Gesprächszettel an Dora  
Süddeutsche Zeitung Nr.96/ Seite 15 (Literatur)
Mittwoch, 27. April 1994 Bitte, betrachten Sie mich als einen Traum
Hamid Sadr macht uns Kafka wieder fremd: „Gesprächszettel an Dora"

HAMID SADR: Gesprächszettel an Dora. Roman. Deuticke Verlag, Wien 1994, 240 Seiten

Man muß gar nicht wissen, dass diese auf Zetteln überlieferten Alltagssätze von Franz Kafka stammen, um zu spüren, dass hier einer spricht, dem ein Gott gegeben hat, zu sagen, wie er leidet: „Jedes Glied müde wie ein Mensch." - „Warum habe ich es im Spital nicht einmal mit Bier versucht, Limonade es war alles so grenzenlos." - „So geht die Hilfe wieder ohne zu helfen weg."
In den Anmerkungen zur letzten Abteilung seiner nach Jahren geordneten Ausgabe der Kafka-Briefe erklärt Max Brod; was es mit (der Auswahl aus) den „Gesprächsblättern", von denen hier die drei letzten von knapp hundert zitiert sind, auf sich hat: „Während der schrecklichen qualvollen Todeskrankheit (Kehlkopftuberkulose) hatte man Kafka im Sanatorium Kierling empfohlen, nicht zu sprechen. Er hielt sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, streng an diese Weisung. Mit Dora Diamant (Dymant) und Robert Klopstock, dem Medizinkandidaten, die ihn in hingebungsvoller Freundschaft bis zum letzten Augenblick pflegten, sowie mit* dem Personal verständigte er sich meist durch Notizen auf Zetteln. Oft waren diese Notizen nur Andeutungen, die Freunde errieten den Rest."
So ergiebig das in diesem Frühjahr erschienene Kafka-Buch von Peter Henisch ist (vgl. SZ vom 17. 3. 1994) - es verallgemeinert, indem der Autor biogrammatisch über die Kunst reflektiert, die mit dem Leben bezahlt werden muss. Hamid Sadr (geboren 1946) hingegen, in Wien lebender iranischer Exilschriftsteller, macht uns Kafka wieder fremd, weil er sich am wenigsten von dem löst, was biographisch und literarisch verbürgt ist. Seine Neugier habe sich entzündet an Max Brods Berichten über die anonyme Situation Kafkas im Sanatorium Kierling - ein Reflex, der sich vielleicht erklärt mit Hamid Sadrs verwandter Erfahrung von Isolation und „Sprechverbot". Er will belegen, „dass K. nicht zum Sterben geneigt war", und stützt sich dabei (auch) auf die Notizblätter, mittels derer Kafka so elliptisch kommunizierte mit Dora und Robert, die ihn zwischen dem 19. April und dem 3. Juni 1924 beinahe symbiotisch umgeben haben. Gesprächszettel an Dora, der Titel des Romans stellt sich unprätentiös und selbstbewusst neben die der Briefeditionen, die den Vornamen der Adressatin aufnehmen, und es ist eine schöne Vorstellung, dass nach Milena in Margarete Buber-Neumanns Biographie, Felice in Elias Canettis Anderem Prozeß und Uttla in Anna Maria Jokls Stein auf
ein unbekanntes Grab und Peter Härtlings zornigem Memorial Für Ottla auch die „unüberliefertste" von Kafkas Frauen eine literarische „Rettung" erfährt ...
