Matthias Sindelar - der
papierene Tänzer
ein Kapitel aus dem Buch "Mehr als ein Spiel"
von Roman Horak und Wolfgang Maderthaner, erschienen im
Verlag Löcker, ISBN 3-85409-276-8

Er war ein Kind aus Favoriten
und hieß Matthias Sindelar.
Er stand auf grünem Platz inmitten,
weil er ein Mittelstürmer war
Er spielte Fußball, und er wußte
vom Leben außerdem nicht viel.
Er lebte, weil er leben mußte
vom Fußballspiel fürs Fußballspiel.
Er spielte Fußball wie kein zweiter,
er stak voll Witz und Phantasie.
Er spielte lässig, leicht und heiter,
er spielte stets, er kämpfte nie.
Er warf den blonden Schopf zur Seite,
ließ seinen Herrgott gütig sein,
und stürmte durch die grüne Weite
und manchmal bis ins Tor hinein.
Es jubelte die Hohe Warte,
der Prater und das Stadion,
wenn er den Gegner lächelnd narrte
und zog ihm flinken Laufs davon.
Bis eines Tages ein andrer Gegner
ihm jählings in die Quere trat,
ein fremd und furchtbar überlegener,
vor dem's nicht Regel gab noch Rat.
Von einem einzigen harten Tritte
fand sich der Spieler Sindelar
verstoßen aus des Planes Mitte
weil das die neue Ordnung war.
Ein Weilchen stand er noch daneben,
bevor er abging und nachhaus.
Im Fußballspiel, ganz wie im Leben,
war's mit der Wiener Schule aus.
Er war gewohnt zu kombinieren,
und kombinierte manchen Tag.
Sein Überblick ließ ihn erspüren,
daß seine Chance im Gashahn lag.
Das Tor, durch das er dann geschritten,
lag stumm und dunkel ganz und gar.
Er war ein Kind aus Favoriten
und hieß Mattihas Sindelar.
( Friedrich Torberg, "Auf den Tod eines Fußballspielers")
Das Genie im wahrsten und höchsten Sinn
Gegen Mittag des 23. Jänner 1939 verbreitete sich in Wien
wie ein Lauffeuer die Nachricht vom Ableben des knapp 36jährigen Wiener Fußballkönigs
Matthias Sindelar. Er war zu dem Zeitpunkt, da er in einer Wohnung in der Annagasse
aufgefunden wurde, bereits an die zwölf Stunden tot.
Neben ihm lag in tiefer Bewußtlosigkeit die 40jährige Wirtin der Gulaschhütte "Zum
weißen Rößl" im selben Haus - die halbjüdische Italienerin katholischer
Konfession Camilla Castagnola, mit der Sindelar seit zwei Wochen ein Verhältnis hatte.
Sie verstarb einen Tag später, ohne noch einmal aus ihrer Bewußtlosigkeit zu erwachen.
Im Zusammentreffen solch spektakulärer Umstände gediehen die abenteuerlichsten
Gerüchte, umsomehr, als von jenen Beamten der Kriminalpolizeidienststelle Innere Stadt,
die die Wohnung gewaltsam geöffnet hatten, bestätigt wurde, auf keinerlei Gasgeruch
getroffen zu sein. Doppelselbstmord, so lautete eine Variante, ohne aber augenscheinliche
und zwingende Motive vorbringen zu können; Giftmord eine weitere, durch den
Obduktionsbericht schnell widerlegte (eine alternde Frau habe in der Heirat mit Sindelar
ihre letzte Chance auf Respektabilität gesehen und, als dieser sich vehement weigerte,
ihm den "Schierlingsbecher gereicht"). Und da wollten auch Gerüchte nicht
verstummen, die besagten, Castagnola sei in den Diensten des berüchtigten Zuhälters
"Amerika-Maxl", einer Zentralfigur des Praterstrichs, gestanden und Sindelar
einem Racheakt zum Opfer gefallen. Oder gar einer tragischen Verwechslung, da das Attentat
ja eigentlich dem Zuhälter gegolten habe.
