen, daß er war der Sohn vom Bernhard", kommentierten die Bauern, „dann war er gewest a grußer Heiduck".

25. Auferstanden von den Toten

Das war noch vor mehr als hundert Jahren, da lebte in Altfratautz ein Schuster namens Bolberitz, der gern ein Gläschen Wein trank. Aber wie das so ist bei den Männern : aus einem Gläschen werden zwei, und damit es nicht zwei bleiben, kommt noch ein drittes Gläschen hinzu, und dann werden sie traurig, weil sie schon drei Gläschen getrunken haben, das vierte und fünfte kommt dann „wie von selbst" ; man nennt das „den Kummerspüler". Und so ging das auch mit dem Bolberitz. Die Leute mußten auf ihre Schuhe warten, und die, was arm waren und was nur ein Paar Schuh hatten, die mußten barfuß gehn, weil der Herr Bolberitz in der Schenke beim Goldfink saß (Goldfink, so hieß der Wirt).
Eines Tages, als die Leut sind kommen und wollten ihn dreschen, hat er sich gelegt ins Bett, hat gesagt : „Ich werd sterben." Nun, einen, was stirbt, darf man nicht dreschen. „Der Arme", haben die Leut gesagt; die Schwaben haben ein weiches Herz, die glauben den anderen ; der Bolberitz aber war ein schlauer, hat er unsere Leut hereingelegt. Und das war so :
„Waj, ich werd sterben müssen", hat er 'klagt. Und die Leut sind wieder nach Haus gegangen. Das hat aber gehört eine reiche Frau von unten aus Radautz, hat sie geheißen Golz. Die Frau Golz ist gekommen in einer Kutsche nach Altfratautz.
„Herr Bolberitz", hat sie gesagt, „mein Mann ist gestorben vor einem Jahr in Radautz. Und weil Sie auch bald werden sterben, möcht ich Sie bitten, nehmen S' meinem Mann eine Kleinigkeit mit : etwas warme Unterwäsche, einen neuen Anzug und Geld, damit der Arme sich 'drüben auch manchmal etwas kaufen kann. Soll er nicht Not leiden, war er gewesen so ein guter Mensch."
„Ja", hat der Bolberitz gesagt, „gnädige Frau, das werd ich machen mit Vergnügen für Ihnen, aber wo bleibt die Kommission ? Wenn ich muß schleppen alle diese Sachen 'hinüber'."
Da hat die Frau Golz dem Bolberitz noch ein schönes Stück Geld gegeben, hat sich bedankt, hat noch gesagt : „Ruhen Sie sanft, Herr Bolberitz" und ist zurückgefahren nach Radautz.
Am nächsten Morgen war aber auch der Bolberitz fort, verschwunden, und die Geschenke für den Herrn Golz hatte er auch mitgenommen.
Da ist noch viel Zeit vergangen, und da hat jemand einmal den Bolberitz in Sutschawa am Jahrmarkt gesehen ; „He, Bolberitz, was machst hier ?" ;
„Auferstanden von den Toten", hat er gesagt und hat sich rasch davon gemacht.

26. Dokia

Einem Huzulen war die Frau gestorben, und weil er eine kleine Tochter hatte, mit der er nun allein in seinem Gehöft wohnte, heiratete er nach einem Jahr zum zweitenmal. So bekam das Mädchen eine Stiefmutter, und auf dem Hof war nun eine neue Herrin, die sich um die Wirtschaft kümmerte. '"
Bald merkte aber das arme Kind, daß Jeudocha — so hieß die Stiefmutter — eine böse Frau war, und während eines Winters, als es draußen stark schneite und der Mann hinunter ins Dorf gegangen war, sagte die Frau : „Lauf rasch in den Wald und hol mir Himbeeren, ich hab eine starke Lust danach !"
Das Mädchen aber erwiderte verwundert : „Woher soll ich bei diesem hohen Schnee Himbeeren bringen ? Im Winter wächst doch nichts !"
„Verschwinde !" schrie die böse Stiefmutter, „und komm mir ja nicht ohne Himbeeren zurück !" Damit öffnete sie die Tür, stieß das arme Kind hinaus ins Schneetreiben und warf ihm noch ein Körbchen nach. „Da, nimm und füll es bis oben an !"
Weinend nahm das Mädchen den Korb und ging in den Wald. Und wie es so ging, sah es plötzlich zwei Männer, die bei einem Feuer saßen und sich wärmten.
„Darf ich mich auch zu euch setzen und meine erfrorenen Finger ein bißchen wärmen ?" fragte es.
„Selbstverständlich, komm setz dich und sag uns, warum du dich bei diesem Wetter im Wald herumtreibst."
Zitternd und weinend erzählte sie nun die ganze Geschichte von der bösen Stiefmutter. Die beiden Männer hörten aufmerksam zu, und als sie damit fertig war, gaben sie ihr eine Handvoll Kohlen mit. Die legte sie ins Körbchen und eilte nach Hause, denn so hatten ihr die Beiden befohlen.
Wie groß war ihre Freude, als sie zu Hause sah, daß sich die Kohlen in herrliche Himbeeren verwandelt hatten.
Jeudocha aß das Körbchen leer, ohne dem Mädchen auch nur eine Himbeere zu geben. Dann sagte sie : „Jetzt, werd ich mir davon einen ganzen Eimer holen !"
Weil es aber draußen sehr kalt war und stürmte, nahm sie zwölf Pelze aus dem Schrank, einer ein bißchen größer als der andere und eilte, so ausgerüstet, auf den Schwarzen Berg ; dort hoffte sie, die schönsten Himbeeren zu finden.
Oben bließ der Ostwind aber so stark, daß sie gleich noch einen Pelz anziehen mußte. In ihrem Übermut und verärgert, weil sie noch keine Himbeeren gefunden hatte, rief Jeudocha so laut sie konnte : „Marot, marot, seru tobi na rot!" *
Das waren aber böse Worte und so erreichte sie „die himmlische Strafe" : ein Unwetter kam, es folgten Regen und Frost, und Jeudocha zog jeden Morgen einen neuen Pelz an, denn inzwischen war so hoher Schnee gefallen, daß sie den Weg zurück nicht mehr finden konnte.
Am dreizehnten Tag aber, als sie kernen Pelz mehr hatte, mußte sie jämmerlich erfrieren.
Als dann der Frühling kam und die Hirten mit den Schafen hier vorbeizogen, bemerkten sie eine seltsame Steinsäule : das war die Jeudocha oder — wie die Zipser sie nennen — Dokia, die nun ihre Strafe erhalten hatte.
Zu den Füßen des Dokia-Felsens gibt es eine kleine Quelle mit klarem Wasser ; man sagt, daß Blinde, wenn sie die Augen damit bestreichen, wieder sehend werden. Ob das aber stimmt, könnte nur ein Blinder sagen — wenn er den Weg bis hinauf findet.

*)
ukr. März, März, ich mach dir ins Gesicht.

27. Die Windfee

Zu Beginn dieses Jahrhunderts kam Pfarrer Paul Kersten eines Tages aus Unterwikow zurück nach Deutsch-Altfratautz, wo er damals wohnte. Etwa dort, wo der Petribach in die Sutschawa mündet, sah er, wie am Dorfrand aus dem Haus der Witwe Lemberger, lange weiße Rauchschwaden aufstiegen.
Zuerst dachte Kersten, es brenne, doch dann löste sich der Rauch und flog wie eine Fahne über das Dorf.
Nun konnte man ganz deutlich eine Windfee erkennen, die mit ihrem weiten Gewand über Dächer und Bäume strich. Ihr Gesicht war feurig rot und glänzte in der Abendsonne.
Schließlich erhob sie sich hoch in die Lüfte und verschwand in der untergehenden Abendsonne.
Damals deutete man diese seltsame Erscheinung so : bald wird ein Unwetter kommen und großen Schaden anrichten.
Tatsächlich gab es nach einigen Wochen einen großen Sturm, der Dächer zerstörte und Bäume entwurzelte. Ein einziges Haus wurde jedoch verschont: jenes, aus dessen Schornstein die Windfee aufgestiegen war.
Es hieß früher : wenn die Windfee bei jemandem zu Gast war, ist er vor Unwetter geschützt. Sie kommt an warmen Sommerabenden durch das Uhlenloch auf den Dachboden und stöbert dort im Meis herum. Darum soll man, wenn es am Boden raschelt, nicht nachsehen oder Lärm machen, denn sonst erschrickt sie und wird böse.

28. Die Frau mit dem Sack

Ein Huzule aus Oberwikow war auf dem Markt in Radautz gewesen, und nun fuhr er auf seinem Wagen wieder heim.
Als er den Sutschawabach überquert hatte, kam er zur Kreuzung wo der Weg nach Bilka abzweigt. Hier stand eine Frau mit einem Sack auf dem Kopf * und wollte gern mitfahren.
„Steigt hinten auf", sagte der Huzule.
So fuhren sie ein Stück und da merkte er, daß die Frau immer noch den schweren Sack auf dem Kopf trug.
„He, nehmt den Sack herunter und legt ihn hinten in den Wagen", lachte er.
„Wie soll ich ihn in den Wagen legen, die armen Pferdl ziehen ja aso schon schwer genug !" meinte die Frau.
* Säcke und andere Lasten werden von den Bergbäuerinnen oft auf dem Kopf transportiert.

Fürstenthal

29. Die Klette

Auf einer Alm lebten einst drei Hirten und ein Junge. Eines Abends ging der Junge zur Quelle, um Wasser für die Mamaliga* zu holen. Als er Wasser schöpfte, kam plötzlich aus dem Wald ein Lämmchen gelaufen, das war sehr mager und sah auch krank aus. Der Junge hatte Mitleid mit ihm und nahm es zur Hütte mit.
Als die Hirten sahen, was er da gebracht hatte, sagten sie ihm, er solle es entweder schlachten oder verjagen, damit der Wolf es fresse.
Dem Jungen aber tat das Tier leid und so führte er es in den Wald und verbarg es im Dickicht, wo er einen kleinen Zarck** baute.
Dort fütterte er es heimlich, so daß niemand mehr von dem Lämmchen etwas wußte. Das aber wuchs heran und wurde immer schöner.
Eines Tages sagte es zum Jungen : „Morgen ist Sonntag, und dann sollst du mit mir hinunter ins Dorf gehen. Du darfst aber kein Wirtshaus betreten, denn sonst ergeht es uns schlecht."
Am nächsten Tag band er dem Lämmchen ein rotes Halsband mit einem Glöckchen um und beide gingen hinunter ins Dorf.
Alle Leute bewunderten das schöne Tier, und die Mädchen blieben stehen und streichelten es.
Als sie bei einem Wirtshaus vorbeikamen, saßen da gerade die Hirten von den Bergen aus der Umgebung, waren fröhlich und tranken Schnaps. Und es waren auch Zigeuner da, die machten lustige Musik. Die Hirten aber riefen : „Komm, trink ein Gläschen mit uns !"
Der Junge winkte ab. Schließlich ließ er sich jedoch überreden und trank stehend rasch einige Gläschen Schnaps. Dann wanderte er mit seinem Lämmchen zurück zur Alm.
„Bist du böse auf mich ?" fragte er unterwegs.
Das Schäfchen erwiderte nichts.
Als sie zum Wald kamen, verwandelte es sich plötzlich in einen weißen Vogel und flog davon.
Nun begann der Junge zu klagen und zu weinen, denn er hatte das Lämmchen sehr lieb gehabt.
Er weinte dreizehn Tage lang. Am vierzehnten wurde er in eine Klette verwandelt. Und seither hängt er immer an der Wolle der Schafe, doch sein Lämmchen findet er nicht mehr.
* rum. Maisbrei, Palukes.
** rum. Gehege, Hürde.

30. Die ersten Ansiedler

Als zu Beginn des Jahres 1802 die beiden Salzsiedereien auf dem Pleschberg bei Solka aufgelassen wurden, beschloß das Solkaer k. k. Wirtschaftsamt, an ihrer Stelle eine Glashütte zu errichten. Etwa zur gleichen Zeit waren im Böhmerwald die Glashütten Sommersdorf und Stoickern aufgelassen worden, und so beschloß man, die Facharbeiter von dort ins Buchenland zu bringen.
Das k. k. Staatsgüter-Inspektorat in Radautz hatte gegen die Errichtung einer dritten Glashütte — die beiden ersten waren 1793 in Althütte und 1797 in Karlsberg eröffnet worden — nichts einzuwenden. Man vertrat jedoch dort die Meinung, daß im Suchautal bei Stulpikany ein ausgezeichneter Kies sei, der sich besser zur Glasherstellung eigne.
Später beschloß man trotzdem — wegen der großen Waldungen — im Bereich der Gemeinde Mardschina, am Fürstenbach, eine Glashütte zu errichten. Diese Siedlung, die 1803 entstand, erhielt den Namen Fürstenthal.
Die Kunde, daß im fernen Buchenland eine neue Glashütte gebaut werden solle, hatte sich unter den stellungslosen Facharbeitern im Böhmerwald rasch verbreitet. So kamen schon im Oktober 1802 die Tafelglasmacher Wenzel Feldigel, Anton Fuchs, Franz Keller, Johann und Franz Weber, die Hohlglasmacher Joseph und Matthäus Gaschler und der Hüttenmaurer Martin Stoiber nach Radautz. Sie sprachen beim Inspektorat vor und wollten in der geplanten Glashütte angestellt werden.
Diese acht Deutschböhmen werden als die Gründer von Fürstenthal bezeichnet.
Im Sommer 1803 trafen dann die ersten Glasarbeiterfamilien im Tal des Fürstenbaches ein und bezogen die für sie bereitgestellten Holzhäuser.

