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Seit
dem Jahre 1921 bildet der "Eiserner-Kanal" mit seinem diesseitigen
Damm die Grenze zwischen Österreich und Ungarn. Diese Grenze trennt auch ca.
213 ha Wiesen und Ackerland vom Wallerner Hotter. Die Eigentümer dieser Grundstücke
waren bis zum Jahre 1948 berechtigt, ihren auf ungarischem Boden liegenden Grund
zu bearbeiten und die Früchte nach Österreich herüberzubringen. Um den
kleinen Grenzverkehr zu ermöglichen, besaß jeder, der drüber der Grenze
landwirtschaftliche Arbeit zu verrichten hatte, einen Dauer-Grenzübertrittsschein.
Südlich von Wallern, führte eine Holzbrücke über den
"Einser-Kanal". Die Steuer für diese Gründe wurde nach Ungarn gemäht
und jedes Jahr im Herbst kassierten ungarische Steuerbeamte diese Abgaben in
unserer Gemeinde ein. So war die Lage bis zum Jahre 1948.
Nach
dem Ende des zweiten Weltkrieges im Mai 1945 waren die Grenzen zwischen Ungarn
und Österreich zunächst unbewacht. Ungarn kamen mit Lebensmitteln herauf und
tauschten hier Gebrauchsgegenstände und Industrieartikel ein. In den Nächten
kamen aber auch lichtscheue Elemente, die auf Diebsbeute ausgingen. Zum Schutze
der Bevölkerung wurden bei uns und auch in den Nachbargemeinden in der Nacht
Wachen aufgestellt, die solche unerwünschte Besuche verhindern sollten. im Orte
selbst waren keine Unzukömmlichkeiten zu verzeichnen, im Gasthaus "Bohatsch"
beim "Einser-Kanal" ereignete sich aber eine gräßliche Bluttat. Am
18.5.1946 um 17 Uhr 30 fand man den neuen Gasthausgeber, Matthias Fiala, schwer
verwundet, seine Frau, Ludmilla, ferner Frau Antonia Wagner, geb. Bohatsch und
deren Sohn, Günter Wagner im Gasthause ermordet auf. Trotz eifriger
Nachforschung konnten die Täter bisher nicht ausgeforscht werden. Das Gebäude
wurde in den folgenden Jahren abgetragen. Heute (1956) sind nur mehr Reste der
Grundmauern vorhanden.
In
den nächsten Jahren nach 1948 wurde der Grenzübergang bei uns gesperrt, die
Holzbrücke und ungarischer Seite aus abgebrochenen und somit jeder Verkehr mit
Ungarn unterbunden. Hier und da kamen ungarische Jungmänner über den Kanal.
Sie verdingten sich in Österreich als Knechte und fanden somit nicht nur
bessere Lebensbedingungen, sondern sie entgingen auch der Militärpflicht in
Ungarn.
Als
Ungarn im Jahre 1949 zu eine kommunistischen Volksdemokratie wurde, flüchteten
immer mehr Ungarn über die Grenze und versuchten in die amerikanische Zone nach
Wien zu kommen. Unsere Gendarmerie und Zollwache hatten einen sehr schweren
Standpunkt. Einerseits hätten sie den Flüchtlingen gerne geholfen,
andererseits mußten sie die Flüchtlinge der russischen Besatzungsmacht ausliefern.
Unsere braven Bauern halfen nun oft, die Flüchtlinge vor dem Zugriff der Russen
zu verbergen.
In
ihrer Propaganda sprachen die Ungarn immer wieder vom
"Sowjetparadies", das nun auch bei ihnen verwirklicht werden soll. Um
in diesem Paradies alle Einwohner des Ungarlandes festhalten zu können, umzäunten
sie ihr ganzes Land mit dreifachem Stacheldraht, verminten die Grenze und zogen
außerdem einen 10 - 20 m breiten Ackerstreifen entlang der Grenze. Dieser
Streifen wurde regelmäßig planiert und geeggt, damit man die Fußspuren der
Grenzjäger entdecken kann. Die Minen waren mit Zugdrähten verbunden, die bei
Berührung die Minen zur Explosion brachten. So mancher Flüchtling fand durch
die Minen den Tod oder wurde schwer verletzt durch die ungarischen Grenzsoldaten
verhaftet. Entlang der Grenze stehen in je 500 m Entfernung 20 m hohe Holztürme
mit weiter Aussicht für die ungarische Grenzwache. Am Anfang war der
Stacheldrahtzaun zum jenseitigen Ufer des Kanals aufgestellt, später wurde er
auf den diesseitigen Damm verlegt. Ein Feldweg, der von unseren Bauern häufig
benutzt wurde, verlief knapp neben dem ungarischen Minengürtel. Es war immer
ein unheimliches Gefühl, wenn man diesen Weg passieren musste. Seit Errichtung
dieses Grenzhauses waren wir von Ungarn hermetisch abgesperrt. Man nannte diesen
Zustand "Der Eiserne Vorhang". Und es war auch so, als hätte man
zwischen die zwei Nachbarländer einen eisernen Vorhang gezogen. Es drang von drüben
kein Laut zu uns herüber. Wenn sich ganz selten ein ungarischer Grenzposition
sehen ließ, gab er auf Anruf keine Antwort und verschwand wieder. Die
ungarischen Grenzwachen bespitzelten sich gegenseitig. Keiner traute dem
anderen. Dies war die Ursache, dass es trotz Hörweite zu keinem Gespräch
zwischen den Grenzen kam. Im Sommer des Jahres 1956 wurden dann überraschenderweise
der Stacheldrahtverhau und das Minenfeld entlang der Grenze entfernt. Das
Schweigen und der "Eiserne Vorhang" blieben aber weiter.
Ende
Oktober des Jahres 1956 begannen Demonstrationen in Budapest gegen die
kommunistische Regierung. Diese Demonstration führte zu einem regelrechten
Volksaufstand, der in kurzer Zeit das ganze Land erfasste. Die Grenzen nach
Ungarn wurden, wenn auch nicht offiziell, geöffnet, Besucher kamen und gingen
herüber und hinüber. Verwandte, Bekannte, die sich jahrzehntelang nicht
gesehen hatten, konnten sich begrüßen und unter Tränen umarmen. Obwohl wir es
wussten, sahen wir es jetzt mit eigenen Augen, wie es im ungarischen
"Paradies" aussah. Unterdrückung, Unfreiheit, Armut, Elend, und Not
an allen Ecken. Es begann eine wahre Völkerwanderung zur Grenze. Die Verwandten
brachten Kleider, Wäsche, Lebensmittel, Schokolade, Orangen usw. Den Angehörigen,
die mit Tränen in den Augen dankbaren Herzens die Gaben entgegennahmen. Die
ungarischen Grenzsoldaten schimpften offen gegen die Russen und gegen die
Regierung. Kinder lutschten vergnügt an der Schokolade, die sie von Burgenländern
bekamen. Nur mit den Orangen wussten sie nichts anzufangen, denn diese Frucht
war ihnen gänzlich unbekannt.
Diese
Verbrüderung an der Grenze dauerte aber leider nicht lange. Anfangs November
rief die ungarische kommunistische Regierung die Russen zur Hilfe. Der so verheißungsvoll
begonnene Aufstand wurde zuerst in Budapest, dann in der Provinz blutig
niedergeschlagen. Augenzeugen berichten, dass Budapest von den Russen bei den Kämpfen
ärger demoliert wurde als im zweiten Weltkrieg. Nach dem blutigen Niederwerfen
des Aufstandes begann das große Flüchten nach Westen in das freie, neutrale Österreich.
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