Die Ergebnisse der polizeilichen Untersuchungen zeichnen
hingegen ein wesentlich nüchterneres Bild. Bei der Obduktion wurde eine Zersetzung des
Blutes festgestellt, wie sie bei Rauchgasvergiftung auftritt, andere Vergiftungsursachen
wurden ausgeschlossen.. Sachverständige stellten mit Hilfe der Feuerwehr einen
schadhaften Abzug des Ofens fest und gingen mit einiger Sicherheit von der Möglichkeit
eines Zurückschlagens von Gasen aus.
Resümee: Tod durch Kohlenoxydgasvergiftung. Trotz dieser klaren Aussagen aber wies der
Bericht der Polizei noch immer genügend Unklarheiten und Widersprüche auf, sodaß die
Staatsanwaltschaft ihre Untersuchungen in der "Strafsache Matthias Sindelar gegen
unbekannte Täter" noch ein halbes Jahr, allerdings erfolglos, weiterführte.
Die Frage ob Mord oder Selbstmord, Doppelselbstmord oder Unglücksfall blieb ungelöst.
Aber näher besehen sind die genaueren äußeren Umstände, unter denen der
"Papierene" verschieden ist, ohnedies völlig irrelevant. Er, der von
"jedem Wiener, der ihn gekannt hat, also von jedem Wiener" verehrt, ja geliebt
wurde, der das Fußballspiel zur Ballästhetik entwickelte, der wie kein Zweiter die hohe
Wiener Fußballschule geprägt hat und mit ihr identifiziert wurde - er galt den Wienern
schlicht als Genie, als "Genie im wahrsten und höchsten Sinn".
Und Genies, zumal hierzulande, sind eben früh vollendet, sterben häufig in jungen Jahren
unter mysteriösen Umständen. Erst dieses Ableben von der Zeit fördert jene Legenden-
und Mythenbildung durch die Nachwelt, die sie in den Rang unsterblicher und unantastbarer
Heroen emporhebt.
Dabei wäre seine Karriere beinahe beendet gewesen, noch
ehe sie richtig begonnen hatte. In seinem ersten Jahr bei den Amateuren erleidet der
ausgezeichnete Schwimmer bei einem Unfall in einem Freibad eine schwere Knieverletzung.
Nach langem Zögern entschließt er sich, eine Meniskusoperation durchführen zu lassen -
ein Eingriff, dessen Ergebnis zu dieser Zeit noch mehr als ungewiß ist. Aber mit
unglaublicher Zähigkeit arbeitet er an sich und kommt bald vereinzelt wieder in der
"Ersten" der nunmehrigen Wiener Austria zum Einsatz. Doch noch wirkt die schwere
Verletzung nach; Sindelar ist zu filigran, zu weich, zu unentschlossen; die Fans geben ihm
den zunächst wenig ehrvollen Spitznamen "Papierener".
Zu diesem Zeitpunkt ist die Spielanlage der Austria in ihren wesentlichen Zügen bereits
ausgebildet, die drei ungarischen Topstars (die ehemaligen MTK Budapest-Spieler Alfred
Schaffer, Kalman und Jenö Konrad) haben ihr ihren unverwechselbaren Stempel aufgedrückt.