31. Die Maiglöckchen

Dieses soll sich vor vielen Jahren zugetragen haben ; damals lebte noch die Ottilia Gnad, und die hat es uns erzählt. Ihr Haus stand etwas abseits, am Rande der Hutweide, die an die Gemarkung von Oberhorodnik grenzt.
Es war einmal ein Junge, der hatte keinen Vater mehr, und seine Mutter war so arm, daß sie ihm nicht einmal etwas zu essen geben konnte.
So wurde der Junge Schafhirt.
Das war ein feiner Beruf. Den ganzen Tag saß er draußen auf den Wiesen, und während die Schafe grasten, spielte er auf der Flöte die schönsten Weisen.
Es vergingen einige Jahre, der Junge wuchs heran und litt keine Not, denn Milch, Käse und Mamaliga* hatte er immer genug — so viel, daß er auch seiner armen Mutter davon zuschicken konnte.
Da geschah es, daß eines Tages die Königstochter mit großem Gefolge vorbeiritt. Als sie das liebliche Flötenspiel hörte, hielt sie an und ging zu dem Hirten.
„Weißt du", fragte sie, „wo die schönsten Blumen blühen ?"
„Ich weiß, wo die Stelle ist, Eure Hoheit", erwiderte der Hirtenjunge, glücklich, daß die Königstochter mit ihm sprach.
„Dann führe mich hin !'
Das königliche Gefolge blieb bei der Schafherde, und der Junge führte die Königstochter in den tiefen Wald. Etwa nach einer Stunde gelangten sie auf eine versteckte Wiese, und da blühten tatsächlich die seltsamsten Blumen, die man sonst nirgends sehen konnte.
Die "Königstochter pflückte rasch einen großen Strauß, und als sie fertig war, sprach sie zum Jungen :
„Eine Blume fehlt mir noch."
„Welche ?" fragte der Hirte verwundert.
„Jene Blume, die du in deiner Trajsta** verborgen hast."
„Aber das ist doch meine Flöte", wunderte er sich, „die kann ich Euch nicht geben, denn darauf spiele ich meine Lieder."
„Eben diese Blume will ich aber haben, sonst ist mein Strauß nicht vollständig."
Mit Tränen in den Augen gab der Hirte seine Flöte der Königstochter, wies ihr den Weg zurück zu ihrem Gefolge und lief in den tiefen Wald.
Dann zog er in die weite Welt, und man hat ihn seither nicht mehr gesehen. Überall aber, wo er vorbeikam und eine seiner Tränen auf den Boden fiel, wuchsen kleine weiße Blumen. Und weil es gerade Mai war, nannten die Menschen sie Maiglöckchen.
* rum. Maisbrai, Palukes
** rum. Zwerchsack.

32. Die Riesenmurmel

Auf der Klosterwiese im Hardeggtal, wo sich früher ein Gestüt und der Sitz der Forstverwaltung befand, gab es einst einen mächtigen runden Stein, den niemand von der Stelle rücken konnte. Man sagte damals, daß dieses eine Riesenmurmel sei, die noch aus jener Zeit stammte, als das ganze südliche Buchenland von Riesen bewohnt war.
In den Erzählungen der rumänischen und huzulischen Bergbauern hieß es, daß diese Riesen, die man Welyty nannte, langes Haar und mächtige Barte trugen und mit Bärenfellen bekleidet waren. Sie hausten in dein tiefen Wäldern der Ostkarpaten, wohin kein Mensch wagte. Wann sie verschwunden sind, weiß man nicht mehr.
Während eines Gewitters schlug der Blitz in die Riesenmurmel ein und spaltete sie in zwei gleiche Teile. Mit Hammer und Meißel wurden sie dann von zwei Steinmetzen in kleine Stücke zerlegt und beim Bau des Jägerhauses verwendet.

33. Die „Milich-Hex"

Das hat noch der Schindelmacher Tanase Siniawski aus Fürstenthal erzählt.
Als er ein kleiner Junge war, da hatten sie drei Kühe, die gaben jeden Abend reichlich Milch. Eines Tages jedoch, als sie von der Hutweide heimkehrten, war keine Milch mehr im Euter, und da wußte der Vater, daß eine „Milich-Hex" die Hand im Spiel hatte.
Während er noch überlegte, was nun zu tun sei, hüpfte eine Kröte über die Schwelle der Stalltür. Rasch nahm der Vater eine Heugabel und stach zu. Er spießte das Tier auf und schleuderte es über den Zaun zum Nachbarn.
Am nächsten Tag lag die Großmutter der Nachbarin mit heftigen Seitenschmerzen im Bett; und Vater meinte, daß sie die „Milich-Hex" gewesen sei.

34. Der Schwarze Riese (I)

Um 1913 kam der Glasmacher „Stodla-Nani-Ambros" (Ambros Weber) von Woytinell her beim Fürstenthaler Försterhaus vorbei. Es war an einem warmen Sommerabend, die Grillen zirpten, Weber rauchte seine Pfeife und dachte an nichts Schlimmes. Wie, er so vor sich hinschritt, vernahm er plötzlich ein seltsames Pfeifen, das vom Putnaer Wald kam.
Weber blieb stehn und blickte hinüber zu den Bergen. Da sah er den Schwarzen Riesen, wie er zwischen den Tannen hervorwuchs, ganz groß wurde, so daß er den ganzen Abendhimmel bedeckte.
Dann schrumpfte er langsam wieder zusammen, kam auf die Erde herunter und stellte sich vor Weber : „So dunkel wird es werden, wie du es jetzt gesehen hast!" sagte er und löste sich in Rauch auf.
Bald darauf brach der Erste Weltkrieg aus und brachte auch nach Fürstenthal viel Leid und Kummer.
„Das hatte der Schwarze vorausgesagt", meinten damals die abergläubischen Bauern.

35. Der Schwarze Riese (II)

Das soll sich noch in den dreißiger Jahren zugetragen haben. Eines Abends kam Johann Gaschler von Mardschina her durch die Schirwiesengasse nach Hause. Als er sich vor dem Hof des Josef Stolartschuk befand, wo die Fürstenthaler Gasse nach links abzweigt, blieb er plötzlich stehn : aus der Mittleren Gasse kam langsam ein großer dunkelgekleideter Mann.
Gaschler wunderte sich, denn er hatte den Fremden bisher noch nie gesehen. Als nun der Schwarze vor ihm stand, war er um einen Meter größer als Gaschler.
„Hörst, Johann", sagte er, „nehmt Abschied, es wird a Zeit kommen, wann niemand mehr wird sein von Euch im Dorf !"
Damit löste sich der Schwarze Riese in Rauch auf und verschwand.
Als Gaschler seinen Nachbarn, Schlehuber, Kohlerus, Gnad und Dombrowski, die damals alle am Ende der Mittleren Gasse wohnten, von dieser seltsamen Begegnung erzählte, lachten sie „Du hast in Mardschina a Schnops 'trunken." Niemand nahm die Erzahlung ernst.
Doch nach einigen Jahren wurden die Fürstenthaler umgesiedelt und später vertrieben und in alle Windrichtungen zerstreut. Jene aber, die wieder in die alte Heimat zurückkehrten, erzählten von Gaschlers Begegnung mit dem Schwarzen Riesen.

36. Der Schwarze Riese (III)

Der Schwarze Riese wurde aber auch einmal auf der Bachwiese gesehen.
Das war an einem Herbstmorgentag, da kamen einige Holzarbeiter aus dem Sägewerk, das sich in dem Gäßchen befand, wo auch das Prinz-Rudolf-Denkmal stand. Als sie beim Haus des Adelstein waren und über die Brücke gehen wollten, erblickten sie links auf der Bachwiese den Schwarzen Riesen. Er stand unbeweglich wie eine mächtige Tanne an einem windstillen Tag. Die Arbeiter wußten nicht, was sie machen sollten.
„Kommts, gehn mir", sagte der eine und wollte zurückkehren und den Weg durch die Fürstenthalergasse nehmen. Doch da
winkte der Schwarze, hob die rechte Hand „wie zum Gruß", und da sahen sie in der Abendsonne leuchten : von der Hand tropfte Blut !
Damals deutete man diese seltsame Erscheinung so : Es werden blutige Zeiten kommen und viele Menschen aus dem Tal werden sterben.
Tatsächlich brach bald darauf der Zweite Weltkrieg aus und die ersten Fürstenthaler Burschen, die 1941 und 1942 im Osten fielen, waren Julius Hoffmann (22 Jahre alt), Philipp Artmann (23), Anton Baumgartner (genannt „Wastl-FerdI", 16jährig), Michael Gruschinsky, (22) und beide Söhne des Matthias Kappel, der Ambros und der Josef, einer 22, der andere 18 Jahre alt. Im ganzen kehrten 124 Männer aus dem letzten Krieg nicht mehr zurück und 46 blieben vermißt.
Später erinnerten sich noch einige der inzwischen alt gewordenen Arbeiter an den Schwarzen Riesen.
Immer noch abergläubisch meinten sie : „Der Schwarze hats 'sagt. Und so ist's 'kommen !"

37. Beim Kaiser-Ahorn

Oben im Tal, wo die Quelle vom Kleinen Haschtunga in den Fürstenthaler Bach mündet, steht der Kaiser-Ahorn, ein Baum, von dem man sagt, daß er zur Zeit der Ansiedlung gepflanzt worden ist.
Eines Tages kam ein deutschböhmischer Bauer, der bei der Messa-Wiese gewesen war, hier vorbei. Unter dem Baum saß ein alter Huzule aus Oberhorodnik und rauchte Pfeife.
„Grüß Gott", sagte der Böhme nach alter Art.
„Dobryiden", dankte der Huzule.
So kamen sie ins Gespräch, und da erzählte der Oberhorodniker, daß der Boden unter dem Kaiser-Ahorn hohl sei und sich einmal im Jahr öffne : dann kann man den Bergmännchen bei der Arbeit zusehen. Wer sich ganz still verhält, bekommt nachher einen Golddukaten, wer spricht oder sich bewegt, der bleibt ein Jahr lang stumm.
Weil es nun gerade an der Zeit war, blieb der Böhme unter dem Baum. Es wurde Nacht und gerade als es zwölf war, krachte es in der Erde und der Boden öffnete sich. Unten sah man viele Bergmännchen, die emsig Karren schoben, auf denen Goldstücke lagen, die glänzten und glitzerten, daß es eine Freude war. Der Böhme biß sich auf die Lippen, um keinen Laut hervorzubringen, und so verging eine Stunde. Bevor sich der Spalt wieder schloß, warf ein Bergmännchen zwei Golddukaten nach oben. Der Huzule fing sie auf, und erst nachdem es wieder still war, gab er einen dem Fürstenthaler.
Das soll sich im vorigen Jahrhundert zugetragen haben, und der Mann war der Vater vom „Wastl-Motheisl", dem Joseph Augustin.

38. Auf der „Alumsul"

Drei Fürstenthaler Jungen — Ferdi, Mundl und Sefi * — gingen einst in den Wald „Schwammerl" suchen. Als sie auf die Mönchwiese, die „Alumsul" kamen, sahen sie einen großen schwarzen Mann mit Bart, langer Kutte und einem mächtigen Hut auf dem Kopf.
Unbeweglich stand er da. Plötzlich bewegte er sich doch ein wenig und sprach : „Ein großer Krieg wird kommen, viele Menschen werden dabei zugrunde gehen. Die Lebenden aber werden nachher nicht genug Tränen haben, für die Toten..."
Dann ging er in den Wald und war verschwunden.
Tatsächlich brach bald danach der Zweite Weltkrieg aus, und die kleine deutschböhmische Siedlung hatte hundertsiebz
ig Tote und Vermißte zu beklagen. Damals erinnerte man sich noch oft an den „schwarzen Propheten", wie jene Erscheinung auf der „Alumsul" genannt wurde.
* Ferdinand, Siegmund, Josef

39. Auf der Möhrer Almwiese

In der Nähe von Fürstenthal gibt es einen Bergrücken, der Hatschunka heißt und sich entlang des Tales erstreckt. Steht man oben auf der Kuppe, kann man weit hinüber in die Radautzer Ebene blicken.
Bis vor einigen Jahren stand hier, auf der Mohrer Almwiese, ein kleines altes Steinhaus, in dem nur noch Kreuzottern hausten, denn die einstigen Besitzer waren längst fortgezogen.
Als sich einmal ein Ortsfremder in diese Gegend verirrte und in der „Koliba" übernachten wollte, vernahm er ein merkwürdiges „Zischeln und Läuten".
Erschreckt sprang er auf, brannte ein Streichholz an und leuchtete den Raum ab. Da erblickte er in einer Ecke einen mächtigen Schlangenkopf, der aus einem Loch hervorsah und eine kleine goldene Krone trug.
„Wenn du nicht sofort mein Reich verläßt," sagte sie mit feiner Stimme, „rufe ich meine Soldaten"'.
Der Wanderer ließ sich das nicht zweimal sagen, er nahm geschwind seinen Rucksack und lief davon. Spät am Abend kam er völlig erschöpft in Fürstenthal an und erzählte am nächsten Morgen, was er erlebt hatte.

40. Baumgestalten

Wandert man am Fürstenthaler Bach aufwärts, gelangt man bald zur Kühlen Wiese; von hier führt dann der sogenannte Reitsteg in den Großbalker Wald. Bei den Quellkakaden kann man auch heute noch seltsame Baumgestalten sehen : „das Kamel", „den Elefanten", „die Zwillinge" und „die Zwergnase".
Es heißt, daß in frühen Zeiten — bevor sich die Deutschen im Tal niederließen und die Glashütte errichteten — hier ein „Waldweib" gehaust habe. Immer wenn sich ein Unbefugter ihrer Hütte näherte, wurde er in eine Baumgestalt verwandelt.
Längst ist das böse „Waldweib" fort; die merkwürdigen Bäume aber stehen immer noch da und warten, daß jemand kommt und ihnen wieder ihr altes Aussehen „zurückgibt". Wieso sich aber ausgerechnet ein Kamel und ein Elefant in dieses abgelegene Tal verirrt haben sollen, das wissen auch die Erzähler dieser Geschichte nicht zu sagen.
Bei Vollmond kann man das leise Klagen der Verwunschenen hören ; doch wer sich zu nahe heranwagt, den fassen sie mit ihren langen Astfingern und lassen ihn nicht mehr los.

41. „In der Balte"

Oben im Großbalker Wald gibt es einen kleinen Teich, „die Balte" *. Hier soll einst, erzählten früher die böhmischen Glasbläser, ein alter Huzule, der viel Geld hatte, von einen Schafhirten erschlagen worden sein. Der Hirte raubte ihn aus und warf die Leiche in „die Balte".
Es verging ein Jahr, und da zog er wieder mit den Schafen vorbei. Als er sich ahnungslos dem Wässer näherte, kam eine lange Hand heraus und riß ihn in die Tiefe.
Seither kann man nachts ein Klagen und Ächzen hören : das ist der Hirte, der unten in der Hölle seine schwere Schuld abbüßen muß.
* rum. Teich.

