Gräberfunde auf der Dorfseewiese 1959 (Chronist: Josef Hofstädter)

Südöstlich von Wallern erstreckte sich um die Jahrhundertwende ein flaches, versumpftes Gebiet, das auf weite Strecken hin keinerlei Siedlung aufweist. In den letzten Jahrzehnten ist freilich auch hier eine große Veränderung vor sich gegangen. Dieser Landstrich, in dem man seinerzeit höchstens Torf gewann, ist teils aus natürlichen Gründen infolge klimatischer Veränderungen, teils durch Entwässerungsarbeiten trockengelegt und damit einer landwirtschaftlichen Nutzung zugänglich gemacht worden. Heute ist das einstige Sumpfland meist schon Ackerland.

Bei den Arbeiten an der Entwässerung und Urbarmachung stoßen die Bauern immer wieder auf Spuren früherer menschlicher Tätigkeit, die erkennen lassen, dass auch dieser so lange brachgelegene Boden eine geschichtliche Vergangenheit besitzt und besiedelt war.

Es gibt hier beispielsweise ein Ried "Das alte Dorf", deren Name beweist, dass an dieser Stelle einmal ein Dorf gestanden sein muss. In dem vollkommen ebenen Gebiet ist selbst die geringste Bodenerhebung ein markanter Punkt in der Landschaft. Tatsächlich gibt es hier eine Anzahl solcher Bodenerhebungen, die bezeichnenderweise alle einen Namen haben. Eine von ihnen heißt ,,Burgstall". Dieser Name kann nur so gedeutet werden, dass hier eine Stelle war, die von Natur aus und wohl auch durch Werke von Menschenhand geschützt war und so der ansässigen Bevölkerung in Notzeiten als Zufluchtsort diente.

In diesem Rahmen konnte sich die Wissenschaft also schon bisher ein Bild von der Vergangenheit der Gegend östlich von Wallern machen. Die schönsten Funde aber kamen im Spätherbst des vergangenen Jahres, - wie bereits kurz berichtet - und heuer im September zum Vorschein.

Der Landwirt Paul Thei1er musste es naturgemäß als lästig empfinden, dass sich auf einem seiner Grundstücke inmitten des ehemaligen Sumpflandes ein Hügel befand, der zwar nur ungefähr einen Meter Höhe und bei kreisförmigem Umriss einen Durchmesser von etwa 20 Meter hatte, aber beim Ackern Schwierigkeiten machte. Er begann daher den Hügel einzuebnen. Dabei stieß er auf mehrere Skelette, die offenbar aus älterer Zeit stammten. In sehr verständnisvoller Weise betrachtete er diesen Fund als bedeutsam und meldete diesen im Gemeindeamt. So erhielt auch das burgenländische Landesmuseum Kenntnis von diesem interessanten und wertvollen Fund. Unter der Leitung des burgenländischen Landesarchäologen Dr. A. Ohrenberger und der Mithilfe zweier Präparatoren vom Bundesdenkmalamt wurden zuerst drei Gräber innerhalb dieses Hügels freigelegt. Infolge der konservierenden Eigenart des Bodens waren die Bestattungen sehr gut erhalten. Die Toten lagen ausgestreckt auf dem Rücken in Ost-West-Richtung in ungefähr 50 cm Tiefe.
 

Skelette aus dem 11. Jahrhundert

Skelett aus dem 11. Jahrhundert

Die Skelette hatten als Schmuck schöne gedrehte Reifen aus Bronze am Hals und Fingerringe aus dem gleichen Material an der rechten Hand. Dank dieser Beigaben war es auch nicht besonders schwer, die Funde zeitlich einzuordnen. Sie stammen aus dem 11. Jahrhundert nach Christus, also ungefähr aus jener Zeit, in der Neudorf bei Parndorf und andere Orte zwischen Bruck an der Leitha und Wieselburg erstmalig urkundlich aufscheinen. Bei der ersten Fundbergung ergab sich, dass diese hochmittelalterlichen Gräber auf einer noch älteren Siedlungsschicht liegen.

Aus dieser konnten Bruchstücke von Gefäßen, Spinnwirteln, Speisereste und auch Eisenschlacke geborgen werden. Es war geplant, sofort anschließend eine systematische Grabung durchzuführen. Leider trat anhaltendes Schlechtwetter ein, so dass die geplante Grabung auf das heurige Jahr verschoben werden musste.

Die heuer durchgeführten Grabungen brachten verblüffende Ergebnisse. Der ein Meter hohe Hügel enthielt 55 vorzüglich erhaltene Skelettgräber. Die Bestatteten lagen, bis auf eine Ausnahme, in Ost-West-Richtung gestreckt auf dem Rücken und meist mit den Händen längs des Körpers. Die Gebeine hatten die imposante Länge von 1,70 bis 1,80 Meter, ja sogar mehr. Die Verstorbenen dürften ein Durchschnittsalter von nur 30 Jahren erreicht haben.