In dem Ausmaß, in dem Sindelar die Folgen seiner Verletzung überwinden und aus dem
Schatten dieser seiner großen Vorbilder heraustreten kann, spätestens aber, als der zu
dominierenden Spielerpersönlichkeit Herangereifte den Posten eines Mittelstürmers
übernimmt, treten weitere Elemente hinzu:
Witz, Leichtigkeit, Einfallsreichtum. Der Papierene wird zum Markenzeichen. Wie kaum ein
anderer hat er den Stil der Wiener Schule geprägt, wie kein zweiter wird er mit ihr
identdifiziert. Er hat die Grazie und den Humor seiner Überlegenheit, er hat
Musikalität. "Für mi", so Turl Wagner, "war er wie ein Tänzer am
Platz." Wenn er "seinen" Tag hatte, konnten weder Zuseher noch Gegenspieler
vorausahnen, was er mit dem Ball beginnen würde. Berühmt
wurden seine "Kabinettstückchen". So übernahm er bei einem Derby gegen Rapid
eine Flanke von halbrechts in vollem Lauf, überhob mit dem linken Rist den attackierenden
Verteidiger und schoß, ohne daß der Ball den Boden berührt hätte, mit dem rechten Fuß
unhaltbar ins Kreuzeck ein. Berühmt geworden sind auch seine Goalgetterqualitäten,
demonstriert etwa anläßlich des Mitropacupfinales 1933. Die Austria war im Mailänder
Hinspiel gegen Ambrosiana (heute Inter Mailand) nur knapp mit 1:2 unterlegen und führte
im Retourkampf bis fünf Minuten vor Schluß durch zwei Tore Sindelars, als den Italienern
der Anschlußtreffer gelang. Alles hatte sich bereits mit einem dritten Spiel abgefunden,
als sich der Papierene unmittelbar vor Schlußpfiff für einen Moment der Manndeckung
durch Viani entzog und mit seinem dritten Treffer die Austria erstmals zum
Mitropacupsieger machte.
Solcherart faszinierte das Spektakel Fußball nicht nur die vorstädtischen Massen,
sondern eroberte zunehmend auch das intellektuelle, das kulturelle, das
"geistige" Wien der Moderne. Alfred Polgar: "Er spielte Fußball, wie ein
Meister Schach spielt: Mit weiter gedanklicher Konzepotion, Züge und Gegenzüge
vorausberechnend, unter den Varianten stets die aussichtsreichste wählend, ein
Fallensteller und Überrumpler ohnegleichen, unerschöpflich im Erfinden von
Scheinangriffen, denen, nach der dem Gegener listig abgeluchsten Parade, erst der rechte
und dann unwiderstehliche Angriff folgte. Er hatte sozusagen Geist in den Beinen, es fiel
ihnen, im Laufen, eine Menge Überraschendes, Plötzliches ein und Sindelars Schuß aufs
Tor traf wie eine glänzende Pointe, von der aus der meisterliche Aufbau der Geschichte,
deren Krönung sie bildete, erst recht zu verstehen und zu würdigen war."
Die Figur des Papierenen erwies sich dabei als idealer, wenngleich durchaus nicht einziger
Anknüpfungspunkt. Der "Musikschriftsteller" Alban Berg, Schüler Arnold
Schönbergs und herausragender Vertreter der Zweiten Wiener Schule, der Zwölftonmusik,
war etwa glühender Rapid-Fan. Wie wir dem Briefwechsel mit einem seiner engsten
Vertrauten - dem "gemäßigten Bohemien", Schriftsteller, Musikkritiker und
Wien-Korrespondenten der Frankfurter Zeitung, Soma Morgenstern - entnehmen,
machte die Liebe in diesem Fall allerdings nicht sehend, sondern eher blind. Alban Berg
liebte Debatten "in jeder Form über alles" - ausgenommen einzig und allein die
jeweiligen Leistungen seiner Rapid. Häufig schickte er Morgenstern die "Kunst des
Fußballs" betreffende Zeitungsausschnitte und mit "kindlicher
Schadenfreude" verfertigte Karikaturen der von seinem Freund bevorzugten Kicker,
wobei sich sein Spott vor allem gegen den korpulenten Admira-Außenstürmer Siegl, genannt
der "Burgamaster", richtete.
