Anthologie  

"Ungefragt"

Über Literatur und Politik
Czernin Verlag

S. 176 - 182

Hamid Sadr
Entwurf eines Briefes
an einen erratischen Erzähler


Die Notwendigkeit:
Ich muß ihm schreiben, weil er mir als Erzähler nicht unangenehm ist. Zwar oft auf manieristische Art unnötig witzig und manches Mal auch ein wenig liebeskitschromanartig, aber nicht unangenehm.
Dann kommt die Frage: Was soll ich ihm schreiben? Und wie? Sicher nicht im Großer-Bruder-Stil; eher bedacht und ruhig, kollegial und leise. Denn mein erster Eindruck von ihm war nicht schlecht': Ein begnadeter Schauermärchen-Erzähler, habe ich gedacht. Einer also, der schon als Kind im Mittelpunkt der großen Familienfeste steht und, trotz des entsetzten Ausdrucks auf dem Gesicht der Mutter, frech Kuriosa über die nahen und fernen Verwandten ausplaudert, Lachtränen, Lachhusten und Kränkungen aller Art herbeiführend. Und jetzt erscheint er plötzlich in der

Gestalt der großen Essayisten, welche uns mit ihren Empfehlungen zur Bekämpfung des islamischen Terrorismus auf die Nerven gehen.'- „Radikale Islamisten haben kein Interesse daran, den Irak von der Tyrannei zu befreien, sie haben kein Interesse an der Emanzipation der Frauen, an Reform, Erziehung, Gedankenfreiheit, Innovation oder unabhängigen Forschung", schreibt er und resümiert: „Religion und die von ihr hervorgebrachte Ideologie [ist] unbedingt der bestimmende Faktor hinter islamistischem Terrorismus: (... J Das Problem besteht darin, dass die radikalen Verse, mit denen Terroristen ihre Aktionen rechtfertigen, demselben Koran entstammen, den gemäßigte Muslime lesen. "
Frage: Kann ihn die Ermordung von Pim Fortuyin und Theo van Gogh in Holland so getroffen haben, daß er nun als Fundamentalist argumentieren muß?
Es geht nicht nur um die Gefühle: Seine diesbezügliche Trauer, seine Angst und seine unbändige Wut teile ich auch. Auch ich reagierte auf die 55 U-Bahn-Opfer in London zornig und verzweifelt. Ich verfolgte sogar eine Woche lang die Trauer der iranischen Exilgemeinde über den Tod von Behnaz Mazki (48)> einer iranischen Biologin, die am Morgen des 7. Juli ihre Wohnung im Norden von London verließ und wie alle anderen 54 Opfer zur Arbeit (in einem Kinderkrankenhaus in London) unterwegs war. Ich erfuhr von ihrem Mann, Nader, von der 24jährigen Tochter, Saba, und vom 22jährigen Sohn, Said, der für den DNA-Vergleich den auftauchenden Polizisten ein Sample von seinem Mundspeichel geben mußte.
Eine Frage an ihn: Hat die iranische Gemeinde in London deswegen die eigene Religion in Frage gestellt?
„Der islamistische Widerstand gründet sich auf den tiefen Glauben, dass diese modernen westlichen Institutionen und Konzepte der Scharia, dem islamischen Gesetzeswerk, diametral entgegenstehen. " Müßte man nun die iranische Exilgemeinde, die noch nicht aus dem Islam ausgetreten ist, als Ackerland des islamischen Terrorismus sehen? Daß ich mich als Agnostiker und unversöhnlicher Gegner des politischen Islam und Khomeinis islamischer Republik, und dies schon von erster Stunde seiner Machtergreifung an, jetzt gezwungen sehe, die islamische Weltgemeinde in Schutz zu nehmen, hat mit seiner Art zu kritisieren zu tun. Weiß er überhaupt, was er mit seinem rigorosen Vorgehen gegen den Islam hervorruft? Es ist doch nicht einmal zwei Jahre her, daß die Straßenschlachten zwischen Jugendlichen in Bradford blutige Folgen gehabt haben. Nicht sie, doch er mußte es wissen, wie sich der religiöse Antisemitismus zu einem rassistischen Antisemitismus entwickelt hat.