42. Bas rote Männchen

Eines Abends kamen zwei Fürstenthaler von Mardschina her über die „Schirwiesn" nach Hause ; es waren der Wastl-FerdI und der Zinkerl-Raimund, die mit den richtigen Namen Anton Baumgartner und Michael Aschenbrenner hießen. Als sie schon nahe am Dorf waren, erblickten sie neben dem Weg ein Feuerchen, in dem „a rodes Mandl" saß.
Die beiden blieben stehen und „staunten sich", denn so etwas hatten sie noch nicht gesehen. Da winkte das Männchen mit der Hand, und als sie näher gingen, warf es ihnen geschwind einige glühende Kohlen vor die Füße. Die Männer bückten sich und sahen, daß die Kohlen einen so seltsamen Glanz hatten. Sie faßten sie vorsichtig an und da wurden es plötzlich lauter Goldstücke.
Das Männchen aber lachte, bließ einmal kräftig und plötzlich war das Feuer verschwunden. Nun lief es laut lachend, flink „wie a Kugelblitz" in den nahen Wald.
Das war eine große Freude für die beiden Fürstenthaler, denn nun hatten sie auf einmal viel Geld und konnten sich neue schöne Häuser bauen. Was für eine Bewandnis es aber mit dem „roden Mandl" hatte, das wußten sie nicht.

Bilka / Strascha

43. Der Teich bei Kruhl

Oben bei Kruhl gibt es einen Teich, der soll so entstanden sein :
An einem Sonntag, als überall im Buchenland die Glocken lauteten*und die Menschen, festlich gekleidet und froh gestimmt, vor ihren Häusern standen, bat ein alter kranker Mann einen Bauern um ein Stückchen Brot.
Der Bauer aber lachte, verprügelte den Bettler und jagte ihn zum Tor hinaus.
In der Nacht darauf ging ein Gewitter nieder und während es blitzte und donnerte versank das Gehöft — mit Menschen und Vieh und allem, was sich darin befand — in die Erde. Und an jener Stelle entstand ein kleiner Teich.
Man sagt, daß die Fische die Menschen seien, und die Kröten die Hunde.

44. Doubusch (I)

Vor etwa zweihundertfünfzig Jahren gab es im Buchenland einen berühmten Heiducken, der Doubusch hieß. Ob das nun sein richtiger Name war und woher er stammte, weiß man heute nicht mehr, obwohl viele seiner Heldentaten auch heute
noch bekannt sind.
Es heißt, daß er unverletzlich war : keine Flintenkugel konnte ihn töten, kein Axthieb erlegen und kein Feuer verbrennen. Außerdem verfügte er über ungewöhnliche Kräfte. Mit den bloßen Händen konnte er einen Bären erwürgen ; wurde er von einem Wolf angesprungen, so steckte er ihm die Faust in das geöffnete Maul, und der Wolf mußte jämmerlich ersticken.
Als er noch ein kleiner Junge war und, wie viele andere Huzulenkinder, die Schafe hütete, sah er auf einem Feld einen weißen Raben, der sich in einer Dornenhecke verfangen hatte. Doubusch eilte hin und befreite den Vogel. Als der aber nicht auffliegen konnte, warf ihn Doubusch einigemale in die Luft — bis auf einmal ein Windstoß kam und ihn forttrug.
Für diese gute Tat wurde er von der Waldfee Wila belohnt, sie schenkte ihm Kraft und Unverletzlichkeit. Denn Mut besaß er schon : schließlich war er ja der Sohn eines Huzulen.

45. Doubusch (II)

Doubusch war ein gerechter Räuber : er nahm nur von jenen, die zuviel besaßen und in Überfluß lebten; und er half den Armen, wo er konnte. Deshalb war er beim einfachen Volk beliebt, bei den Reichen und Herrschenden jedoch war er verhaßt.
Ein Teil des vielen Goldes, das er als Lösegeld bekam, wenn er eine reiche Kaufmannstochter oder die Frau eines Grafen entführt hatte, versteckte er in seinem Schlupfwinkel, in einer Höhle, unterhalb der Spitze der Tschorna Hora.
Im Jahr 1745 wurde er vom Mann seiner Geliebten in der Nähe des Dörfchen Kosmatsch aus denn Hinterhalt mit einer geweihten Kugel erschossen.
Nun begannen viele Hirten und Bergbauer, doch auch Waldhüter und Soldaten nach dieser Höhle zu suchen. Das ging so einige Jahre : sobald das Frühjahr kam, begegnete man in den Wäldern unterhalb der Tschorna Hora allen möglichen Menschen, die nach dem Schlupfwinkel forschten. Doch bis heute hat niemand etwas gefunden. Es heißt, die Höhle ist mit einer beweglichen Steinwand so versperrt, daß man als Uneingeweihter von außen nichts erkennen kann. Man sagt aber auch, die Zeit zur Erschließung dieser Schätze ist noch nicht gekommen : erst in fünfhundert Jahren — manche Bergbauern meinen auch, daß noch tausend Jahre vergehen müssen —: wird ein Mensch auf das Versteck stoßen.

46. Doubusch (III)

In einer anderen huzulischen Erzählung heißt es, daß sich Doubusch' Schlupfwinkel in einem Felsen befand, der am Weg nach Wisnitz, in der Nähe des Dorfes Putilla steht. Hier gibt es eine tiefe Höhle, und an einer bestimmten Stelle in der Wand — die jedoch noch niemand hat entdecken können — befindet sich der Verschluß : rührt man dran, öffnet sich der Felsen, und dahinter befindet sich ein hoher Raum, in dem viele Schäffer voll Gold stehen.
Immer wenn sich Doubusch' Todesstunde jährt, könnte man leicht den Verschluß erkennen, weil dann an jener Stelle einige Bluttropfen hängen. Leider weiß man aber heute nicht mehr genau, an welchem Tag Doubusch erschossen wurde — überliefert ist nur das Jahr —.und so suchen die Bauern aus Putilla und von anderswo immer noch vergeblich nach Doubusch' Schätzen.

47. Doubusch (IV)

In der Gegend von Strascha erzahlen die huzulischen Bergbauern, daß Doubusch nicht unverletzlich gewesen sei, sondern nur sein Geheimnis zu hüten wußte. Selbst seinen besten Freunden verriet er nicht, wie man ihn töten könnte.
Eines Tages lernte er jedoch eine Frau kennen : es war die wunderschöne Axenia des Stepan Dzwinka, eine Huzulin mit schrägen Augen und glänzendem schwarzem Haar, das sie zu einem dicken Zopf geflochten hatte. In diese Axenia verliebte sich Doubusch so stark, daß er ihr eines Tages, auf ihr Bitten hin, sein Geheimnis sagte : nur eine geweihte Silberkugel, die eine schönen Frau drei Tage lang in der Achselhöhle getragen hatte, konnte ihn tödlich verletzen.
Axenia versprach hoch und heilig, daß nie jemand dieses Geheimnis erfahren werde. Doch wie Frauen so sind : eines Tages beginnen sie doch zu reden, und auch Axenia erzählte die Sache „nur" ihrer besten Freundin, Jowanka, einem ebenso schönen Huzulenmädchen.
Diese Jowanka nun war ein bißchen neidisch auf die viel ältere Axenia, weil diese einen so berühmten Freund und Geliebten hatte. Darum verriet sie eines Tages Dobousch' Geheimnis einem Förster. Der aber erzählte es einem Gendarmen. Und der wiederum beschaffte sich die nötige silberne Kugel und erschoß Doubusch, als dieser ahnungslos von Putilla nach Wisnitz ritt.

48. Doubusch (V)

Als Doubusch nun tot war, flog ein weißer Vogel auf — zu der fernen Spitze der Tschorna Hora und von dort weiter in den Himmel : das war, sagen die Huzulen, die Seele des Heiducken, die nun „im Jenseits um Einlaß bat". Und es ist sicher, daß sie dort eingelassen wurde, weil der Heiduck zeit seines Lebens vielen armen Menschen geholfen hatte.
Doubusch' Körper aber wurde auf eine Bahre aus jungen Tannen gelegt, mit kostbaren gestickten Tüchern zugedeckt und von seinen Freunden hinauf zur Spitze der Tschorna Hora getragen.
Dort, in einer tiefen Felsenspalte, wo schwer jemand hinkommen kann, ist Doubusch' Grab. Tausend Jahre wird er ruhn, dann aber kehrt er wieder unter die Menschen zurück — als Heiduck oder als einfacher Bergbauer; das kann man jetzt noch nicht so genau sagen.

49. Der Graf mit der Trischka

Amol is kommen nach Boderlau — a klaanes Dorf, was liegt beim Berg, was heißt Großer Schander — einmal is kommen a feiner Graf in a goldene Kutschen ; er hat auch gehabt zwei Diener, was sein mitfahren hinter der Kutschen und was haben die Tür aufmacht, damit der feine Herr kann aussteigen.
Der Graf is ausstiegen in Boderlau und hat fragt a Bauern :
„Was kostet a Huzulenkind ?"
Der Bauer hat sagt : „Mir verkaufen keine Kinder nit!"
Anu hat der Graf genommen eine Trischka* und hat darauf spielt aso scheen, daß alle Kinder vom Dorf sein kommen und wollten sie gehn mit ihm.
Wie die Bauern gesehen haben, was der Graf da macht, na, da habens genommen Äxten, habens genommen Betzen** oder Tschomagen*** und habens dreindroschen wollen. Aber der Graf is gelaufen, schnell wie a Hunderl. Und der eine Bauer hat gehabt a Gewehr, und hat er geschossen, aber der Graf war nit tot: is er fortgeflogen als ein großer schwarzer Vogel. Die Diener und die Pferde aber waren aso auf amol schwarze Mäuserl und sind schwupp in die Erd' verschwunden. Die scheene Kutsche aber war auch auf amol weg ...
Und da haben die Leute gewußt : das war gewesen der Dittio****
* rum./zipser. Flöte.
** rum. Stock.
*** rum. Knüttel.
**** ukr. Teufel.

50. Böhm und die Wölfe

Der Heiduck Böhm trug immer eine Knute bei sich, an deren Ende schwere Bleikugeln hingen. Wohin er damit schlug, sagten die Bauern, da wuchs nachher kein Gras mehr, da regte sich nichts mehr.
Einmal ritt er während des Winters von Unterwikow an der Sutschawa entlang nach Strascha. Dort, wo die Laura in den Putnabach mündet, wurde er von einem Rudel Wölfen angefallen.
Böhm holte aus und schwenkte die Knute so, daß er gleich zwei Wölfe auf einmal erschlug. Nun stürzten sich die anderen darauf und fraßen sie auf.
Nach einiger Zeit waren wieder Wölfe hinter ihm her. Auch diesmal ließ Böhm die Knute sausen und erschlug gleich zwei.
Nun erreichte er das Dorf und war gerettet.

51.  „Leutnant von Böhm"

Einst fuhr ein polnischer Gutsbesitzer mit der Kutsche von Kupka nach Storoshinetz. Neben ihm saß seine Frau, fein gekleidet und mit viel kostbarem Schmuck an Ohren, Händen und Hals, denn sie waren auf eine Hochzeit geladen.
Als sie nun den Sereth überquert hatten und sich dem Dörfchen Podleßnoja näherten, hielt plötzlich ein österreichischer Offizier, der auf einem wunderschönen Schimmel saß, die Kutsche an, grüßte höflich und sagte : „Gestatten, Leutnant von Böhm, keine unbedachte Bewegung, Ringe, Uhr, Geschmeide sofort abgeben !"
„Was erlauben Sie sich ? ! Das ist eine unerhörte Frechheit !" brauste der Gutsbesitzer auf.
„Ja, wenns nit anders verstehn, do ßag i : halt die Goschn !" redete nun Böhm, so wie ihm das Maul gewachsen war.
Zitternd vor Wut, gaben die Gutsleute ihre Wertsachen ab, während Böhm sie mit der Pistole bedrohte.
Nachdem er auch mit der Brieftasche herausgerückt war, durfte der Gutsbesitzer mit seiner Frau weiterfahren. Kaum hatten sie Storoschinetz erreicht, klärte Herr von Flondor sie auf : der adlige Wegräuber war der Heiduck Böhm gewesen, der sich von irgendwo eine österreichische Leutnantsuniform beschafft hatte.

52. „Nebbich"

Böhm trank gern scharfen Pflaumenschnaps, sogenannten Chorinka oder guten alten Wein und war oft Gast in den jüdischen Kneipen, die es früher in jedem Dörfchen zwischen Radautz und Solka gab.
„Itzhak, einen Doppelten für mich und für alle Hühnerdiebe, die hier herumsitzen!" rief er einmal beim Betreten einer Schenke in Jaßlowetz, nachdem er sich umgesehen hatte, ob keine Gendarmen anwesend waren.
„Jawohl, Herr Baron", dienerte der Gastwirt und beeilte sich, ihn zu bedienen (die Kneipenbesitzer redeten Böhm oft mit „Herr Baron" an, weil er großzügig Trinkgelder verteilte; außerdem konnte man ja auch nicht „Herr Heiduck" oder einfach „Herr Böhm" sagen, denn er war ja „eine ganz ungewöhnliche Erscheinung").
Nun, an diesem Nachmittag ging es in Jaßlowetz sehr lustig zu : ein junger Jude spielte munter auf einer Fiedel, die Huzulen tanzten nach russischer Art und die anderen Gäste klatschten mit den Händen den Takt dazu. Viel Volk saß in Itzhaks Schenke.
Plötzlich betraten zwei Gendarmen den Raum und hatten auch sofort Böhm erkannt. Die Musik verstummte, der Heiduck hob beide Arme hoch — zum Zeichen, daß er keinen Widerstand leisten werde.
Als sie ihm die Hände fesseln wollten, sprang er jedoch plötzlich hinter die Theke, nahm zwei volle Schnapsflaschen und zerschmetterte sie auf den Köpfen der Gendarmen. Das geschah so rasch, daß man es kaum fassen konnte, erzählten später die Leute. Der eine Gendarm sank sofort zu Boden, der andere schwankte ein bißchen (er hatte einen harten Schädel, möglich, daß es ein Böhme war). Und darum ergriff Böhm noch eine Schnapsflasche und schlug ihm damit auf den Kopf. Nun fiel er um, „wie a Fliegn, wos föllt von der Wand".
Dann sprang der Heiduck hinaus, stieg aufs Pferd und sprengte davon zum Bobejkahügel, wo er im Wald verschwand.
„Ojojoj, majn scheejnr Schnops", klagte nachher der Wirt, während er sich um die bewußtlosen Gendarmen kümmerte.
„Wird der Herr Baron ihn bezohln, wann er wiederkommt", trösteten ihn die Gäste.
„Nebbich", soll der Wirt gesagt haben.