Aber auch mit seinen Rapidlern konnte Berg durchaus hart ins Gericht gehen: So, wenn er
angesichts durchaus dürftiger Leistungen den Wunderteamverteidiger Schrameis als
"Schramscheiß" bezeichnete. Und es konnte durchaus passieren, daß Berg eine
wüste Polemik gegen den polnischen Geiger Brunislaw Hubermann, der den Jazz als eine
"musikalische Perversität" bezeichnet hatte, auf dem offiziellen Briefpapier
des österr. Fußball bundes abfaßte, Morgenstern dabei als "Soma-Siegl"
ansprach und selbst als "Neugschweidl" zeichnete. Morgenstern wiederum war
Hakoahner, wechselte aber allerdings nach dem Zerfall der Meistermannschaft von 1925 zur
Admira. Er "hasse diese Tschechen von Rapid", und, so Morgenstern in einem Brief
an Berg vom 13. Juli 1928, wenn Rapid gegen die Hakoah-Amerikaner spielte, so wäre dies,
"wie wenn Oskar Nebdal gegen Klempner dirigieren würde." Als sich Rapid nicht
für den Mitropacup 1931 qualifizieren konnte, konstantierte er, daß die Hütteldorfer
nunmehr wohl entgültig verstorben seien und ihnen hoffentlich die "Wiener Theater
und andere Ordinärheiten" folgen würden.
Es war Friedrich Torberg, der immer wieder auf die enge
Verzahnung zwischen Sport, Kaffeehaus und auch Theater hingewiesen hat. Einer seiner
theater- und fußballbesessenen Freunde habe ihm einmal gesagt, er gehe am Sonntag
nachmittag zum Mitropacupspiel Austria gegen Bologna, da es ihn interessiere, wie Sindelar
diesmal die Rolle des Mittelstürmers auffassen werde. Damit, so Torberg, wollte
keineswegs gesagt sein, daß Sindelar "etwa für die Galerie gespielt hätte. Aber er
verfügte über einen so unglaublichen Variations- und Einfallsreichtum, daß man
tatsächlich niemals wissen konnte, welche Spielanlage von ihm zu erwarten war. Er hatte
kein System, geschweigeden eine Schablone. Er hatte - man wird diesen Ausdruck gestatten
müssen - Genie." Sindelar entwickelte das Fußballspiel zur Ballästhetik, zur hohen
Kunst; er "interpretierte" das Spiel, ähnlich wie große Schauspieler ihre
Rolle gestalten, er entwarf auf dem Rasen meisterhaft durchdachte, komplexe und in sich
geschlossene Skizzen, Parabeln und Kurzgeschichten, ähnlich den Größen der Wiener
Kaffeehausliteratur.
Der Papierene war bereits zu seiner aktiven Zeit Legende.
Einer, um den, wie Alfred Polgar dies in Anspielung auf ein pouläres Wienerlied
forumuliert, "die Weiber und die Kinder herumgesprungen" sind.
Er wußte diese Popularität auch umzusetzen, wurde einer der ersten, wie es im damaligen
Sprachgebrauch hieß "Werbeprofis" und bewarb u.a. Molkereiprodukte.

(Foto: Kronen-Zeitung
vom 19. 1. 1999)
Was, wie der spätere Theatermacher und Schauspieler
Herbert Lederer in seinen Kindheitserinnerungen festhielt, vor allem bei seinen jungen
Fans durchaus ambivalente Gefühle und nur geteilte Begeisterung auszulösen vermochte:
"Matthias Sindelar, was tust du mir an ! Saure Milch, Topfen, Buttermilch, Rahm, das
alles habe ich nie leiden können !
Nun erscheinen auf einmal riesige Plakate an den Wänden: der Sindelar sitzt in der
Nationaldress auf einem Geländer, in schwarzer Hose und weißem Leiberl, die blonden
Haarefein glatt zurückgekämmt, an den Füßen die Fußballpackln mit den Stoppeln, ein
funkelnagelneuer Matchball daneben.
Oben steht groß: Matthias Sindelar ißt Miag-Fru-Fru. Und tatsächlich, mein
Idealfußballer hält in der Hand ein weißes Flascherl und löffelt, so scheint es, mit
Genuß den Inhalt heraus. (...) Wenn du ein Klassefußballer werden willst wie der
Sindelar, mußt du saure Milch trinken, pflanzt mich der Vati. Auch der Herr Ramberger ist
dieser Meinung: ohne Fru-Fru kein Mittelstürmer."
