Moosburg

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Legenden und Sagen:

Der Frevler von Tigring


Inmitten von üppigen Wiesen und Äckern liegt nördlich voll Moosburg das freundliche Tigring Dort saßen einmal am Weihnachtsabend die Burschen des Dorfes im Gasthaus beisammen. Sie tranken und rauchten und mit der Zeit wurde die Luft in der Gaststube so dick, dass man sie fast schneiden konnte. Das störte aber die lustigen Zecher nicht, die sich tolle Geschichten von Wilddieben und Gespenstern erzählten.

Schon längst hatte sich die Nacht über das verschneite Tigring gebreitet, da rief plötzlich ein dunkelhaariger, bärenstarker Bursche, der Holzknecht Jörgl: "Freunde, heute gehen wir nicht heim! Ich pfeif heut auf die Mette!"

Und sie blieben weiter am Wirtstisch sitzen. Weil es schon gegen elf Uhr ging, begann einer zu frotzeln: "Jörgl, du gehst nur deswegen nicht heim, weil du dich vor der Wilden Jagd fürchtest, die in der Heiligen Nacht besonders grauslich daherkommt!"

Das war dem halbtrunkenen, jungen Holzknecht zuviel. "I und die Wilde Jagd!"' schrie er auf. "Da kennst mich schlecht. Ich nehme es heut mit einem jeden auf, auch mit der Wilden Jagd! Um Mitternacht, wenn die Leute bei der Mette in der Kirche sind, stell ich mich hinauf in den Wald zur Räuberwand, wo das Kreuz am Weg steht und wo es die Wilde Jagd am ärgsten treibt. Heute zeig ich diesem Gesindel meine Fäuste!"

Der Holzknecht gurgelte den letzten Wein durch die Kehle. Vom Turm der Tigringer Kirche pochten elf Schläge in die Heilige Nacht, und die Weihnachtsglocken begannen zu läuten, um die Gläubigen zur Mitternachtsmette zu rufen.

"So, jetzt geh ich mit der Wilden Jagd raufen", erklärte der Bursche, "und nach der Mette bin ich wieder da!"

Der sehnige Holzknecht schlug den Lodenkragen hoch und stapfte aus der Stube. Seine Zechgenossen schauten ihm nach und wollten nun warten. Nur einer erhob sich und meinte: "Ich geh ihm nach. Vielleicht braucht er meine Hilfe?"

Nun wurde es in der Gaststube unheimlich still. Nur die Weihnachtsglocken und das Poltern des Windes waren zu hören.

Durch die Heilige Nacht schritten im weiten Abstand die beiden Tigringer Burschen. Die nächtliche Kühle tat ihnen wohl. Als sich der bärenstarke Jörgl breitspurig vor das Kreuz am Wegrand stellte und seine Fäuste ballte, stieg der andere in der Nähe der Räuberwand auf eine hohe Fichte. Kaum saß er in ihrem Wipfel, hörte er auch schon den Lärm der herannahenden Wilden Jagd. Ein Gewirr johlender Stimmen und stampfende Hufe glaubte er zu vernehmen. Sein Freund, der noch immer neben dem Kreuz stand, schien sich um dieses Toben nicht zu kümmern. Da sah der Beobachter, wie plötzlich ein helles Flämmchen aus der Felsenhöhle schoß, geradewegs auf den Frevler zu. Dieser tat einen furchtbaren Aufschrei und sank auf den weichen Schnee. Den Burschen auf dem Wipfel überkam eine solche Angst, dass er sich im Geäst nicht mehr halten konnte. Mit einem Hilferuf stürzte er vom Baum.

Erst als der Weihnachtsmorgen ein neues Licht über die verschneite Landschaft warf, zogen auch die anderen Burschen von Tigring los, um nach dem Schicksal ihrer Freunde zu sehen. Beide lagen langgestreckt im Schnee. Während der Frevler ganz entstellt war - sein Gesicht trug grausame Kratzspuren und ein schwarzer Streifen lief über seinen Rücken -, zeigte der andere noch geringe Spuren des Lebens, und er konnte wieder zur Besinnung gebracht werden. Den Toten trugen sie auf einer Bahre aus Fichtenästen in das Haus seiner Eltern.

Seit jener Nacht saß man in Tigring an keinem Weihnachtsabend mehr nach Einbruch der Dunkelheit im Gasthaus, und lange Zeit mied man des Nachts den Fürweg am Felsenloch, das seit jenem seltsamen Geschehen die "Teufelshöhle" heißt.

Aus Matthias MAIERBRUGGER "Kärntner Sagenbuch"
Verlag Johannes Heyn, Klagenfurt 1999, S. 230 - 233

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