53. Die „Lichtl"

Die alten Bergbauern erzählen, daß nachts im Walde auf der Schkorbura gelbe „Lichtl" tanzen, und daß dort, wo ein Flämmchen aus der Erde züngelt, Schätze der Heiducken vergraben sind.
Früher warfen die abergläubischen Bauern an die Stelle, wo sie ein „Lichtl" erblickten, den Hut, um den Ort zu bezeichnen. Nach Mitternacht kehrten sie, ausgerüstet mit Hacke und Spaten, zurück und begannen zu graben. Bei dieser Arbeit darf man jedoch kein Wort reden und nicht aus dem Kreis hinaustreten, denn sonst ist das ganze Suchen vergeblich.
Es heißt aber, daß immer wieder jemand beim Graben etwas „verpatzte", und so sind die unterirdischen Kostbarkeiten in der Schkorbura bis heute noch nicht gehoben worden.

Buchenhain

54. Der Bär, die Schlange und der Distelfink

In alten Zeiten, als an der Stelle, wo heute die Gemeinde Buchenhain liegt, noch ein mächtiger Buchenwald stand (daher auch der Name Buchenhain, denn Hain bedeutet Wald), da trafen sich einmal ein Bär, eine Schlange und ein Distelfink unter einer mächtigen Buche, die wohl schon hundert Jahr alt war.
„Ja", sagte der Bär, „mir ßein alt 'wordn ; frieher, wie scheen war's da im Buchenwald ... Ich erinner' mich noch, wie hier der Baum ganz klein war, ßo klein, daß mir hätten nit kennen sitzen drunter."
„Das war", erwiderte darauf die Schlange, „ßo vor hundert Jahr. Ich erinner' mich noch, weil ich war damals a kleines Mädchen, a Schlangenmädchen. Euch beide hab ich iebrigens nit g'sehn, weil ihr ward damals noch gar nit g'born."
„Ach, wie scheen ihr liegen tut", rief der Distelfink, „aber Schlangen, das weiß man, die liegen immer, die ßein falsche Tiere", und dabei schwang er sich auf einen Zweig, so daß die Schlange ihn nicht erreichen konnte.
„Ichhab den Baum 'pflanzt, ich hab in meinem Schnabel vor genau hundert Jahren eine Buchecker an diese Stelle 'bracht und ßo ist der Baum 'wachsen !" brüstete sich der Distelfink;
Da stritten die drei so lange, bis sie schließlich zum Richter nach Radautz gingen.
Der Richter war ein weiser Mann, er hörte die Aussagen der drei Tiere geduldig an, und dann sprach er das Urteil: „Der Distelfink ist älter als die Schlange und der Bär, und folglich ist es durchaus möglich, daß er die Buche gesät hat!"
Nebenbei gesagt : Der Distelfink hatte am schönsten gesprochen, er hatte seine Aussage mit Gesang begleitet, während der Bär nur brummen und die Schlange nur zischen konnte, denn die beiden haben seit jeher keine so schöne Stimme wie der Distelfink.
Das aber dürfte beim Urteilsspruch ausschlaggebend gewesen sein.

55. Die Eiche am Rochlerbach

Zwischen Sutschewitz und Buchenhain, am Ufer des Rochlerbaches, der oben im Gebirge entspringt, stand bis vor kurzem eine alte Eiche. Hier pflegten die Bergbauern, wenn sie von Sutschewitz nach Gura Humorului wanderten, ein wenig zu rasten.
Diese Eiche — so erzählt die Sage — ist einst vom berühmten Heiducken Böhm gepflanzt worden. „Der alte Böhm", wie ihn das Volk noch nannte, lebte im vorigen Jahrhundert und hauste in den tiefen Wäldern des Großen Schander, an dessen Fuße das Dörfchen Boderlau liegt.
Böhm war jedoch kein gemeiner Räuber : Er nahm von den Reichen, die in Überfluß lebten, und half den Armen, die Not litten. So war er bei den einfachen Bergbauern beliebt; jeder gewährte ihm gern Unterschlupf, wenn er von den kaiserlichen Gendarmen verfolgt wurde.
Einmal ritt Böhm, zusammen mit anderen Heiducken von Mesteceni über die Berge hinüber nach Sutschewitz. Plötzlich sahen sie sich von Soldaten eingekreist; es kam zu einer Schießerei, die Heiducken wurden gefangen genommen oder getötet, und nur Böhm konnte fliehen. So ritt er immer am Rochierbach entlang, bis er zu jener Stelle kam, wo später die Eiche stand. Hier hielt er an, nahm eine Eichel aus der Tasche, die er immer bei sich trug und die ihn vor Unheil bewahren sollte, und steckte sie tief in die weiche feuchte Erde. „Zaubereichel, dich brauch ich nit mehr, denn meine Kameraden ßein tot", sagte er.
Was aus „dem alten Böhm" geworden ist, weiß man nicht. Vor dem letzten Weltkrieg, heißt es in Oberwischau, hat man ihn noch oben im Wassertal gesehen. Seither ist er jedoch „verschwunden", und es ist sicher, daß er nun nicht mehr am Leben ist, denn heute wäre er weit über hundert Jahre alt.

56. Der Teufelsbach

Überall, wo der Teufel sein Unwesen getrieben hat, gibt es einen Teufelbach, einen Teufelsstein, eine Teufelshöhle. Weil aber die Menschen im Buchenland arbeitsam und fromm sind, so hat es der Teufel hier immer schon schwer gehabt. Nun, wo keine Sünder sind, da ist auch die Arbeit des Teufels nicht leicht.
Zwischen Buchenhain und Fürstenthal, im Radautzer Ländchen, gibt es eine Bergwiese; dort stand einst ein Dörfchen :
Buchenau. Die Bewohner waren arme Bergbauern und Holzarbeiter, die sich oft drüben in Solka verdingen mußten ; die Zipser sagen auch „in Klake gehn", was soviel bedeutet wie Frondienst leisten.
Es heißt, daß hier eines Tages der Teufel erschienen ist; er hatte erfahren, daß die Bewohner vor kurzem — durch eine Seuche — alle ihre Schafe verloren hatten. So kam er, als Wandersmann verkleidet, eines Sonntagnachmittags zu den Bauern und machte ihnen folgenden Vorschlag : er werde, ihnen aus der Not helfen, wenn sie ihm dafür nach Ablauf eines Jahres drei Wünsche erfüllen. Was für Wünsche das sein würden, wollte er ihnen jedoch nicht verraten.
Die armen geschädigten Menschen sahen keinen anderen Ausweg, als auf den Vorschlag einzugehen. So kam es, daß sie bald alle neue Häuser, Vieh, Stallungen und weite Bergfelder besaßen. Wenn jemand aus Gurahumora heraufkam, mußte er sich über den plötzlichen Reichtum nur wundern.
Ein Jahr verging rasch, und eines Sonntagnachmittags erschien der Teufel wieder. Diesmal forderte er seinen Lohn : er wollte die Seelen der drei jüngsten und schönsten Mädchen haben. Lange verhandelten die Bauern mit ihm, doch er ließ sich einfach nicht umstimmen. Man bot ihm anstelle der drei Mädchen die halbe Ernte des letzten Jahres, und einige ältere Bauern erklärten sich auch bereit, bei ihm „in Klake zu gehn", Doch der Teufel blieb hart und wollte davon nichts wissen : Abmachung sei Abmachung, meinte er.
Da wurden die Bauern wütend, griffen nach ihre Streitäxten und Knütteln und vertrieben den Teufel, der nun um sein Leben laufen mußte.
Es vergingen einige Tage, und die Bergbauern freuten sich schon, den Teufel überlistet zu haben, da brannte eines Nachts die ganze Siedlung nieder. Nur wenige Bewohner konnten sich vor dem Feuertod retten. Tagelang führte der Bach schwarze Kohlen hinunter ins Tal. Seither heißt er nun Teufelsbach — Girla Dracului.

57. Die guten und die bösen Feen

Früher, als in den Wäldern zwischen Lichtenberg und Sutschewitz noch keine Motorsägen knatterten, lebten hier viele Feen. Manche waren den Menschen gutgesinnt, andere nicht.
Die Waldfeen wohnten oben auf dem Pleschberg, auf einer einsamen Wiese, wohin sich niemals ein Mensch verirrte. Dort stand ihr Schloß, Und rings um die Mauern wuchsen wilde Rosen. Die Waldfeen schützten das Wild und straften unbefugte Jäger.
Oben am Himmel wohnten die Wind- und die Wolkenfeen. Die waren je nach Laune gut oder böse. Manchmal faßten sich die Windfeen an den Händen und tanzten einen wilden Reigen. Dann sagten die Menschen unten in den Tälern : „Es kommt ein Wirbelwind" (tatsächlich aber waren es die Windfeen, die über die Kornfelder liefen und die Ähren niedertraten, so daß große „Mulden" zurückblieben).
Spielte ein Kind am Humorbach und fiel ins Wasser, so brachten es die Wasserfeen wieder ans Ufer. Anders hätten es die Wassermenschen „erwischt" und unten behalten — was auch manchmal vorgekommen sein soll.

58. „Wie lang leben die Mandl ?"

Im vorigen Jahrhundert lebte in Buchenhain ein Ukrainer, der war schon hundert Jahre alt und stammte aus dem Städtchen Solka. „Wie lang leben die Waldmandl ?" fragten ihn die Kinder eines Tages.
„Warum fragt ihr mich", entgegnete Ilja (so hieß der alte Mann), „fragt den Popen, oder fragt eure Eltern."
„Ihr müßt es doch besser wissen, weil Ihr ja hier im Dorf am ältesten seid !" riefen die Kinder.
„Na, dann will ich es euch sagen : genau so alt wie ich werden sie — hundert Jahre. Die alten Mandl aber schauen genau so aus wie die jungen, man kann sie voneinander nicht unterscheiden.
Nach genau hundert Jahren werden sie in eine Alraunwurzel verwandelt. Und nun beginnen sie ihr zweites Leben — als Mittel zur Bereitung von 'Liebestränken', Und das ist alles !" Somit beendete Ilja seine Geschichte vom Alter der Waldmandl.
Früher, sagen die Deutschböhmen, steckten sich die jungen Mädchen kleine getrocknete Stückchen von Alraunwurzeln — sogenannte „Tragerl" — unters Hemd, bevor sie sich mit einem Burschen trafen, den sie gern zum Mann haben wollten. War das Mädchen hübsch, soll das „Alraunderl" meistens geholfen haben, war es häßlich, so brachte auch das „Wurzerl" kein Glück.

59. Die Farbe der „Lichtl"

Wenn im Garten oder draußen auf der Wiese „a Lichtl tanzt", muß man zuerst auf die Farbe schauen, bevor man sich ihm nähert.
Ist es rot, liegt hier ein Schatz vergraben, der nicht gehoben werden kann, weil der Teufel draufsitzt.
Ist das „Lichtl" grün, so haben wir ein „Irrlichtl" gesehen, das einen wegführen will. (Wer dem „Irrlichtl" nachgeht, der wird die ganze Nacht kreuz und quer durch den Wald geführt und kommt erst am Morgen von dem Zauber los).
Die gelben „Lichtl" aber verheißen Geld oder Gold. Jene Stelle soll man rasch mit einem weißen sauberen „Schnupptichl" bezeichnen und erst bei Tagesanbruch graben.

60. Vom Schatzgraben

Früher erzählten die deutschböhmischen Arbeiter, könnte man oft „gelbe Lichtl" auf den Wiesen des Bukowenawaldes sehen. Da lag viel Gold vergraben. Doch die wenigsten Leute wußten, wie man sich beim Heben eines Schatzes verhalten muß, und darum hatten sie auch kein Glück.
Graben darf man nur bei Tageslicht, denn nachts könnte der „schwarze Hund" oder das „schwarze Huhn" kommen und einen bei der Arbeit stören. Gegen diese beiden aber kann man nichts unternehmen; sie sind die „Diener vom Bösen", der im Erdinneren haust und in der Nacht nicht geweckt werden will. Bas Klappern der Schaufeln aber würde ihn beim Schlaf stören.
Während des Grabens darf man auch nicht sprechen, sonst versinkt der Schatz zwölf Meter tief in die Erde und kehrt erst nach hundert Jahren wieder an seine alte Stelle zurück.

61. „Pintschn" und Stiefel

In alten Zeiten trugen die Buchenhainer — so wie die Rumänen — „Pintschn"* ; das waren Bundschuhe, die mit einem Lederriemen zusammengehalten wurden.
Als nun einmal ein Junge von seinem Onkel aus Solka zur Firmung ein Paar Stiefel erhielt und sie zum erstenmal anzog, rief er erschreckt : „Auwei Mami, mei Fieß sein weg !"
Rasch zog er sie wieder aus und stellte sie in den Schrank. Es heißt aber, daß man auch später in Buchenhain „Pintschn" bevorzugte : „Wer Stiefel anhat, kann sich nit an die Beine kratzen, wenn ihn ein Floh beißt," sagten die Bauern.
' nun. Bundschuhe, Opanken.

