Anthologie  

Hamid Sadr
Gestern?


Es ist schon so: Das Vergangene ist - in meinem Fall - noch nicht vergangen. Es ist noch gegenwärtig, obschon die Dimensionen nicht mehr dieselben sind. Und die Ziele damals?
Sagen wir so, die alte Hoffnung, dass ich irgendwann nach Hause fahren werde, habe ich noch nicht aufgegeben. Dass ich mir einmal ohne Verfolgungsangst und ohne mich fürchten zu müssen, ein Flugticket besorge und einsteige, um am Teheraner Flughafen zu landen, ist zwar kein politisches Programm, aber ein Vorhaben. Ein vierzigjähriges Vorhaben, welches inzwischen Züge eines politischen Programms bekommen hat. Es ist schon lange her, dass ich, 22 Jahre alt, hierher kam, und glaubte, nach fünf, sechs Jahren, nach einem beendeten Studium zurückkehren zu können. Seitdem war ich kein einziges Mal daheim und nächstes Jahr werde ich sechzig.
Inzwischen waren viele mit einem ähnlichen Schicksal hier, sie haben studiert, protestiert, und sind dann nach veränderter politischer Situation in ihr Land zurückgefahren. Die Griechen, die gegen das Obristenregime

kämpften, waren zuerst weg. Die Türken sind später weggefahren. Die Spanier und Portugiesen gingen vor den Chilenen weg. Einige schickten uns Postkarten und Briefe aus ihrem nun von der Diktatur befreiten Land. Und während wir weiterhin abwarteten, richteten sie sich langsam ihr Leben in einer veränderten Heimat neu ein. Man suchte und fand Jobs, gründete Familie, bekam Kinder und baute Häuser. Einige Wenige blieben der Politik treu und machten Karriere. Zum Beispiel der Freund aus Namibia, der nach der Unabhängigkeit Informationsminister wurde.
Auch bei uns hatte es inzwischen eine Revolution gegeben. Einige wechselten schnell die Fronten und machten im Land mit dem, was sie in der Oppositionszeit gelernt hatten, Geld und Karriere. Viele kehrten zurück und blieben trotzdem sauber, sie wurden Professoren, Journalisten, Verleger und Technokraten, oder auch einfache Geschäftsleute mit politischer Erfahrung.
Und die Genossen in Europa? Sie hielten nicht lange das Leben in ständigem Protest aus. Der lange Marsch durch die Institutionen begann oft vor dem Ende des Studiums. Ein erheblicher Teil dieser Genossen, die damals mit uns gegen alle möglichen „Lakaien und Handlanger des amerikanischen Imperialismus“ marschierten und „Hoch die internationale Solidarität“ riefen, stiegen unauffällig aus der Protestbewegung aus.
Der lange Marsch der Genossen durch die Institutionen hielt sehr lange an.
Wir Perser hätten es auch beinahe geschafft. Die anfängliche Begeisterung für die ausgebrochene Revolution machte auch vor Khomeini islamischer Staat nicht halt. (So groß war der Hass gegen das verachtete Schahregime. Es war eine merkwürdige Zeit: Dr. Sandjabi (eine Führerpersönlichkeit meiner Organisation) machte als Außenminister der provisorischen Revolutionsregierung Bazargan (er blieb nur drei Monate Außenminister) mit Lufthansa einen Deal: Die Maschinen der Fluglinie durften nur dann in Teheran tanken, wenn die Exilperser zum Nulltarif nach Persien fliegen könnten. Auch ich selbst hatte den Reisepass immer in der Tasche: Auf Besuch in München überlegte ich, ob ich selbst nicht auch einsteigen sollte. Der Andrang war aber so groß, dass ich das Gefühl hatte, ein wenig warten zu müssen.
Die Revolution war erst 26 Tage alt und hatte schon durch den Blutrausch der „Revolutionären“ und die Brutalität der Mullahs den Ruf, hart durchgreifen zu wollen. Die Nachricht von der barbarischen Niederschlagung der ersten Frauendemonstrationen am 8. März 1979 (Weltfrauentag) hatte mich schockiert. Dafür hatten wir gegen die Diktatur gekämpft?
Die Frage war deshalb nicht mehr: Bin ich gegen oder für Khomeini, sondern, von wo aus bin ich gegen ihn.

Ich weigerte mich nach Hause zu fahren, weil ich nicht wusste, wie man gegen den Willen von mehr als 99% der Bevölkerung Kritik üben konnte. Von Februar bis August 1979 habe ich vielleicht die bitterste Zeit des Lebens durchgemacht. Verlockungen gab es genug: Die Einladung des Schriftstellerverbandes, die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit der Nationalfront (Mossadegh - Bewegung), die Veröffentlichung meiner früheren Bücher im renommierten „Amir Kabir Verlag“ und der Besuch am Grab meiner Mutter.
Aber ich entschied mich für das Bleiben. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Dissidenten im Ausland auftauchten, die ursprünglich mit der Revolution und ihrer Führung einverstanden gewesen waren. Manche bezahlte den Irrtum auch mit dem Tod nach einem Schnellverfahren des Revolutionstribunals.
Auf jedem Fall waren die Revolutionsträume und daraus resultierenden falschen Hoffnungen bald ausgeträumt. Einige Wenige, die wie ich die Geburt der Islamischen Republik als eine historische Schubumkehr sahen- eine Katastrophe, die wie Machtübernahme Hitlers in Deutschland vom größeren Teil der Bevölkerung getragen wurde, wanderten aus oder bereiteten sich für eine lange Periode der Einsamkeit vor. Für diejenigen, die aktiv an der Umwälzung beteiligt gewesen waren, wurde diese Einsamkeit zur Hölle. Die Selbstzweifel über die eigene Verantwortung wurden zum Bodenbereiter der Depression.
Was war falsch an unserem Tun und an unseren Einschätzungen?
Eine traurige Frage in einer traurigen Zeit.

Und jetzt?
Mit drei Millionen aus dem Land Vertriebenen, die schon seit bald 27 Jahren im Ausland leben, mit Zehntausenden, die in den Gefängnissen des Gottesstaates ihr Leben gelassen haben und mit 65 Millionen Verknechteten, die auf allen Ebenen seit Jahren keine Sekunde Ruhe und Sicherheit genießen können, ist Iran, was die Zukunft betrifft, gespalten: „Alles ist in Ordnung, der Westen sollen den Islam und seinen einzigen Staat in der Welt in Ruhe lassen“, sagen die Günstlinge des Gottesstaates, die trotzdem ahnen, dass das Regimes so nicht mehr lange existieren kann. „Wann werden endlich die Amerikaner kommen?“, fragt die nächste Gruppe. Und der Rest fragt: „Wie komme ich schnell zu einem Visum?
Das Bild sieht dann so aus: Der gewählte iranische Staatspräsident leugnet weiterhin den Holocaust und möchte den Staat Israel aus der Weltkarte tilgen. Wenige Frauen leiden wirklich unter dem Schleierzwang, die in einer tausendköpfigen Demonstration am 8. März dieses Jahres von den islamischen Ordnungshütern in Teheran angegriffen wurden, wobei Hunderte Frauen mit Gummi – und Elektroschlagstöcke krankenhausreif verprügelt wurden. Darunter auch Simin Behehani, die berühmteste Dichterin des Landes, eine Frau über 80, die kaum mehr sehen und hören kann.

Aufruf zum Misstrauen!
Nichtsdestoweniger ist eine erzählte Biographie, aus der Perspektive der Gegenwart (re-)konstruiert, suspekt. Alles, was in diesem Text erzählt wird, klingt nach einem Legitimationsversuch, die eigene Lebensgeschichte betreffend. Im Rückblick sehe ich mich und allen anderen auf der Bühne eines naiven Agitationstheaters; einer Wandertruppe, die mit einem einfachen Stück sein Schwarz weiß- Malereien darbot.
Eine goldschwere Passage aus Ilse Aichingers „Aufruf zum Misstrauen“ drängt sich auf:
„…uns selbst müssen wir misstrauen. Der Klarheit unserer Absichten, der Tiefe unserer Gedanken, der Güte unserer Taten! Unserer eigenen Wahrhaftigkeit müssen wir misstrauen! Schwingt nicht schon wieder Lüge darin? Unserer eigenen Stimme! Ist sie nicht gläsern vor Lieblosigkeit? Unserer eigenen Liebe! Ist sie nicht angefault von Selbstsucht? Unserer eigenen Ehre! Ist sie nicht brüchig vor Hochmut…“

Als ich im vorigen Jahr (November 2005) bei einer Veranstaltung der Erich-Fried Tage in Wien den Schriftsteller Peter Schneider traf, erinnerte ich mich an einen solchen Moment während der Buchmesse in Frankfurt (1978). Peter Schneider hatte mir damals beim Unterschriftensammlen für einen Appell des Schriftstellerverbandes zur Freilassung inhaftierter Kollegen geholfen.
Ob er wusste, dass eine der Inhaftierten auf der Liste damals, der spätere berühmt berüchtigte Hashemi Rafsanjani, zuerst Parlamentpräsident und später für acht Jahre Präsident der Islamischen Republik war? Einer, der für viele politische Morde im In- und Ausland wie für den an Schapur Bakhtiar verantwortlich war? Nein, wie hätte er das wissen können. Er habe angenommen, sagte er, dass wir es wussten!Und wir?
Für uns war dieser Mullah einer von Tausenden, die gegen die Verbrechen Schahregime kämpften. War er auch einer der Schriftsteller, die wie wir vom Recht auf freier Meinungsäußerung überzeugt war?
(Fußnote: Es brennt mir in den Augen, wenn ich mich daran erinnere, in welcher Art und Weise Saidi Sirjani, eines der aufrichtigsten Mitglieder des Schriftstellerverbandes unter eben demselben Rafsanjani nach einer durch Folter erpressten Aussage vor Kamera auf schlimmste Art und Weise in einem Privathaus umgebracht wurde. Und: Gestern (14. April 2006) standen 80 Schriftsteller zum vierten Mal in den letzten drei Jahren auf der Straße vor einem Haus und warteten, ob die Teheraner Justiz ihnen erlaube, die Generalversammlung des Schriftstellerverbandes abhalten zu dürfen. Und dies 27 Jahre nach dem siegreichen Aufstand gegen Diktatur!)
Die Frage, wie einfältig und naiv wir damals gewesen waren, wollte mich während der vier Tage des Symposiums nicht in Ruhe lassen. Am letzten Tag nach der Preisverleihung in Akademietheater, ging ich, bewegt von der Laudatio von Christoph Ransmayr zum Erich Fried Preisträger Yaak Karsunke mit seinem dünnen Gedichtband Hand & Fuß und bat um eine Widmung. Als wir bei Tisch saßen, kam er zu mir und blätterte in dem Büchlein, um ein geeignetes Gedicht zu finden.

begegnung am rande:
sei höflich verbeuge dich
gib dem henker die hand
vielleicht ist er deiner

früher hätte er dich
umarmt & geküsst
auch um verzeihung gebeten
(das war: vor der revolution)

der von heute tut wortlos
seine pflicht & vielleicht
wird er sich später
(falls ein gericht ihn befragt)
auf befehle berufen

also sei höflich
verbeuge dich
& gib deinem mörder die hand

Und als Widmung schrieb er: in Erinnerung an den 2. Juni 1967.

