Roman  

ZUKUNFT
Januar 2006


Die traumatisierende Macht der Bilder
Ein Interview mit Hamid Sadr
von Erich Demmer

In seinem 2005 erschienenen Roman „Der Gedächtnissekretär" thematisiert der 1946 in Teheran geborene Autor Hamid Sadr die Macht der Bilder, in deren Sog ein persischer Student gerät. Das bunte Wien der Gegenwart verschattet sich in seinem Kopf zum Schwarzweiß und Grau historischer Fotos, die in den letzten Kriegstagen aufgenommen wurden.
Viele eigene Erlebnisse haben Eingang gefunden in Hamid Sadrs letztem Roman, der dennoch weit von einer Autobiografie entfernt ist. Im Mittelpunkt steht die psychische Erkrankung eines persischen Studenten in Wien, bei dem sich nach Betrachten historischer Fotos Vergangenheit und Gegenwart unentwirrbar vermischen: Die Bilder entwickeln sich in seinem Kopf zu einem Horrorfilm, in dem er bald Mitakteur wird.

Wie bei Erwin Ringels legendärem Longseller „Die österreichische Seele" geht es um die nicht genügend verarbeiteten Traumata der eigenen Geschichte, die ein Eigenleben zu führen beginnen und sich ihren Weg in die Krankheit suchen.

Herr Hamid Sadr, was stand am Beginn des im "Jubeljahr 2005" erschienenen Romans „Der Gedächtnissekretär"?

Vor etwa 20 Jahren habe ich zufällig in einem Raum eine vergessene Schuhschachtel voll mit Fotos aus der Zeit 1938 bis 1945 gefunden. Da habe ich mich sofort gefragt: Wer ist dieser anonyme Fotograf und was hat ihn zu diesen Aufnahmen bewogen? Er hat sicher etwas mit dieser Wohnung zu tun gehabt, war aber für mich in seiner Identität nicht zu fassen. Dann habe ich mich die Suche gemacht nach einem Menschen, auf den alle offenen Fragen passen. Und so bin ich praktisch hineingerutscht in diese Geschichte, die sich immer mehr zu einer intensiven und langen Arbeit entwickelt hat. Denn meine Kenntnisse über die letzte Zeit des Nationalsozialismus in Österreich waren oberflächlich und gering und so musste ich viel recherchieren, denn ich wollte ja tief hinein steigen in die damaligen Geschehnisse.

Die Hauptfigur, der persische Student, zehrt wohl auch ein wenig von Ihren persönlichen Erfahrungen in Wien?

Nun, wie bei jedem epischen Werk stellt sich auch hier die Frage: Wer erzählt das eigentlich? Und so habe ich mich für die Figur dieses Ich-Erzählers entschieden, der langsam und recht lustlos in die Geschichte hinein steigt. Selbstverständlich ist er nicht mit dem Autor identisch, obwohl er mir schon sehr nahe steht Da konnte ich meine Erlebnisse als Fremder beisteuern - denn als Ausländer erlebt man täglich so manches und hat so offenere Augen und Ohren für das, was man Alltagsfaschismus nennt, auch wenn selbst Inländer oft genug Ärger, etwa mit Wohnungsvermietern, haben. Dann war das Problem zu bewältigen, das Schöne und das Hässliche in dieser Stadt ausgewogen darzustellen, und da hat sich das Modell, wo die Hauptfigur allmählich die Geschichte als Gegenwart zu erleben beginnt, als verlockend erwiesen. Bald kann der Held kaum mehr auf die Straße gehen, da jeder Pflasterstein laut Kunde gibt davon, wer aller vor 60 Jahren vertrieben, gepeinigt, ins KZ verschleppt wurde. Weil er keine Hilfe weiß gegen aufkommende Panikattacken und sich auch nicht verständlich machen kann, befolgt er die Anweisung der behandelnden Ärztin und bringt alles zu Papier.

Erstaunlich ist in ihrem Buch die Wirkungsmächtigkeit der historischen Bilder. Wie erklären Sie sich das?