Nun, der Mittelstürmer agierte auch als Dressman, die Firma Tlapak in der
Josefstädterstraße kreierte nach dem legendären Englandspiel einen eigenen
"Sindelar-Ulster", Uhrenerzeuger warben mit Sprüchen wie "Sindelar, der
beste Spieler der Welt, ist glücklicher Besitzer der wertvollen
Alpina-Gruen-Pentagon-Uhr", und schließlich drehte er in Budapest und am Plattensee
einen abendfüllenden Spielfilm mit dem titel "Roxy und ihr Wunderteam." Dennoch
legte der Profi immer auch Wert auf eine solide existentielle Absicherung: zunächst als
Autoschlosser, später als Abteilungsleiter der Sportartikelfirma Pohl.
In merkwürdigem Gegensatz dazu zeichnen sämtliche verfügbaren Erinnerungen von
Weggefährten, Freunden und Bewunderern, ob schriftlich oder mündlich, den
"privaten" Sindelar als überaus scheu, sensibel und introvertiert; ebenso wie
seine herausragenden menschlichen Qualitäten übereinstimmend hervorgehoben werden. Nie
habe er, der geradezu zum Inbegriff des körperlosen Spiels wurde, ein absichtliches Foul
begangen, nie hätte es Kritik an jüngeren und unerfahreneren Mitspielern gegeben. Ganzen
Scharen von Arbeitslosenkindern hat er Freikarten für die sonntäglichen Matches besorgt
und, sobald es ihm finanziell möglich war, für eine seiner Schwestern ein
Kolonialwarenhandelsgeschäft erworben. "Er war ein richtiger goldiger Kerl",
meint Pepi Stroh, langjähriger Partner Sindelars im Austria-Sturm, um es dann auf den
Punkt zu bringen: "Er ist ein Arbeiterkind gewesen und er ist eins geblieben. Trotz
seiner Größe im Fußball war er immer der bescheidene Sindelar."
Als typisches Favoritner "Ziegelbehmkind" sind
ihm eine Reihe von Charakterzügen eigen, die man als nachgrade klassenspezifisch
bezeichnen kann und die insbesonders jene kennzeichnen, die durch außergewöhnliche
individuelle Leistungen ihren durch kollektive Chancenlosigkeit vorgezeichneten Lebensweg
zu korrigieren versuchen, ohne des wegen ihr "proletarisches" Herkunftsmilieu zu
verleugnen. "Anständigkeit", das Streben nach "Respektabilität",
"Gerechtigkeitssinn", Ortsgebundenheit" und ein vager "Stolz"
sind dafür ebenso typisch wie eine generelle Unsicherheit im Umgang mit anderen, fremden,
sozial übergeordneten Milieus.
Bei Sindelar kommt, verstärkt durch den frühen Kriegstod seines Vaters, eine starke und
zärtliche Mutterbindung hinzu. Zeit seines Lebens wohnt er bei seiner Mutter in der
Quellenstraße. Zeit seines Lebens ist sein Verhältnis Frauen gegenüber
vorsichtig-distanziert, seine "Affären" sind kurz und von Bindungsangst
geprägt. Treu hingegen blieb er seinem Favoriten und seiner Austria. Unweit seines
Wohnsitzes betrieb er einen "gepflegten und wohlbehüteten" Schrebergarten, und
als von englischen Profiklubs sensationelle Angebote eintrafen, die ihn mit einem Schlag
zu einem der teuersten Spieler seiner Zeit machten, lehnte er diese mit der nicht
unoriginellen Begründung ab, daß das britische Weltreich ohnedies über genügend
Klassefußballer verfüge und es daher auf einen oder mehr weniger auch nicht ankäme.
Vereinnahmung - Mythologisierung - Legendenbildung
Bereits unmittelbar nach seinem Ableben setzten Vereinnahmungen und Mythologisierungen
ein. Von den Nazis, die wohl fürchteten, daß seine Popularität nunmehr gegen sie
ausschlagen könnte, wurde er taxfrei zum "bekanntesten Soldaten des Wiener
Fußballsports" stilisiert und eine staatsbegräbnisähnliche Trauerfeier inszeniert,
an der immerhin 15.000 Menschen teilnahmen. Der "Sindi" hatte allerdings mit dem
Faschismus, insbesondere in dessen deutsch-
preußischer Ausprägung, nichts anzufangen gewußt. Seine tiefempfundene Abneigung
brachte er auf seine Weise zum Ausdruck. Die Sage geht, daß, nachdem im März 1938 sein
Förderer, der später in die Emigration gezwungene Fußballdoktor Emanuel
"Michl" Schwarz, abgesetzt worden war und der neue Austriavorstand verboten
hatte, Schwarz auch nur zu grüßen, Sindelar mit den folgenden Worten vor diesen hintrat:
"I, Herr Doktor, werd' Ihna
oba immer griaß'n."