2. Juni 1967
Ein Datum mit emotionalen Folgen, sowohl für uns Perser, als auch für die Linken der 68er-Generation in der BRD. Bei der Erwähnung dieses Datums wird immer darauf hingewiesen, dass am 2. Juni 67, während einer Antischahdemonstration Benno Ohnesorg von den Bullen erschossen wurde. Er blieb ein deutsches Opfer für die Befreiung des iranischen Volkes vom absoluten Herrscher im Iran. Und für die Deutschen ein Symbol für die internationale Solidarität der Linken in Deutschland. Beide Gruppen bildeten eine Schicksalsgemeinschaft, die bis 1979 bestand. Zuerst ging es darum, sich das Demonstrationsverbot nicht gefallen zu lassen und, egal, was auch geschehen mochte, auf dem Kurfürstendamm zu marschieren.
Als man im Mai auf den Pariser Straßen die Phantasie an die Macht bringen wollte und radikale Änderungen mit radikalen Maßnahmen forderte, war ich noch in Sisatan und Belutschistan (einer Wüstenprovinz im südöstlichen Teil Persiens), und machte meinen Wehrdienst. Ohne Ahnung von dem, was in Berlin und Paris vor sich ging, schrieb ich in der unendlichen Stille der Wüste an meinem ersten Roman: Ein Buch über 24 Stunden im Leben eines Maturanten, der die Beamten kariere seines Vaters nicht fortsetzen will.
Politik war für mich eine Spalte in der Zeitung. Mehr oder weniger ein langweiliger Beamtenjob. Die Berührungspunkte zwischen Literatur, Film und Politik betrachtete ich nur als Stoff. Es war der Bericht über die Verfolgung Che Guevaras in den bolivianischen Wäldern oder Marlon Brandos Glanz als Emiliano Zapata in einem Film, oder ein Interview von Jean Paul Sartre mit Fidel Castro, dem kubanischen Revolutionsführer, das mein Interesse weckte. Dies Interesse war aber alles andere als politisch. Ich schrieb damals an einer Abhandlung über das unbegrenzte Elend in dieser Region, aber ich sah die Armut in der Umgebung nicht als politisch verschuldet.
Als ich im Jahre 1967 der Einladung, die Mitgliedschaft in dem noch nicht legalisierten iranischen Schriftstellerverband anzunehmen, folgte (damals war mein zweites Buch mit den Kurzgeschichten in den Buchhandlungen), sah ich diesen Schritt nicht als einen politischen Akt.
Ich stimmte zu und, während ich noch in der Wüste war, hörte ich, dass einige Schriftstellerkollegen in der ersten Generalversammlung verprügelt worden waren und von deren Verhaftung durch den Geheimdienst (SAVAK). Als ich 1968 nach Ableistung des Militärdienstes nach Teheran kam und danach fragte, hörte ich, dass der Verband von SAVAK aufgelöst worden sei.

Hinterbrühl war die Geburtstätte der Politisierung!
Es war frustrierend für uns (für meinen Zwillingsbruder Said und mich), dass wir, anstatt eine Universität in der Metropole Wien besuchen zu können, vorerst einen Vorstudienlehrgang in einem Internat in der Nähe von Mödling besuchen mussten. Der Mief dieses Hauses (es ist jetzt ein Asylwerberheim) in grauem Monat November mit Heinz Konrad am Sonntag und Ausgangsverbot ab 22 h war enttäuschend. Rund hundertfünfzig, vorwiegend aus unterentwickelten Ländern Afrikas, des Nahen Ostens und aus einigen osteuropäischen Staaten stammenden jungen Männern (nur drei Mädchen waren dabei, die außerhalb des Heims schlafen durften!) sollten, wie es vom ÖAD (Österreichischer Austauschdienst) vorgeschrieben war, das zivilisierte Verhalten beigebracht werden. Und das auf eigene Kosten!
In dieser ohnehin nicht leichten Situation waren wir plötzlich mit der Ankündigung des Besuches seiner Majestät Schah von Persien im Wien konfrontiert. Ein Bus kam, von der iranischen Botschaft gemietet, der die willfährigen Stundenten zu seinem Empfang nach Schwechat bringen sollte. Als weniger als erwartet eingestiegen waren, begannen die zwei drei Schläger, die als Botschaftsangehörige galten, die Einwohner persischer Herkunft zu drangsalieren.
Das Bild, das wir auf Geldscheine, Briefmarken, Schulbüchern, Schulklassenwänden und in Amtzimmern, vor Beginn jeder Kinovorstellung, auch vor und nach dem Fernsehprogramm usw. usf. anschauen mussten, war wieder da.
Niemand blieb in dem Bus, die drei SAVAK Agenten wurden aus dem Haus hinausgeekelt und der Bus musste leer nach Wien zurückfahren. Und sicherlich wurde der Botschaft penibel genau über jene subversiven Elemente Bericht erstattet, die eine Rolle dabei gespielt hatten.
Danach wurde im Heim viel über den Ring als Gastgeschenk der iranischen Botschaft am Finger des Direktors Elmer (ÖVP) gesprochen.
Wir hörten dann, dass dieselben Agenten am Dienstag, den 12. Jänner 1969 an der Spitze einer Bande von Schah- Anhängern zwei Mitglieder des iranischen Vereins im Rathauspark mit Stahlketten krankenhausreif prügelten. Am Abend desselben Tages war dieselbe Gruppe von Agenten und Jubel- Persern in den Hörsaal 1 eingedrungen, wo über die Hochschulreform diskutiert wurde, hatte mit Eisenstangen auf Versammlungsteilnehmer eingeschlagen und zwei oppositionelle Perser in einem VW- Bus verschleppt. Die Jubel-Bande musste sich sehr sicher gefühlt haben, denn, als die Linken die Kidnapper verfolgen wollten, wurden sie nochmals verprügelt. All das passierte vor den Augen der Polizisten. Und obwohl die Autonummer der SAVAK- Agenten von der Polizei notiert worden war, leugneten die Sicherheitsbehörden deren Tätigkeit in Österreich.

Untersuchungshaft (Schubhaft)
Ein zweiter Politisierungsschub in mir wurde durch eine Schubhaft verursacht. Spontan und ohne nachzudenken, war ich in einem Zug nach Deutschland eingestiegen, ohne vorher in meinem Reisepass zu blättern und zu überprüfen, ob die österreichische Aufenthaltsgenehmigung noch gültig war. Sie war vor zwei, drei Tagen abgelaufen. Aber dass die Zollbeamten der BRD mich deswegen an die Österreichischen Kollegen ausliefern und diese mich gleich ins Gefängnis steckten, übertraf alle Befürchtungen. Neun Tage in Untersuchungshaft, um nach Persien abgeschoben zu werden, waren sehr lehrreich. Die Worte des österreichischen Wachebeamten jeden Morgen: „no a bisserl Geduld, morgen Papa, Mama“, waren gut gemeint. Die Verzweiflung meines Bruders, der nicht in Erfahrung bringen konnte, wo und in welchem Salzburger Gefängnis ich steckte, war schlimmer. In meinem Gedächtnis ist das Heulen eines türkischen Familienvaters geblieben, der jedes Mal nach der Verrichtung der Notdurft vor den Augen aller anderen zehn Insassen in der Gemeinschaftszelle (außer uns zwei waren alle Österreicher) sich so sehr schämte.
Während der ganzen Fahrt nach Wien konnte ich an nichts anderes denken, als an diese Demütigung, und ich Kochte innerlich vor Wut. Ich wollte einfach nicht einsehen, dass man wegen einer solchen Verfehlung wie ein Verbrecher behandelt wird. Die Enttäuschung war groß. Europa war doch nicht der Kontinent der Menschenrechte. Vor allem die zynische Bemerkung der Beamten in unserer Botschaft in Wien, ob ich die Probleme, die es in Salzburg gab, schon gut überstanden hatte, deutete darauf hin, dass wir immer noch die Luft in der Einflusszone seiner Majestät atmeten.
Obwohl diese zwei Erfahrungen ausreichten, mich zumindest emotional gegen die da oben zu stellen, wollte ich doch den Rekrutierungsversuchen der Vereins- Aktivisten, die regelmäßig nach Hinterbrühl geschickt wurden, um auf uns einzureden, nicht so schnell nachgeben.
Da war nicht nur die Wut in mir, sondern auch die Angst vor der Trennung von meinem Zwillingsbruder, Said. Er war bereits aktiv und wollte bis ans Ende gehen. Unsere Weigerung im Vorstudienlehrgang, in den Autobus der Jubel- Perser einzusteigen und zum Empfang seiner Majestät nach Schwechat zu fahren, war offensichtlich so beeindruckend gewesen, dass sie verschiedene politische Fraktionen nach Mödling gezogen hatte. Jeder wollte diese mutige Gruppe für seine Fraktion gewinnen. Die Entscheidung der Gruppe fiel letztendlich auf die Mossadeghisten. Said und die anderen hatten sich schnell rekrutieren lassen. Ich zögerte noch. Die Sprache der Rekrutierenden war nicht meine Sprache, sie erinnerte an die Sprache meines Großvaters, der zur Zeit der konstitutionellen Revolution (1906) sehr aktiv war. Auch ihr Verhalten war unmodern und sehr unter dem Einfluss der Bazar- Leute, die an Kunst, Film, moderne Literatur, und Musik nicht das geringste Interesse zeigten. Der Körper war hier, der Kopf noch in Persien.
Vom Weg Mossadeghs (ein bürgerlich liberaler Politiker, der vor dem CIA Putsch im Jahre 1953 als Premierminister entmachtet wurde) war ich schon immer überzeugt und sah auch ein, dass der Weg Rechtstaat und Demokratie der einzige zu bestreitende Weg für Persien war, aber nicht so sicher, ob man vom Ausland aus diesen Weg ebnen könne.
Als wir dann nach einem zweijährigen Aufenthalt in der Kultur-Quarantäne namens Vorstudienlehrgang doch als ordentlicher Hörer in der Wiener Universität inskribiert waren, spürte ich die Isolation durch die Gruppe. Ich versuchte als Sympathisant der Gruppe mich hier und da einzumischen. Ganz langsam dehnte sich der Kreis weiter aus und wir hatten plötzlich zu einigen Österreichern Kontakt. Eine Theatergruppe war dabei und eine Familie, die uns zu Weihnachten aufnahm, sogar sehr herzlich.
Ich war einigermaßen überrascht, dass es unter den Österreichern Menschen gab, die viel radikaler den eigenen Staat kritisierten als wir. Die langen Haare, Jeans und eine freie, unkonventionelle Lebensform waren das Kennzeichen. Von den Einheimischen als Hippie und Gammler beschimpft, waren sie aber alle nett und jung und machten irgendwie den Eindruck, unsere Probleme zu verstehen.
Es war beruhigend zu wissen, dass es außerhalb des Vereins auch andere Welten gab, in denen man atmen und leben konnte. Nicht alle Perser, aber einige suchten wie ich den Kontakt außerhalb der persischen Gemeinde.
Die Entdeckungsreisen in der Stadt, und als es hier und da zu Freundschaften und Beziehungen kam, das Leben der Eingeborenen in ihren bescheidenen Untermietzimmerwohnungen zu studieren, war sehr spannend. In diesen Wohnungen, die nicht viel anders gestaltet waren als unsere Behausungen, erlebte ich junge Leute, die vor allem nicht kontaktscheu waren. Die Zeit in diesen bescheidenen Wohnungen und Kammern (mit Klo und Wasser am Gang, ohne Dusche und Zentralheizung) sind als schöne Erinnerungen (das Lied der Erde) noch in mir geblieben. Die Kochnische im Vorraum wurde bei den Festen nie benützt. Schwarzbrot lag auf einem Brett neben einer Schale Schweineschmalz mit Salz und Pfeffer. Zum Trinken gab es einen Doppler Weißwein und als Trinkgefäß benützte man Plastikbecher. Wenn es spät wurde, konnte man sich in dem einzigen Wohnschlafsarbeitsraum am Boden auf eine Matratze hinlegen. Anstatt der späteren Ikea Regale standen rundherum Obst und Gemüsekisten als Bücherregale. Und viele Plakate an den Wänden.
Damals (1971, 72) war Wien noch nicht verputzt. Die Schusslöcher in den Mauern erinnerten noch an den Krieg und über allem schwebte der eigentümlichen Armutsgeruch der Stadt: Sowie man den Steinkohlegeruch in der Winterluft und die mangelnde Körperpflege schnupperte, wusste man sofort, aha, hier gibt es weder Zentralheizung noch Duschkabine. Die WÖK’ s (Wiener öffentliche Küchen) waren eine gute Adresse für das Warmessen. Das Teilen der Zigarette war üblich so wie man sie stückweise in Tabak- Trafik kaufen konnte. Diese Welt der Kammern in der Mietskasernen öffnete meine Augen für eine Geschichte, die mir bis dahin nicht bekannt war: Die Geschichte der Wiener Arbeiterbewegung. Die Geschichte der Sonnenbäder für die Arbeiterkinder, Sozialbau (Karl Marx Hof beeindruckt mich immer noch) usw.
Die Menschen, die mir diese Welt öffneten, waren selbst ein Phänomen. Sie erwähnten diese Geschichte nie, aber sie gestaltete sie im täglichen Leben. Sie waren eine Mischung aus Hippie, Anarchist, Aussteiger und Rebell gegen Elternhaus und Schule. Die Plakate an den Zimmerwänden signalisierten diesen subversiven Widerstand in alle Richtungen. Sie zeigten, wo jetzt der Bewohner des Zimmers in seinem abweichenden sozialen Verhalten (von der gesellschaftlichen Norm) stand. Man konnte sich auch irren. Denn ein Linksliberale, ein ehemaliger WiderstandkämpferIn, ein (e) AnhängerIn von einer Buddhisten- Sekte, eine Feministin, ein(e) Juso, KommunistIn oder pazifistische AnarchistIn konnte unter dem Bild von Wilhelm Reich, Sigmund Freud, Karl Marx und Marx Brothers stehen. Da sie alle mit langen Haaren in Blue Jeans herumgingen, in den Lokalen wie Voom- Voom usw. verkehrten und im Sommer auf den Treppen des Theseus-Tempels im Volksgarten saßen und Rolling Stones, Pink Floyd oder Bob Dylan sangen, gehörten sie zu der Gruppe der guten Österreicher.
Diese Leute waren es, die gemeinsam dafür gesorgt haben, dass wir beim jährlichen Besuch des Schahs in Wien nicht so hart verprügelt oder gar verschleppt wurden. Solidarität mit uns kostete sie oft gebrochene Beine und Arme, Tritte und Beschimpfungen. Und dafür waren wir dankbar. Die Geschichte dieses Landes war für mich nicht verstehbar. Die Mentalität der Menschen und ihr Verhalten schon gar nicht. Die Sprachbarriere hinderte mich daran, die Fülle der Informationen zu verarbeiten. Oft stand ich vor einer schwarzen Tafel. Ich wusste nichts über dieses Land. Der Drang in mir zumindest durch die Gespräche mehr über das Land und seine Geschichte zu erfahren, war groß. Gleich, ob in einer Vorlesung der allgemeinen anorganischen Chemie war, in einem Teach- in, in einem intimen Gespräch mit einem Mädchen oder in einer politischen Diskussion, ich verstand nur 20 bis 30% der gesprochenen Worte. Der Rest blieb Vermutung. Daher war die Rolle der neuen Ersatzfamilie (ich betrachtete die Leute, die ich damals als Linke bezeichnete, als Familie) wichtig. Die Basis des Vertrauens war die vorhandenen Plakate mit Che Guevara, Rudi Dutschke, Cohn Bendit oder Vietnam an der Wand. Bei Betreten einer solchen war ich zuversichtlich, dass ihre Bewohner vertrauenswürdig waren. Wolf Biermann- Lieder und Bruno Kreisky- Reden öffneten dann das Tor zu dieser fremden Welt. Ich begann, die historischen Ich begann, die historischen Auseinandersetzungen innerhalb der marxistischen Strömungen zu verstehen. Austromarxisten, Leninisten, Maoisten, Stalinisten und Trotzkisten bezeichneten sich alle als Marxisten, aber wegen der schmerzhaften Entwicklung in der Vergangenheit sahen sie einander auch als Feinde.
Ein Experte in meiner Bewegung (Mossadegh - Bewegung) musste extra aus Graz nach Wien geschickt, um uns- d. h. den Anhängern einer bürgerlich - liberalen Bewegung, die Grundzüge der marxistischen Theorie, Geschichtsphilosophie und Ökonomie beizubringen. Ernest Mandels Einführungsbroschüre diente als Unterlage.
Die bekannten Genossen aus VSM und VSStÖ hätten auch nicht viel mehr gewusst. Später, als die Streitigkeiten über die Geschichte der Arbeiterbewegung zunahmen, musste ich mir selbst weiterhelfen. Ich las und las, und die unendliche Geschichte der Arbeiterbewegung mit ihren Niederlagen und Enttäuschungen wollte kein Ende nehmen!
Reform war ein negatives Wort. Man hat mit der Notwenigkeit der Hochschulreform begonnen, und war gleich bei der Weltrevolution und der Errichtung der klassenlosen Gesellschaft als einzigem Weg, sich von all dem zu befreien, angelangt. Die Entmachtung der Diktatoren (des Schah von Persien zum Beispiel) stand dann irgendwo als eine kleine Fußnote auf der Liste. Man versuchte mich zu beruhigen, dass jeder Schritt in Richtung der Weltrevolution, zwar ein kleiner, aber richtiger Schritt in diese Richtung war.
Der persische Teil meiner Ersatzfamilie damals, der „Iranische Studentenverein in Wien“ und seine vier Fraktionen ( Mossadeghisten, Tudehpartei (sie waren die moskautreue Kommunisten), Maoisten und Sozialsten des dritten Weges) waren auch nicht weniger streitsüchtig. Aber was sie einte, war der gemeinsame Feind Schahregime.