62. Dichter und Gänsedieb

In Buchenhain lebte einst ein jüdischer Schankwirt; der hieß Josef Goldbier. Dieser hatte drei schöne fette Gänse im Stall, auf die er sehr stolz war. „A groiße Freid sein die Gans", pflegte er zu sagen, wenn sie im Hof schnatterten.
'"Da geschah es aber, daß sie ihm eines Tages gestohlen würden, und Goldbier war untröstlich : „Wu sein meine scheenen Gans, wü sein meine scheenen Gans", jammerte er, „hätt der Reiber mir gelassen nur eine !"
Am nächsten Morgen stand eine seiner Gänse; schon halb gerupft, aufgeregt schnatternd vor dem Tor. An ihrem Hals aber hing ein Stückchen Papier, auf dem folgendes zu lesen war :
„Grüß dich Gott, Herr Goldbier,
ich will es Euch verraten,
die ändern sein schon braten,
nur ich steh hier und frier."
Die guten Buchenhainer waren geteilter Meinung : während sich einige hämisch freuten, daß man dem Juden die Gänse gestohlen hatte, waren die anderen empört, denn bis dahin hatte es im Dörfchen noch keinen so unverschämten Gänsedieb gegeben.
Es vergingen einige Wochen, und da wurden dem Bauern Alois Beer ebenfalls drei Gänse gestohlen, und auch diesmal kehrte am nächsten Morgen eine Gans wieder zurück und tcug ein Papier am Hals :
„Grüß dich Gott, Herr Beer,
aus der Kuchl komm ich daher,
meine Kameraden sein nicht mehr,
glaubt mir, das Sterben ist schwer."
Nun gerieten die Buchenhainer in Aufruhr: Wer war der Gänsedieb, der obendrein „so schöne Reime" machen konnte ?
Man horchte herum und beobachtete einander mißtrauisch, und so stellte es sich heraus, daß der Lehrer Kantorowitz, ein armer Junggeselle, in letzter Zeit seine Angewohnheiten geändert hatte : er war nicht mehr wie bisher um die Mittagszeit unangemeldet bei den Eltern seiner Schüler erschienen, um dann — wie selbstverständlich, denn man hatte sich schon an den seltsamen Gast gewöhnt — auch bei Tisch zu bleiben.
„Der Lehrer ist der Gänsedieb !" Rasch sprach sich der Verdacht herum.
Als sich eine Gruppe Bauern, ausgerüstet mit Knütteln, seinem Häuschen näherte, floh Kantorowitz durch den Garten verschwand im nahen Wald, durch den der Weg nach Majdan und Katschika führt.
Seither wurde er nicht mehr gesehen. Die Buchenhainer aber blieben lange Zeit ohne Lehrer, denn die Begebenheit sprach sich herum. Und wie das so im südlichen Buchenland ist: jeder fügte noch etwas hinzu, weitete die Geschichte aus. So hieß es zuletzt : „Die Leute aus Buchenhain wollten ihrer Lehrer umbringen, weil er ein Gedicht über eine Gans geschrieben hat!"
Nun haben wir diese Sache geklärt : Es war nicht nur ein Gedicht, sondern es waren zwei Gedichte, und darin war die Rede nicht von einer Gans, sondern von vier Gänsen, und es war nicht nur die Rede von diesen Gänsen, sondern der Herr Kantorowitz hatte sie gebraten und verzehrt. " Das ist die ganze Wahrheit, und wer es nicht glaubt, der möge selbst nach Buchenhain fahren und den Dingen, die sich vor etwa hundert Jahren zugetragen haben, nachgehen.
Mit diesen Worten pflegte der Waldheger Josef Sokol aus Brodina die Geschichte vom Lehrer Kantorowitz zu beenden.

63. Tag oder Nacht ?

Ein Buchenhainer war einmal in Solka auf einer Hochzeit gewesen. Als er gegen Morgen heimwärts wanderte, war er nicht mehr ganz sicher auf den Beinen.
Bei der Brücke über den Solkutzabach begegnete er zwei Männern, die anscheinend auch ein Gläschen über den Durst getrunken hatten.
„Wu sein mir ?" fragten die beiden.
„In Solka", sagte der Buchenhainer.
„Scheint hier die Sonne oder der Mond ?" wollten sie nun wissen, um zu erfahren, ob es Tag oder Nacht ist.
„Weiß ich nit, weil ich bin aus Buchenhain", entgegnete treuherzig der andere.

Lichtenberg

64. Die Mandl

In frühen Zeiten hausten überall in den Wäldern bei Lichtenberg in hohlen Bäumen oder unter Baumstümpfen Mandl;
das waren kleine Wichte ganz schwarz gekleidet und mit einer roten Mütze auf dem Kopf. Oft kamen sie ins Dorf und trieben besonders nachts allerlei Unfug.
Da lebte im vorigen Jahrhundert ein Bauer Namens Ruppl. Er hatte vier Kinder und sein Haus stand am Rande des Dorfes nahe beim Oberen Wald.
Eines Tages merkte die Bäuerin, daß jemand das volle „Rahmteppa" * in der Kammer geleert hatte. Zuerst dachte sie, daß eines der Kinder genascht habe und fragte :
„Wer hat sei' Pfoten ins Rahmteppa* steckt ?"
„Mir warens nit, Mama", sagten die Kinder.
„Na, wart, ich werde den Rauber schon packen !" dachte sich die gute Frau.
Am nächsten Tag stellte sie wieder ein volles „Rahmteppa"* in die Kammer und machte sich auf dem Hoff zu schaffen, dabei hatte sie jedoch ein Auge auf die Kammertür.
Nach einiger Zeit merkte sie plötzlich, daß die Tür nicht mehr geschlossen, sondern nur angelehnt war. Sie schlüpfte aus den Holzpantoffeln und schlich sich auf den Zehenspitzen leise hin.
Nun, was war:  ein kleines Mandl stand neben dem Rahmteppa, fuhr mit den Fingern hinein und schleckte, daß es „a Freid wor".
„Du bist der Rauber !" rief die Bäuerin. Der Kleine erschrak so, daß er vom Gestell herunterfiel.
Sie schloß nun rasch die Stubentür, nahm eine Fliegenklappe und schlug drein, daß die Fetzen flogen. Doch das Mandl war flink : immer wenn sie zuschlug, sprang es beiseite und lachte mit schriller hoher Stimme, was die Bäuerin noch mehr in Wut brachte.
Das ging so einige Zeit. Plötzlich hüpfte es zum Fenster, das nicht fest verschlossen war, schlug ein paar mal mit den Armen und flog als eine Krähe davon.
Es setzte sich auf einen Baum, der im Hof stand, lachte und rief „Kra-kra ! Kra-kra !" Verärgert ging die Bäuerin wieder
ihrer Arbeit nach und beachtete den komischen Vogel nicht mehr.
Noch am selben Abend zeichnete der Bauer mit geweihter Kreide einen Drudenfuß an das Tor und an die Kammertür, und seither stellten sich auch keine Mandl mehr ein.
* Rahmtöpfchen.

65. „Woher kommen die Mandl?"

Diese Frage stellten früher die Kinder in Lichtenberg und Buchenhain, wenn sie „G'schichtn" von der Sonnenmutter oder der Wiesenfee, von den Mandln und den Lichtln hörten.
Die Mandl, sagte man damals, schlüpfen aus einem Hahnenei,; das im gärenden Heu oder im warben Mist ausgebrütet wurde, aus. Es, muß aber ein Ei von einem schwarzen Hahn sein, und während es im Mist liegt, darf es nicht darauf regnen,
Kriecht dann das Mandl aus, so ist es zuerst „fingernocket" wie ein neugeborenes Menschenkind. So läuft es in den Wald und erhält dort von den anderen Mandln schwarze Kleider und eine rote Mütze. So eingekleidet, kann es nun alle „Zaubertrix" lernen, die es im späteren Leben nötig hat.
Schon nach einigen Wochen wächst ihm ein langer Bart, so daß es von den anderen, älteren Mandln nicht mehr unterschieden werden kann.
Doch nach dem letzten Weltkrieg hat man keine Mandl mehr gesehen. Man hat zuviel in den Wäldern herumgeschossen, meinen die Leute, und da sind die Kleinen vor Schreck gestorben.

66. Heiduck Goldmaul

Der Heiduck Goldmaul war nicht so berühmt wie Romanowitsch, Böhm, Kaluschnik oder Doubusch, aber einige „scheene Stickl" hat auch er angestellt.
Es heißt, daß er aus dem Dörfchen Lichtenberg stammte. Welches sein eigentlicher Name war, weiß man heute nicht mehr ganz genau.
Die deutschen Bauern meinen, er sei Huzule gewesen und habe Iwan Zupp geheißen. Die Huzulen aber erzählen, daß er Deutscher oder Jude war. Und der frühere Pfarrer des Dorfchens Ulm sagte einmal, Goldmauls eigentlicher Name lautete Franz Josef Mottl. Weil er aber viele Goldzähne hatte, nannte man ihn auch Goldmaul-Franzi.
Als er noch jung war, verdingte er sich als Schafhirte beim Sutschewitzer Kloster, wo er ein ruhiges Leben führte und keinerlei Not litt.
Wie er nun so auf der Alm stand und, gestützt auf den Hirtenstab, vor sich hindöste, kamen ihm allerlei merkwürdige Gedanken : er träumte, einst ein berühmter Mann zu werden, reich zu sein und wenig zu arbeiten. Goldmaul „klärte und klärte"*, und eines Tages, als wieder eine herrschaftliche Kutsche zum nahen Kloster fuhr, sprang er auf die Straße und hielt sie an. Mit seinem Knüttel prügelte er Kutscher und Diener vom Bock und nahm den feinen Damen Geld und Schmuck ab. Dann spannte er ein Pferd aus und ritt mit reicher Beute davon. So begann sein neues Leben als freier Heiduck.
Bald hatte Goldmaul viel Schmuck angesammelt, und so ließ er sich von einem Zahnarzt in Radautz die guten Zähne reißen und falsche Goldzähne einsetzen. „Sei Goschn hat so glänzt wie die Sonne", sagten die Bauern. Daher der Beiname Goldmaul.
Zuerst wurde er in den polizeilichen Steckbriefen unter Beschreibung „Franz Josef Mottl, Schafhirte des orthodoxen Religionsfonds Kloster Sutschewitz" geführt; später kam noch die Bezeichnung „im Volke genannt Goldmaul, weil alle Vorderzähne aus Gold sind" hinzu. Dann nannte man ihn überall nur noch Goldmaul oder Gurä de aur.
Als er eines Tages beim Überfall auf eine Postkutsche zwischen Czernowitz und Sereth gefaßt wurde, nahm die Polizei bald auch einen Juwelier in Radautz namens Hermann Goldfinger fest, der mit Goldmaul in „geschäftlichen Beziehungen" stand. Er schmolz den geraubten Schmuck ein und fertigte daraus Eheringe und Kreuze für die Huzulen an.
Nach dem Prozeß in Radautz, etwa Mitte des vorigen Jahrhunderts, sagten die Leute : „Goldmaul und Goldfinger haben gemeinsame Sache gemacht und mit ihren Ringen und Kreuzchen glückliche Ehen gestiftet".
* dachte und dachte nach.

67. Hilf dir selbst

Einst lebte im Dörfchen Lichtenberg ein böhmischer Landwirt ; das war ein fleißiger und rechtschaffener Mann. Er hatte einen Sohn, und der ähnelte in keiner Weise seinem Vater — er war träge und faul und trieb sich meist in den Wälden herum, wo er nach Vogelnestern suchte.
Wenn er etwas brauchte, rief er gleich : „Vater, gib mir die Schuhe, Vater, gib mir die Hose, Vater, gib mir ein Glas Wasser...", denn nichts wollte er allein machen.
Mit der Zeit wurde das dem Vater zu dumm, und er sagte eines Tages : „Hör mal, mein Lieber, so geht das nicht mehr weiter, du bist nun groß und könntest verschiedene Dinge selbst besorgen, schließlich bin ich ja nicht dein Diener. Morgen in aller Früh fährst du mit dem Wagen in den Wald, um Holz zu holen. Und wenn du nicht zurecht kommst, so hilf dir selbst!".
Am nächsten Morgen fuhr der Sohn in den Wald und sammelte Holz — eine Arbeit, die ihm recht schwer fiel. Gegen Abend aber hatte er den Wagen voll beladen und machte sich auf den Heimweg. Da kam er bei einer Grube vorbei, und weil er unachtsam war, rutschte der Wagen ab, und es brach eine Achse.
„Vater !" rief der Sohn, „Vater, komm hilf mir !" Doch niemand hörte ihn. Er rief die ganze Nacht hindurch, und am Morgen erst, erinnerte er sich an die Worte seines Vaters :
„Hilf dir selbst !" Nun machte er sich an die Arbeit und schnitzte mühevoll eine neue Achse (dazu brauchte er einen ganzen Tag), und so brachte er schließlich Wagen und Holz gut heim.
Von dann an begann ,der Sohn verschiedene Dinge selbst zu tun, und mit der Zeit — erzählt man sich — wurde er sogar recht fleißig.

68. Die häßliche Resl

In Lichtenberg lebte einst ein Mädchen, das Resl hieß und so häßlich war, daß alle Leute es bedauerten. Niemals ging sie hin, wo andere Menschen waren — zum Tanz und fröhlichen Festen. Niemand hätte sie gern gesehen, und niemand hatte mit ihr ein Wort gesprochen, so blieb sie lieber zu Hause, arbeitete im Hof und spann am Abend Hanf.
Eines Tages war Resl „auf Schwammerl" im Wald, und da begegnete ihr ein uraltes Weib, das schon ganz krumm war und sich nur mühselig fortbewegen konnte. Resl grüßte höflich, denn die Alte war die Waldmutter, und vor der muß man sich hüten, doch Resl hatte nichts zu verlieren außer ihrer Häßlichkeit.
„Ich weiß, was dir fehlt, mein Kind", sagte die Hexe, „dir fehlt das, was die meisten Menschen haben und was nicht lange dauert : die Schönheit. Die kann ich dir geben. Dafür mußt du mir aber hundert Jahre lang dienen. Wähle : Zehn Jahre lang jung, und schön, und nachher hundert Jahre Frohn oder — alles bleibt so wie bisher."
„Laß mich zehn Jahre lang schön und begehrenswert sein !" rief das arme Mädchen. „Und nachher will ich alle Arbeiten verrichten !"
„Gut", sagte die Waldmutter, berührte Resl mit einem Zauberstab, und plötzlich stand ein bildhübsches Mädchen da.
Ohne noch ein Wort zu verlieren, lief Resl hinunter nach Lichtenberg, nahm einen Spiegel und konnte sich nicht sattsehen. Nun kamen auch die Burschen und Männer, die vorher nur spöttische Worte übrig hatten und sperrten Augen und Mund auf, denn ein so schönes „Madl" hatten sie noch nicht gesehen.
Am Sonntag wollte jeder mit ihr tanzen und kein Mädchen hatte so viele Freier wie Resl. Sie aber unterhielt sich, dachte nicht ans Heiraten, sondern lebte fröhlich in den Tag hinein. Rasch vergingen die Jahre, und Resl hatte schon längst auf die „Waldmutter" vergessen.
Doch eines Abends stand diese draußen vor der Tür und sagte : „Zehn Jahre sind um, jetzt kommst du mit!" Vergeblich bat und flehte Resl, sie noch ein bißchen unter den Menschen zu lassen, die Hexe hatte kein Erbarmen. Abmachung ist Abmachung sagte sie, und da gäbe es nichts mehr zu besprechen.
„Zu kurz war die Zeit; in der ich schön und jung sein durfte !" rief Resl, lief in den Hof und sprang in den Brunnen.
„Mir bist du entkommen", sagte nun die Hexe, „aber 'dem anderen' nicht, der hat dich jetzt gefaßt." Damit ging sie zurück in den Wald.
Die Bauern aber schütteten den Brunnen zu, stellten ein Kreuz auf — zur Erinnerung an das häßliche Mädchen, das auch schön sein wollte, so wie es viele andere von Geburt aus sind. Das Kreuz stand an jener Stelle bis vor dem ersten Weltkrieg, dann verbrannten es fremde Soldaten.

