Online-Story: 1. Platz beim Vincent Preis 2009
 
 

Die scharfe Kante des Geodreiecks

Mein Name ist Christian, ich wohne im dritten Stock eines Altbaus in Erdberg, dem dritten Wiener Gemeindebezirk, arbeite im Büro einer Marketingfirma, die für TriStar Pictures Kinoplakate drucken lässt, bin kinderlos und ledig, führe aber eine Dreiecksbeziehung, die mich ziemlich auf Trab hält.

Da ist einerseits Angelika, die Frau, des dreizehn Jahre älteren Musikers, aus dem Parterre, die früher mal die Polly in Brechts Dreigroschenoper gesungen hat. Angelika ist ziemlich mollig, hat bestimmt dreißig Kilo zu viel auf den Hüften, drei blonde Strähnen im Haar, ist kurzsichtig und trägt eine Brille mit drei Dioptrien, die sie nicht einmal beim Sex abnimmt. Woher ich das weiß? Ich habe es zumindest nicht über drei Ecken erfahren – wenn Sie wissen, was ich meine! Doch lassen Sie mich weitererzählen.

Auf der anderen Seite gibt es Brigitte, die Magersüchtige vom oberen Stockwerk, die sich dreimal täglich übergibt, deren Kinder ständig mit dem Dreirad und einem High-Riser mit Dreigang-Knüppelschaltung durch den Hof donnern.

Angelika, Brigitte und Christian! Ist es nicht witzig, dass die Anfangsbuchstaben unserer Vornamen die ersten drei Buchstaben des Alphabets darstellen? Möglicherweise ein ironischer Wink auf meine Dreiecksbeziehung! Erstaunlich viele Dreier in meinem Leben – nicht wahr? – aber warten Sie es ab, es kommt noch besser.

Angelikas Mann, ein typischer Musiker mit grauem Dreitagebart, ist Percussionist an der Wiener Volksoper, spielt dort auf einer Triangel. Ich habe mich erkundigt: Triangel ist englisch und heißt zu Deutsch Dreieck, so ein Zufall, nicht wahr? Aber es kommt noch besser. An jedem dritten, dreizehnten und dreiundzwanzigsten Tag im Monat hat er an der Oper länger Probe, weswegen er erst um drei Uhr früh heimkommt. Diese Nächte verbringt Angelika stets mit mir. Sie hat mir einen dritten Schlüssel für ihre Wohnung nachmachen lassen, damit ich sie besuchen kann, wenn sie sich mit den Beinen und einer Hand ans Bett fesselt.

Angelika wurde schwanger, zum Glück nicht von mir, wie sie mir versicherte. Der Geburtstermin war der 3. März 2003, na dämmert es bereits? Sie haben es sicher schon erraten. Richtig! Sie brachte Drillinge zur Welt, drei Mädchen: Anna, Barbara und Caroline. Und da haben wir sie wieder, unsere drei Anfangsbuchstaben. Sehen Sie den Zusammenhang? Alles verläuft im Dreieck.

Bloß alles Zufall, meinen Sie? Na gut, dann passen Sie auf! Sehen wir uns Brigitte an, die Magersüchtige vom oberen Stockwerk, da kommt´s noch dicker. Ihr Mann ist Ausländer, ein Mathematikprofessor, der am Institut für Statistik doziert und mit der 3er Linie zur Arbeit fährt. Die 3er Linie! Gecheckt? Noch immer nicht überzeugt? Na gut, dann weiter! Er weiß natürlich nicht, dass ich etwas mit seiner Frau habe, dennoch habe ich ihn unlängst auf meine Dreiecksbeobachtung angesprochen, schließlich ist er Mathematiker. Von ihm habe ich mir einige hilfreiche Hinweise erwartet, und er hat mich nicht enttäuscht. Die Drei sei eine der bedeutendsten Zahlen in der Mathematik, sie kommt praktisch überall vor, wie er mir erklärte. Man braucht sich nur zu überlegen, wo die Zahl Pi überall zur Anwendung gelangt, in sämtlichen Kreisen, Rundbögen und Kugelformen. Pi ist ständig präsent, in jedem Rad, Rohr, Brillenglas, Wassertropfen oder Guckloch.