Nein, die Trauer und der Fluch eines Erzählers sollen anders aussehen. Sie dürfen vor allem nicht die Oberflächlichkeit der Zeitungswelt so billig und so unwürdig abbilden. Dadurch merkt man, wie wenig er sich in der Welt der religiösen Widersprüche auskennt. Nicht nur die Weltanschauung der islamischen Selbstmordattentäter, sondern auch die Welt all jener Strömungen in dieser Religion, die die Terroristen moralisch unterstützen, ist ihm fremd. Er kennt sie alle nicht, weil er sie bis jetzt nicht wie wir als Feind erlebt hat. Er ist nur schockiert, weil solche Attentate im liberalen Holland (und Europa) bis jetzt nicht vorgekommen sind. Und leider fördert er jene Kräfte, die alle Errungenschaften der Aufklärung mit dem Vorwand „wie kann man überleben, wenn man sich an Regeln hält, die der Feind nicht akzeptiert" (er in einem Interview) vernichten möchten. Dadurch sieht seine Fattwa dem Fluch des kabbalistischen Rabbiners Josef Daya, der nach dem Todesfluch über Rabin jetzt von allen Rabbinern das grüne Licht bekommen hat, die Vorbereitungen zum Aussprechen des aramäischen Todesfluches pulsa denura über Sharon zu treffen, nicht so unähnlich.
Die Trennungslinie zwischen uns, die eigentlich keine Linie, sondern ein Punkt ist, beginnt am Tag nach dem Terror in London. Der Zeitpunkt der Trennung war, so denke ich, als wir beide unseren Blick von den feinkörnigen, verschwommenen Fotos aus den Videokameras in der Londoner U-Bahn genommen haben. Die Frage: Wie könnte man am besten mit diesem neuen Typus von Attentätern fertig werden, wurde von uns beiden gestellt. Nur, während ich für mich die genaue Weltsicht der „europäischen" Selbstmordattentäter durchlässig machen wollte, erwog er die Möglichkeit, den ISLAM als Quelle des Terrors an die Wand zu malen. Wir sahen zwar die gleichen Fotos an, aber mit zwei völlig verschiedenen Betrachtungsweisen: Er verdächtigte eine ganze Religion und wollte ihre Anhängerschaft auf eine Masse von verblödeten, bornierten, gefühllosen Fanatikern reduziert wissen, während ich einen Blick in die Köpfe der Täter werfen wollte.
Ich sah mir lange die Ausweisfotos der vier Attentäter an und war von einer anderen Überlegung schockiert: Keines dieser Gesichter zeigte das Typische, die von den Zeitungen des Westens produzierte Maske eines „gewöhnlichen" islamischen Terroristen. Die verschwommenen Augen, die blassen Gesichter mit einem Fünftagebart. Nichts dergleichen. Alle vier waren unauffällige, normale, in Europa geborene und aufgewachsene Emigrantenkinder. Jene Gestalten also, denen man täglich unter den 5,4 Millionen Bus- und 3 Millionen U-Bahn-Benützern in London begegnet und die von niemandem des Terrorismus verdächtigt werden. Allein das - und ich gebe es offen zu - war die Ursache auch meiner unbegrenzten Angst, denn nur der Gedanke, täglich in einem U-Bahn-Waggon oder in einem Linienbus beim Anblick eines Rucksackes mit der vermeintlichen Bombe vor einem Fuß Todesangst zu bekommen, ist schauerlich. Das „Normale" an Hossein, Tanweer, Khan, und Jamal (nicht vergessen, alle hatten auch einen englischen Paß in der Tasche) ist das Schrecklichste an allen vier Personen. Sie mir so vorzustellen, daß sie an diesem verfluchten Donnerstag morgen zuerst beteten, dann mit der Familie oder Frau in aller Ruhe frühstückten, von ihnen Abschied nahmen und mit einer Ladung Sprengstoff im Rucksack zuerst zur Verabredung kamen und dann jeder zu seiner U-Bahn-Station fuhr; mit dieser Gelassenheit, meine ich - das ist der zweite schreckliche Aspekt in dieser Sache.
Über alles andere hinaus wäre mir dies wichtig: eine Möglichkeit gehabt zu haben, in die Köpfe dieser Massenmörder hineinzuschauen, im Moment bevor sie starben. Daher auch das Starren auf die Fotos, um die kleinsten Unterschiede im Längsschnitt und Querschnitt festzustellen. Das ist mir wichtig, denn das ist eine Möglichkeit> etwas über ihre unerschütterlichen Mord- und Selbstmordabsichten zu erfahren. Während ich verzweifelt versuche, zumindest bei einem dieser Attentäter envas zu vermuten, glaubt der liberallustige Erzähler aus Holland, mit einem einzigen Koranzitat das Geheimnis einer islamischen Weltgemeinde mit einem Schlag enträtselt zu haben. Er zitiert Sure 8, Vers 12-13 des Koran, die