Bewaffneter Kampf
Zwei dünne Broschüre mit dem Titel „Die Ablehnung der Theorien von Selbstbewahrung“ (P. Puyan) und „Der bewaffnete Kampf, sowohl als Strategie, als auch als Taktik“ (M. Ahmadzadeh) radikalisierten mit einem Schlag unsere bis dahin mehr oder weniger legalistische Bewegung. Da die Theoretiker der beiden Broschüren für die praktische Anwendung ihrer Theorien das eigene Leben auf Spiel gesetzt und dies im bewaffneten Kampf geopfert hatten, durfte man an der Richtigkeit ihrer Theorien nie zweifeln. „Die Fedayin Khalqh“ (Märtyrer des Volkes) war zugleich als Mythos und politische Perspektive geboren. Eine Katastrophe für unsere Fraktion in der CISNU)die Dachorganisation der iranischen Studentenbewegung im Ausland), eine Tragödie für die Demokratiebewegung überhaupt. Wenn ich mich richtig erinnere, waren in erster Linie Schuldgefühle im Spiel. Dann war es der Mut, der sie das eigene Leben aufs Spiel zu setzen ließ, was uns beeindruckte. Die Bewegung besaß nun nicht nur einen sondern mehrere persische Che Guevaras. Märtyrer waren damals seltene. Mit dem vielen Helden, die im Namen des Volkes töteten und getötet wurden, fühlte man sich als Vietkong, als Guerillero in Lateinamerika, kurz als Weltrevolutionär. Meine Fraktion blieb dabei und isolierte sich langsam, aber sicher von der demokratischen Bewegung im Persien. Von Selbstaufopferung und Märtyrertod begeistert, verachteten wir die Probleme der zivilen Gesellschaft und vertieften so die Kluft zwischen uns und der europäischen Linken.
Alle Kritik und Warnung gegen Terrorismus von dieser Seite wurden mit dem Argument, es fehle den Linken in Europa der Mut zur Selbstaufopferung, in den Wind geschlagen.
Ich war einer der wenigen Perser, der auf die Diskussionsthemen der Österreicher neugierig war: Alle Barrieren der bürgerlichen Gesellschaft wurden radikal in Frage gestellt. Während dort alle Hemmnisse in Sexualität, Kunst, Konsum und Arbeitswelt besprochen wurden, beschränkte sich die Diskussion im iranischen Verein auf die Antiimperialismusdebatte, den bewaffneten Kampf und die Rolle des Schahregimes im Nahen Osten. Alle anderen Themen waren Tabu. Unter den Mitgliedern des Vereins waren Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus, Diskriminierung der religiösen Minderheiten, die Verachtung der Homosexualität und Intoleranz gegenüber Andersdenkenden latent vorhanden. Man sprach sogar Jahre nach dem Teach- in des SÖS (Sozialistische Österreichische Studentenbund) von einer Schande für die linke Bewegung. Das Teach- in über „Kunst und Revolution“ im Hörsaal 1 des neuen Institutsgebäudes, bei dem sich die Künstler und Künstlerinnen vor den Hörern nackt auszogen, onanierten, ein Wett- Urinieren veranstalteten und zum Schluss dann ihre Notdurft beim Singen der österreichischen Hymne verrichteten, war weiterhin ein Thema für die Tudehpartei - Leute. Das Entsetzen im Gesicht des Tudeh-Partei Genossen, der mir davon erzählte, vergesse ich nie. Die Reaktionen unter uns Mossadegh- Anhänger waren auch nicht viel anders. Sexualität war und ist unter den progressiven Kräften meiner Heimat ein Tabu.
Auf jedem Fall spürte ich die Unterschiede zwischen einer Gesellschaft nach der Aufklärung und einer Gesellschaft, die von Toleranz und Akzeptanz nicht viel mitbekommen hat. Vom Leninismus stark geprägte Kaderorganisationen haben später diese Kluft eher vergrößert, anstatt sie zu verringern. Zu unserem Schaden, würde ich sagen. Denn die Forderungen nach Menschenrechte und Demokratie hatten für unsere Linken im - und außerhalb des Irans oft nur einen taktischen Stellenwert. So basierte die anfängliche Begeisterung der leninistischen Linken weltweit für Khomeini auf seinem radikalen Antiimperialismus.
Die Ideologisierung nahm innerhalb meiner Fraktion zu. Die Mischung von Marxismus – Leninismus und dem bewaffneten Kampf schaffte anstatt einer Persönlichkeitsentfaltung eine Masse von Betonköpfen, für die nur Gewalt und Gewehre etwas zählten. Ich zog mich zurück und konzentrierte mich auf das Studium. Aber die Gruppe wollte mich nicht so einfach gehen lassen. Als die neue Linke in Österreich gegen Richard Nixon Reise nach Salzburg mobil machte, beging ich eine beinahe unverzeihliche Sünde. Weil ich für eine wichtige Prüfung lernen musste, blieb ich in Wien und weigerte mich, mit allen anderen nach Salzburg zu fahren. Danach musste ich Rede und Antwort stellen, warum diese Prüfung für mich so wichtig war!
Eine andere Sünde: Ich jubelte, als Kreisky die Wahlen gewann, mit allen anderen. Für mich war damals, frei und direkt eine Partei wählen zu können, eine begeisterungswürdige Gegebenheit. Noch dazu eine sozialistische Partei, mit einem Mann an der Spitze, der Jude war, die mit absoluter Mehrheit die Wahlen gewann. Allein das Wort „Sozialismus“ war in Persien des Schah Regimes ein Tabu. Unbeschreiblich auch der darauf folgende 1. Mai - Aufmarsch auf der Ringstrasse. Wollten wir in Persien mehr?
Und überhaupt: Ich betrachtete damals die gesamte Linke als links und fand die unendliche Streitigkeiten innerhalb dieses Spektrums als Elimination des „politischen Realitätsprinzips“ (Hans Jürgen Krahl, der Denker des SDS).
Meine Aufgabe, als Vertreter des iranischen Studentenvereins alle linken Organisationen in Wien zur Einheit zu bewegen, damit sie unsere Protestaktionen (durch ein gemeinsames Flugblatt, einen Protestmarsch oder beides) unterstützen können, verbot es mir, offen Sympathien für eine bestimmte Gruppe zu zeigen. Die Rufe wie „Hitler-Franco-Schah“ oder „Schah aufs Schafott“ sagte mir mehr zu, als die unendlichen Diskussionen zwischen Maoisten und Trotzkisten. Ich wollte es auch gar nicht. Damals las ich zwar viel über die Geschichte der Spaltungen innerhalb der europäischen Linken, aber nur aus Neugier.