Auffallend war die große Anzahl der freigelegten Kindergräber. Die Skelette der Kinder jeglichen Alters wiesen eine besondere Erscheinung auf, es fehlten größtenteils die Füße ab dem Knöchel. Dies kann nur mit rituellen Gründen bzw. mit der Furcht erklärt werden, dass die Kinder, deren Leben noch nicht erfüllt war, gespenstisch in dieses Leben zurückkehren könnten. Aber auch die Skelette der Erwachsenen ermöglichen einen weitgehenden Einblick in das Leben dieses Volkes. Es wurden Skelette mit typischen Reiterbeinen gefunden, einige weisen verschiedene Knochenverletzungen auf, die einen nicht ganz normalen Heilungsprozess erkennen lassen.

Auch Schmuckbeigaben wurden gefunden, wie gedrehte Bronzehalsreifen, eine größere Anzahl einfacher Ohrringe, Bronzearmreifen und verschiedener Bronzeschmuck, der mit der Haartracht oder Kopfbedeckung in Zusammenhang gewesen sein dürfte. Auch Perlenschmuck aus Glas oder Steinen und Spinnwirtel waren unter den Beigaben.

Besondere Anerkennung gebührt den Gendarmeriebeamten von Pamhagen, die während der Bergung des Fundes in vorbildlicher Weise mehrere Tage lang die aufgedeckten Gräber sicherten.

Welches Volk hat hier seine Toten bestattet ?

Da aus dem 11. Jahrhundert schriftliche Nachrichten aus diesem Raum vorliegen, liegt es nahe, alles das zur Auswertung heranzuziehen, was damals in den umstrittenen Grenzraum zwischen der Ostmark der Babenberger und Ungarn vor sich ging.

Die Gräber unterscheiden sich eindeutig von den Begräbnisplätzen der Magyaren des in Frage kommenden Zeitalters. Auch liegt bisher kein Anhaltspunkt vor, dass es sich hier um Slawen handeln könnte. Da auch aus den umliegenden Orten Einzelfunde ähnlicher Art vorliegen, ist anzunehmen, dass es Angehörige eines asiatischen Volksstammes sein könnten, die von den Magyaren im Grenzschutzdienst eingesetzt wurden. Dabei ergab sich der Gedanke an die Petschenegen. Aus dem Bericht des anonymen Notars Be1as III. (1173-1196) wissen wir, dass eine Anzahl von Petschenegen um 1068 bei Belgrad von dem Ödenburger Grafen Ian gefangen genommen wurde. Vermutlich waren es diese Leute, die dann als Grenzwächter in einzelne Orte, wie Kittsee, Mönchhof, Königshof usw. im heutigen Bezirk Neusiedl am See kamen. Sie erwiesen alsbald ihre Unzuverlässigkeit, da sie sich im Verlauf des Thronstreites zwischen König Salamon und den Herzögen gegen ihren Gebieter König Salamon stellten, der sie jedoch besiegte und größtenteils niedermetzeln ließ.

Für den Archäologen erhebt sich die Frage, ob es sich bei den aufgefundenen Bestattungen um solche der von König Salomon geschlagenen Petschenegen handelt oder um solche, die während der Zeit des Grenzwächterdienstes starben. Auffallend ist, dass kein Skelett in einem Holzsarg lag, sondern höchstens auf einem Brett, oder dass die Toten einfach mit einem Brett abgedeckt wurden.

Es ist auch interessant, dass ein in der Nähe liegender sogenannter Landhübel, eine weit und breit einzige höhere Erhebung, keinerlei Bestattungsspuren aufweist.

Während der Grabung erzählte ein Bauer, dass er beim Kultivieren eines Grundstückes in der Nähe dieser Erhöhung auf einen geformten Stein gestoßen sei. Der Beschreibung nach kann es sich nur um eine Handmühle gehandelt haben. Es könnte demnach angenommen werden, dass dieser immer trockene Landstreifen vor Jahrhunderten als Siedlungsplatz benutzt worden war. Um nun das dauernd bewohnbare Gebiet nicht zu verkleinern, benutzte man wahrscheinlich den außerhalb gelegenen kleinen Hügel als Friedhof. Auf dem Bestattungshügel konnte auch ein Siedlungshorizont nachgewiesen werden, der älter als die Bestattungen ist. Es fanden sich Spuren offener Feuerstellen, auch konnten Tierknochen und Keramikbruchstück aufgesammelt werden, doch war trotz sorgfältigster Untersuchung kein Hausgrundriss zu entdecken.

Die Ausgrabungen im sogenannten Petschenegengräberfeld östlich von Wallern, führen uns auf Spuren menschlichen Lebens und Sterbens vor mehr als acht Jahrhunderten zurück. Viele noch ungeklärte Fragen werden vielleicht nach weiteren eingehenden Untersuchungen beantwortet werden.

Originalaufzeichnung des Chronisten Josef Hofstädter

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