besagt:„ Wenn dein Herr den Engeln offenbarte: Ich bin hei euch, daher gib denen, die glauben, eine feste Haltung. Ich werde diejenigen, die nicht glauben, in Angst und Schrecken versetzen. Daher haut auf ihre Hälse, und schlagt ihre Fingerspitzen ab. Denn sie haben Allah und seinem Gesandten zuwidergehandelt. Allah bestraft streng", und lehnt sich zufrieden zurück. Es grenzt schon fast an Kunst, die Mohammedaner auf dem ganzen Erdenball als potentielle Massenmörder zu sehen. Für ihn ist, so wie er in seinem Essay schreibt, das Motiv der Bombenattentäter offensichtlich; dieses wird von der Religion selbst, in ihrer Heiligen Schrift, dem Koran, gestiftet:
„Es ist offenkundig, was der zweite Teil dieser Passage bedeutet: Enthauptet die Ungläubigen, und hackt ihre Fingerspitzen ab. Der Aufruf wird im Irak und anderswo vielfach befolgt - wie es Daniel Pearl und Theo van Gogh erleiden mussten. "
Und warum es so ist, weiß er genau, weil die Muslime der ganzen Welt „Juden und Christen als minderwertig [betrachten], da sie einer unvollständigen oder korrupten göttlichen Offenbarung anhängen. " Deshalb ist es auch für ihn unwichtig, wer diese Attentäter sind, von wem sie angestiftet wurden, wo sie geboren sind und welche Vergangenheit sie hatten. Sie sind alle Mohammedaner, und das ist genug. Für ihn ist es einfacher, in einem selbst konstruierten schwarzen Loch namens „moslemische Weltgemeinde" zu wühlen und über eine Milliarde Mohammedaner der Welt als potentielle Terroristen zu verdächtigen. Ein Großschriftsteller betrachtet die Große Welt und weiß, wovon er spricht! Daß ein pakistanischer Erzähler namens Nadeem Aslams zehn Jahre lang braucht, um in einem Roman nur die Verschlossenheit einer undurchschaubaren Gemeinde (nämlich der pakistanischen Gemeinde in London) zu beschreiben, ist wirkungs- und bedeutungslos. Denn diese sogenannten Nebensächlichkeiten, wie er sie in diesem Roman beschreibt, zum Beispiel: Warum, wenn die Pakistanis, die so grundsätzlich all das, was sie im Gastland sehen, als Teufelswerk ablehnen, trotzdem dort bleiben wollen und /oder wie schwer es dieser Gemeinde fällt, sich ihrem kleinen Pakistan in London zu öffnen, und wie aussichtslos eine Integration für sie sein kann, ist für unseren holländischen Erzähler irrelevant. Die Mühe, zumindest im Kopf nach Leeds zu fahren, um in Aylesbury südlich der Stadt nach dem 22jährigen Tanweer zu fragen, möchte er sich ersparen. Denn: in Erfahrung zu bringen, ob der Sportstudent, der als Cricketspieler viele Pokale gewonnen hatte, auch von dieser pakistanischen Gemeinde akzeptiert wurde oder nicht, ist für ihn uninteressant. Nachzufragen, in welcher Sprache Jamal, der 19jährige Jamaikaner, den Koran gelesen habe? Unwichtig. Warum er, der sein Baby in einem roten Fiat Brava spazieren führte, Mohammedaner wurde, bedeutungslos. Ist er nicht neugierig auf Sidique Khan, den 30jährigen Vater von Maryam, der mit seiner 14 Monate jungen Töchter so gerne spielte. Ihm ist lieber, sich eine Milliarde gesichtsloser Selbstmordattentäter vorzustellen, die ihm jedesmal beim Einsteigen eines Busses oder einer U-Bahn als Sitznachbar mit einem Rucksack vor dem Fuß erschrecken, als sich mit den Gesichtern und Lebensläufen der vier Attentäter auseinanderzusetzen.
Hier ein Vorschlag an ihn: Bevor du in Zeitungen und Zeitschriften weiterhin Amok läufst, nimm dir Zeit, fahre kurz nach England und von London 270 Kilometer Richtung Norden, steige in Leeds aus. Die stillgelegten Textilfabriken der Stadt sollen dich nicht erschrecken. Die 720.000 Einwohner haben Arbeit genug (nur vier Prozent sind arbeitslos). Leeds hat einen halbberühmten Fußballclub, der sich Leeds Unired nennt, und wenn man nach dem Viertel Holbcck im Süden der Stadt fragt und dort nach einem kleinen Eckladen von Ajimal Singh, kann man erfahren, ob es stimmt, daß der 18jährige Selbstmordattentäter