Die ganze NS-Zeit ist meiner Meinung nach nur sporadisch aufgearbeitet worden. Es gibt kurze, bündige Stellungnahmen von Politikern, eine mit der Zeit einsetzende Faktensammlung von Historikern - aber die Erlebnisse von Menschen aus dieser Zeit sind nirgendwo vorzufinden. Emotional überwintert dieses Thema in vielen Familien noch immer als Tabu, es ist in alten Schuhschachteln deponiert worden, die dann fest zugeschnürt worden sind, auf Dachböden verstaut, in Kellern end gelagert. Es gibt noch viele weggeräumte Fotoalben mit Bildern, auf denen ein SS-Mann kühn in die Welt blickt, auch wenn diese nur eine Kameralinse ist. Ein Onkel vielleicht oder ein Neffe, oder nur der damalige Freund des mittlerweile ergrauten Töchterls, aber man redet nicht darüber. Und zu diesem kollektiven Unbewussten der Schuhschachteln, Dachböden, Keller und Fotoalben wollte ich einen Zugang finden - und darauf literarisch antworten.

Ein Bild dafür ist wohl die kaputte Uhr, ein aus dem romantischen Repertoire bekanntes Motiv, in der Wohnung des Pensionisten?

Ja, diese stehen gebliebene Uhr gibt es ja auch auf der Selektionsrampe von Auschwitz, wo sie mich bei einem Besuch dieses KZ emotional tief berührt hat, fast noch mehr als die schrecklichen Verbrennungsöfen. Doch diese Uhr mit der blockierten Zeit tickt unhörbar weiter. Und nicht nur die Schuhschachteln, auch die Köpfe der Menschen sind voll von den Bildern der Vergangenheit - mit vielen Arten von Bildern, oft harmlosen, aber auch manchen unerträglichen, die man noch nicht verkraftet, verarbeitet hat.

DAS BUCH
Es schaut nach einem günstigen Job aus für den persischen Chemiestudenten Ardi in Wien. Gerade als er finanziell klamm ist, erfährt er von einem verlockenden Angebot: Für einen Rentner (mit dem achselzuckenden Namen) Schalt soll er Wiener Plätze begehen, die der nun kranke Mann in den letzten Kriegstagen fotografiert hat, und Ausschau halten nach signifikanten Veränderungen. Denn der Alte will einen letzten Anlauf nehmen, diese Fotos in einem Buch zu veröffentlichen - vielleicht, um nach dem absehbaren Ende noch etwas Bleibendes zu hinterlassen.
Leicht verdientes Geld, denkt sich Ardi, als er dann mit den Fotos und Notizzetteln konfrontiert wird, die in den nächsten Monaten erst seinen Alltag als „Gedächtnissekretär", zunehmend aber sein Fühlen und Denken bestimmen. Denn mit der Macht der Bilder hat er nicht gerechnet. Mehr und mehr verschwimmen die Zeiten, das bunte Wien der Jahrtausendwende verschattet sich ins Schwarzweiß und Grau der historischen Fotos - wie das Bewusstsein des Protagonisten, der nach diversen Problemen (etwa Delogierung aus der Wohnung) psychisch erkrankt und so in die Bilder des Infernos hineingezogen wird. Die private Krise reiht sich ein in die Tragödie der Historie. Plötzlich grüßen in seinem Kopf wie auf den Fotos Menschen mit dem Hitlergruß, SS-Offiziere betreten das mit Hakenkreuzfahnen versehene Volkstheater und im heutigen Postamt stehen keine Kunden - dort finden sich Rekruten der NS-Ortsgruppe Siebenstern ein. Gebäude stehen in Flammen. Er weiß um das Ende - und kann doch nichts verhindern. Erst allmählich erfasst der Leser, dass dieser Text das Ergebnis einer Ardi im Spital verordneten Schreibtherapie ist - ein „Kopf-Salat" aus realen Bildern und halluzinierter Miteinbezogenheit.
Der Roman stellt die gerade in Zeiten eines selbstbezogenen Staatsgefeieres notwendige Frage, wie weit die Traumata der letzten Kriegstage psychisch verarbeitet worden sind - und das in literarisch überzeugender Form.