Als, vor der Vereinigung der beiden Verbände, für den 3. April 1938 ein
"Versöhnungsspiel" zwischen dem Team der "Ostmark" und der
reichsdeutschen Auswahl im Wr. Stadion angesetzt wird, läßt sich Sindelar, der sich in
den letzten Jahren zunehmend vom Nationalteam zurückgezogen hatte, noch einmal als
Mittelstürmer aufstellen. Und bietet noch einmal, ein letztes Mal, ein ganz großes
Spiel. Angeblich hat es eine Weisung gegeben, die den Österreichern verbot ein Tor zu
schießen. Sindelar jedenfalls vergab, wie Zeitungen einhellig berichteten, eine Unzahl
von herausgespielten hundertprozentigen Torchancen so elegant und geschickt, daß die
Demütigung der "Reichsdeutschen" gar nicht deutlicher hätte ausfallen können
und jedem einzelnen der 60.000 Zuschauer, zum Großteil aus treuen Nazi-Parteigängern
zusammengesetzt, klar werden mußte, wer hier der eigentliche Chef auf dem Rasen
war. Bis es ihn in der zweiten Hälfte nicht mehr hält und er einen Abpraller mit Gefühl
und effet unhaltbar zum 1:0 ablenkt. Als dann noch sein bester Freund, "Schasti"
Sesta, einen Freistoß aus 45 Metern (!) in hohem Bogen über den deutschen Torhüter
hinweg zum Endstand von 2:0 einschießt, zieht Sindelar vor die mit Nazibonzen
vollbesetzte Ehrentribüne und führt wahre Freudentänze auf. Selbst die schon
gleichgeschaltete Neue Freie Presse kann sich der allgemeinen Euphorie nicht
enziehen und widmet, nach einer umständlichen Verbeugung vor der Neuordnung des deutschen
Sportwesens im nationalsozialistischen Sinne, dem "Triumph der Wr.
Fußballschule" eine ausführliche Eloge. Noch bei der Beobachtung des Trainings
hatte "Reichstrainer" Sepp Herberger Sindelar nicht erkannt und abfällig
gemeint: "Das soll ein Fußballer sein ?" Nun folgen Einladungen zu
"Reichslehrgängen", also Einberufungen in den Kader der reichsdeutschen
Fußballauswahl. Sindelar hat sie nicht einmal ignoriert. Die Zeit des Tänzers war
vorbei.
Ab August 1938 war der stetes auf die materielle Absicherung seiner Zukunft bedachte Profi
Besitzer eines beliebten Cafés in der Laxenburgerstraße in Favoriten.
