Bericht von der 49er Europameisterschaft 2002 in Norwegen

Beginn des Spibergens

Starkwindluvtonnenfoto
UNIQA

Liebe Segelfreunde!

Wir, das UNIQA 49er Team des YC Bregenz, waren zwischen dem 24. Juli und dem 4. August in Grimstad/Norwegen um an der Europameisterschaft teilzunehmen.

Unser Ziel war es nach einem sehr extensiven Saisonbeginn die Weiterentwicklung der 49er-Klasse mitzuerleben und mitzumachen. Der Grund für die wenigen Wassertage unseres Teams in der 1. Jahreshälfte ist in dem etwas überraschenden, fast vollzeitigen Diplomarbeitsengagement von Vorschoter Daniel zu finden, der über 4 Monate eine Zucht von Tieren zu betreiben hatte, die natürlich täglich betreut werden musste. Uns war klar, dass wir trotz guter Resultate bei den bisherigen Regatten (1. bei der Primavelaregatta in der Schweiz; 2. bei Staatsmeisterschaft) in diesem Profi-Feld keine Chance auf einen Platz im Vorfeld hatten. Unser Ziel war vielmehr, uns Erfahrung und Segelpraxis für die nächsten Bewerbe zu holen, die man nur bei einer topbesetzten Regatta holen kann - die EM war heuer mit 89 Mannschaften sogar sowohl quantitativ wie auch qualitativ weit besser besetzt als die WM in Hawaii!

Gleich am Tag der Ankunft in Grimstad gingen wir trainieren. Die Bedingungen: flaches Wasser, gute 5 Beaufort, Sonnenschein und eine traumhafte Kulisse - gesegelt wurde in einem Fjord mit einer Vielzahl von felsigen Inseln. Wir machten Manövertraining und waren froh ohne Kenterung ausgekommen zu sein. Eine aufwendige Vermessung folgte. Nebenbei waren neu auftretende Produktionsfehler am Boot zu beheben.

FIRST DAY:

Bei nur 1-2 Beaufort ersegelten wir in unserer von vier Gruppen die Plätze 15, 16 und 21. Wir mussten sogleich erkennen wie furchtbar schwer es war, bei dieser Regatta gut zu starten: die Startlinie wurde - wie auch an den folgenden Tagen- extrem kurz ausgelegt, so dass nur etwas mehr als die Hälfte der Boote in der ersten Reihe Platz fanden. Aufgrund unserer fehlenden Praxis, in grossen Feldern zu segeln waren wir zumeist schon beim Start im Windschatten anderer Boote, was unsere taktischen Möglichkeiten stark einschränkte und im letzten Rennen zu Extremschlägen zwang. Dazu kamen gewisse Defizite bei der Geschwindigkeit.

DAY TWO:

Mehr Wind, diesmal die Plätze 14, 19, 19. Wir befanden uns zumeist im hinteren Teil des grossen Mittelfeldpulkes, was viel Übersicht bei den zahlreichen sehr engen Wegerechtssituationen verlangte, viele Extra-Manöver erforderte und somit das Segeln in dieser Klasse extrem aufreibend gestaltete. Für diesen und an allen folgenden Tagen hatten wir aufgrund einer anderen Windrichtung jeweils drei, statt der sonst üblichen zwei Up&Down-Runden zu segeln und mit ca. 20 Minuten Wettfahrtdauer halbwegs an die geforderten 30 Minuten Wettfahrtdauer zu kommen. Das bedeutete an Fahrzeit für Kreuz ca. 4 und für den Vorwind ca. 3 Minuten bei diesen schnellen Skiffs. Zudem verloren wird noch einige Plätze aufgrund von Fehlern im Spibergesystem. Höhepunkt des Tages war die erste Startkreuz in der ersten Wettfahrt, als wir von rechts kommend nach zwei Dritteln der Startkreuz vor so gut wie allen Booten passieren konnten.

BIG DAY THREE:

23-30 Knoten Wind (auf Startschiff gemessen) - das sind 6 bis mittlere 7 Windstärken! Das ist die Grenze des Segelbaren und nach Klassenregeln zum Teil nicht mehr erlaubt. In der ersten Wettfahrt segelten wir nach geglücktem Start auf Amwind-Kurs fast ausschliesslich mit flatterndem Grosssegel - dies, obwohl wir es maximal flachgetrimmt hatten! Der Flug unter Gennaker war wie die Halsen atemberaubend und so ging es ohne Kentern auf die 2. Kreuz. Hier aber passierte es: auf Steuerbordbug hatten wir zwei Schweizer Teams auf Backbordbug auszuweichen. Der Wind nahm gerade nochmals zu, so dass wir das Segel voll flattern lassen mussten und dennoch zuviel Druck zum Abfallen hatten. Das sonst schon extrem schwierige Abfallmanöver misslang dadurch und wir touchierten mit dem Bugspriet den Flügel der Schweizer und kenterten dabei. Diese Genfer Mannschaft konnte das Rennen mit einer Beschädigung an der Wingkante beenden. Hingegen war unser Bugspriet beschädigt und zwang uns aufzugeben und an Land einen zum Glück schnell aufgetriebenen neuen Spriet zu montieren. Die zweite Wettfahrt verpassten wir natürlich, erschienen aber zur dritten Wettfahrt wieder auf der uns an diesem Tag zugeteilten äußeren Bahn. Der Wind hatte inzwischen noch weiter aufgefrischt. Gleich bei der ersten Wende erwischte uns der Kenterteufel: Beim durch den Wind gehen hob sich der Bug so dass Wind unter den Rumpf und Flügel gelangte. Das Boot stieg mit dem Bug voran kerzengerade in die Höhe, warf uns ab und kenterte ÜBER DAS HECK!!! Insgesamt sind wir an diesem Tag gut zehnmal gekentert...bis auf den beschriebenen Schaden bieb alles Material ganz.