Antifaschismus
Ich spürte damals, dass viele Fragen in Österreich, u. a. aus der nationalsozialistischen Vergangenheit, noch Tabuthemen waren. Eine Gesellschaft, in der 60% dafür ein Kontrast zur gefängnisfreien Gesellschaft, die von der Justizminister geträumt wurde. Ein kleiner Zeitungsausschnitt in meinem Eintragungsheft stammt aus „Rote Revue“, 3. Jg. Heft 11, 1972
„Kurz vor Beginn der Weihnachtsfeier gelang es der studentischen Linken im Rahmen einer gemeinsamen antifaschistischen Aktion den neuerlichen Versuch der RFS’ler mit Hilfe von NDP- Schlägern ihre Scrinzi- Veranstaltung auf Hochschulboden zu wiederholen zu vereiteln.“
Wir (eine kleine Gruppe von Aktivisten des iranischen Studentenvereins) hielten zeitgleich in Kaffeehaus Votiv, ahnungslos, was in der Nähe von uns im Neuen Instituts Gebäude vor sich ging, eine Sitzung ab. Da stürzte Hermann Dworczak (von GRM) aufgeregt und blass im Gesicht, herein, und sagte laut: „Während wir hier sitzen, sind die Genossen in eine tätlichen Auseinandersetzung mit Schlägern der RFS - und NDP - Nazis verwickelt. Die Polizei schaue zu, wie die eingesperrten Genossen im NIG verprügelt werden, und gebraucht die Ausrede, dass der Rektor keine Erlaubnis gibt, hineinzugehen, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Bitte helft uns!“
Ich fragte als damaliger Vorstand des Vereins den Anwesenden, ob wir uns da einmischen sollten. Die Versammlung entschied sich nach einer schnellen Abstimmung für die Unterstützung der eingesperrten Linken. Wie sollten wir aber hinein, wenn alle Türen geschlossen wären? Dworczak meinte, er wisse schon wie. Unterwegs erzählte er uns aufgeregt, dass ein NAZI (gemeint war der FPÖ -Nationalratsabgeordnete Otto Scrinzi) auf Einladung der Burschenschaften (am 14. Dezember 1972) im Hörsaal 1 zum Kärntner Ortstafelkonflikt sprechen werde.
Als er uns (15, 16 Perser) durch den Hinterausgang hineinschleuste, konnten wir es einfach nicht glauben. Wir sahen bekannte Gesichter der linken Szene Wiens in einer Gruppe zusammengedrängt da stehen. Sie riefen nur, als einer der Anwesenden von Schlägern herausgeholt und vor den Augen der anderen mit Kette und Faustring zusammen geschlagen wurde: „Nazi raus!“
Ich gebe kleinlaut zu, dass die Massenschlägerei von uns provoziert worden ist, weil wir geschlossen gegen die Schläger vorgingen. Der angeblich hohe Sachschaden und zahlreiche Verletzte beruhten aber auf übertriebener Darstellung in der Tagespresse. Auf jedem Fall war der Spuck nach einer Stunde vorbei. Als der Rektor der Universität Wien, Winkler, blass im Gesicht zu uns kam und meinte, er sei bereit zu verhandeln, wurde es ruhig. Was soll er tun? fragte er. Alle das heißt die Wortführer von VSStÖ, FÖJ, GRM; MLS, den Slowenischen Studenten, und wir verlangten, dass die NDP und RFS und Burschenschaftler binnen kürzeste Frist das NIG verlassen sollten. Er akzeptierte dies und die Linken sangen die Internationale. Die Sache ging für uns ohne gerichtliches Verfahren und Aufenthaltsverbot aus.
Nicht nur bei der Bekämpfung der Naziauswuchse, sondern auch dort, wo es wenig gastfreundlich gegenüber Fremden zuging, gab es zwischen den Linken und den Ausländern Sympathie und Solidarität.
Ein Beispiel dafür war der Streik der ausländischen Studenten im Vorstudienlehrgang. Eine Institution, die extra dafür geschaffen worden war, um die Integration der ausländischen Studenten zu verhindern!
Die Auflösung des Vorstudienlehrgangs in Hinterbrühl und seine Fortführung in anderer Form in Wien, befriedigte die ausländischen Studenten nicht. Die Schule war zwar nach Wien verlegt worden, aber das Wesen dieses Betriebs, das in der Diskriminierung und Erniedrigung der ausländischen Studenten bestanden hatte, blieb aufrecht. Warum man die Unterrichtstunden und Deutschkurse so beharrlich nicht als Vorlesung einführen wollte, ist mir weiterhin ein Rätsel.
Ich glaube, die iranischen, griechischen, saudiarabischen und türkischen Gesandtschaften in Wien hatten ein großes Interesse daran, diese zwei Jahre ihre Kontrollmöglichkeit über die eigenen Studenten nicht zu verlieren.
Ich habe den folgenden Zeitungsabschnitt in mein Heft geklebt, weil ich diesen Streik als Zeichen für den Integrationswillen und die österreichische Reaktion darauf als dessen Abwehr sehe!

Biographie eines Streiks
14. 3. 73: Der Streik im VSL (Vorstudienlehrgang) beginnt. Alle 270 Studenten nehmen teil. Ein Streikkomitee wird mit der Leitung des Streiks und der Führung der Verhandlungen betraut. Bald darauf ist das Schulgebäude (in der Volkshochschule Ottakring) von Staats- und Kriminalpolizei umstellt. Auf ihren Fersen folgt Minister Firnberg. In der darauf folgenden Diskussion versucht Firnberg das Ganze als unwichtig abzutun und inländische und ausländische Studenten zu spalten. Sie stellt sich hinter den rassistischen Direktor Elmer und meint, dass der bestehende VSL die bestmögliche Art zur Integration der ausländischen Kollegen ist. Das Streikkomitee widerlegt alle hinterlistigen Behauptungen Firnbergs. Die Solidarität der inländischen und ausländischen Kollegen wird geschlossen demonstriert.
15. 3. 73: Nach einer Kundgebung auf der Uni-Rampe ziehen ca. 300 fortschrittliche Kollegen durch die Stadt und vereinigen sich mit den ausländischen Kollegen.
19. 3.74: Machtvolle Kundgebung im Arkadenhof. Viele Studenten verlassen die Vorlesungen und schließen sich der Kundgebung an. Die Studenten besetzen symbolisch die anliegenden Büroräume der ÖAD-Spitzel zentrale. Wahrscheinlich erfolgt in dieser Zeit die Beschlagnahme einiger Spitzelakte, die dann der GRM zugesandt werden. Parallel laufen im Wissenschaftsministerium Verhandlungen zwischen Firnberg, Korninger und dem Streikkomitee. Nach der Bekanntgabe der ÖAD-Besetzung und aus Angst vor den zu erwartenden Enthüllungen beeilt sich Firnberg, sich vom ÖAD zu distanzieren, und Korninger beginnt sich zu überlegen, ob es nicht gut wäre, ein wenig nachzugeben.
20. 3. 74: Mehr als 600 Demonstranten ziehen von der Uni-Rampe zum Wissenschaftsministerium. Firnberg findet keinen anderen Ausweg, als die ganze Verantwortung für den V. S. L. auf die Rektorenkonferenz zu schieben.
23.3.74: Die Rektorenkonferenz tagt in der Abgeschiedenheit der Räume der Technischen Hochschule und verabschiedet eine Resolution, in der alle reaktionären Machenschaften als Serviceleistungen für die ausländischen Kollegen ausgegeben werden.
26.3.74: Das Streikkomitee organisiert Deutschkurse. Das Interesse ist lebhaft und die Teilnahme groß.
28.3.74: Teach-in auf der Uni. Über 800 Kollegen demonstrieren ihre entschlossene Solidarität mit den ausländischen Kollegen. Das Streikkomitee organisiert eine Urabstimmung. 95% der ausländischen Kollegen sprechen sich für die Fortsetzung des Streiks und ihr Vertrauen in das Streikkomitee aus.
29. 3.74: Neuerliche Kundgebung im Arkadenhof der Universität. Das Streikkomitee sucht den Rektor auf, um mit ihm zu verhandeln. Rektor Korninger verbarrikadiert sich zuerst in seinem Büro und weigert sich die Delegation zu empfangen. Die im Hof Versammelten fordern den Rektor durch Lautsprecher auf, die Delegation zu empfangen und verleihen ihrer Forderung Nachdruck - in Richtung Rektoratskanzlei marschierend. Der Rektor muss nachgeben. Binnen 20 Minuten gesteht Korninger vieles von dem, was seit nahezu 3 Wochen von ihm gefordert wird zu, (siehe Bericht). - Korninger: "Das war die schnellste Entscheidung meines Lebens".
1.4. 74: Beendigung des Streiks. Siehe nebenstehende Erklärung des VSL Streikkomitees.


(Zwei Bemerkungen zu diesem Bericht aus dem GRM Organ:
Ich muss an Demos Tsantiles, den griechischen Freund denken, der neben mir stand und diesen Streik zum guten Ende führte.
An Herta Firnberg denke ich mit Hochachtung, denn ohne ihr kluges taktisches Vorgehen, sowohl in den Verhandlungen mit uns beiden, als auch während der gemeinsamen Verhandlungen mit dem Universitätsrektor, die ihn zum Einlenken zwangen, wäre die Erfüllung unserer Forderungen nicht möglich.)
Eine gute politische Erfahrung für die demokratische Entfaltung einer Gesellschaft. Und was haben die radikal gewordenen Genossen der eigenen Fraktion daraus gemacht? Zu den zur Feier dieses Sieges eingeladenen Studenten des früheren Vorstudienlehrganges sagte einer der Wortführer des bewaffneten Kampfes, dass das Studieren an und für sich ein reaktionärerer Akt sei, welcher bei den heute bevorstehenden Aufgaben, verächtlich wäre! Unsere Aufgabe sei die Unterstützung des bewaffneten Kampfes gegen das Schahregime und seinen faschistischen Staat!
Mir wurde nach dieser Rede einfach schlecht. Die Studenten waren hier, um zu studieren und nicht, um den bewaffneten Kampf im Iran zu unterstützen!
Diese und ähnliche verbalradikale Äußerungen führte dazu, dass der Fieber des Bewaffneten Kampfes langsam den demokratischen Charakter der Studentenorganisation nicht nur in Wien, sondern überall überschattete.
Kurz darauf wurde vom Majlis (dem iranischen Parlament) Mitgliedschaft in der CISNU (Konföderation iranischer Studenten/ National Union) durch ein neues Gesetzt verboten, das sich auf ein altes Gesetz aus dem Jahre 1932 stützte, das für die Mitglieder einer kollektivistisch orientierten Organisation eine Gefängnisstrafe von 3 bis 10 Jahren vorsah. Somit machte sich jedes Vereinmitglied strafbar.
Im Nu reduzierte sich die Mitgliederzahl des Vereins von 100 auf 30!
Zeitgleich konnte jeder Student im Ausland vom Staat unbürokratisch und schnell ein Stipendium bekommen. Diejenigen, die trotz der drohenden Strafe im Verein ausharrten, fühlten sich als Helden. Die passende Rede zu dieser Unerschütterlichkeit hielt ich selber, weil ich damals im Vorstand des Vereins war. Aber nicht nur deswegen. Das Heroische machte damals einen guten Eindruck. Anstatt im Hinblick auf den Mitgliederverlust über die Schadenbegrenzung Gedanken zu machen, hielt ich eine lächerliche Rede.
Um dem Regime zu zeigen, wie unerschütterlich die Organisation ist, wurden Fraktionskämpfe eingestellt und mit gegenseitiger Unterstützung eine große Delegation für die Jahresversammlung (Tagungsort, Frankfurt am Main) gewählt. Auch mein Bruder und ich (neben drei, vier Mitglieder anderer Fraktionen) gehörten dazu.
Kurz davor erschien die Liste der Delegierten in der Teheraner Tageszeitung Keyhan, mit dem Hinweis, dass Großteil der Delegierte Mitglied der Tudeh- Partei (moskauorientierte Kommunistische Partei im Iran) seien. Unter anderem mein Bruder und ich, was nicht stimmte. Der Absicht der SAVAK war es, uns auch zu denjenigen zu zählen, die in einer kollektivistisch orientierten Organisation Mitglied waren und daher mit drei bis zehn Jahren Gefängnisstrafe rechnen mussten.
Wir lachten darüber, aber als wir den mehrseitigen Brief unseres Vaters bekamen, verging uns das Lachen. Seine Angst klang durch die Zeilen, aber es musste noch andere Gründe für einen solchen Brief gegeben haben. Mutter erzählte uns Jahre später, dass sie wegen dieses Artikels von den nahen Verwandten beschimpft und beleidigt worden waren. Der Vater schrieb, die einzige Möglichkeit wäre, den Bericht sofort zu dementieren und dies öffentlich kundzutun. Ansonsten sähe er sich gezwungen, öffentlich seine Vaterschaft zurückzuziehen, ein Agh über uns auszusprechen (uns zu verdammen, zu enterben). Und falls wir trotz seiner Drohung nicht dementierten, werde er das monatliche Geld zum Studieren nicht mehr schicken.
Seine Veröffentlichung blieb aus, aber die monatliche Summe aus Persien ebenfalls. Wir mussten uns von diesem Zeitpunkt das Studium selbst finanzieren.