LITERATUR und KRITIK

September 2005

Die Stadt als Palimpsest
von Alexander Kluy

Josef Sohalt aus der Wiener Siebensterngasse will ein Buch herausbringen. Und Ardi soll ihm dabei helfen. Sohalt hat Schachteln voller Fotos, die er in den letzten Kriegstagen in Wien machte. Diese Aufnahmen will er mit den Häusern und Straßen von heute vergleichen und daraus einen komparatistischen Memorialband zusammenstellen. Doch der hochbegabte Sohalt wird von Gicht geplagt, ist somit immobil und auf einen Zu- und Mitarbeiter angewiesen. Auf die in der Universität annoncierte bezahlte Aufgabe eines "Gedächtnissekretärs", wie Sohalt dies etwas kokett später nennen wird, meldet sich der junge Perser Ardi, der in Wien ein Chemiestudium absolviert und. auf heimatliche Geldüberweisungen finanziell angewiesen, die allerdings mehr und mehr ausbleiben und durch väterliche Mahnschreiben ersetzt werden, von der Hand in den Mund lebt und diesen Job dringend braucht. Solcherart ist die Ausgangskonstellation in Hamid Sadrs neuem Roman Der Gedächtnissekretär.Ardis Aufgabe erscheint einfach: die Gebäude im heutigen Zustand mit den historischen Fotografien vergleichen und mit Hilfe der Aufzeichnungen des Herrn Sohalt, insgesamt fünf beschriebenen Oktavheften
und mehreren losen Seiten, den Versuch unternehmen, präzise zu lokalisieren, wo und wann genau das jeweilige Foto einst aufgenommen worden war.
Der Privatdokumentarist wird also zum ausdauernden Stadtgeher, zum Abmesser und Vergleicher der städtischen Topographie, zum Sucher von Multidimensionalität in Zeit und Raum. "Die Siebensterngasse war die Stadt, und die Luft dieser Stadt war voller Staub der Geschichte."
Parallel dazu löst sich Schritt für Schritt Ardis soziales Netz auf. In den Wintermonaten, in denen er für Sohalt tätig ist, ist er mehr denn je auf die in Aussicht gestellte Bezahlung für die historische Rekonstruktionsarbeit angewiesen, wird dann doch wegen verabsäumter Mietzahlung delogiert und kommt, da sein Vermieter die Aufenthaltsgenehmigung zerriss und seinen Reisepass einbehielt, als Illegaler im TV-Zimmer eines Studentenheimes unter. Er vernachlässigt sein Studium, weil er mehr und mehr seiner Aufgabe als zeithistorischer Geodät verfällt: "Wenn man jedes Bild von einer Kriegsruine, jede Aufnahme und jeden Schauplatz stundenlang betrachtet, um nichts zu übersehen, steigt man mit der Zeit in die Geschichte ein."
Er liest die Stadt Wien nunmehr wie ein Palimpsest, stets auf der Suche nach der darunter verborgenen Schicht. Der Epidermis von Gewalt, Not, Angst. Hysterie, Beklemmung, Brutalität, Okkupation und Opportunismus. "Zwischen Herrn Sohalt und mir existiert eine Stadt. Die ich, vor Antritt meiner Arbeit für ihn, nicht gekannt hatte: Die Häuser sind (mit wenigen Ausnahmen) die gleichen geblieben, die Gassen und Plätze auch, aber (und dieses Aber ist ein merkwürdiges) ihre Farbe und ihr Klang sind anders geworden. Die Friedenshaut wird abgezogen - die krieggerische, versehrte, gewalttätige, profane, historisch konkrete Unterhaut der Zivilisation kommt zum Vorschein: "Aus jedem offenen Haustor strömt der unangenehme Geruch vom ausgeträumten Endsieg heraus. Die Hausflure sind nass, und überall stehen mit Wasser gefüllte Gefäße (Spülwannen, Kübel. Ballonflaschen, Gurkengläser und sogar Küchengeschirr) bis zu den Kellertreppen an der Wand."