(Fotos: Kronen-Zeitung
vom 19. 1. 1999)
Es war ein arisierter Betrieb, wie soviele tausende
anderer Wiener hatte auch Sindelar die Gunst der Stunde genutzt. Immerhin bezahlte er dem
ihm gut bekannten jüdischen Vorbesitzer Leopold Simon Drill die durchaus beachtliche und
dem tatsächlichen Wert der Liegenschaft ungefähr entsprechende Summe von RM 20.00,-,
wobei RM 15.000,- notariell sofort hinterlegt wurden und der Rest in Halbjahresraten
angezahlt werden sollte. Auch jenes Mindestmaß an politischen Pflichtübungen, das zum
Überleben notwendig schien, erfüllte er: Zur Eröffnung seines Cafés waren diverse
Nazibonzen geladen, in Interviews äußerte er sich zur Zukunft des
"ostmärkischen" Fußballs positiv, da die unterernährten Kinder nun endlich
ausreichend zu essen bekämen. Das wars dann aber auch schon. Als seine Schwestern das
Kaffeehaus nach seinem Tod weiterführen wollten, äußerte sich die Gauleitung der NSDAP
Wien dahihngehend, daß Sindelar als "sehr judenfreundlich" bekannt gewesen sei
(Fußballklub Austria, Dr. Schwarz) und seine Angehörigen wohl nicht anders eingestellt
sein würden. Die Führung des Kaffeehauses habe sich Sammlungen der Partei gegenüber
"ziemlich ablehndend" verhalten, Parteiplakate seien sehr widerwillig oder
überhaupt nicht angebracht worden. Aber auch die bereits ins Exil gedrängte Wiener
Kaffeehausliteratur vereinnahmte Sindelar auf ihre ganz spezifische Weise und trug
ihrerseits einen wesentlichen Teil zur Legendenbildung bei, indem sie zur Gewissheit
machte, was die behördlichen Untersuchungen jedenfalls nicht ausschliessen konnten.
Friedrich Torberg ging in seiner berühmten und immer wieder zitierten "Ballade auf
den Tod eines Fußballers" dezidiert vom Selbstmord des Mittelstürmers aus, der
nicht mehr leben konnte in einer entfesselten Zeit, der neben dem Wiener Fußball so
vieles andere zum Opfer fiel, in der es im Fußball, ganz wie im Leben, mit der Wiener
Schule vorbei war. Und Alfred Polgar in einem bewegten Nachruf: "Der brave Sindelar
folgte der Stadt, deren Kind und Stolz er war, in den Tod. Er war so verwachsen mit ihr,
daß er sterben mußte, als sie starb. Aus Treue zur Heimat - alles spricht dafür - hat
er sich umgebracht; denn in der zertretenen, zerbrochenen, zerquälten Stadt leben und
Fußballspielen, das hieß, Wien mit einem abscheulichen Gespenst von Wien zu betrügen.
(...) Aber kann man so Fußballspielen ? Und so leben, wenn ein Leben ohne Fußball keines
ist ?"
Erinnerung und verklärende Rückschau konzentrierten sich
in der Folge allerdings bald mehr auf den außergewöhnlichen Spielwitz und das
großartige Spielverständnis dieses Ausnahmekönners, auf die Personifikation des
Spielerischen, des Leichten und Anmutigen, auf Sindelar als die idealistisch überhöhte
Inkarnation wienerischer Mentalität und wienerischen Wesens. Hans Weigel 1950: "Er
war in Wunder, ein Künstler, ein Phänomen... Nie wurde Sport anmutiger, geistreicher,
überlegener und entmaterialisierter betrieben. Das große Wort vom 'Spiel' erfüllte sich
bei ihm wie bei keinem anderen.... Längst ist er zu Legende geworden, und wer ihn kannte,
muß sagen: mit Recht."
Die Versuche zur Vereinnahmung und zur Mythenbildung
setzten also - von zwei diametral entgegengesetzten und unversöhnlichen Positionen aus -
unmittelbar nach dem tode Sindelars ein, wobei jene der Nazis zwangsläufig scheitern
mußten. Sehr bald verboten sie die von Freunden und Bewunderen organisierten anläßlich
des Todestages alljährlich an seinem Grab abgehaltenen Taruerkundgebungen mit der
Begründung, angesichts des massenhaften
Sterbens im Felde seien solche Manifestationen "nicht zeitgemäß".
Hingegen konnte die Version der Kaffeehausliteraten insofern geschichtsmächtig werden,
als sie tatsächlich einen realen Kern aufwies und Sindelar als "Künstler"
auswies, in dem sich die klassischen Wiener Tugenden der Leichtigkeit und Grazie, des
Humors und der verschlampten Genialität idealtypisch verdichteten. Sie trug somit
wesentlich zu einer gegen den "preußischen" bürokratischen Dirigismus und
Zentralismus gerichteten regionalen, im weiteren Sinne auch nationalen Identitätsfindung
bei.
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