Hamid Sadr widmet sich mit liebender Phantasie den letzten, in Chris Bezzels Kafka-Chronik drei von 190 Seiten einnehmenden Lebenswochen und -zeichen Kafkas, und daß er das anders tut als ein noch so sensibler Biograph, erhellt schon daraus, daß er zu den Quellen seiner Rekonstruktion, den „Mitteilenden", wie er sie zu Beginn seines Romans auflistet, nicht nur das Klinikpersonal zählt, sondern auch Fauna und Flora der Umgebung, ja sogar „das hölzerne Geländer des Balkons von Kafkas Sterbezimmer". Und vielleicht tut er es, um der „Zumutung des Atmens" gewachsen zu sein, von der Ilse Aichinger in ihrer unvergeßlichen Dankesrede zum Kafka-Preis (1983) gesprochen hat ...
In dem Kapitel „Alkoholinjektion", das dem schmerzreichen Versuch gilt, Kafkas Schmerzen zu mildern, lässt Sadr seinen Patienten durch die Spalten jenes Geländers einen Blumenstock beobachten (und Überlegungen anstellen, die er drei Jahre zuvor Robert Klopstock in einem Brief mitgeteilt hat, die aber gleichsam jetzt erst sich erfüllen - und in Geist und Buchstabe repräsentativ sind für die unverdrossene Melancholie des gesamten Romans): „In der Lage etwa dieser Blume neben mir, die nicht ganz gesund ist, den Kopf zwar zur Sonne hebt - wer täte das nicht? -, aber voll geheimer Sorgen ist wegen der quälenden Vorgänge in ihrer Wurzel und in ihren Säften. Etwas ist dort geschehen, geschieht noch immer, aber sie hat nur sehr undeutliche, quälend undeutliche Nachricht darüber und kann sich jetzt doch nicht niederbeugen, den Boden aufkratzen und nachsehn, sondern muß es den Brüdern nachtun und sich hoch halten .. ."
Nein, Kafka ist nicht geneigt zu sterben. Indem Hamid Sadr alle (körper)sprachlichen Regungen dieses Widerstandes protokolliert oder „wahr" erfindet, opponiert er gegen die hagiographische Gedankenlosigkeit, mit der „frühe" Dichtertode raunend ausgelegt und mystifiziert werden. Seismographisch verfolgt er die schriftstellerischen Aktivitäten des buchstäblich verhungernden Franz Kafka, die ausgerechnet in der Fahnenkorrektur der Erzählung „Ein Hungerkünstler" gipfeln und noch in der Bitte an den Arzt eine paradoxe Vitalität besitzen: „Töten Sie mich, sonst sind Sie ein Mörder."
An das Ende seiner Konjekturalbiographie - die ja gleichzeitig eine gerade in ihrer Anmut so schmerzliche Parabel auf das Leben und Sterben im Exil ist! - stellt Hamid Sadr eine Episode, die Max Brod
in seinem Kafka-Buch eher beiläufig erwähnt: „Als er einmal nachmittags zu mir kam ( ... ) und durch das Eintreten meinen Vater weckte, der auf dem Sofa schlief, sagte er, statt einer Entschuldigung, auf unendlich zarte Weise, wie zu Beschwichtigung die Arme hebend und leise auf den Fußspitzen durchs Zimmer gehend: Bitte. betrachten Sie mich al einen Traum.'" Wenn Hamid Sadr Kafka vollkommen unangestrengt, in einen Verfahren, dessen er sich auch in de Geschichte der müden Taube (1990) bedient hat - in einen Austausch bringt mit sprechenden Dohlen (tschechisch kavka = Dohle) und fühlenden Blumen, rück er ihn nicht analytisch, sondern gleichsam prophetisch in einen rätselhafter Bezirk, so weit von uns entfernt, dass wir versunken, ohne es zu wissen - ihn tatsächlich als einen Traum betrachten können. Und dann erschrecken, dass er offenbar nicht auf uns rechnet ...
Als einmal Dora Kafka aufweckt, der im Schlaf zu weinen begonnen hat, flüstert er ihr zu: „Aus dem Leben kann man verhältnismäßig leicht so viele Bücher herausheben, doch aus Büchern so wenig; ganz wenig Leben.“ Bei Hamid Sadrs Buch geht das.
HERMANN WALLMANN

