Kellermeister Josef Gritsch

Seit über 25 Jahren beschäftige ich mich tagtäglich mit meinen Weingärten, den Böden und Rebstöcken, der Region, der Vinifikation und den Innovationen, die sich stets in der Weinwelt manifestieren. Dabei versuche ich, jeden Tag einen Schritt nach vorne zu tun. Ich experimentiere, lerne, forsche, suche und finde immer wieder neue Komponenten, die mich zu Ideen anregen und die zur Qualität meiner Weine beitragen.

Gedanken des Winzers

Terroir:
Terroir ist ein Wort, das nicht gerne gehört und doch ständig verwendet wird. Terroir ist die Grundkonstante des Weinbaus. Anders als alle anderen Komponenten im Weingarten und Keller ist es nicht veränderbar, es gibt den Takt und den Rhythmus vor, nach dem man arbeiten kann und zuweilen auch muss. Terroir ist, kurz gesagt, das Potenzial, das vorhanden ist. Wir glauben fest an die Unterschiedlichkeit, Eigenständigkeit, Einzigartigkeit und Individualität unseres Terroirs. Riede Schön, Riede Bruck, Setzberg, Spitzer Graben.

Tradition:
Unseren Hof gibt es seit Jahrhunderten. Ich setze eine Arbeit fort, die mein Vater und mein Großvater vor Jahrzehnten begonnen haben. Allein darin steckt schon ein Bekenntnis. Ich arbeite auf Böden, die Generationen vor mir erstmals bestockt wurden. Um mich herum wachsen Rebstöcke, die mehr Jahre auf dem Buckel haben als ich. Ohne die Steinterrassen, die vor Jahrhunderten akribisch konstruiert wurden, gäbe es heute keinen Weinbau im Graben. Doch ich setze auch bewusst Zeichen dagegen. Ich experimentiere dort, wo es mir sinnvoll erscheint und modernisiere da, wo ich mir qualitative Fortschritte erhoffe. Wertvolles erhalten und Neues schaffen ist das Leitmotiv meiner Arbeit.

Zeit:
Zeit spielt eine elementare Rolle in der Weinherstellung. Diesem Faktor zolle ich Tribut. Schon im Weingarten lasse ich den Trauben alle Zeit, um den perfekten Reifegrad zu erreichen. Wenn das bedeutet, dass ich im Novemberschnee durch die Weingärten stapfe und lese, dann soll das eben so sein. Auch im Keller folge ich dem Prinzip der Langsamkeit. Die Weine bekommen die Zeit, die sie brauchen. Sie liegen kurz auf der Maische und lange - bei den Urgesteinsweinen mehr als ein Jahr - auf der Hefe. Früher wurde vor allem im Stahltank ausgebaut, doch ich glaube, dass Holz den Wein subtiler und komplexer macht. Deshalb ersetze ich meine Tanks sukzessive durch Fässer. Der mikroskopische Austausch mit Sauerstoff formt im Laufe der Monate und Jahre genau die Weine, die ich haben möchte.

Respekt:
Wein verdient Respekt - und zwar nicht nur das Endprodukt. Der Boden und der Stock verdienen ihn genauso wie die Trauben und der gärende Most. Ich verstehe Wein als ganzheitliches Produkt, als eine Kombination unzähliger Faktoren, die viel mit gegenseitigem Verständnis, Verantwortung und eben Respekt zu tun haben. Dazu gehören die Beobachtung der Rebstöcke und des Bodens und die minimalen Interventionen, die sich daraus ergeben. Sie sollen die Rebstöcke stärken und nicht abhängig von einem potenziell riesigen Arsenal an systemischen Produkten machen. Es geht um Balancen zwischen Menschen und Stock, und um diese zu schaffen, muss man fein steuern. Den Boden muss man dort, wo er es braucht, ein wenig füttern, dann beobachten, wie er reagiert und ihm Zeit geben. Das erfordert zwei simple Dinge: zum einen Akzeptanz für und ein immenses Vertrauen in die Abläufe der Natur, zum anderen die Bereitschaft, zu sehen, zu lernen, sich Fehler einzugestehen und sie mit Gelassenheit zu korrigieren.

Wein:
Ich bin nicht glücklich mit der Entwicklung, die der Wein in den letzten Jahren durchgemacht hat. International holen sich immer häufiger zwar gut gemachte aber charakterlose Industrieweine, aufgeputscht mit allen möglichen Kampfstoffen, irrelevante Trophäen ab. National hat der Versuch, jedem Trend nachzueifern, zu einer unüberschaubaren Palette an seelenlosen Weinen geführt. Umso beeindruckender sind diejenigen, die sich dagegen wehren und den Intentionen einer gierigen Konsumgesellschaft entgegenarbeiten.
Meine Intention ist es:
- das ausbalancierte Zusammenspiel zwischen Mensch, Boden und Rebstock im Gesamtgefüge Natur in meinen Weinen auszudrücken; - der Monotonie den Kampf anzusagen; - dem Faktor Zeit zunehmend mehr Rechte einzuräumen (längere Maischestandzeiten, langer Hefekontakt, längere Zeit im Holzfass); - glasklare, gesunde und bekömmliche Weine zu erzeugen.

Experimente:
Experimente sind mir Freude und Verpflichtung zugleich. Anders als viele andere Winzer glaube ich, dass Wein ein Recht hat, sich zu wandeln, seinen Jahrgang widerzuspiegeln und der Zeit und den Jahren Tribut zu zollen. Gleiches gilt für die Winzer. Habe ich vor Jahren meinen Keller mit Edelstahlfässern ausgestattet, so stelle ich heute wieder auf große Holzfässer um. Habe ich früher temperaturkontrolliert vergoren, so arbeite ich heute oft ohne jeglichen Eingriff bei der Gärung. Ich mazeriere die Weine zumindest über Nacht, manchmal gäre ich aber auch Chargen auf der Maische durch. Das mache ich schlicht und einfach, um den Weinen mehr Struktur zu geben. Geschwefelt wird heute viel später als früher. Auch im Weingarten haben Experimente und Beobachtungen zu Verbesserungen und Veränderungen geführt. Zum Beispiel pflanze ich Veltliner an immer kühleren Terrassen, um Frische und Struktur zu erhalten. Ich experimentiere mit Traminer in Nordlagen und lese früher als noch vor ein paar Jahren. Zuckergehalt spielt dabei schon lange keine Solo-Rolle mehr, mein einziges Kriterium ist die physiologische Reife. Viele dieser Entscheidungen haben mit Erfahrung zu tun, mit Beobachtungen, mit Experimenten.
Kurz gesagt: Entscheidend ist die Bereitschaft, sich zu verändern und zu lernen.

Bewertungen:
Ich halte Bewertungen im Großen und Ganzen für eine selten sinnvolle Sache. Zu viel hängt von der Tagesverfassung der Verkoster, der Position in der Verkostung, persönlichen Präferenzen usw. ab. Dazu kommt noch das Faktum, dass viele Weine zu jung und zu früh verkostet werden. Wirklich gute Weine brauchen Zeit - sowohl im Keller als auch nach dem Öffnen im Glas.
Warum ich manchmal trotzdem mitmache? - Weil Kunden und Markt danach verlangen und man sich ihren Wünschen nicht einfach ganz entziehen kann.