Radikalisierung!
Der Bruder brach das Studium ab und fuhr nach Frankfurt am Main, zu der Zentrale der CISNU, um Vollzeit für die Bewegung zu arbeiten. Ich blieb eine Weile in Wien und die Veränderungen innerhalb unserer Fraktion wurden evident. Ich nahm die zunehmende Distanz zu mir sehr persönlich. Ich wusste damals nicht, dass die Gruppe faktisch gespalten war. Der ahnungslose Teil (auch ich gehörte dazu) machte wie bisher weiter. Ein anderer Teil war heimlich zum Kommunismus konvertiert! Er war mit der marxistisch- leninistischen Organisation „Fedayin Khalqh“ (Märtyrer des Volkes), die den bewaffneten Kampf praktizierte und propagierte, liiert, und dies schon seit Jahren. Wie einige andere stand auch ich als ein nützlicher Idiot für die Propaganda jener Kommunistischen Geheimorganisation innerhalb der Mossadegh - Fraktion zur Verfügung. Und das Schlimme daran war diese Ahnungslosigkeit! Die Gruppe begann von sich aus, uns auf verschiedene Art und Weise in das Abseits zu treiben.
Schließlich packte ich meine Sachen und übersiedelte nach Berlin.

Berlin 74
Die Flucht nach Berlin war eine schöne Flucht. Ich arbeitete zuerst in einer Autovergaserfabrik am Fließband und ging an den Wochenenden spazieren, um die Geschichte, die mir aus den Büchern vertraut war, nachzufühlen. Der Landwehrkanal, die einmal die Leichen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht aufgenommen hatte, wirkte mit dem trüben Wasser sehr eigentümlich. Viele breite, gepflasterte Gehsteige (die die Bombenteppiche überlebt hatten), dampften immer noch wie nach einem Sommerregen vor Angst und Entsetzen.
Georg Grosz’ Bilder, Tucholsky Schriften und vieles mir begleitete mich. Auf eine romantische Art schwamm ich immer noch auf der linken Seite der Geschichte und dies, obwohl ich von ihr die Nase voll hatte.
Während der ersten Zeit in Berlin erlebte ich die Stadt trotz der Mauer als eine offene Stadt. Einige freudige Nachrichten verstärkten dieses Gefühl: Die Flucht der amerikanischen Armee aus Hanoi (Hals über Kopf), die ersten freien Wahlen in Griechenland im November 1974, die die Obristen beiseite fegten. Portugals revolutionärer Umschwung gab der optimistischen Vorstellung neue Nahrung. Die Stimmung war, wie auf einem Foto jener Zeit zu sehen ist (ein weißer Vorhang, der sich aufbauscht, im Eckertzimmer des Hauses am Stuttgarterplatz), nicht schlecht. Die Wohngemeinschaft im alten, bürgerlichen Haus mit viel Sonne und schattigen Bäumen auf dem breiten Gehsteig, war durch die neuen Ereignisse in guter Stimmung. Ich las viel über die Niederlagen der verratenen Revolutionen. Das Ende Leon Trotzkis, die Niederlage der anarchosyndikalistischen Bewegung in Spanien und die Geständnisse von Nikolai Bucharin im 3. Moskauer Schauprozess genügten nicht, um an den Gründzügen der kommunistischen Lehre von Marx zu zweifeln. Sentimental blendete ich bewusst alle wichtigen Fragen (die Rolle Lenins und Trotzkis bei der blutigen Niederschlagung der Menschwiki, die Aufstände der Matrosen in Kronstadt, der Selbstmord Majakovskis und die Auslieferung der Sozialisten und Kommunisten, die zuvor von Nazi-Deutschland in die Sowjet Union geflüchtet waren, an die Nazis) aus, um ja nicht die eigenen romantischen Vorstellungen zu zerstören!
Ich las „Revolution in Kunst, Kunst in der Revolution“ (von Sergej Tretjakov), ich sah gerne die Filme von Sergej M. Eisenstein und lernte Majakovski auswendig. Ich romantisierte eine Geschichte, die, wie ich beim Blick auf die Berliner Mauer hätte sehen können, stark manipuliert war. Ich ging in der Stadt, die durch eine riesige Mauer getrennt war, spazieren und ignorierte diese Mauer!

Ich murmelte Bertolt Brechts Gedicht

DIE LÖSUNG
Nach dem Aufstand des 17. Juni
Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands
In der Stalinallee Flugblätter verteilen
Auf denen zu lesen war, dass das Volk
Das Vertrauen der Regierung verscherzt
habe.
Und es nur durch verdoppelte Arbeit
Zurückerobern könne. Wäre es da
Nicht doch einfacher, die Regierung
Löste das Volk auf und
Wählte ein anderes?

Und ich wollte nicht zugeben, dass die Brille, die ich aufgesetzt hatte, nicht in Ordnung war. Es musste doch einen Ausweg geben! Ich las „Grundgedanken zur Rätedemokratie“ von Karl Korsch, ich schwärmte von der Selbstverwaltung der Produktion und war nicht bereit, einen Sprung in die in Titos Jugoslawien zu machen, das die „Selbstverwaltung“ praktizierte. Die Realitätsweigerung ging noch weiter. An manchen Wochenenden ging ich mit dem gewechselten Geld (zehn Mark West gegen zehn Mark Ost) in der Tasche nach Ostberlin, um nach dem fantastischen Sozialismus eigener Prägung zu suchen. Man konnte dort mit dem gewechselten Geld Theater (Brecht), Konzerte und Museen besuchen, Bücher kaufen und dann noch in einem Gasthaus ein Menü bestellen. Eine zusätzliche Sättigungsbeilage kostete nichts. Zum Schluss blieb sogar etwas vom Geld in der Tasche zurück. Sozialismus?
Die Berliner Mauer stellte trotz aller Rechtfertigungen den Sozialismus meiner Vorstellung in Frage. Das angeeignete falsche Bewusstsein begann Risse zu bekommen. Die Realität selbst sorgte dafür. Als ich einmal im Ostberlin am Friedhof war, um das Grab Bertold Brechts zu besuchen, war ich Zeuge der langen Gespräche, die ein alter Mann neben dem Grab Brechts am Grab seiner Frau führte. Die Klage beinhaltete eine verlogene Geschichte, die sich als DDR konstruiert hatte. Meine Frage, wie er die Wirtschaftsentwicklung in der DDR sehe, beantwortete er schmunzelnd so: „Fünfzig Prozent arbeiten und die anderen fünfzig Prozent schauen genau zu, ob sie brav arbeiten.“
In einer modernen Bildergalerie in Ostberlin, die Gemälde von historischen Bauten am Roten Platz ausstellte (die Malerin versuchte sich im Stil des Sozialistischer Realismus), musste ich plötzlich lachen: Fast auf jedem Bild sah man einen roten Schmetterling, der auf grauen Bildflächen mal hier, mal dort flog.
Mein Wunsch, mich als Angehöriger einer zurückgebliebenen Gesellschaft durch den marxistischen Internationalismus, den Europäern gegenüber doch als ebenbürtiger Weltbürger zu fühlen, wurde schnell korrigiert. Für diese heilsamen Korrekturen sorgte eine Gruppe von spanischen Emigranten. Auf einer Fete hörte ich, spanische Arbeiter wären da, die sogar das KZ überlebt hatten. Laut lachend sprachen sie spanisch und, als ich versuchte mich einzumischen, zeigten sie mir zuerst die kalte Schulter. Dass die alten Männer den spanischen Burgerkrieg miterlebt hatten, machte mich neugierig. Allein das genügte schon, manches spanische Lied („Madrid, du Wunderbare“) aus dieser Zeit in mir klingen zu lassen. Dass wir Perser vorhatten, vom Ausland aus den Schah von Persien zu stürzen, verursachte bei den Spaniern ein Lachen. Wie sollte der absolute Monarch zum Abdanken gezwungen werden? „Mit der revolutionären Gewalt“, sagte ich, und versuchte unter schallendem Lachen, zu erläutern, wie ich mir das vorstelle. Und wer sollte nach ihm an die Macht kommen? „Es ist eine Sache einer provisorischen Regierung, über die Modalitäten einer Verfassung zu verhandeln.“ Und wie sehe diese Übergangsregierung denn aus? „Revolutionär“, sagte ich, und fügte, durch das permanente Lachen der Anwesenden verunsichert hinzu, „eine sozialistische Regierung.“ Und auf wen stütze sich dann diese Regierung?
Anstatt einer vernünftigen Antwort redete ich viel, wieder brach Gelächter aus. Die Antwort auf die Frage, ob wir in Persien eine Gewerkschaftsbewegung hätten, eine organisierte Industriearbeiterschaft, war nein. Gekränkt durch das permanente Gelächter der alten Emigranten, versuchte ich mich aus unbeantwortet gebliebenen Fragen mit Schlagwörtern und Phrasen, die den alten Arbeitern bekannt waren, zu retten. Ich stand wie ein Schüler vor dem alten Ledersofa, auf dem die Spanienkämpfer saßen, und schwitzte Scham und Unbeholfenheit. Einer von ihnen versuchte mir zu erklären, warum sie über meine Blödheiten so gelacht haben. Vierzig Jahre lang habe man in der deutschen Kälte die Tage zählen müssen, um endlich das Franco-Regime verschwinden zu sehen. Die Hoffnung sei nun mit dem Löffel (so nannten sie Juan Carlos) da, und da käme jemand aus einem Land ohne eine Arbeiterbewegung und meine, durch ein paar terroristische Aktionen einiger Intellektuellen über Nacht nicht nur den König loswerden zu können, sondern seine Macht auch mit einer sozialistischen Regierung ersetzen zu können. Das wäre doch merkwürdig. Nicht?
Der Trostpflaster Internationalismus erwies sich auch in anderer Hinsicht als ein schwieriges Unterfangen. Das angenehme Gefühl der Ebenbürtigkeit, die bis dahin zumindest unter den Genossen die Unsicherheiten minimiert hatte, wurde auch von einer Seite angegriffen, die mir bis dahin noch verborgen geblieben war. Der Schock wurde von einer Bewohnerin der Wohngemeinschaft verursacht. Wieso sollte sie nicht nackt in der Wohnung herumspazieren dürfen, fragte sie mich. Ich hatte sie nur leise darum gebeten, dass sie, während 15 Perser, alle aus den Südstadt von Teheran (der Geburtstätte der späteren Hisbollah) bei mir eine politische Schulung machten, nicht nackt durch mein Zimmer laufen sollte. Die Diskussion beim Frühstück am Sonntag (der Tag, an dem man in der Wohngemeinschaft alle Beschwerden ausdiskutierte) endete mit meiner Niederlage. Die wiederholte Demonstration der westeuropäischen Frauenemanzipation in der Wohngemeinschaft führte dazu, dass mich einer der älteren Perser in der Gruppe zur Seite nahm und, obgleich es ihm unsäglich peinlich war, mich fragte, ob das Wohnen in einem solchen Haus nicht das Ansehen der Mossadeghisten in Berlin gefährde und ob die Freunde nicht eine Wohnung in einem anständigen Haus für mich suchen sollten?
Seit diesem Vorfall schwieg ich beim Frühstück am Sonntag. Ich weigerte mich beharrlich ernsthaft über meine Probleme in der Wohngemeinschaft zu reden und erortete nur die Frage, warum mein Kanarienvogel nicht zum Singen geneigt war, so oft, bis die Wohngemeinschaft sich vornahm, dieses Problem mit professioneller Hilfe zu lösen.
Jetzt denke ich über den Vorfall anders. Das Mädchen hatte mit ihrer Provokation in der Wohngemeinschaft Recht. Ich und meine Schulung waren damals keine Lösung, sondern höchstens ein Teil des gleichen Problems. Wir wollten uns emanzipieren, aber wovon?
Bei der nächsten Eintragung in meinem Heft geht es um eine „kuriose Geschichte“, die, wie es sich ein paar Jahre später herausstellte, gar keine war. Als Delegierte der Jahresversammlung CISNU waren wir nach Frankfurt unterwegs. Mohammed, ein Vertreter der islamischen Studenten in Berlin fuhr mit. So nebenbei fragten wir ihn, was eigentlich die islamische Studentenorganisation zu der Krise der Organisation meine. Mohammed antwortete aus dem Rücksitz, man habe darüber keine festgelegte Meinung. Und was er sich in Hinkunft für Persien erwarte? Er sagte, ohne zu zögern, seine Organisation wünsche sich einen islamischen Staat. Der Fahrer des Autos Ardalan E., der mit mir unsere Fraktion in Berlin in Frankfurt vertrat, wollte von ihm wissen, wie sein islamischer Staat mit den Sündern wie uns vorgehen wolle. Der islamische Staat regiere nach den islamischen Gesetzen Scharia, antwortete er. Ardi konterte, welche Strafe ihn für Bier trinken bevorstehe? „Peitschenhiebe“, antwortete Mohammed, und bei Wiederholung immer mehr Peitschenhiebe. Und für Zena (Seitensprünge aller Art)? „Steinigung“, sagte er. Und für homosexuelle Umtriebe? Todesstrafe, war die Antwort. Und wenn man beim Stehlen erwischt wird? Je nach Ausmaß des Diebstahls werden die Glieder abgehackt. Die Bestrafung kann bis zum Abhaken vom linken Fuß und der rechten Hand gesteigert werden. Wir fragten ihn nach dem Wesen der islamischen Wirtschaft, Frauenemanzipation, Bankwesen, Kapitalismus, Außenpolitik usw. in seinem islamischen Staat und Mohammed beantwortete, ohne sich von der Hemme und dem Sarkasmus unsererseits aus der Fassung bringen zu lassen, die Fragen. Wir lachten die ganze Zeit, er nicht.
Den Kommentar aus meinem Notizheft zu Mohammeds Vorstellungen möchte ich hier nicht übersetzen. Denn damit würde ich nur zur Schau stellen, wie utopisch wir in unseren Vorstellungen waren. Der gewünschte Staat von Mohammed schien uns damals (fünf Jahre vor der Errichtung der tatsächlichen islamischen Republik) so aberwitzig, dass ich die Diskussion im Auto dann in meinem Heft mit dem deutschen Wort „Hirngespinst!“ beendete.