Literatur/Kafka/Rezensionen
(dpa)
Kafkas letzte Lebenswochen in einem Roman dargestellt -
Hamburg (dpa) - Franz Kafkas frühes und elendes Sterben an Kehlkopftuberkulose ist in der Fachliteratur wiederholt überhöht worden - als tragisches Ende eines konsequent der Literatur gewidmeten und sich dafür selbst verzehrenden Lebens. Der Biograph Klaus Wagenbach etwa hat die Erkrankung des Dichters an Tuberkulose sechs Jahre vor seinem Tode psychosomatisch gedeutet. Er meint, daß der innerlich zerrissene Autor allein in der Krankheit eine Befreiung von als drohend empfundenen möglichen Ehepflichten und dem gehassten Beamtenberuf in einer Versicherung fand, um ungestört schreiben zu können.
Gegen solche Heroisierungen, dass Kunst mit dem Leben bezahlt werden muss, hält der iranische Exilschriftsteller Hamid Sadr jetzt eine außergewöhnliche Gegenrede. „Kafka war nicht geneigt zu
sterben, nehme ich an" - so beginnt sein Roman „Gesprächszettel an Dora". Sadr zeichnet die letzten Lebenswochen Kafkas vom 5. April bis zu seinem Todestag am 3. Juni auf. In diesem letzten Lebensabschnitt wurde der Schriftsteller von seiner Freundin Dora Diamant und dem Mediziner Robert Klopstock liebevoll gepflegt.
Kafka hatte die kaum 20 Jahre alte Dora im Sommer 1923 kennengelernt. Die Helferin in einem jüdischen Volksheim stammte aus einer orthodoxen jüdischen Familie, und der Autor war von ihrer chassidischen Erziehung und ihrem natürlichen und hilfsbereiten Wesen angezogen. Im Unterschied zu seinen gescheiterten Verlobungen mit Felice Bauer und der Bekanntschaft mit Milena Jesenska mied Kafka diesmal nicht eine Lebensgemeinschaft. Im Herbst 1923 zog er mit Dora nach Berlin, wo sie glücklich zusammenlebten, wie aus Briefen hervorgeht.
Bereits kurze Zeit später, auch durch die schlechte Versorgungslage in der Inflationszeit im Winter 1923/24 bedingt, verschlechterte sich Kafkas Gesundheitszustand rapide. Anfang April wurde er in das Sanatorium Wiener Wald gebracht, von dort in die Universitätsklinik in Wien, schließlich in das Sanatorium Dr. Hoffmann in Kierling bei Klosterneuburg, wo er starb.
Diese Leidensgeschichte und die selbstlose Liebe Doras rückt Sadr in den Mittelpunkt seines an den tatsächlichen Abläufen orientierten Romans. Dabei bedient er sich zahlreicher
Gesprächszettel und Briefe Kafkas, der Wetterberichte aus jener Zeit, aber auch - als literarisches Mittel - etwa einer Dohle, tschechisch Kavka. Sadr komponiert so kunstvoll eine Collage aus verschiedenen Materialien und dabei entsteht ein atmosphärisch dichter Roman, der die Qualen Kafkas nachhaltig protokolliert.
Der Schriftsteller konnte zum Schluss fast nicht mehr schlucken, er hatte höllische Schmerzen im Hals und wurde von Hustenanfällen geschüttelt. Schließlich verhungerte und verdurstete Kafka
praktisch, wobei es bittere Ironie des Schicksals war, dass er als letzte 1-iterarische Arbeit die Druckfahnen seiner Erzählung „Der Hungerkünstler" korrigierte. Mit 49 Kilogramm kam Kafka in das Sanatorium, und als er starb, wog er weniger als 41 Kilogramm.
Besondere Authentizität erhält der Roman durch jene Gesprächszettel, auf denen Kafka mit Dora und Robert kommunizierte. Die Ärzte hatten Kafka empfohlen, möglichst wenig zu sprechen, um
seinen Hals zu schonen. Durch den Kontrast der bewusst gefasst erhaltenen Briefen Kafkas an seine Eltern mit der schonungslosen Protokollierung schmerzhafter ärztlicher Behandlungen macht Sadr das .Leiden Kafkas besonders anschaulich. Bewegend die Versuche des Antialkoholikers Kafka, mit ein wenig Wein und Bier so etwas wie augenblickliche Freude einzufangen und mit Dora und Robert zu teilen
Erschütternd beschreibt Sadr die auch Freude Kafkas, wenn er sieht, dass andere trinken, weil er es selbst nicht mehr kann. Auf einem Zettel notiert schließlich der verzweifelte Autor nach einer
Arztvisite: „So geht die Hilfe ohne zu helfen weg" und kurz vor dem Tod, als die Schmerzen unerträglich werden und er betäubende Mittel einfordert, ist der Satz überliefert: „Töten Sie mich, sonst sind Sie ein Mörder".
Kafkas Leiden sind das Hauptthema des Romans. Die Rolle Doras beschränkt sich auf die einer selbstlosen Frau. Sadr beschreibt keine Empfindungsschwankungen, wie sie durchaus vorstellbar wären,
wenn Kafka beispielsweise das liebevoll bereitete Essen kaum anrührt. Das Verhältnis Doras zu dem Autor wird beschrieben wie das einer Mutter zu ihrem Kind. Da wäre sicherlich mehr wünschenswert gewesen als das Bild einer fürsorglichen Mutter Teresa, um Kafkas letzte Lebenspartnerin kennen zu lernen. Insgesamt jedoch hat Sadr ein literarisches Denkmal geschaffen, das den Menschen Kafka trotz schwerer Krankheit mit Lebenswillen und Liebe zu Dora zeichnet.
Matthias Hoenig
Hamid Sadr: Gesprächszettel an Dora. Roman Deuticke Verlag, Wien, 240 S., DM 43,-dpa m h p e