Einige andere kamen sowohl material- wie auch gesundheitsmäßig nicht so gut davon. So erlitt zB Thomas Rüegge bei einem Crash einen Nasenbeinbruch neben gravierendem Schaden an beiden Booten. Auch wir erlitten zahlreiche große Prellungen am ganzen Körper, welche wir jedoch adrenalingepusht auf dem Wasser gar nicht realisierten. Daniel erlitt bei einem Kentersturz in die Wanten einen grossen Bluterguss im rechten Oberarm, der ihn als Gross- u Spinnakertrimmer an den letzten Segeltagen dann behinderte. Für die ganzen physischen und psychischen Anstrengungen an diesem Tag dann genausoviele Punkte (DNF, DNS, DNF) zu erhalten, wie wenn wir im Bett geblieben wären, senkte unsere Stimmung weit. Bei allen Wettfahrten ist das Ziel nur 12 Minuten offen, alle anderen gestarteten erhalten ein DNF, was bedeutet, dass mehr als zweimal Kentern nicht drin ist.

DAY FOUR:

Am Donnerstag (leider in die Bronzegruppe (32 Boote) eingeteilt) fühlten wir uns bei vier Windstärken sehr wohl, rundeten in der ersten Wettfahrt die Luvtonne als fünfte, verloren dann aber unter anderem aufgrund einer Spisanduhr noch ein paar Plätze auf den 11. Platz. Den drehenden und böigen Wind konnte wir auf dem Wasser gut lesen, das ergab einen siebten Platz in der zweiten und nach einer fulminanten Aufholjagd mit viel Übersicht nach einem Foul beim Start Rang 10 in der dritten Wettfahrt.

Wir wären gern noch zwei weitere Wettfahrten gesegelt, aber die Wettfahrtleitung machte lieber Feierabend. Nach diesem Tag haben wir uns weit nach vor, auf den 14 Platz in der Bronzegruppe verbessert (der Qualifikationsplatz wird unstreichbar mitgewertet).

BIG DAY FIVE:

Am letzten regnerischen und sehr windigen Tag wurde nach einigem Zögern die Gold- und Bronzegruppe aufs Wasser geschickt. Die Topsegler der Goldgruppe wurden wieder an Land geschickt, aber die Bronzegruppe durfte auf dem Wasser ums Überleben kämpfen. Wir erreichten das Zeitlimit für den Zieldurchgang nicht und fielen um einen Platz in der Bronzegruppe zurück.

Nach gut 2 Stunden des Wartens an Land war noch einmal die Goldgruppe auf dem innenliegenden Kurs dran. Der Wind war wieder am bzw. über dem Windlimit der Klassenregeln (länger als 30 Sekunden 25 kn bzw. einmal 30 kn). Ich ging beim deutschen Bundestrainer Roland Gäbler (eine olympische Bronze Medaille (Sydney 2000), 3 Welt- und 9 Europameistertitel im Tornado) mit aufs Schlauchboot um noch etwas über das Starkwindsegeln zu lernen. Am Bodensee würde keiner mehr ans Segeln denken und was die 49er leisteten und wie die Masten brachen, wie mehrfache 49er-Weltmeister, Volvo-Ocean-Racer, America’s Cup-Taktiker und Olympiastarter kenterten, es war fast unglaublich.

Wie bei der WM gewannen die Spanier Martinez/Fernandez vor den Briten Draper/Hiscocks und den Norwegern Sundby/Bove. Die anderen Österreicher Delle-Karth und Resch wurden hervorragende 22 und wir gesamt 70. von 89 gestarteten 49er Skiffs.

Die EM ist aus vielen Gründen (Trainings- und Regattarückstand, Crash mit Bruch, tw. sehr viel Wind) leider nicht ganz wunschgemäß verlaufen, wir konnten jedoch wieder viel dazulernen und die Entwicklungen in der Klasse mitverfolgen. Der starke Leistungsanstieg der anderen österreichischen Mannschaft Delle-Karth / Resch gibt uns jedoch Ansporn, Auftrieb und Motivation dieser so anspruchsvollen olympischen Klasse erfolgreich treu zu bleiben. Wind hatte es ja genug.

Neben mehreren kleineren Regatten stehen für uns heuer noch an verbleibenden größeren Regatten die Austrian Lakes Week und die Schweizermeisterschaft in Genf an.

Beste seglerische Grüße

Daniel und Dominik Kocholl

Mit dem Spi vor dem Feld

Mit den Welt- und Europameistern vor dem Leegate

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