69. Trostworte

Vor etwa hundert Jahren starb in Lichtenberg ein armer Holzarbeiter — Franz Aschenbrenner. Beim Begräbnis sollte der Prediger Wenzel Hupka einige Trostworte an die trauernde Familie richten. Weil er aber nicht gut Deutsch konnte, hatte er die Grabrede auf ein Stückchen Papier geschrieben.
„Unser lieber Franz Aschenbrenner hat uns verlassen...", begann Hupka abzulesen, als ein Windstoß ihm das Zettelchen aus der Hand riß und es ins offene Grab trug.
„... und nun wird er selbst in Ruhe meine Worte lesen können. Amen", schloß Hupka, sprach ein Gebet und ging mit der Familie des Verstorbenen zum Tränenbrot.
„Wissens, Hochwürden, mein armer Franzi hat ja nit lesen kennt, weil er war in ka Schul' nit gangen", sagte nachher die Witwe.
„Macht Euch keine Sorgen nit, liebe Frau" tröstete sie Hupka, „wird er genug Zeit haben im Jenseits, das zu lernen".

Karlsberg

70. Auf der Mönchau

Als die Deutschböhmen ins Buchenland einwanderten, befand sich dort, wo heute Karlsberg steht, die Ruine eines alten Klosters; und jene , Stelle nannte man damals Auf der Mönchau. Rumänische Hirten erzählten, daß die Schätze der Mönche an sieben verschiedenen Stellen vergraben worden seien, bevor das Kloster von den Türken zerstört wurde.
Eines Nachts gingen die Ansiedler Franz Sträub, Andreas Rippi, Georg Plechina und Josef Gaschler zum ehemaligen Kloster, zeichneten dort einen großen runden Kreis, um den „Schatzgeist" zu beschwören.
Nachdem sie eine Stunde lang verschiedene Beschwörungsformeln gesprochen hatten, erschien tatsächlich der „Weiße Mann" und sprach :
„Sträub soll mir die Hand reichen, damit ich ihn zum Schatz führ". Der Angesprochene streckte zitternd die Hand aus. Als der „Mann" sie anfaßte, schrie er jedoch laut auf.
Der Geist sagte nun : „Das war die erste Probe. Wenn Ihr den Schatz haben wollt, dann muß einer von Euch in diesem Jahr sterben. Seid Ihr damit einverstanden ?"
Die Männer verneinten, und der Spuk verschwand.

71. Woher die Deutschböhmen gekommen sind

Die Vorfahren der Deutschböhmen in Karlsberg stammen alle aus dem Prachiner Kreis. Im „Verzeichniß der auf der Herrschaft Fratautz nächst der Putnaer Aerarial Glaßhütte auf der Colonie Carlsberg auf Rottungsgründen angesiedelten deutsch-böhmischen Tagelöhnern und Holzhauerfamilien . . " heißt es, daß sie aus folgenden Ortschaften eingewandert sind :
Stubenbach, Eisenstein, Grünberg, Hurka, Scherlhof-Kühnischen, Stadi, Hinterhäuser, Kühberg, Oberberg-Reichenstein, Grünberg, Hnal, Böhmischhütten, Tetau, Großwald, Heidel, Annet, Machau, Broden, Kriegerhof, Sonnberg, Hüttenhäuser, Großhaid.
Die Stammheimat der Deutschböhmen in Karlsberg und Fürstenthal ist also die Gegend um die Stadt Bergreichenstein und die umliegenden Ortschaften Rehberg, Studenbach, Deschenitz und Hurkenthal.

72. Karlsherg (I)

In der Nähe des Städtchens Bergreichenstein, der einstigen Hauptstadt des Bezirks Schüttenhofen im Böhmerwald, gibt es einen Berg, auf dein sich mächtige Ruinen befinden : es sind die Reste einer königlichen Burg.
Diese Karlsburg soll, wie es in einer Sage heißt, einst von Kaiser Karl IV. erbaut worden sein, der in den umliegenden Wäldern gern auf die Jagd ging. Nach ihm nannte man den Berg Karlsberg.
Als die Deutschböhmen ins Radautzer Ländchen kämen, brachten sie, zur Erinnerung an die Karlsburg, den Namen mit. Nach ihr nannten sie ihr Dörfchen Karlsberg.

73. Karlsberg (II)

In einer anderen Deutung des Ortsnamens heißt es, daß der Gründer der Glashütte, Reichenberg, sich nach Rosendorf bei Lubatschow wandte und zwei Glasmachermeister her rufen ließ. Als sie in Radautz eintrafen, schickte er sie ins Gebirge, den einen in Richtung Fürstenthal, den anderen in Richtung Putna. Sie sollten erkunden, ob es dort „das nöthige Material für die Glaßerzeugung gäbe".
Jener, der Richtung Putna gewandert war, gelangte bei der Mündung eines engen Tales zu einer alten Klosterruine. Dort fand er unterhalb eines Berges geeigneten Sand für die Glasherstellung. Er hieß Karl Steiger und kehrte nach Radautz zurück.
Reichenberg war mit den Sandproben sehr zufrieden und beschloß, den Berg nach dem Glasermeister Karlsberg zu benennen.
Später wurde der Namen auch auf die Siedlung übertragen.

74. Karlsberg (III)

Als die ersten deutschbömischen Glasmacher sich 1803 im Tal ansiedelten, standen hier die Ruinen eines griechisch-orientalischen Klosters, das einst von den Türken zerstört worden war. Ringsherum wuchsen noch verwilderte Obstbäume, denn früher waren hier vermutlich Gärten gewesen.
Unter den Einwanderern befand sich auch ein Mann namens Karl. Er leitete die Leute beim Bau ihrer Holzhütten an und bestimmte, daß im ehemaligen Klosterhof der deutsche Friedhof sein solle. Nach diesem Ansiedler nannte man den neuentstandenen Ort Karlsberg.

75. Die Schkorbura (I)

In der Nähe von Karlsberg gibt es eine Anhöhe — die Schkorbura. Der Name soll sich vom rumänischen Wort „scorbura" herleiten, was soviel wie Wölbung oder Höhlung bedeutet.
Es heißt, daß in der Schkorbura viele unterirdische Gänge seien, die einst von Menschen gegraben wurden. Hier versteckten sich in früheren Zeiten die Heiducken aus dem nördlichen Buchenland und horteten die Schätze, die sie den reichen Kaufleuten abnahmen.
Als die Deutschböhmen sich im Putnatal ansiedelten und das Dörfchen Karlsberg gründeten, hörten sie von den Rumänen zahlreiche Geschichten über die unterirdischen Schätze in der Schkorbura. Manch ein Siedler versuchte, den Eingang in den Berg zu finden oder begann nach Schätzen zu graben. Doch keiner hatte Glück.

76. Die Schkorbura (II)

Im vorigen Jahrhundert gingen eines Nachts drei Karlsberger — Adam Neumark, Alois Aschenbrenner und Jakob Schaffhauser — auf die Schkorbura, um unterhalb des Waldes nach Gold zu suchen. Während Neumark und Aschenbrenner fleißig gruben, legte sich Schaffhauser ein bißchen ins Gras, um zu schlafen.
Plötzlich sprang er auf und rief um Hilfe. Seine beiden Freunde fragten ihn, was geschehen sei. Er sagte, daß unter ihm die Erde ganz heiß sei und er sich verbrannt habe. Nun wußte sie, daß hier in der Erde ein Schatz liegen müsse. Weil sie aber gesprochen hatten, versank dieser so tief, daß er nicht mehr gehoben werden konnte.

77. Die Schkorbura (III)

In einer anderen Nacht gingen fünf Manner — Josef Schuster, Johann Draxler, Johann Klingsmeyer, Johann Neuburger und Wenzel Riedl auf die Schkorbura, um nach Gold zu graben. Riedl befaßte sich auch mit Magie und hatte einen Zauberstab mitgebracht, mit dem er einen Kreis zog. Nun begannen Neuburger und Schuster zu graben. Plötzlich ließ Schuster den Spaten fallen und begann wie wild zu tanzen (später sagte man, „der Böse hatte ihn 'packt").
Als Riedl sah, daß Schuster im Banne des Teufels stand, berührte er ihn rasch mit dem Zauberstab, In diesem Augenblick hatte der Spuk ein Ende, Schuster kam wieder zu sich und erzählte nachher, daß er eine wunderbare Musik gehört habe, auf die er tanzen mußte.

78. Die Hand am Felsen

Auf der Schkorbura gibt es einen Felsen und da konnte man früher an der einen Wand eine Hand sehen, die hier eingemeißelt war. Sie zeigte auf eine Stelle, wo einst, so hieß es damals, die Heiducken ihre Schätze vergraben hatten.
Viele Karlsberger haben im Laufe der Zeit hier gegraben, in der Hoffnung, etwas zu finden. Ihre Mühe war jedoch vergeblich.
So sagt man heute, daß diese Hand von den Heiducken angebracht worden war, um die Menschen irrezuführen. Die Schätze aber seien an einer ganz anderen Stelle vergraben worden.

79. Die siebente Frau

Im vorigen Jahrhundert stand in Karlsberg ein altes Holzhaus, das die Einwohner „Geisterhaus" nannten. Hier wohnte ein Witwer, und alle Frauen, die dort einzogen, starben nach kurzer Zeit.
Eines Tages kam eine arme Frau aus Deutsch-Altfratautz, die Johanna Petrowitz hieß und sieben Töchter hatte. Sie sagte zu dem Witwer : „Weil wir arm sind, finden meine Töchter keinen Mann. Wenn Du willst, geb' ich Dir die Greti zur Frau." Der Witwer, der selbst nicht wohlhabend war, willigte ein und bald fand in Karlsberg die Hochzeit statt.
Es geschah ein Wunder : Diese Frau — es war die siebente — starb nicht, sie überlebte sogar ihren Mann und heiratete nachher den Holzhauer Johann Lörrach, der aus Kriegerhof in Böhmen zugewandert war.
Nach ihrem Tod verfiel das Haus immer mehr ; während eines Gewitters schlug der Blitz ein und es brannte bis auf den Erdboden ab.

80. „Osprächa"

In früheren Zeiten gab es Menschen, die an das „Osprächa", das Absprechen oder Besprechen von Krankheiten, glaubten.
Wenn zum Beispiel jemand eine geschwollene Backe hatte, so wurde eine alte Frau geholt, die legte ihm ein „Waxdeixl"* auf das „Mol"**, und darauf eine heiße „Dseigl***, dann murmelte sie einen „Schbrux"****, den niemand verstand, bekam ihren Lohn und ging. Wurde der Kranke gesund, hatte das Mittel geholfen. Blieb die Backe weiter geschwollen, war er behext und dann mußte die alte Frau wieder kommen und die Behandlung wiederholen.
Wenn dann nach einigen Tagen die Schwellung zurückging, hieß es, daß das „Osprächa" gewirkt habe.
* Wachstuch.
** Mund.
*** Mauerziegel.
**** Spruch, Beschwörungsformel.


81. Der Kohlenhaufen

Dies soll sich noch im vorigen Jahrhundert zugetragen haben. Eines Abends fuhr ein Mann namens Matthias Liebel von Deutsch-Altfratautz nach Karlsberg. Als er den Sutschawafluß überquert hatte, kam er durch einen Hohlweg. Plötzlich erblickte er einen glühenden Kohlenhaufen. Er hielt an, stieg vom Wagen ab, nahm eine Kohle und zündete sich die Pfeife an.
Als er weiterfuhr, merkte er, daß die Pfeife nicht brannte. Darum hielt er wieder an, klopfte die Pfeife auf dem Sitzbrett des Wagens aus und sah, daß darin ein Goldstück lag. Nun ließ er Pferde und Wagen stehen, lief zurück, um noch mehr Kohlen zu nehmen ; doch vom Haufen war nichts mehr zu sehen.

82. Die ersten Glasarbeiter

In den zwanziger Jahren konnte man in Pürstenthal noch die Hundegeschirre sehen, mit dennen die deutschböhmischen Einwanderer einst ins Buchenland gekommen waren : ihr Hab und Gut hatten sie auf kleinen Hundewagen transportiert, Erwachsene und Kinder mußten zu Fuß wandern.
In seiner „Karlsberger Chronik" vermerkt Josef Franzel am 7. Januar 1845 in: lateinischer Sprache, daß der Radautzer Direktor Pauly zusammen mit dem Händler Reichenberg 1794 im tiefen Wald die „Putner Glashütte" erbauen ließ. Sie errichteten in Eile auf bloßer Erde Holzhäuser („aedificantes domos ligneus super terram sine fundamento"), in denen die Arbeiter wohnen sollten.
Weil aber etwa zur gleichen Zeit die „Kristallhütte" in Rosendorf bei Lubatschow (Galizien) aufgelassen worden war, brachten sie die aus Seewiesen in Böhmen stammenden Facharbeiter, angeleitet von Meister Josef Löffelmann, nach Putna.
So entstand hier eine neue Siedlung : Karlsberg.
Die Namen der ersten Karlsberger Glasarbeiter, die 1797 von Rosendorf herzogen, lauteten : Josef Löffelmann, Philip Ortmann, Andreas Hartinger, Johann Imsel, Jakob Löffelmann, Jakob Romankiewitsch, Sebastian Romankiewitsch, Michael Schätz, Ferdinand Schmil, Johann Stöberl, Anton Weber, Ferdinand Wild und Johann Witowski.

Althütte / Neuhütte

83. Bukowena

Der Name Bukowina (Buchenland) soll sich von den weiten Waldungen zwischen Wisnitz und Radautz herleiten. Die nannte man früher Bukowena, was soviel wie Buchenland bedeutet.
In einer anderen Erzählung heißt es, daß die deutschen Einwanderer in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts, auf der Kaiserstraße, über Wisnitz und Storoshinetz nach Sereth und so ins südliche Buchenland kamen. Die tiefen Wälder zwischen Alexanderdorf, Berchometh und Katharinendorf aber benannten die Einwohner nach dem legendären Fürsten Bukowena, der einst das ganze Oberland beherrscht hatte.
Man erzählt sich aber auch, daß Bukowena ein Riese war, der in einer Höhle oben auf dem Ketscharaberg hauste. Nach ihm erhielt später das Land den Namen Bukowina.