Hasib Hossein dort oft auf der Straße Fußball spielte. Man kann auch nach Beeston, einem anderen Stadtteil von Leeds fahren und dort nach der Tempest Road fragen: Die Straße führt einen Hügel hinab. Shehzad Tanweer, der Cricketspieler, war dort zu Hause. Wenn man die 800 Meter lange Straße zu Fuß nach unten geht, sieht man die Backsteinhäuser, die, alle zweigeschossig, einen kleinen Vorgarten haben. Der „Spiegel"-Reporter behauptet einige Seiten vor deinem Essay, er sei hinauf zum Hügel gegangen und habe dort an der Kuppe, Tempest Road Nr. 1, einen Imbißladen gesehen, der Shehzads Vater gehört. Frage zur Sicherheit ob es stimmt, daß sein Sohn manchmal in „South Leeds Fisheries" ausgeholfen habe. Du kannst ihn auch fragen, ob es ihm der Islam erlaubt Kafirs etwas zu verkaufen. Er wird dich anstarren, denn für die Moslems sind die Angehörigen von „Buchreligionen" (Christen, Juden und Zarathustra-Anhänger) keine Kafirs. Ich vermute dies nur, denn ich war noch nie dort, aber ich meine, wenn man auf dem Nachhauseweg des jungen Massenmörders hundert Schritte weitergeht, sieht man eine Ladenzeile, in deren Mitte „All Nation Food" neben dem Hamara Jugendzentrum (Youth Access Point) liegt. Die vier jungen Massenmörder haben sich dort getroffen. Worüber sie miteinander gesprochen haben, weiß niemand, aber das Paradoxe steckt irgendwie in diesem „niemand". Dadurch kann uns klar werden, wie wenig wir eigentlich über „solche Leute" wissen. Denn die Frage, was in den Köpfen von Menschen vorgeht, die am Morgen mit einer Bombe im Rucksack das Haus verlassen, um so viele Menschen wie möglich in den Tod mitzunehmen, bleibt unbeantwortet. Du beharrst auf deiner Ignoranz, die aus „die Mohammedaner sind an allem schuld" besteht. Und die Radfahrer? Hast du vergessen? Und die anderen Erklärungen? Davon möchtest du nichts wissen, oder? Zum Beispiel: „Ihre Aggression richtet sich dagegen> daß sie werden, wie wir sind", sagt Oliver Roy, denn „sie leben im Westen, im Käfig der westlichen Werte und Rechte, mit denen sie sich nicht identifizieren". Du hältst aber von solchen und ähnlichen Thesen nichts, sie sind dir zu intellektuell. Lieber möchtest du dich in eine apokalyptische Stimmung begeben, die die Leistungen der Aufklärung gegenüber dem mittelalterlichen Fundamentalismus (bei allen Religionen) in Frage stellt.
„Zur Debatte steht, ob es unter westlicher Aufsicht möglich ist, eine stabile Bürokratie und eine friedfertige Mittelschicht in diesen gescheiterten arabisch-islamischen Nationalstaaten, in denen die Gesellschaftsordnung weitgehend auf Stammesloyalität, Korruption und der Unterdrückung der Frauen basiert, heranzuziehen`; schreibt er in seinem Essay. Was tun wir dann gegen diese bedrohliche „islamische Weltgemeinde", die> wie er meint, über eine Milliarde Mitglieder zählt? „Ein weiteres Haupthindernis'; schreibt er, „besteht darin, Radikale zu kritisieren, ohne tatsächlich den Islam selbst zu kritisieren. "
Hinzu kommt noch ein viel größeres Hindernis, nämlich der zunehmende Erdölpreis, wobei auch die US-Reserven in zehn Jahren verbraucht sein werden. Dann noch die atomare Aufrüstung der islamischen Terroristen? .
Istvän Eörsi, ein anderer Denker in dieser Sache, mahnt: „Wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß es neben unserer US-europäischen Perspektive auch eine andere Perspektive gibt, die davon ausgeht, daß die Notwehr berechtigt ist. Vielleicht ekeln wir uns vor ihren Mitteln, vielleicht verachten wir ihren Fanatismus> aber eines muß klar sein: Unsere Mittel sind auch nicht schöner, unser lukrativer Zynismus ist zwar vielleicht unterhaltsamer, aber keineswegs moralischer als mörderischer Fanatismus."
Was nun?


18. Freiburger Literaturgespräch 1994
Leon de Winter: Mörderische Frömmigkeit. In: Der Spiegel, Hamburg, 18. 7. 2005, S. 108-110
herausgegeben von Klaus Amann, Heinz Lunzer und Ursula Seebe