Neues Deutschland. 21. Oktober 94
Romane über Kafka und Nietzsche
„ohne Hoffnung geht es nicht"
Von JOCHAV~V CH. TRILSE-FINKELSTEIN

Hamid Sadr: Gesprächszettel an Dora. Roman. Deuticke Verlag Wien. 220 S.
lrvin D Yalom: Und :Vietzsche weinte. Roman. Aus dem Amerikanischen von G'da Str¢tling. Ernst Kabel Verlag Hamburg. 380 S.

Der Iraner Hamid Sadr hat einen Roman über den österreichisch-Prager Juden Kafka verfasst. Und der amerikanische Jude Irvin D. Yalom schrieb über den deutschen Europäer Nietzsche. Das ist faszinierend von vornherein. Kafka und Nietzsche - beide drangen sie tief in menschliche Geheimnisse ein und waren dabei von ihren Entwürfen her gewaltige Antipoden.
Hamid Sadr erzählt von den letzten Lebenswochen Kafkas vom 1-. März bis 3. Juni 1924. Als Material dienen ihm Briefe und andere Texte Kafkas, vorrangig jene Zettel, die er, infolge seines Kehlkopfleidens kaum zum Sprechen imstande, an die Geliebte Dora schrieb. Darin findet sich manches an Gedanken. etwa über Krankheit. Sterbenmüssen oder Lebenkönnen, über Subjekt-Objekt-Beziehungen. Kausalität und Zufall in der Geschichte, was auf Nietzsche verweist.
Irvin D. Yalom hat in seinem Roman jene Episode aus dem Jahre 1382 in den Mittelpunkt gestellt, als Nietzsche sich der jungen Russin Lou Salome näherte. ohne bei ihr anzukommen, und dann verzweifelt aus Wien abreiste, um mit dem .,Zarathustra" zu beginnen. Aber vorher lässt ihn der Autor mit dem Wiener Arzt Josef Breuer zusammentreffen. Ein großer Dialog der beiden führt Nietzsche zu neuem Aufbruch und hilft auch dem Arzt aus einer Krise. Der Witz der Sache ist. dass die beiden sich in Wirklichkeit niemals begegnet sind, dass aber alle anderen Gestalten, von der Patientin Bertha Pappenheim (Anna O. in der medizinischen Literatur), der Ehefrau Breuers Mathilde, der Salome oder Nietzsches Schwester, der widerwärtigen Antisemitin Elisabeth Förster, bis hin zum jungen Sigmund Freud, historisch sind. Auch das damalige soziale Milieu Wiens ist von bemerkenswerter Authentizität. Nietzsches Krankheit - im Ursprung, Migräne der schwersten Ar. später erst Demenz auf vermutlicher Basis einer luetischen Infektion - ist so genau beschrieben wie die ersten Schritte zur Psychoanalyse, die ja eine Denkrevolution war.
Was den künstlerischen Rang betrifft, gefällt mir Sadrs Roman in seiner stillen und unaufdringlichen Weise besser. Schöne Lakonie, wenn es heißt: „Kafka geht auf den Balkon zum Abendhusten"(S.21). „Die Sonne beschönigt alles andere: die Schluckschmerzen, das Fehlen von Max, die .Ablehnung von Doras Vater und die zunehmende Atemnot" (5.160). Schön die Symbole und Metaphern. Als Zeugin von Kafkas Sterben, einzige, die alles weiß. fliegt die Dohle vor sein Fenster. (Kafka heißt tschechisch .,Dohle".) Kritik an Kafkas Umwelt ist immanent: lakonisch in Szene gesetzt der Arzt. für den Kafka nur ein „Patient auf Numero 12" ist und der über Franz Werfet fragend äußert: „Aber wer ist Werfel?" Ungeist schlechthin, auch daran starb ein Kafka.
Redereich und wenig wortgewaltig hingegen der Nietzsche-Roman. Für die Dialoge zwischen Arzt und Philosoph wurden Zitate aus „Menschliches, Allzumenschliches", „Unzeitgemäße Betrachtungen“, „Morgenröte", „Die fröhliche Wissenschaft" montiert - aber sollten zwei Menschen dieser Geistigkeit so gestelzt dahergeredet haben? Yalom ist Professor für Psychiatrie an der Universität Stanford. Sein Roman liest sich stellenweise wie ein medizinhistorisches Traktat. Hohes intellektuelles Niveau unbenommen: Im Dialog mit dem Juden Breuer erfährt man viel über Nietzsches geistigen Habitus. Beide scheiden als Freunde - und Gegner.
Das macht die Spannung beider Bücher aus. die größte Gegensätzlichkeiten vorstellen. Nietzsche war kein Judenfeind, verurteilte diese Haltung sogar. Dennoch. Jüdischkeit und Nietzsche schließen sich im tiefsten Sinne aus. Jüdisches Denken zielt auf Gemeinde, auf Gemeinsinn. ohne das Individuum auszulöschen. Nietzsche dagegen sah im zeitübergreifenden Individualismus die Lösung. Lagen auch darin Katastrophen des Jahrhunderts? Oder könnte die gewaltige Spannung Subjekt-Objekt in Zukunft doch noch fruchtbringend sein? Freud im Nietzsche-Roman: ..Ohne Hoffnung geht es nicht. wer, wenn nicht wir, sollte sie aufrecht erhalten'?"