Denn es existieren in Sohalts Unterlagen nicht nur Aufnahmen von Häusern, Plätzen und Kirchen vor, während und nach ihrer teilweisen oder vollständigen Zerstörung. Der 1920 geborene Sohalt. Sohn eines Greißlers, nahm im Frühjahr 1945 auch Menschen auf. Menschen in Wien, die nach Wasser oder Lebensmitteln anstehen, Hitlerjungen bei der Parade, jubelnde Massen bei der Umbenennung von Straßen entsprechend nationalsozialistischer Direktiven, Feuerwehrmänner beim Kampf gegen Flammen. Aber auch Tote, Versehrte, Verletzte und Erschießungskommandos, Menschen inmitten zerstörter Habe, desperate Ladeninhaber, deren Geschäfte kurz nach Kriegsende geplündert werden. Auch Kriegsverbrechen werden greifbar, wie der Augen-Detektiv Ardi nach und nach eruiert, an denen Sohalt als Soldat der Deutschen Wehrmacht an der Ostfront, so steht rekonstruktiv zu vermuten, teilnahm.
"Während ich die Brotscheiben für das Mittagessen abschneide und die Fotos vom Tag in den Rucksack einpacke, gehen die ersten Einschläge in den Außenbezirken nieder." Nachdem Sohalt ins Spital eingeliefert worden ist, beginnt Ardi, nunmehr nicht mehr beschränkt durch die Direktiven und normierenden Vorgaben seines Auftraggebers, die Szenarien intensiver denn jemals zuvor auszuspinnen und sich anzuverwandeln. Sukzessive schreitet sein psychisches Derangement, das Ineins von erlebter Fantasie und vergegenwärtigter Geschichte, so weit fort, dass er sich selber, einen Wehrmachtshelm auf dem Kopf , gestülpt, nur noch in die am Rande Wiens gelegene Heil- und Pflegeanstalt Baumgartner Höhe am Steinhof einweisen kann. Von diesem Ort, aus dieser Perspektive wird dieses Buch erzählt. Doch der gebürtige Perser Hamid Sadr, der seit 1968 im Exil lebt und sein Heimatland seither nicht ein einziges Mal mehr betreten hat, der Wien seit 35 Jahren, seit seinem eigenen, dort absolvierten Chemiestudium kennt, scheut klugerweise davor zurück, sich in jenen Passagen, in denen die Unterscheidung verschleift und endet, zu einem tempestuösen, verbalakrobatisch schwindelmachenden Bewusstseinsstrudel hinreißen zu lassen. Er bewahrt auch beim Übergang von Normalität zum Obsessionellen - dem "Sich-in-der-Zeit-glauben", wie es einmal genannt wird - als Stilist kühlen Kopf und unbeirrt ruhige Hand. Denn er weiß natürlich gut, dass das Erzählen aus einer Krankenstation, einem Sanatorium, einem Irrenhaus eine lange literarische Tradition hat und zu surrealem, verrücktem Fabulieren verlocken vermag.
Plastisch und suggestiv schildert Hamid Sadr die letzten Kriegswochen in Wien. In den 1970ern Mitarbeiter namhafter Filmregisseure, versteht er sich sehr gut darauf, Fotografien narrativ in bewegte Bilder zu verwandeln, ihnen Leben einzuhauchen, sie mit Atmosphäre aufzuladen und dramaturgisch stringent miteinander zu verknüpfen. Geschickt und eindringlich zeichnet er die Romanfiguren als ambivalente Charaktere. Sie kippen langsam und sacht - von Sympathie in eine durchaus auch häßliche Abgründigkeit, von Indolenz in Anteilnahme --, sie changieren, oszillieren und kippen wieder langsam und sacht zurück, Es ist dies eine dichte, präzise, nicht zuletzt poetische und stilsicher gehandhabte Beschreibungskunst, die Sadr hier demonstriert. Und es ist ein eindringliches Porträt der Stadt Wien. das er hier vorlegt, im Gegensatz zu neueren Romanen über diese Stadt nicht im Geringsten anekdotisch-pointillistisch, weder gezwungen humoristisch noch künstlich kauzig.