Die Lage erkennen (Gottfried Benn)

Die Gründe, warum wir als Perser nicht wie alle anderen Kommilitonen nach dem Stürz unserer Diktatur zuhause blieben konnten und dazu verdammt gewesen waren, wieder im Exil das Leben zu fristen, lagen irgendwo zwischen den drei oben erwähnten Eintragungen meines Heftes. Das eigentliche Problem war damals, dass ich nicht fähig war, die Lage zu erkennen. Was machte mich so Blind?
Die Toleranz gegenüber islamischen Gruppen in der Opposition hatte allerlei Gründe: Sie waren lange in der Nationalfront (Mossadegh - Bewegung) zu Hause und benützten unsere Bewegung als Biotop. Erst durch die Spaltung von Jebheye Melli Sewom (die Fürsprecher waren Banisadr und Ghotbzadeh) und die Trennung Nehzate Azadi (Mehdi Bazargan) von Nationalfront wurde die organisatorische Trennung sichtbar. Politisch hatte man sie aber, da sie Anhänger Mossadegh waren, weiterhin zur Mossadegh- Bewegung gezählt. Ein unverzeihlicher Fehler, denn gerade diese zwei Gruppe waren es, die als eigentliche Wegbereiter von Khomeinis islamischer Republik den säkularen Teil der Antischah Bewegung verdrängten. Belohnt wurden sie dafür nicht. Bazargan , der Chef der ersten provisorischen Regierung, wurde nach sechs Monaten von der Macht verdrängt, Banisader, der erster Präsident der islamischen Republik, musste als Frau verkleidet aus dem Land flüchten und Ghotbzade wurde hingerichtet.
Die drei scheinbar unbedeutenden Erfahrungen, die ich damals so nebenbei in meinem Heft eingetragen hatte, markierten Konturen und Eckfeiler unserer jetzigen Tragödie. Warum hatte ich die Bedeutung dieser Erlebnisse damals nicht erkannt? Ich hatte zwar von den vulgärmarxistischen Entwicklungsmodellen Abstand genommen (ich beschäftigte mich damals schon mit den Thesen von Wittvogel über die Wassergesellschaften als Ursachen der orientalischen Despotie und mit der asiatischen Produktionsweise von Karl Marx), aber ich war irgendwie nicht bereit, mir von marxistischen Weltanschauung über die eigentliche Probleme meines Landes Gedanken zu machen. Diese Verblendung hinderte viele von uns, die eigentliche Probleme der demokratischen Entwicklung in Persien zu sehen und die dazu passenden Lösungen zu finden.
Die Abweichung vom Programm und dem Weg Mossadeghs, der in aller Deutlichkeit „die Rechtstaatlichkeit und Demokratie in Persien“ als unumgänglich betrachtete, begann nicht mit dem Beginn der Radikalisierung, sondern im Jahre 68. Man begann über die radikalen Veränderungen der Gesellschaft zu fantasieren und, was nicht dabei zählte, waren die Sachzwänge und Rahmenbedingungen. Wir wollten ohne Beteiligung der Gesellschaft alles auf dem Kopf stellen: Alles jetzt und gleich! Und wir dachten die alten Strukturen fangen schon an nach unserer Melodie zu tanzen. Die kommunistische Gruppe bei uns, die ohne unser Wissen von der Führung unserer Organisation aus mit Fedayin Khalg in Persien eine Entente cordiale geschlossen hatte, glaubte, diese Revolution mit Hilfe der terroristischen Gewalt durchführen zu können.. Die Fedayin sahen aber in Mossadegh und seiner Bewegung Jebheye Melli einen Klassenfeind. Mit Stalin und Lenin als Vorbild war die Demokratie für sie nichts anderes als das trojanische Pferd der bürgerlichen Klasse.
Als am 20. Dezember 1973 ein ETA-Kommando das Auto des Ministerpräsidenten Carrero Blanco in die Luft sprengte, konnte ich sehen, wie meine verehrten Genossen (zu dieser Zeit noch Anhänger Mossadegh) jubelten, weil diese Terroraktion dem designierten Nachfolger Francos eine demokratische Reform unmöglich machen hätte können.
Als 1974 König Juan Carlos während einer Krankheit Francos für kurze Zeit die Regierung übernahm, hörte ich allerseits das Bedauern! Denn die leichte Liberalisierung, die er nach dem Tode Francos (am 20. November 1975) fortsetzen wollte, könnte die echte Revolution verhindern! Ich dachte gleich an die alten Spanier, die mich so schonungslos ausgelacht hatten, und gab ihnen Recht.
In den Jahren von 1975 bis 1977 war in Persien keine Protestbewegung in Sicht. Das Schah Regime bezeichnete Persien als Insel der Ruhe und Stabilität und hatte Recht damit. Der Schah beherrschte, gestützt auf übermäßig großen Einnahmen aus Öl, das Land mit eiserner Faust. Er hatte die blutige Zerschlagung des bewaffneten Kampfes hinter sich. Die beiden bewaffneten Organisationen Fedayin und Mojahedine Khalgh waren zerschlagen. Dieser Umstand führte dazu, dass die übrig gebliebenen Kader der beiden Organisationen begannen, gegen die eigenen unliebsamen Mitglieder vorzugehen. Gerüchteweise wurde an uns herangetragen, dass einige Kader nicht vom Regime, sondern von den eigenen Kameraden umgebracht worden waren. Die Antwort auf diese Situation im Ausland war Spaltung der CISNU. Die Anstrengungen unserer Fraktion, diese durch radikale Aktionen (Botschaft Besetzungen und verbotenen Sitzstreik in der Zeitungs- und Rundfunkredaktionen) zu stoppen, bewirkten sehr wenig.
Da mir die Fortsetzung des Studiums in Berlin nicht möglich war, kehrte ich nach Wien zurück und inskribierte neben Chemie auch Politikwissenschaft. Mit diesem Doppelstudium hoffte ich in der Zukunft den Beruf und die Berufung miteinander zu verbinden. Was mich aber daran hinderte, war die klägliche Lage der Opposition. Das Schweigen war unerträglich. Ich wurde in eine Aktion involviert, die unerwartet große Wellen schlug. Nämlich die Besetzung des iranischen Konsulats in Genf. Dass dort eine der geheimen Zentralen von SAVAK (Geheimdienst unter dem Schahregimes) war, überraschte uns selbst. Mehr als 3000 Dokumente, größtenteils strenggeheim codiert, fielen in unsere Hände. Meine Aufgabe war es (endlich komme ich dazu, eine der kühnsten, heldenhaften Taten in meinem Leben offen zuzugeben), diese Papiere in Sicherheit zu bringen. Der Freund, der unten in einer Gasse mit einem Auto wartete, rechnete nicht mehr damit, dass ich wieder zurückkomme, und fuhr mit dem ersten Teil der Beute weg. Als es mir gelungen war, die zweite Ladung durch die Polizeisperre zu retten, fand ich das Auto nicht mehr an seinem Platz vor. Die Taschen der ausgeborgten schönen Jacke eines Freundes waren leider leer! Also promenierte ich um den Genfer See und wählte mit einem letzten Geldstück die Telefonnummer, die uns gegeben worden war; keine Antwort. Die in eine Tragtasche aus Plastik gestopften Papiere mit dem Stempel „Streng Geheim“, sind mir viel lebenswichtiger vorgekommen, als sie in Wirklichkeit waren.
Nach drei Stunden sinnlosen Hin- und Herlaufens rettete mich eine Zeitschrift der vierten Internationale (Trotzkisten) namens Interkorp (internationale Korrespondenz), die in mehreren Sprachen erschien, und die auf einer Kaffeehausterrasse am See vor einem Gast auf dem Tisch lag. Ich fragte ihren Besitzer, ob er mir die Adresse vom Lokal der Trotzkisten verraten könne, und erzählte ihm, dass ich einer der Perser sei, der nach der Aktion nun die eigenen Leute suchen müsse. Er führte mich zum Lokal und, als ich dort meinen Namen nannte, wurde ich zu einer Wohnung gebracht, in der die Anwälte daran arbeiteten, die 13 inhaftierten Konsulatsbesetzer zu befreien. Als sie die Papiere sahen, atmeten sie kräftig durch, denn damit könnten sie leicht beweisen, dass SAVAK in Schweiz tätig war.