Aber nicht nur Ptolemäus, auch Pythagoras hat etwas Originelles herausgefunden, nämlich die Dreiecksformel: a2 + b2 = c2. Zufälligerweise sind a, b und c wider mal die ersten drei Buchstaben des Alphabets. Wenn wir diesen Lehrsatz auf meine Beziehung umlegen und annehmen, angelika2 + brigitte2 = christian2, gäbe das meiner Dreiecksbeziehung sogar eine mathematische Bedeutung. In diesem Falle wäre ich selbst die Basis, worauf sich das gleichschenkelige Dreieck aufbaut. Gleichschenkelige Schenkel! Wie ironisch witzig doch die Mathematik sein kann, wenn man nur versteht, die Zusammenhänge zu begreifen! Hätte der Mathematikprofessor, aus dem oberen Stockwerk, eins und eins zusammengezählt, dann hätte das zwar nicht drei ergeben, aber er wäre zumindest dahinter gekommen, dass ihn seine Frau mit mir betrügt. Doch wie so oft, versperren Scheuklappen den Blick aufs Wesentliche … und er verdächtigte den Falschen.

Völlig betrunken, mit drei Promille Alkohol im Blut, wie später in der Zeitung zu lesen stand, stürmte er in Angelikas Wohnung und stellte ihren Mann, den grauhaarigen Musiker von der Volksoper, zur Rede. Dem Percussionisten war vermutlich auch aufgefallen, dass seine Frau sich sexuell merkwürdig verhielt – doch auch er zog die falschen Schlüsse. Ein Wort ergab das andere, und die beiden Männer stachen gegenseitig auf sich ein. Der Percussionist landete mit drei Messerstichen im Bauch auf der Intensivstation, wo ihn die Sanitäter dreimal wiederbeleben mussten. Und der Mathematiker? Der landete mit drei tiefen Ritzern im Hals in der Klapse ... pardon ... Psychiatrie, Baumgartner Höhe, Pavillon 3.

Tagelang kamen die Kripobeamten und Psychiater ins Haus, um mit Angelika und Brigitte zu reden. Ich musste die Damen bei Laune halten – wenn Sie verstehen, was ich meine –, dabei wäre meine Dreiecksbeziehung beinahe aufgeflogen. Aber ich wusste nicht viel über die beiden dreisten Männer zu erzählen, bloß dass sie ziemlich eifersüchtig waren.

Meine Dreiecksbeobachtungen behielt ich anfangs natürlich für mich, doch dann erzählte ich den Psychiatern davon. Während eines dieser Gespräche kam ich schließlich auf folgende Erkenntnis: Brigittes Mann, eben jener Ausländer und Mathematikprofessor, der nun in der geschlossenen Anstalt hockt, heißt Sandor Lajos Andreiu Diereck. Kein Scherz! In seinem dritten Vornamen hat er die Buchstabenfolge „drei“, und – noch besser! – sein Nachname „Diereck“ ist ein Anagramm von „Dreieck“. Man braucht nur drei Buchstaben miteinander zu vertauschen … ha! Und da ist sie wieder, die Drei! Übrigens könnte man aus den Buchstaben seines Nachnamens auch das Anagramm „Dickere“ machen, eine ironische Anspielung auf seine magersüchtige Frau Brigitte, denn er ist der Dickere von beiden, wie Sie sich bestimmt vorstellen können.