 

DIE FURCHE
September 2005

Wien voll Staub
von Beatrix M. Kramlovsky

In dunkle Geheimnisse führt Hamid Sadrs Roman „Der Gedächtnissekretär". Ein alter, Wiener Fotograf, durchaus liebenswert und schrullig, plant als krönendes Lebenswerk einen Bildband, der die Zerstörung von Gebäuden, die Vernichtung „kultureller Güter", „kunstgeschichtlich wertvollen Baumaterials" in den letzten Kriegsmonaten zum Thema hat. Nicht die getöteten oder ausgebombten Menschen sollen interessieren, sondern die steinernen Hüllen. Seine Fotos sind sechzig Jahre alt, seine Beine so schwach, dass er jemanden für die Recherche, die Laufarbeit braucht. Denn den historischen Aufnahmen soll die Gegenwart gegenüber gestellt werden, es geht ihm um Spurensuche, um das, was bleibt. Ein iranischer Chemiestudent findet sich für diesen schlecht bezahlten Job. Sehr langsam entwickelt sich die Geschichte des jungen Ich-Erzählers, dem in Geldnot und ohne wirklichen Freundeskreis eine besondere Erfahrung blüht.
Hamid. Sadr, 1946 in Teheran geboren und seit fünfzehn Jahren in Osterreich beheimatet, erzählt berührend, detail verliebt und trotzdem reduziert mit leiser Komik, die schmerzt, denn die Stadt entpuppt sich als von recht realen Geistern heimgesuchter Ort. Sadr macht das sehr geschickt. Völlig unspektakulär erzählt er von seinem Helden, der für den alten Fotografen Standort, Stimmung und Objekt auf den Bildern mit der jetzigen Wirklichkeit überprüft. Und sehr sachte schleicht sich in die Erzählung ein beunruhigender Aspekt ein: „Aber ein paar Fotos und das Schöne war weg, als ob es nie da gewesen wäre."

Beklemmungen
Die Stadt in der Stadt drängt sich vor. Jedes Bild deckt auf. Jedes Foto kommentiert. Ein Erwachen findet statt, aber der einzige, der erwacht, ist der junge Fremde, der doch nichts damit zu tun haben will! Es ist ein Blickwinkel, der manchem Wiener nicht gefallen mag, der schmerzt, weil er Vergangenes aufdeckt. Aber es ist auch ein Text, der nur mit großer
Liebe für diese Stadt so geschrieben werden konnte. Spannung entsteht natürlich durch die Konstellation und permanente Gegensätzlichkeit von alt und jung, Heimischem und Fremden, Saturierten und Bedürftigen.
.. die Luft dieser Stadt war voller Staub der Geschichte. Seit dem Nachmittag sah ich überall Bilder vom Steinbruch vor mir, auf dem die ausgehungerten Gestalten schwere Granitblöcke auf den Schultern hin und herschleppten. Wien sah danach anders aus, verstaubt - und daran konnte nicht
einmal ein gesegneter Wein aus dem Weinviertel etwas ändern." - Dem Studenten, liebevoll als „Gedächtnissekretär" apostrophiert, wird klar, dass Geschichte nie etwas Abgeschlossenes sein kann, dass wir alle Vergangenheit mit uns schleppen, manche versteckt wie der alte Fotograf, manche offen. Sadr hebt keinen moralischen Zeigefinger, es gibt keine Schuldzuweisungen. Aber sein junger Protagonist verwandelt sich langsam in einen Zeugen verdrängter Befindlichkeiten, einen Chronisten wider Willen- „Nicht im einzelnen, sondern in der Summe wusste ich mehr über die Stadt und den Krieg als jeder andere Fremde hier." -, der verzweifelt versucht, sein eigenes, persönliches, absolut freundliches Bild Wiens für sich zu behalten. Das muss in gewisser Weise misslingen.
Als der alte Mann krank wird und ins Spital muss, spitzt sich die Lage für den Studenten ebenfalls zu, die Arbeit an dem geplanten Bildband wird auch für ihn zu einer persönlichen Angelegenheit, einer Verbannung der Schatten, einem Fixieren fremder Schrecken, dem er sich nicht mehr entziehen will.
Gleichzeitig wächst die Angst vor dem Wissen. „Widerwille davor, im ungeahnten Dunkel seines Dachbodens etwas finden zu können, das ich besser nicht hätte finden sollen ..."