DER SPIEGEL, NR. 37, 30. JAHRGANG, 6. SEPTEMBER 1976
Schah-Spitzel: “Bohnen“ Geheimpapiere erbeutetenpersischen und „Sauberfinger“
Die Spione des Schah überwachen von Stockholm bis Rom Politiker, Studenten und einfache Burger- jeden, der das Regime der persischen Majestät zu kritisieren wagt. Das steht für iranischen Studenten fest, die aus dem Generalkonsulat ihres Landes in Genf, einer Zentrale des Geheimdienstes Savak, bündelweise Geheimpapiere erbeuteten. Die Schriftstücke entlarven die Brutalität wie auch den dümmlichen Diensteifer ihrer Autoren.
Zwei Schweizer baten um Hinrichtungsaufschub: „Wir bitten darum, dass vor der Einreise Seiner Majestät keine neuen Exekutionen im Iran stattfinden, damit auf diese Weise keine handhabe für Aktionen extremistischer Personen in der Schweiz gegeben wird und unsere Aufgabe des Verbots von Demonstrationen nicht erschwert wird.“
So steht es in einem von 2.800 zum Teil streng geheimen Schriftstücken, die 13 oppositionelle iranische Studenten erbeutet hatten, als sie am 1. Juni dieses Jahres das Generalkonsulat ihres Landes in Genf besetzten...

Agitatorisch war die Aktion ein Erfolg. Die Aktivitäten, die wir der SAVAK im Ausland so oft vorgeworfen hatten, waren nun Schwarz auf Weiß belegt. Aus den entwendeten SAVAK - Dokumenten wurde ein Sachbuch gemacht, das im renommierten Rowohlt Verlag erschien.
Politisch schlug diese Aktion derartig großen Wellen, die alle unsere Erwartung übertraf. Der Motor dieser neuen Welle war der Verschwörungswahn des Regimes, der die Drahtzieher in der US- amerikanischen Administration vermutete. Sie und James Carter mit seiner Menschenrechtpolitik waren es, die die ausgestorbene Opposition in Persien und außerhalb zum Leben erwecken wollten. Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit der Schweiz und die Forderung nach Todesstrafe und lebenslänglicher Haft für die Beschuldigten (also uns!) verriet den Grad der Nervosität des Regimes. Momentan deutete aber nichts auf irgendeine Krise des Regimes. Der Schah konnte weiterhin behaupten, der Iran sei eine Insel der Ruhe und Stabilität in der Region. Die Vormachtstellung Irans war im gesamten Nahen Osten vor allem militärisch unbestritten. Das Land war in einer durch Petrodollar übersättigten Wirtschaft in einem Aufschwungswahn. Der Mittelstand machte Geld und entgegen unserer wahnwitzigen Behauptungen, die Zahl der Arbeitslosen sei rapide gestiegen, galten Arbeitskräfte als Mangelware. Genauso wie die Zahl der politischen Gefangenen, die von uns auf 100.000 geschätzt wurde, tatsächlich nur 3450 betrug. Nachdem die letzten Zellen der zwei bewaffneten Organisationen Mojahedin und Fedayin von SAVAK aufgehoben worden waren, gab es keine nennenswerte Protestaktion im Iran.
Womit wir Recht behielten, war die Rückgratlosigkeit durch den verbreiteten Zynismus innerhalb des Staatsapparates. Die Einheitspartei Rastakhiz (die einzige vom Schah erlaubte Organisation, die politisch frei agieren konnte) sorgte mit ihren Revolutionsphrasen (von der weißen Revolution des Schahs) weiterhin für Brechreiz. Tatsache war, dass das System hohl und korrupt geworden war und nicht einmal die Spitze des Staates und Militärs an seinem weiteren Bestehen in dieser Form glaubte.

Warnung
Diese Tatsache wurde von den drei führenden Persönlichkeiten der iranischen Nationalfront (Mossadegh - Bewegung) frühzeitig erkannt. Sanjabi, Bakhtiyar und Fruhar machten in einem offenen Brief dem durch Arroganz der absoluten Macht betäubten Schah klar, dass es so nicht mehr gehen konnte. Sie mahnten ihn, dass die Rückkehr zur Verfassung und die Ermöglichung der freier Wahlen im Iran der einzige Ausweg seien, um den Staat aus der bevorstehenden politischen Krise zu führen. Der Schah fühlte sich aber in seinen Revolutionswahn so sicher, dass er die Mahnenden nicht einmal inhaftieren ließ. All das geschah zwei Jahre, bevor er sich tatsächlich gezwungen sah, Hals über Kopf das Land zu verlassen.
Nicht nur der Schah, auch Opposition im Ausland nahm diese Warnung nicht ernst. Anstatt sich mit dem Inhalt des Briefes (der bevorstehenden politischen Katastrophe) auseinander zu setzen, nörgelte man im Ausland über die Form der Anrede. Es sei Verrat, dass die Verfasser des Briefes den Schah mit seinem vollen Titel „Seine Majestät“ ansprechen!
Besorgt sahen meine Freunde nach Paris, wo ein greiser Ayatollah namens Khomeini, vom Schah verbannt, seit Oktober 1978 in Neauphle-le-Château saß und langsam seine Propagandazentrale einrichtete, um einen islamischer Staat zu gründen. War das möglich?Der Schlag
Das Schlimmste, was im Iran passieren können, geschah: Eine Kapitulation säkularer Kräfte des Landes gegenüber Gründer eines islamischen Staates könnte nicht perfekter organisiert werden. Dr. Sanjabi, der zu jener Zeit als Chef der Nationalen Front auf der Spitze dieser Bewegung stand, folgten bereits Millionen Anhänger. Er flog anstatt nach Kanada, wo gerade die Sozialistische Internationale tagte und man ihn dazu eingeladen hatte, nach Paris Richtung Neauphle-le-Château, um die Führung des Ayatollahs zu akzeptieren. Ruhollah Khomeini nahm den Zettel, auf dem Sanjabi in drei Punkten seine Treue zu seinem Vorhaben formuliert hatte, und steckte es in die Tasche. Das war’s!
Uns öffentlich von dieser politischen Willkür zu distanzieren, war sehr schwer. Die Tageszeitung „Le Monde“ brachte nach einigen Tagen Zögern in Form eines Lesebriefes doch eine kleine Notiz, mit dem Hinweis, dass einige Gruppe junger Anhänger von Mossadegh in Europa die Meinung von Dr. Sanjabi nicht teile.
Mehr durften wir als zerstreuter Mitglieder einer Organisation, die nun dabei war sich aufzulösen, auch nicht erwarten.
Nach der Pariser Kapitulation stand der alleinigen Machtübernahme Khomeinis nichts mehr im Wege, und trotzdem hoffte ich immer noch, dass die restliche dreiköpfige Führung der Nationalen Front im Iran die einseitige Vereinbarung zwischen Sanjabi und Khomeini korrigieren würde. Wir hörten einige Zeit nichts, bis die nächste Bombe platzte. Dr. Schapur Bakhtiyar, der zweite Mann in der Führung der Nationalen Front wurde vom Schah vor seiner endgültigen Abreise aus Persien zum Premierminister ernannt. Da wir von der Auseinandersetzung innerhalb der Nationalen Front nichts wussten, ärgerten wir uns über Bakhtiyars unzeitgemäßen Schritt umso mehr. Was für ein Schicksal, dachten wie: Einer läuft dem Khomeini nach und der andere ergreift nach 25 Jahre Verfolgung und Erniedrigung die Hand des Schah.
Die Mullahs waren nicht mehr zu stoppen. Die Anhänger von Khomeini steckten ein Kino in Abadan, eine Raffineriestadt im Südiran in Brand. Mehr als sechshundert tote Kinder, Frauen und Männerwaren die Folge. . Alle nicht
islamischen Demonstrationen im Land wurden terrorisiert. Kabaretts, Kinos, Banken und Restaurants wurden angegriffen und in Brand gesteckt. Das Viertel der Prostituierten im Südteheran wurde zerstört. Die Frauen durften nur mit Schleier demonstrieren gehen und nur die Bilder des Imam Khomeini und seine Parolen waren bei Demonstrationen erlaubt. Diese lautete “Unabhängigkeit, Freiheit, islamische Republik“. Und dann noch „Allah -o- Akbar“ (Gott ist groß) überall und immer lauter.Und trotzdem!
Den Sieg der Revolution feierte ich diskret und ohne meine früheren Weggefährten (denn sie waren alle im Iran) in einem Zimmer in Graz. Das feierliche Gefühl hielt nur drei Tage an. Als dann der Ansager des Rundfunks in Teheran ankündigte, die Stimmer der islamischen Revolution zu sein, verließ mich diese bescheidene festliche Stimmung. Beim Rasieren wiederholte ich: „Das ist nicht meine Revolution.“
Während ich die Nachrichten von den Massenhinrichtungen hörte, bei denen Generäle und Minister des Schah auf dem Dach einer Religionsschule, wo Khomeini haute, regelrecht geschlachtet wurden, fragte ich mich, warum Bazargan, der Chef der provisorischen Revolutionsregierung (auch ein Minister Mossadegh) untätig zusah und nicht etwas dagegen unternahm. Als dann aber einige Feiglinge versuchten im Ausland das Gleiche gegen einige angebliche SAVAK- Agenten zu tun, nahm ich Stellung. In einem Interview mit Robert Hochner in der ZiB 2 verurteilte ich solche Aktionen.
Mit den Beleidigungen; Prügeleien und Beschimpfungen für die Frauen, die am 8. März gegen den Schleierzwang demonstrierten, war dann meine revolutionären Geduld am Ende. Innerlich bereitete ich mich vor, nahtlos in der Opposition zu bleiben.
58 Tage nach dem Sieg der Revolution erschien mein erstes Flugblatt. Das vergilbte Papier, mit einer alten Schreibmaschine beschrieben und in einem Kopiergerät vervielfältigt, trägt das Datum des 30. März 1979.
Darin wird die Art und Weise, wie die provisorische Regierung das Referendum über die Frage „islamische Republik“ oder „Schahregime“ formuliert, in Frage gestellt. Ich schrieb:
„... ,Islami’ als Beiwort kann nicht an ,Djomhuri’ (Republik) angehängt werden, weil dieser Begriff nicht den Inhalt der Republik wiedergeben kann.
In Punkt B des selben Flugblattes wird betont, dass
„... eine Beteiligung in diesem Referendum deshalb von uns nicht zu erwarten sei, weil die Verfassung einer solchen Republik, die den Inhalt und Rahmen dieser Republik bestimmen soll, erst nach der Entscheidung über eine ,Islamische Republik' zur Entscheidung vorliegen wird!
Somit weigern wir uns, an einem solchen Referendum teilzunehmen, und rufen wir alle auf, die undemokratische Vorgangsweise der provisorischen Regierung zu boykottieren."
Ein trauriger Anfang nach einem langen Warten. Und die Demokratie? Als K. und ich zu zweit in der iranischen Botschaft waren, um vor der Wahlurne dieses Flugblatt unter den Anwesenden zu verteilen, schauten uns Hunderte von Iranern, die gekommen waren, um über das politische Schicksal Persiens zu entscheiden, entrüstet an. Einer von ihnen verglich uns mit Sancho und Don Quichotte: zwei traurige Gestalten, die gegen Windmühlen kämpfen wollten!
Wir wollten aber nicht unsere Niederlage akzeptieren. Die nächste Aktion von uns bestand in der Organisation einer Überbrückungshilfe für alle jene iranischen Studenten, die das Stipendium seit drei Monaten nicht mehr bekommen hatten. Sie wussten nicht, wie sie die Miete bezahlen sollten. Sie erhielten gegen Vorlage des Meldezettels und des Mietvertrages für drei Monate Miete das Geld und Essensbons für die Mensa. K., ich und ein Student von der ÖH (ein Schweizer) saßen eine Woche lang da, um die 100.000 Schilling, die vom Zentralausschuss für diesen Zweck zu Verfügung standen, zu verteilen.
Eine persische Splittergruppe, die sich als Sympathisant da Volks-Fedayin bezeichnete, sah in dieser Aktion einen Versuch, das iranische Volk an den Weltimperialismus zu verkaufen! Man beschimpfte mich namentlich, da ich „vorhabe, durch diese Aktion (das Flugblatt habe ich noch!) die Rolle eines Lakaien des Imperialismus zu übernehmen.Monarchist und Konterrevolutionär
Im Sommer 1979 war ich in Paris und arbeitete an der Fertigstellung eines Films. Meinen Traum, im Iran zu arbeiten und zu leben, sollte ich vergessen. Ich wusste aber auch nicht, wo ich im Ausland in Zukunft leben sollte. In Wien? In Paris? Mein ursprünglicher Plan, mit dem Abschluss des Studiums (Politikwissenschaft) eine Lehrstelle in Teheran zu suchen, um nebenbei auch schreiben können, hing nun mit der düsteren Entwicklung in Persien in der Luft. Wozu dann das Studium beenden? Wozu das Weiterschreiben in der Muttersprache?
Hinzu kam noch die Frage, was politische Tätigkeit im Allgemeinen bringen kann. Im Gespräch mit den Auslandspersern hatte ich manchmal das Gefühl, dass alles keinen Sinn hat. So verwirrt waren sie.
Khomeini mit seiner historischen Schubumkehr ging nicht aus meinem Kopf. Mit einer unbändigen Wut im Bauch, fühlte ich mich resigniert. Einen neuen Widerstand zu organisieren (wie und mit wem auch immer) war die einzig mögliche Therapie. Der frühere Linke in meinem Kopf dachte, dass die Geschichte mit ihm einen Fehler gemacht hatte, der sofort korrigiert werden müsse! Ich lebte weiterhin in der Illusion, dass das iranische Volk all das nicht wollte und betrogen worden war. Ich wollte nicht wahrhaben, dass Khomeini und seine Gefolgschaft zumindest die Vorstellung eines großen Teils der Bevölkerung verkörperten. Das Volk war in meinen Augen dasselbe alte, am Abend des 19. August 1953 durch einen CIA-Putsch entmachtete Volk. Auch das war eine schreckliche Idealisierung, denn, wer hatte das Haus Mossadegh an diesem Tag geplündert?
Ich ging zu den ehemaligen Genossen, die nun enttäuscht mit langen Gesichtern aus dem von der Diktatur befreiten Land zurückkehrten. Eine gesprengte Armee von Resignierten, die um ihre Erwartungen betrogen worden war. Sie zu einem neuen Widerstand zu überreden, war deshalb nicht so leicht, weil keiner mehr zurückgehen wollte. Es gab auch Optimisten. Sie hofften, dass nach einer heißen Phase der Revolution das Aufbauen beginnen würde,
und man sie bald als Spezialisten einladen werde, um dem Volk zu dienen.
Wie ein Prediger ging ich von einer Stadt in die nächste, um den früheren Mossadegh-Anhängern einzureden, dass diese Erwartung falsch war und nur eine neue Organisation zu gründen die Lösung wäre. Aber der Kombattant vom Gestern hatte heute andere Sorgen! Mancher sagte, lieber mit der Masse einen Fehler begehen, als gegen sie Recht zu haben. Andere redeten sich auf die Spaltung der Organisation im In- Lind Ausland aus. Ob Dr. Sanjabi und Fruhar mit ihrem Pakt mit Khomeini nicht richtig gehandelt haben?
Die Linken waren viel verwirrter als die Gemäßigten. Sie wollten es immer noch nicht wahrhaben, dass ihnen als Avantgarde der Revolution die Führung abhanden gekommen war, und sie sich an der Stelle von Lenin nun mit einem Mullah an der Spitze der Revolution zufrieden geben mussten.
Um nicht verrückt zu werden, verfasste ich weiterhin Flugblätter gegen das Regime.