Aber jetzt kommt das Beste! Raten Sie mal, wo Brigitte arbeitet, seit ihr Mann in der Psychiatrie ist! Ich wette, Sie kommen nie drauf, dabei ist es so einfach und fast schon offensichtlich. Sie jobbt beim Roten Dreieck, einer Wiener Organisation, die Unfallopfer nachbetreut. Und jetzt raten Sie mal, welche Adresse diese Organisation hat! Richtig! 1050 Wien, Siebenbrunnengasse 11A. Wenn Sie mir nicht glauben, dann schauen Sie selbst im Telefonbuch nach, ich habe diese Adresse nicht erfunden, es gibt sie tatsächlich. Was ich Ihnen damit sagen möchte? Haben Sie den Zusammenhang noch immer nicht entdeckt? Dabei ist es so einfach: Rotes Dreieck, 5 Bezirk, 7 Brunnengasse, Hausnummer 11. Na, fällt Ihnen etwas auf? 3, 5, 7, 11 … das sind lauter Primzahlen. Ich glaube nicht an Zufälle. Sie etwa? Eine Primzahl kann nur durch eins oder durch sich selbst dividiert werden, es gibt keine dritte Möglichkeit. Und da ist sie wieder: Die Drei! Wie gesagt, ich glaube nicht an Zufälle!

Weiter in meinen Ausführungen: Addieren Sie diese Primzahlen zusammen, dann kommt 26 raus. Und jetzt dividieren Sie die Einzelziffern, 6 : 2, und was bekommen Sie raus? Na bitte! Zufall, sagen Sie? Na gut, es geht auch andersrum. Dann dividieren Sie eben 2 : 6 – noch besser! Dann kommt 0,333 periodisch raus. Sehen Sie! Die Drei ist überall, selbst in der Firma, für die ich arbeite, welche ich zu Beginn erwähnt habe. Die Drei ist allgegenwärtig, sie umgibt uns.

Sogar in der Offenbarung des Johannes ist davon die Rede: 144.000 werden mit einem Siegel auf der Stirn bezeichnet. Dividiert man diese Zahl durch drei, nochmal durch drei und ein drittes Mal durch drei, erhält man 5.333,333 periodisch. Als wäre das nicht Hinweis genug. Apropos Zeichen … sogar seine Zahl, die Johannes in der Bibel erwähnt, lässt sich dreimal durch drei dividieren, worauf man die Zahl 24,666 periodisch erhält. Offensichtlicher geht es wohl kaum. Ich weiß, dass er hinter alldem steckt. Der dritte apokalyptische Reiter auf dem schwarzen Pferd bringt Hungersnöte, beim Erschallen der dritten Posaune fällt eine brennende Fackel in die Flüsse und lässt sie bitter werden. Während der dritten Wehe wird die Bundeslade durch Blitze, Beben und Hagel zerstört, und wenn sich die dritte Schale Gottes über die Erde vergießt und die dritte Plage hereinbricht, bildet sich Blut in den Quellen und Flüssen. Ich lese die Zeichen. Die Zeit des Endes naht …

Die Psychiater sind schon wieder hier. Zum dritten Mal in dieser Woche! Ihr Wagen parkt vor dem Haus. Ich bin nicht blind, ich lese die Zeichen. Sie sind zu dritt. Das Autokennzeichen lautet W 393 933. W ist der dreiundzwanzigste Buchstabe des Alphabets. Alles in meinem Leben besteht praktisch nur noch aus dreierlei Dingen: Dreirad, Dreieck, Dreiakter, Dreizack, Dreitagebart, Dreigangrad, Dreikäsehoch, Dreivierteltakt, Dreiganggetriebe, Dreikönigstag, Dreiländereck, Dreigroschenoper, Dreiecksbeziehung, Dreimäderlhaus, Dreifaltigkeit, dreist, obendrein, dreinschauen, dreinreden, dreidimensional …

Sie läuten an meiner Tür … dreimal! Leicht werde ich es ihnen nicht machen.

Dreißig Tage im Netzbett, mit drei Milligramm Haldol ruhig gestellt, drei Mahlzeiten pro Tag, Besuchszeit jeden dritten Tag von drei bis drei Uhr dreißig, drei Selbstmordversuche innerhalb von drei Stunden, am dritten Tag nach der Einweisung mit einem Geodreieck die Halsschlagader geöffnet, drei Liter Blut verloren und verstorben!

Christian Dreindl war im dreißigsten Lebensjahr.

Text: Andreas Gruber