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Und mit wem kann er es teilen? Seine Bekannten, Studenten und Emigranten wie er, haben selbst genug zu tun, um notwendige Bedürfnisse zu stillen, das Überleben in der Fremde zu managen. Die Stadt ist dafür nur Kulisse, nicht unbedingt hilfreich, aber trotz aller Widrigkeiten geliebt. Da kann er kein Verständnis dafür erwarten, dass sich Erinnerungen Wildfremder über seine eigenen Wahrnehmungen stülpen, dass er sich nicht mehr zu helfen weiß, sich nicht abgrenzen kann gegen längst gelebtes Leben.
Das Ende der Geschichte ist offen bis zu einem gewissen, versöhnlichen Grad, spürbare Zärtlichkeit liegt in dieser Schilderung. Dass der junge Iraner gerade von dieser Stadt und ihren dunklen Geheimnissen in die Psychiatrie getrieben wird, mag skurril anmuten. Dass er sich gegen den alten Mann endlich und fast zu spät abgrenzt mit einem Gedicht, Lyrik als Waffe verwendet, ist in seiner eigenen Herkunft, der immer noch gelebten persischen Liebe zur Poesie begründet.
Kein Wunder, dass dieses leise Buch, das heraus sticht aus den Veröffentlichungen zu Österreichs „Gedankenjahr", neugierig auf den nächsten Roman von Hamid Sadr macht.

 

NEUE ZÜRICHER ZEITUNG
Juli 2005

Verblasste Bilder vom Krieg

Mehr als die Hälfte seines Lebens hat der 1946 in Teheran geborene Hamid Sadr im europäischen Exil verbracht, davon ein Vierteljahrhundert in Wien. Dieser Stadt ist nun sein Roman «Der Gedächtnissekretär» gewidmet, in dem Ardi, ein mittel- und orientierungsloser iranischer Student, zusehends in den Bann der europäischen Vergangenheit gerät. Um seine Miete weiter berappen zu können, meldet sich Ardi auf eine Zeitungsannonce des einstigen Nazi-Sympathisanten Herrn Sohalt, der seine Fotografien aus der Endphase des Zweiten Weltkriegs in Buchform veröffentlichen möchte - wobei dieses eigenartige Memorial für das «geschändete» Wien einzig die zerstörte Bausubstanz dokumentieren soll und die vernichteten Menschenleben bewusst ausblendet. Ardis Aufgabe ist es, anhand von Sohalts Notizen die Aufnahmeorte der Bilder zu verifizieren; und im Kopf des jungen Mannes verdrängen die Sujets der kleinformatigen Schwarzweissfotografien bald das friedfertigsatte Bild des heutigen Wien.
Das geschieht - entgegen der Behauptung des Klappentexts - nicht etwa allmählich, sondern bereits auf dem ersten Stadtgang; und damit hat Sadr sein vom Ansatz her interessantes Schreibprojekt weitgehend blockiert. Erstens wirkt eine derart unmittelbare, sich bald in prolongierten Wahnvorstellungen manifestierende Überwältigung wenig überzeugend, noch wenn man die instabile Situation des Protagonisten in Rechnung stellt; zweitens wird der junge Iraner - trotz eingeblendeten Episoden aus seinem persönlichen Leben - weitgehend zum Träger der Kriegssujets degradiert. Drittens hemmt die repetitive Struktur der Zeitbrüche, die Ardi in die fremde Vergangenheit stürzen lassen, eine dynamische Entwicklung des Romangeschehens. Zwar versucht Sadr den kritischen Blick auf die rasche und nachhaltige Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit; doch die neue Sicht auf die Ereignisse, die man sich von einem Beobachter mit anderem kulturellem Hintergrund erhofft hätte, bleibt das Buch dem Leser schuldig.

 
 
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