Meine Vertreibung aus dem linken Spektrum
Anscheinend gingen diese Flugblätter doch irgendjemandem auf die Nerven! Das merkte ich spätestens mit dem Verschwinden meiner alten persischen Schreibmaschine aus meiner Kabinettwohnung.
Das Rätsel, wer die Schreibmaschine gestohlen haben könnte, löste sich bald auf. In einer Gedenkveranstaltung, die zu Ehren eines verstorbenen Mossadegh-Gefährten im Albert Schweitzer-Haus in Wien von Mossadegh - Anhängern organisiert worden war, meldeten sich die Diebe meiner alten Schreibmaschine zu Wort. „Das Entlarven eines Dokument" (sic!) war der Titel eines Flugblattes, das von einer Gruppe mir dem Namen „Der Studentenverein der iranischen Antiimperialisten in Wien" unterschrieben war. Damit der Leser sich von Niveau und politischer Kultur der Verfasser und anderer unzähliger linker Splittergruppen von damals, sowohl im Iran als auch im Ausland, eine Vorstellung machen kann, zitiere ich hier die ersten drei Paragrafen dieses Flugblattes:
„Vor kurzem sind uns Dokumente zugespielt worden, deren Veröffentlichung eine Hilfe für die Entlarvung der Verbindungen gewisser Elementen und Gruppen sein kann, welche, um einen Posten zu bekommen oder Karriere zu machen, oder wie sie meinen, eine vermeintliche ,Front zur nationalen Koalition' bilden zu wollen, zu .jedem Kompromiss bereit sind. Sie scheuen nicht, mit den Mördern wie Madani oder Verrätern wie Schapur Bakhtiyar und den geflüchteten Armeeoffizieren, die für den Rückkehr zur Macht alles Mögliche probieren, Verbindungen zu haben.
Deshalb eilten einige Flügel des Weltkapitalismus, vorn amerikanischen Imperialismus angefangen bis zu ihren Helfern zur Unterstützung dieser Verräter; damit sie aus ihnen in einem geeigneten Moment zur Verwirklichung ihres Vorhabens Gebrauch machen können.
Die Bedingungen des Terrors und der Unterdrückung im Iran unter der Herrschaft des reaktionären Regimes und deren Skandalen bei der Unterdrückung des demokratischen und antiimperialistischen Kampfes des iranischen Volkes ist ein Vorwand für die Rechtfertigung der reaktionären Taten der- ehemaligen Generälen und Bereinigung des Verrats jener Elemente wie Bakhtiyar und das Verbergen ihres wahren Gesichts unter dem Schleier der Demokratie und dem Kampf für die Freiheit. Diese neuen nutzlosen Anstrengungen ist einen Schritt zur Ersetzung des jetzigen reaktionären Regines, das dieses Mal anstatt Rosenkranzanbeter und Turbanträger durch die anderen Flügeln der Reaktion wie Madaui. Bakhtiyar und ähnliche Sorte geschehen soll.
Das genaue Studieren des beigelegten Briefen und die Stellungnahmen armselige Figuren wie Hamid Sadr die vorhaben, als Opposition
des Khomeini Regimes zu profilieren, erklärt das wahre Wesen dieser Elemente und deren verdeckten Ziele. Diejenigen, die bereit sind, mit Nationalen Widerstandsbewegung, welche nach vertraulichen Informationen Bakhtiyar und den ausweglosen Offiziere der kaiserlichen Armee gehört, zu verkehren, legen ihr wahres Gesicht und ihr äußerst reaktionären Charakter offen ... "

An das Flugblatt, das mit meiner gestohlenen Schreibmaschine geschrieben worden war (die Fehler zeigten es!), waren noch sechs, sieben Briefe von mir angeheftet, die ich zwischen Jänner und März 1981 an einen Anhänger Bakhtiyars geschrieben hatte. Die drei, vier Personen, die mit wichtigtuerischer Miene auf und abgingen und die entlarvenden Dokumente unter den 150 anwesenden Persern verteilten, waren alle frühere Mitglieder derselben Fraktion in der CISNU. Sie wussten, wer ich war,
und was ich politisch vertrat. Abgesehen von den Broschüren> die ich inzwischen veröffentlicht hatte, wussten sie zumindest ab 1977 (zwei Jahre vor der Revolution und meiner endgültigen Trennung von ihnen) Bescheid, was ich über die Situation dachte. Eine Entlarvung war also überflüssig. Es konnte nur eine Denunzierung sein. Sie konnte für mich als Person gefährlich werden, denn durch die Veröffentlichung der gestohlenen persönlichen Briefe mit meiner Adresse wusste jeder, wo ich wohnte und was ich tat. Sie wussten genau, welche Folgen ihre Entlarvung nicht nur für mich, sondern auch für den Empfänger der Briefe haben konnte.
Inzwischen haben mich die damaligen Mitglieder dieser Gruppe oft gebeten, ihren Fehlgriff zu vergessen, und ich willigte ein. Denn sie leben immer noch in Wien und aus ihnen sind inzwischen ehrbare österreichische Staatsbürger geworden> berufstätige Familienväter mit erwachsenen Kindern. Ich bin froh, dass ich damals, als eines der Mitglieder der Nationalen Front-Gruppe (Komitee der Jebeheye Melli in Wien), zu mir kam und vorschlug, dass ich die Dokumente als Beweisstück seinem Anwalt übergeben soll, um die Gruppe samt ihrer Mitglieder wegen Diebstahl (Briefe und Schreibmaschine), Rufschädigung, übler Nachrede usw. anzuzeigen, abgelehnt habe. Im Falle einer Verurteilung hätten diese Leute, ob nun Taxler, Barbesitzer, Arbeitslose, Geschäftsinhaber ein Problem mehr gehabt, um das tägliche Leben zu bewältigen.
Und trotzdem bohrt eine Frage weiter in meinem Kopf, die, obschon so viele Jahre vergangen sind (25 Jahre!), mir keine Ruhe lässt: Wie wollten sie jemanden, der imstande war, das reaktionäre Regime von Rosenkranzanbetern und Turbanträgern durch Madani und Bakhtiyars zu ersetzen und dabei sogar mit der Unterstützung des Weltkapitalismus, amerikanischen Imperialismus und so weiter rechnete, durch die Entwendung seiner alten Schreibmaschine und einiger Briefe mit Hilfe eines Flugblatts bremsen?
Wenn ich bis dahin noch im Zweifel war, mit Bakhtiar und der nationalen Widerstandbewegung zusammen zu arbeiten, wurde ich durch das Flugblatt davon überzeugt, dass dies der einzig richtige Schritt war. Die Entscheidung, Wien (meine Lieblingsstadt) zu verlassen und nach Paris zu gehen, war keine politische, sondern eine Entscheidung für den Rest meines Lebens. Ich nahm die Einladung
von Dr. Schapur Bakhtiar zur Zusammenarbeit an und blieb bis heute als Ratmitglied in seiner gegründeten Organisation.
Nach dem ersten nicht gelungenen Attentat gegen Bakhtiyar (der Attentäter Anis Naghash bekam lebenslänglich, weil die Nachbarin im Haus und ein Polizist dabei umkamen) wurde die Organisation ,Nationale Widerstandsbewegung" von Bakhtiyar gegründet. Jeder, der sich anschloss, wusste Bescheid, mit welchen Gefahren dort zu rechnen war. Dr. Brumand, Anwalt und ein langjähriger Anhänger von Mossadegh wurde als zweiter Mann in der Organisation im April 1991 umgebracht. Im August gelang es den Khomeini-Schergen Bakhtiyar selbst und seinen Sekretär umzubringen. Seitdem sind 15 Jahre vergangen, und der Rat, der damals von Bakhtiyar berufen wurde, existiert noch.
Es war ein Glück für mich, das Leben mit den Menschen wie Molud Khanlari, Iradj Pezeshkzad, Ahmad Mirfendreski, Hossein Malek, Abdulrahman Sadrie, Mohammad Schafii und allen anderen Mitglieder des Rates zu verbringen. Vergleiche ich die Vergangenheit, Gegenwart und politische Ausdauer dieser Menschen mit denjenigen, die früher als linke Genossen in CISNU aktiv waren, weiß ich, dass meine Entscheidung im Jahre 1980 richtig war.
Ich habe in den letzten 26 Jahren von diesen kultivierten Menschen viel gelernt. Ich habe gelernt, bescheiden zu sein und anstatt mein Maul aufzureißen, ruhig und kontinuierlich weiter zu arbeiten.
Was ich in den 26 Jahren Mitgliedschaft in der nationalen Widerstandbewegung erlebt habe, hat mit der linken Spielwiese Lind Sandkiste nichts zu tun. Die Verantwortung war eine andere und das Risiko auch. Da ich aber immer noch dort weiter tue, kann ich all das, was ich in diesen 26 Jahren erlebt habe, nicht als Erzählstoff verwenden. „Work in Progress“ sagen die Romanschriftsteller.
Und das Schlusswort: Ich bereue keine Sekunde des Lebens, das ich dort gelebt habe.