Die Welt. 25. Juni 1994
Demontage einer verwirrten Dohle
Hamid Sadr: Gesprächszettel an Dora Deuticke, Wien. 217 S.

Die letzten acht Wochen im Leben Franz Kafkas waren ein langsames Sterben in Klinik und Sanatorienzimmern nahe der Metropole Wien. Nun, wer beim Kaffeekränzchen Vergnügen, an minutiösen Krankengeschichten findet, der kommt bei diesem Roman auf seine Kosten. Symptome der Schwindsucht, samt ihrer durch Kehlkopfinfektion verursachten Schluck- und Sprechbeschwerden, werden reichlich vorgeführt. Selbst die Wetteraufzeichnungen der Hohen Warte lassen sich wieder und wieder für die Entwicklung des Krankheitsbildes bemühen. Das wäre kaum der Erwähnung wert, erschlösse der Roman nicht auch den Skeptikern einer ins Mythische hochstilisierten Kafkaverehrung neue Blickwinkel. Tatsächlich erweckt die unübersehbare Schwemme von Kafka-Abhandlungen oft den Eindruck, als habe der meisterhafte Darsteller einer Welt des geistigen Zwielichts dem Dasein bewusst frühzeitig den Rücken gekehrt. Dazu passend die testamentarische Verfügung, den literarischen Nachlass zu vernichten. `,
„Kafka war nicht geneigt, zu sterben, nehme ich an." Mit diesem schlichten Ansatz nähert sich Hamid Sadr der tragischen Krankengeschichte einer literarischen Kultfigur. Der unverstellte Blick des in Wien und Paris lebenden Exilschriftstellers aus dem Iran trennt strikt zwischen dem ereignisarmen Leben und dem prophetischen Werk Kafkas.
„Gesprächszettel an Dora", Dymant, der Lebensgefährtin, die den Kranken aufopfernd pflegte, und an seinen Freund und Arzt Robert KIopstock, sowie Briefe unter anderen an den Freund und Verleger Max Brod; und die Eltern, schaffen den authentischen Rahmen für fiktive Episoden. Dank der gelungenen Montage ist man geneigt, Hamidt Sadrs einfühlsamer Schilderung des Lebenswillens im Kampf gegen die TBC im unheilbaren Stadium zu folgen. Zimmer und Balkongeländer werden in der Zeit des ärztlich verordneten Schweigens zur Zeugenschaft für Hoffnungen und Ängste aufgerufen. Eine Dohle, auf tschechisch „kavka", hält dem in Prag ,
Geborenen im Halbtraum seinen Spiegel vor: „Ich bin ein ganz unmöglicher Vogel... Verwirrt hüpfe ich zwischen den Menschen herum."
Bis zuletzt glaubt Kafka in Sadrs Roman an seine Genesung, Er vertraut auf den erwachenden Frühling, korrigiert die Druckfahnen für den „Hungerkünstler" und wägt im Brief an die Eltern das Für und Wider ihres Besuches ab.
Nach der versagten Anerkennung zu seinen Lebzeiten, nach der Legendenbildung seit den 50er Jahren, unternimmt Sadr die leise Demontage jenes kafkaesk anmutenden Monuments, das den Menschen Kafka verdeckt. -- UDO SCHEER

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