84. Die drei Kreuze

Westlich von Berchometh, wo der Sereth einen Bogen macht, gab es früher weite Waldungen, die man Bukowena nannte. Hier führte die sogenannte Kaiserstraße vorbei, die von Wisnitz das westliche Buchenland mit dem südlichen Teil verband.
Unterhalb des Wolfsbergs standen drei alte Holzkreuze, die noch aus jener Zeit stammten, als in dieser Gegend viele Räuberbanden hausten. Es waren sogenannte Mahnmale : die Menschen sollten daran erinnert werden, daß auch ihr Leben einmal zu Ende gehe und daß es nie zu spät sei, es zu ändern, von Neuem zu beginnen und ehrlich zu werden — so sagen die huzulischen Bergbauern.
Ob diese guten Ermahnungen auch von den Heiducken und Räubern beherzigt wurden, ist jedoch nicht bekannt.

85. Der Solonetzbach

In den Solonetzbach, der ebenfalls oben im Ketscharaberg entspringt, münden eine Reihe kleinerer Salzquellen : Mariuschka, Schwarzwasser, die Adlerquelle, die Quelle beim Buchenholz und der Kleine Steinbach.
Auf den weiten grünen Wiesen des Solonetztales weideten früher die Viehherden aus Berchometh und Lukawetz. Dann kam es vor, daß Heiducken aus dem Tscheremouscher Waldland vorbeiritten und ein Kälbchen „beschlagnahmten". Sie schlachteten es an Ort und Stelle, zerlegten es und packten das Fleisch auf die Pferde. Am Abend aber machten sie irgendwo auf einer Waldwiese ein mächtiges Feuer, aßen so viel Braten, daß sie den ganzen nächsten Tag auf dem Rücken liegen mußten, sonst wäre ihnen der Bauch geplatzt — sagen die Bauern.

86. Die Salzquelle

Zwischen dem Schmittsberg und dem Ketscharaberg gab es früher weite Wälder, die man Bukowena nannte. Ein Teil der Waldungen gehörte dem Grafen Wassilko, und hier befand sich eine Salzquelle — die Soloquelle oder Izvoru Slatina.
An dieser Quelle, die am Ketscharaberg entsprang, befand sich ein Raddrehbrunnen. So konnte man leicht Wasser schöpfen.
Aus allen Dörfern der Umgebung, aus Lukawetz, Katharinendorf, Nikolausdorf, Alexanderdorf, Michorda, Bachnen, Tschereschenka, Meschebrody, Suchej, Pittkrej, Michowa, Berchometh, Lopuschna und aus dem Weiler Srupp kamen die Einwohner zur Quelle und versorgten sich mit Salzwassen, das sie in kleinen Holzfässern transportierten.
Aus dem Salzwasser wurden von den „Babuschkij"*' auch verschiedene Wundermittel hergestellt — zum Heilen von Wunden bei Menschen und Haustieren.
* ukr. alte Frauen ; Quacksalberinnen.

87. Die ersten Glashütten

Der Ortsname Kraßna-Ilsky soll aus dem 15. Jahrhundert stammen, als ein rumänischer Fürst, Ilsky, nach Kraßna kam und hier ein Schloß und eine Kirche errichten ließ. Beide Bauten waren jedoch aus Holz und wurden später von den Türken zerstört. Es heißt aber auch, daß die heute noch stehende rumänische Kirche bei Kraßna-Ilsky von jenem Fürsten erbaut worden ist.
Aus dem alten Kraßna sind 1805—1810 die deutschböhmischen Dörfer Althütte und Neuhütte entstanden, als man hier die erste Glashütte eröffnete. Die Deutschböhmen arbeiteten als Glasbrenner und -bläser, während die Slowaken und einige Zipser als Holzhauer beschäftigt waren.
Eine dritte deutschböhmische Glashütte, die man in Schöntal (Lunca Frumoasa) um die Jahrhundertwende baute, wurde während des Ersten Weltkrieges zerstört.
Die Gemeinde Kraßna-Ilsky bestand aus vier Siedlungen — Ilsky-Hütte, Schöntal, Silwika und Tragean —, wo außer Rumänen auch Deutsche, Polen, Ukrainer, Slowaken und Zigeuner lebten.
Die Deutschen waren, wie gesagt, Glasbläser, doch auch Schmiede, Schlosser, Stellmacher, Wagner, Schneider, Maurer, Zimmerleute, Tischler, Kürschner, Brunnenmacher, Ziegelmacher, Klempner, Sattler und Müller. Ihre Familiennamen lauteten : Adelsberger, Baierl, Drexler, Engel, Erti, Erst, Deutscher, Hoffmann, Mühlbauer, Gruber, Helig, Materna, Markes, Kupetz, Kufner, Koch, Lutz, Imsel, Kersch, Pscheidt, Schuster, Stadler, Sträub, Sauer, Hergesheimer, Wild, Mirwald, Strebeyrmann, Hartinger und Wurzer, Franz, Kowalski, Koschinsky, Romankewitsch, Jekal, Stark, Zachmann, Koch, Schmidt und Beck.
Die letzten Anlagen der Schöntaler Glashütte wurden in den vierziger Jahren abmontiert, nach Putna geschafft und dort wieder aufgebaut. Sie brannte jedoch wahrend des Zweiten Weltkrieges völlig nieder und kann heute als Ruine besichtigt werden.

88. Die Waldweiblkinder

Früher, so erzählen die alten Bauern, gab es noch Waldweibl, die in den tiefen dunkeln Wäldern hausten und die ganze Gegend bis Althütte und Neuhütte und bis an den oberen Lauf des Sereth unsicher machten.
Wenn ein Kleinkind unbeaufsichtigt in der Stube blieb, sprangen sie geschwind durchs Fenster und trugen es fort. Manchmal aber legten sie auch anstelle des Menschenkindes ihren eigenen Wechselbalg in die Wiege.
Dagegen gab es nur ein Mittel: man durfte das WaldweibIkind in keiner Weise beachten. Dann kehrte bald seine Mutter zurück, nahm es wieder an sich und legte das richtige Kind zurück in die Wiege.

89. Dari (I)

Vor zweihundert Jahren gab es im Sutschawatal einen Heiducken, der Dari hieß. Der war nicht so berühmt wie Doubusch, doch hat auch er eine Reihe von Heldentaten vollbracht.
Einmal stahl er die volle Kasse der Salzsiederei in Katschika und verteilte das Geld unter die Waldarbeiter und Bauern in der Gegend von Brodina.
Ein anderes Mal plünderte er einen Gutshof des Adligen Flondor, in der Nähe von Storoshinetz — gerade als der Besitzer nach Czernowitz gefahren war. Dari ritt ihm entgegen, wartete unterwegs in einem kleinen Wald und nahm ihm und seiner Frau noch die goldene Uhr und sämtlichen Schmuck ab. Diese Beute schenkte er zum Teil armen jüdischen Bauern, die in der Gegend von Czernowitz in Erdhütten hausten. Einige der Kostbarkeiten tauchten später bei verschiedenen Czernowitzer Juwelieren auf und mußten an Flondor zurückgegeben werden.
Verkleidet als Priester, Mönch, Offizier oder Handelsreisender einer Wiener Firma hielt sich Dari sogar öfters auch in der buchenländischen Hauptstadt Czernowitz auf, wo ihn niemand erkannte. Als man dann schließlich doch merkte, wer er war, verschwand er, „als hätt' es ihn nie gegeben".
Eines Tages wurde Dari von den Gendarmen erkannt und festgenommen, gerade als er in einer Kneipe in Wisnitz seinen Geburtstag feiern wollte.
Bald darauf errichtete man auf der Hutweide seines Heimatdorfes Mardschina einen Galgen und henkte den „großen Räuber Dari", der jedoch von Doubusch weit übertroffen wurde. Das war im Jahr 1808, und Dari war gerade siebenundzwanzig Jahre alt geworden.

90. Dari (II)

In der Gegend zwischen Althütte und Karlsberg lebte zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, als die Deutschböhmen ins Land kamen, ein berühmter Heiduck : Jan Dari.
Man erzählte sich, daß er der Sohn eines polnischen Adligen war und eine gute Schulbildung erhalten hatte. Doch das ruhige Leben auf dem Gut seines Vaters gefiel ihm nicht, und so lief er eines Tages einfach davon, nahm ein Pferd, Proviant und auch etwas Geld mit und begann ein freies wildes Räuberleben zu führen.
Wenn er zusammen mit seinen Gesellen eine Postkutsche oder einen Herrensitz überfiel, pflegte er immer in sehr höflichem Ton die Herausgabe des Geldes zu fordern. Er sagte :
„Haben Sie die Freundlichkeit und geben Sie uns, bitte, Schmuck und Geld !"
Nachdem er all das Geforderte erhalten hatte, verabschiedete er sich : „Meinen verbindlichsten Dank. Der Herr beschütze Sie auf Ihrem weiteren Weg", verneigte sich tief und ritt davon. Er war eben ein Heiduck mit sehr feinen Manieren, meinten die Bauern.

91. Dari (III)

In einer anderen Erzählung heißt es, daß der Heiduck Jan Dari, gegen den auch das galizische Landesgubernium zu Beginn des 19. Jahrhunderts verschiedene Haftbefehle erlassen hatte, aus dem Städtchen Stanislau stammte.
Er war der Sohn eines armen Flickschusters gewesen. Sein Vater hatte Frau und fünf Kinder zu ernähren, und man kann sich vorstellen, daß die Familie Not litt.
Eines Tages sagte Jan — er war der jüngste Sohn — : „Vater, ich will es besser haben, als Ihr es hattet und als es meine Geschwister haben werden. Gebt mir den Segen und ich werde hinausziehen in die weite Welt."
Der arme Mann, froh darüber, daß nun ein Maul weniger war, das gefüttert werden mußte, sagte : „Geh mit Gott, mein Sohn, aber vergiß nicht, immer höflich und rechtschaffen zusein."
Darum, erzählte man sich später, habe Dari als, Heiduck immer „aso scheene Sprach g'habt". Er hat auch nie geflucht, sondern die reichen Leute immer „höflich aus'raubt".

92. Darf (IV)

Die ruthenischen Bauern aus der Gegend bei Kraßna-Ilsky haben über den Heiducken Dari viele merkwürdige Geschichten erzählt, die zum Teil wahr, zum Teil aber wohl erfunden sind.
Es heißt, daß Dari, als er neuen Monate alt war, von einer armen Frau im Kleinserether Tal ausgesetzt worden sei. Die Wölfe oder anderen wilde Tiere sollten ihn fressen. Zu seinem Glück aber zog am nächsten Tag eine Zigeunerschar hier vorbei. Sie hörten das Kind schreien und nahmen es mit. So wuchs er bei den Zigeunern auf, lernte ihre Sprache und Sitten, und als er achtzehn Jahre alt war, ritt er eines Tages davon und wurde Heiduck.
Später pflegte er zu sagen : „Ich fürchte mich nicht vor den Soldaten und Gendarmen —nur vor den Zigeunern habe ich ein bißchen Angst, denn ihnen gegenüber bin ich undankbar gewesen." Darum beschenkte er auch reichlich alle umherziehenden Zigeuner, denen er begegnete. Er wollte seinen Fehler wiedergutmachen.
Als er eines Tages in der Nähe von Radautz gefangen wurde und ins Gefängnis geführt werden sollte, befreiten ihn zwei junge Zigeuner, die sich als Gendarmen verkleidet hatten.
Doch nachher wurde er nicht mehr gesehen.

93. Dari (V)

Bei den ruthenischen Bauern heißt es auch, daß Dari als Säugling in einem Körbchen den Kleinen Sereth hinunter geschwommen sei. Bei Kraßna holten ihn Frauen, die gerade Wäsche wuschen, mit einer langen Stange ans Land.
Eine alleinstehende Witwe erbarmte sich seiner und zog ihn groß. Als er achtzehn Jahre alt war, starb die gute Frau und Jan Dari ging fort und wurde Heiduck, „weil er das Mitleid der Menschen nicht mehr ertragen konnte".
Er beschaffte sich von den Reichen viel Geld und verschenkte es an die Armen, die ihm einst geholfen hatten.

94. Dari (VI)

Eine alte Deutschböhmin in Radautz, die hier im vorigen Jahrhundert lebte und aus Augustendorf zugewandert war, erzählte einst, daß Dari italienischer Abstammung gewesen sei. Sein Vater war Steinmetzmeister — so, wie viele Italiener in den südbukowinischen Dörfern — und stammte aus Eisenau bei Warna.
Als der kleine Dari einmal hinauf in den Wald ging, um Pilze zu sammeln, begegnete er der Waldmutter. Die fragte ihn dieses und jenes, was es noch so an Neuigkeiten unten bei den Menschen gebe. Der Junge antwortete höflich, und das gefiel der Waldmutter.
„Wünsch dir was, mein Bub", sagte sie beim Abschied. „Ich hätt' gern a Pfeiferl, was mich stark macht wie a Bär", sagte Dari.
„Hier hast' a Pfeiferl", erwiderte die Waldmutter. Und so ausgerüstet, begann Dari bald darauf ein freies Heiduckenleben zu führen. Wegen des Pfeiferls aber konnte ihn niemand besiegen. Das gab ihm Kraft für zehn Männer.

95. Terento Dobusch

Oben auf dem Ketscharaberg gibt es eine Höhle, in der einst der Heiduck Terento Dobusch gewohnt haben soll. Damals war diese Behausung wohnlich hergerichtet : auf dem Boden befanden sich Strohsäcke und darauf lagen viele Felle, auf denen man bequem schlafen konnte. Auch gab es einen großen rohgezimmerten Tisch und zwölf Stühle für Terentos Kameraden. Denn Terento war der „Hauptmann" und ihm gehorchten zwölf „Soldaten".
Sie überfielen Handelsleute, die von Sereth nach Czernowitz oder hinüber nach Wisnitz zogen. Doch sie nahmen ihnen nicht alles weg : „nur" die Hälfte, denn — so pflegte Terento zu saugen — „wir sind keine gemeinen Räuber, die den Leuten die Hosen ausziehen, wir nehmen nur das, was 'zuviel' ist", oder „wir haben Mitleid mit euren Pferden, die müssen zu schwer ziehen, ihr habt zuviel geladen."
Und wenn er die Handelswagen um die Hälfte ihrer Ladung erleichtert hatte, verabschiedete er sich von den Kaufleuten sehr höflich : „Auf Wiedersehen, meine Herren, vielleicht sehen wir uns noch."
Er wurde jedoch niemals gefangen, und es heißt, daß er alt und einsam in seiner Höhle oben im Ketscharaberg gestorben ist.

