Roman  
"Der Gedächtnissekretär"

Peter Henisch zum Inhalt:
„...Mit diesem Roman begibt sich Hamid Sadr nämlich auf eine topographisch und historisch akribische Spurensuche in seiner Wahlheimatstadt Wien. Herr Sohalt hat eine merkwürdige Manie für von ihm selbst geschossene Photos aus den letzten Kriegsmonaten. Worum es ihm geht und was er nicht schafft: die Bilder (auch die Erinnerungsbilder) aus der damaligen und aus der heutigen Zeit zur Deckung zu bringen. Aus seiner ambivalenten Haltung der Vergangenheit gegenüber engagiert er sich einen „Gedächtnissekretär“, dessen Verwandtschaft zum Autor (ein Ausländer, der hier Fuß und Kopf fassen will) weder verleugnet wird noch übertrieben.
Mich hat, ich gebe es zu, die Geschichte frappiert. Wenn er das Projekt wirklich realisieren kann, habe ich zu Hamid Sadr gesagt, könnte es ein faszinierendes Stück österreichischer Literatur werden. Gerade unter dem Aspekt, dass hier der Blick eines fremden auf etwas fällt, mit dem die Einheimischen bekanntlich schwer fertig werden. Der Fremde will übrigens bleiben, obwohl auch und gerade ihm Heimat ein problematischer Begriff ist – vielleicht keine schlechte Voraussetzung für einen neuen, österreichischen Autor.“

Querlandein, S.73. Residenzverlag


Einer, der Pflastersteine flüstern hört

Von Eva Schobel (Spectrum) 02.04.2005
Österreichs Geschichte aus der Sicht des Persers Hamid Sadr.

Emigrantenliteratur von Dinev bis Vertlib ist derzeit en vogue. Autoren, die Österreich ursprünglich nicht zur Heimat hatten, thematisieren hiesige Verhältnisse. Sie haben einen Erfahrungshintergrund, von dem hier geborene Kollegen nur träumen können, auch wenn diese Erfahrungen oft traumatisch sind. Sie schreiben oft mit dem geschärften Bewusstsein jener, die sich die Kompetenz in einer fremden Sprache erarbeiten mussten.
Der persisch-österreichische Schriftsteller Hamid Sadr, der vor zehn Jahren mit seinem Buch über Kafkas letzte Lebenstage im Lungensanatorium Kierling, "Gesprächszettel an Dora", Aufmerksamkeit erregt hat, fokussiert mit dem neuen Roman, "Der Gedächtnissekretär", ein riskantes Thema: Österreichische Geschichte, erzählt aus der Perspektive eines persischen Studenten. Darf ein Autor das, der hier Exil gefunden hat?
Er darf, weil er es schafft, von einem zu erzählen, der die Zusammenhänge begreifen will, um hier bewusst leben zu können. Er darf es, weil er die österreichische Vergangenheit dank seiner peniblen Recherchen genauer kennt als die meisten Österreicher. Und er darf es, weil er das Buch nicht nur für ein deutschsprachiges Publikum geschrieben hat: Er übersetzt es gerade ins Persische.
Zwei Faktoren wurden zum Auslöser für Hamid Sadrs Spurensuche. Zum einen das persönliche Entsetzen darüber, dass die drei Schwestern seines Wahlverwandten Franz Kafka in Auschwitz ermordet wurden, zum anderen der Fund einer Schuhschachtel. Einer Schuhschachtel, die so brisantes Material enthält wie Fotos vom Parteitag der Nationalsozialisten 1935 in Nürnberg und so scheinbar neutrales wie einen Kalender aus dem Jahr 1945. Hier Bilder begeisterter Menschen, die sich nicht zuletzt über den Beschluss der Rassengesetze freuen, dort ein unbeschrifteter Kalender aus der Zeit, zu der sich die Niederlage des sogenannten Dritten Reichs abzeichnet.
In dem Roman drückt der Autor die Schachtel einem netten österreichischen Pensionisten in die Hand, der Herr Sohalt heißt und lediglich daran interessiert ist, was seinem "armen Wien" 1945 angetan wurde. Er verfügt über ein seit Jahrzehnten sorgfältig gehegtes Fotoarchiv mit selbst geschossenen Aufnahmen von den alliierten Luftangriffen. Immer schon wollte Herr Sohalt diese Bilder veröffentlichen. Aber seine Kraft reicht nicht mehr aus, die Stadt von damals mit der heutigen zu vergleichen.
Also engagiert er einen persischen Studenten, den er zuerst gönnerhaft "meinen Sekretär", dann, als ihn der mit den Recherchen Betraute an unliebsame Dinge erinnert, "meinen Gedächtnissekretär" nennt. Zwar hat der Perser vorerst wenig Ahnung von der österreichischen Vergangenheit, aber keine innere Zensur bewahrt ihn vor seiner kompromisslosen Einbildungskraft. Er ist einer, der zum Beispiel Pflastersteine flüstern hört. Pflastersteine, die von Zwangsarbeitern aus den Steinbrüchen von Mauthausen gebrochen wurden: "Es gab und gibt Gerüchte, flüsternde Pflastergerüchte."
Altbauwohnungen, an deren Türen kein Schild an die früheren Bewohner erinnert, werden zu Depots belasteter Geschichte. SS-Stiefel marschieren über den Gedächtnissekretär hinweg. Ein Weinkeller, in dem er Unterschlupf sucht, erscheint ihm als Luftschutzkeller voller betrunkener Nazis. Die Bomben, das weiß er, treffen auch Unschuldige, beispielsweise Jahrzehnte später einen wie ihn. Die Vergangenheit wird ihm auf drastische Weise präsent. Die Bomben verhindern, dass er bis zur Förstergasse durchdringen kann, um die letzten in einem Keller versteckten U-Boote Wiens zu warnen, die noch gegen Kriegsende ermordet werden.
Bei allem drastischen Realismus schafft es Hamid Sadr, in einer persönlich-poetischen Sprache zu schreiben. Die Konstellation zwischen dem verdrängenden Inländer und dem die Verdrängung aufbrechenden Ausländer erzeugt Dynamik. Schriftsteller, meint Sadr, müssen wie Ärzte ihre Finger auf die Wunden drücken. Sie sollen keine falsche Rücksicht darauf nehmen, dass es schmerzt. Wie sagt Kafka? Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

Hamid Sadr
Der Gedächtnissekretär
Roman. 240 S., geb., € 20,50 (Deuticke Verlag, Wien)

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