Katschika / Solka / Schwarzthal

96. Der Steinberg

Zwischen Katschika und Gura Humorului steht ein Berg, den man Dealu Concioia oder Steinberg nennt.
Es heißt, daß hier in alten Zeiten Hünen lebten. Ihr Anführer hieß Kontschoj (daher auch der Name des Berges). Weil diese Hünen jedoch oft hinunter in die Moldau zogen — sie mußten nur drei Schritte machen und schon waren sie in Sutschawa — und dort Felder, Wiesen und sogar Menschen und Vieh zertraten, erreichte sie eines Tages ein Fluch : sie wurden in Steine verwandelt, in riesige Felsen. Mit der Zeit aber wuchs Gras auf ihnen, und so entstand der Steinberg, der Dealu Concioia.
Steigt man nachts um zwölf auf den Berg, so kann man manchmal die Schatten der Hünen sehen, die ganz plötzlich erscheinen : Man hört dann Geschrei, Stimmengewirr und sieht die Riesen miteinander raufen. Dann muß man sich ruhig verhalten, um nicht bemerkt zu werden. Nach genau einer Stunde, pünktlich um ein Uhr, verschwindet der Spuk. Unten in Katschika hört man nur noch die Hunde heulen, so als hätten sie Angst, daß die Hünen ins Tal hinunter kämen. So heulen die Hunde im Winter, wenn Wölfe in der Nähe sind, sagen die Bauern.

97. Saßkaburg

Auf dem Saßkaberg bei Sereth soll vor Jahrhunderten eine Burg gestanden haben, die von Saß, einem Sohn Dragos', errichtet worden war.
Nachdem Dragos die eindringenden Tataren in der Nordmoldau vernichtend geschlagen hatte, zog er mit seinen Getreuen wieder in die Maramuresch ; zurück blieb Saß („der Sachse") mit einer Schar Krieger, um das Serether Land gegen weitere Tatareneinfälle zu schützen.
Sie errichteten auf einem Berg eine Fliehburg, die nach Saß den Namen Saßkaburg (Sasca) erhielt. Von hier kann man die ganze Gegend überblicken und beherrschen.

98. Die „Frauensteine" bei Solka

Auf einer Anhöhe bei Solka gibt es drei merkwürdige Felsen. Die Rumänen nennen sie „Pietrele Doamnelor" , bei den Zipsern heißen sie „Frauensteine" ; man sagt auch „Pei den drei Steinen".
Als einst die Türken ins Buchenland einfielen, versteckten sich die Solkaner Frauen und Kinder in der Höhle unter den drei Felsen. Die Männer aber warteten unten im Tal und lockten die Eindringlinge in den nahen Wald. In einem unwegsamen Tal, bei einem Wildbach wurden die Türken plötzlich von einem Steinschlag „überrascht". Der Bach aber färbte sich, von dem vielen Osmanenblut, rot. Bis hinunter ins Dorf floß an jenem Tag nur rotes Wasser. (Solka war damals noch ein kleines Walddorf.)
Zur Erinnerung an diese Zeit nannten die Solkaner später die drei Felsen „Frauensteine" — „Pietrele Doamnelor".

99. Die Kaschgarier

In alten Zeiten lebten dort, wo heute die Gemeinde Katschika steht, die Kaschgarier — ein türkisch-tatarischer Volksstamm, der sich in dieser abgelegenen Gegend niedergelassen hatte.
Später, als die Siedlung gegründet wurde, nannte man den Ort zur Erinnerung an dieses fremde Volk Kaschgar oder Kaschga. Daraus soll dann der Name Katschka oder Katschika entstanden sein.

100. Katschika

Wo heute die Gemeinde liegt, heißt es in einer anderen Erzählung, waren in frühen Zeiten ausgedehnte Sümpfe. Damals gab es hier viele Wildenten. Tiefe Urwälder, die erst im Laufe der letzten Jahrhunderte gerodet wurden, umgaben diese Sümpfe. Etwa um 1800 erst entstand hier die Siedlung Katschika.
Man sagt, daß der Ortsname von den Wildenten — Katschki —, die früher dieses Gebiet bevölkerten, herrühre und so an die Zeit erinnert, als in diesem Teil der Moldau noch wenig Menschen lebten.

101. Der Eichenbaum bei Katschika

In Katschika lebten einst ein Junge und ein Mädchen; der Junge hieß Hansi, das Mädchen hieß Kathl. Ihr Vater war ein Zipser Bergarbeiter. Eines Tages gingen Hansi und Kathl in den nahen Wald. um Erdbeeren zu sammeln. Als sie ihre Körbchen schon gefüllt hatten, erblickten sie plötzlich einen merkwürdigen Eichenbaum : An einer Stelle war die Rinde abgezogen worden, und da hatte jemand ein schönes Heiligenbild gemalt.
Die beiden Kinder bewunderten das Bild und eilten dann sogleich hinunter ins Dorf (damals war Katschika noch ein Dorf), und erzählten, was sie gesehen hatten.
Bald darauf errichteten die Bewohner von Katschika an dieser Stelle eine Holzkapelle. Im Ersten Weltkrieg wurde die Kapelle jedoch niedergebrannt.

102. Der Weg der Ansiedler

Im Jahr 1826 stellte das galizische Landesgubernium, dem das Buchenland damals unterstand, einen Antrag an die Wiener Hofkanzlei, „man möge fleißige und betriebsame Bevölkerung in die menschenleeren Gegenden der Kreise Stanislau, Kolomea und Czernowitz einsetzen".
Zu jener Zeit gab es im Bezirk Kimpolung wohl zahlreiche rumänische Gehöfte und Weiler und auch einige Dörfer, doch in den dichten Wäldern des Tscheremousch hausten viele Heiducken, deren „Räuberunwesen" sich auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes ungünstig auswirkte.
Drei Jahre später, 1829, arbeitete das Wirtschaftsamt in Solka einen Plan mit genauen Skizzen aus und sandte ihn am 29. September nach Wien ab. Darin waren drei Ansiedlungen vorgesehen, und zwar im Tal des Solonetzbaches südlich von Solka, dann im Gebiet Warwata zwischen Pertesti und llisesti und schließlich auf der Seewiese (Poiana Balta).
Nun vergingen weitere drei Jahre und im Frühling 1832 wiederholte das Wirtschaftsamt von Solka seine Vorschläge an das Gefälle-Inspektorat von Czernowitz und verlangte, man solle deutsche Ansiedler zur Sicherheit und „Beurbarmachung" herschicken.
Als dann im Tal des Solonetz und in Plesch Slowaken einwanderten, ergaben sich für die deutschen Kolonisten andere Ansiedlungsmöglichkeiten : auf der von dichtem Wald bedeckten Berghalde des Humorbaches, etwa drei Kilometer vor seiner Mündung in das Moldauflüßchen, außerdem auf dem Gebiet Buchenhains, am gleichen Bach, etwa zwanzig Kilometer nördlich von seiner Mündung und in der ebenfalls stark bewaldeten Quellengegend des Schwarzbaches, etwa sechs Kilometer südlich der von rumänischen Bauern bewohnten Ortschaft Negrileasa, an der Furth (Vad) genannten Stelle, wo dann später die deutsche Ortschaft Schwarzthal entstand.
Die ersten dreiundsiebzig deutschböhmischen Familien kamen 1835 nach Bori ins Buchenland. Sie stammten aus dem Prachiner Kreis, und im Reisepaß des Josef Günthner aus Seewiesen, der am 6. April 1835 ausgestellt wurde, kann man nachlesen, welchen Weg die Ansiedler gezogen sind : von Budweis nach Iglau, Brunn, Olmütz, Tesohen, Wadowitz, Bochnia, Jarnow, Przemysl, Sambor, Kolomea und Czernowitz.
Am 8. Mai hatte sich Josef Günthner mit Frau und drei Kindern, von denen das jüngste nur drei Jahre alt war, in Budweis zur Abfahrt registrieren lassen und erst am 10. Juni traf die Familie nach einer beschwerlichen Reise in Czernowitz ein. In jeder der genannten Städte hatten sie sich melden müssen und jedesmal war ihnen die nächste Station genau vorgeschrieben worden.
Von Czernowitz schickte man sie weiter nach Radautz, und von dort nach Solka, wo sie am 16. Juni eintrafen. Dann erst wurden sie zur „Ansiedlung auf Staatsgründen" zugeteilt.

103. Die ersten Ansiedler in Bori

Ein am l1. Juli 1835 in Radautz ausgestellter Vertrag, den die Ansiedler unterschreiben mußten, bestand aus acht Punkten und sah folgendes vor : „Auf dem Waldgrunde Warwata und Bori im Bereiche der Gemeinde Klosterhumora werden 30 Familien angesiedelt und jede derselben mit 36 Joch Haus, Garten, Acker, Wiesen und Wälder-Gründen zur beständigen und erblichen Benützung der Oberfläche gegen diesen beteilt ..."
Die Namen der dreißig deutschböhmischen Familienväter, die unter den beiden Ortsrichtern Josef Schaffhauser und später Wenzel Hillgarth die Kolonie Bori bei Gura Humorului zum Aufblühen brachten, sind urkundlich überliefert ; es waren Josef Hoffmann, Josef Schaffhauser, Franz Rippel, Johann Stauber, Wenzel Hillgarth, Veit Seidl, Xaver Kraus, Josef Günther, Josef Hollatschek, Johann Lang, Josef Brandl, Johann Joachimstahler, Michael Lang, Johann Schafatschek, Jakob Gerhard, Johann Hass, Johann Lang, Christofor Meidl, Franz Klostermann, Franz Brandl, Georg Brandl, Peter Hoffmann, Georg Hillgarth, Sebastian Wellisch, Wenzel Pilsner, Georg Hellinger, Lorenz Haas, Anton Schaffhauser, Christofor Reichardt und Jacob Koller.
Die schwere Lage der „armen, gequälten Kolonisten" hatte, wie es in einem Bericht heißt, „neben der Hungersnot noch eine furchtbare Begleiterin : die Cholera", die besonders in Bori viele Opfer forderte.
So starb am 1. September 1848 im Alter von sechzig Jahren der Kolonist Christofor Reichardt, am 2. September seine Tochter Theresia, am 4. September seine im 38. Lebensjahr stehende Frau Magdalena, und wenige Stunden später der fünf Jahre alte Sohn Petrus. Zurück blieben vier Waisen.

104. Die Lehrer Steckbauer und Fritz

Zum Unterschied zu anderen Einwanderern konnten die Deutschböhmen fast alle lesen und schreiben. Der erste deutsche Lehrer in Bori war Jakob Steckbauer, der am 12. Februar die Kolonistentochter Rosina Joachimsthaler heiratete. Er unterrichtete in einem Bauernhaus, in dem man einige Bänke und einen Tisch aufgestellt hatte.
Wiederholt baten die Ansiedler um die Zuweisung eines Grundstücks für den Bau einer entsprechenden Schule. Als ihnen endlich sechs Joch bewilligt wurden, kam auch ein neuer Lehrer, Ignatz Fritz, nach Bori. Von ihm lernten die Deutschböhmen nicht nur lesen und schreiben sondern auch das Anbauen der Tabakpflanze. Er heiratete am 1. Juni 1862 die Josefa Katharina Eberle, und der Pfarrer trug ihn in die Akten als „invigitator herbae nicotinae" ein.
Später pflegte man zu sagen : „Dea Nazi hatn Tabak bracht". Und wenn es ihn nicht gegeben hätte, meinten die Frauen, würde niemand in Bori Pfeife rauchen.

105. Schwarzthal

Diese Gemeinde wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Deutschböhmen aus Seewiesen, Eisenstein und Rehberg gegründet. Eigentlich sollten die Einwanderer auf einem Gut bei Sereth am Sereth angesiedelt werden. Als sie aber nach einer äußerst beschwerlichen Reise dort ankamen, schickte man sie einfach weiter in den tiefsten Wald.
Da saßen nun die Männer mit ihren Frauen und Kindern, viele Kilometer von der Straße entfernt, auf einer Lichtung, wohin nur ein Fußweg führte. Zuerst rodeten sie einen Teil des Waldes, verbrannten die Stämme und Baumstümpfe und bauten sich Holzhütten, die sie mit Rinde deckten.
Sie überlebten die ersten schweren Jahrzehnte nur dank des sprichwörtlichen Kinderreichtums : manche Familien hatten fünfzehn oder auch mehr Kinder; der Durchschnitt aber lag bei acht- bis zehn. Über diesen Kindersegen spöttelte man in den weiter nördlich gelegenen schwäbischen Gemeinden :
„Was tun die Deutschböhmen in der langen Winterzeit ?"
„Sie machen Kinder fürs nächste Jahr".

106. Wein aus ... dem leeren Kanndl

In Solka lebte zu Beginn des vorigen Jahrhunderts ein Mann, der Meß Barthel Brettner ; er war Werkaufseher beim Salzversuchsamt. (Also, das hat mir noch mein Großvater erzählt, und der ist schon lang tot; ich war damals ein kleines Manderl, als Großvater dies erzählt hat. Hören Sie nun weiter.)
Der Brettner hat gern so seine Spaße gemacht mit den Leuten vom Salzversuchsamt. Da war einer, der hat geheißen Hansi Wannsiedl — der war Bergknappe gewesen — ; den ruft eines Tags der Brettner zu sich und sagt ihm : „Du, Hansi, hier hast 'n Kanndl, nimm's und hol mir von drieben 'n Liter Wein". (Gegenüber vom Salzversuchsamt war eine Schenke, die einem gewissen Schwarz-Sami gehörte.)
Sagte der Wannsiedl : „Barthl, weißt', ohne Geld kann ich nicht holen Wein". Sagt der Brettner : „Anu, wer kann nicht holen Wein mit ? Jeder ! Geh du, hol Wein ohne Geld."
Hat es den Wannsiedl so ruckt, hat er nichts gesagt, ist gegangen zum Schwarz-Sami, ist zurückgekommen mit dem leeren Kanndl und mit einem leeren Teller. Beides hat er vor den Brettner gestellt und hat gesagt : „Bitte sehr, da ist das Gewünschte. Ich hab' gebracht auch etwas zum essen."
Sieht der Brettner das leere Kanndl, sieht den leeren Teller, fragt er nur : „Wo hast was gebracht ?"
„Na", sagt der Wannsiedl, „aus 'm vollem Kanndl kann jeder Tepp trinken, aus 'm vollen Teller kann jeder Tepp essen, aber du, was bist' so gescheit, sollst zeigen, wie du das jetzn machst".
Hat sich der Brettner an den Tisch gesetzt und hat es sich „schmecken" lassen. Alle haben ihm dabei zugeschaut. Als er fertig war, hat er sich den Mund gewischt und hat gesagt s „Hansi, geh und hol mir noch ein Stückl von dem Braten, war er so gut."
Da haben die Leut gelacht.