Brauchtum

 


Gailtaler Kufenstechen und Lindentanz

Das ausschließlich im unteren Gailtal praktizierte Kufenstechen und der mit ihm verbunden Lindentanz sind, wie der aus Feistritz an der Gail stammende Historiker Franz Michor feststellte, jedem Gailtaler in Fleisch und Blut übergegangen und für alle anderen schon so oft beschrieben worden. Dennoch ist der Kenntnisstand, was Herkunft und Entstehung des Brauchtums anbelangt, bis heute nicht so fundiert, wie man es nach den zahlreichen Untersuchungen erwarten könnte.


Kufe – Fassl – Salzkufe

Bei der Kufe handelt es sich um ein eimerähnliches hölzernes Behältnis von etwas 45-50 cm Höhe und 35-45 cm Durchmesser – von den Einheimischen auch als Fassl bezeichnet – das auf Salzburger Salzkufen zurückgehen dürfte. Diese wurden schon früh von Gailtaler Säumern über die Alpenpässe ins Tal gebracht. Die Kufe wird drehbar auf einem etwa 2 m hohen Holzpfahl befestigt und muss von Reitern mit einer eisenbesetzten Keule zertrümmert werden.

 

Den Reitern, die auf ungesattelten Pferden durch ein schmales Spalier galoppieren, wird dabei beträchtliches akrobatisches Geschick abverlangt, sodass es häufig zu Fehlschlägen und Abwürfen kommt. Als Trophäe erhält der Sieger einen Blumenkranz und darf das Mädchen seiner Wahl zum Tanz führen. Eine Zeit lang wurde der Sieg beim Kufenstechen auch als Zulassung zur Heirat verstanden, da meist der Älteste, Stärkste und Erfahrenste der teilnehmenden Burschen den Sieg davontrug.

 

Während sich der Brauch heute weitgehend entschärft präsentiert, wurden noch zur Zeit Erzherzog Johanns zwei Durchgänge mit eisernen Lanzen – das eigentliche Stechen – und Eisenkeulen auf eine um gut ein Drittel größere Kufe geritten. Bis heute unverändert erhalten hat sich hingegen das Reichen der Binderinge und des Blumenkranzes am vorbeireitenden Sieger.

 

Der Hohe Tanz bei der Dorflinde

Nach dem Ende des Kufenstechens werden die Reiter zum Hohen Tanz bei der Dorflinde erwartet. Beginnend mit einem heiligen Lied, folgt das eigentliche Lindentanzlied, das Lied hat eine eigene Melodie wird nur im Gailtal und nur an den Kirchtagen gesungen. Bei ihm wird abwechselnd eine Strophe gesungen, während die Tanzpaare im Kreis gehen, und eine Runde getanzt. Die ersten beiden Strophen des Lindentanzliedes enthalten ein Bekenntnis zum christlichen Glauben und zum Sohn Mariens, die restlichen sind heiterer Natur.

Bis in die 50er Jahre war es noch üblich, die Mädchen vor dem Tanz von ihren Häuseren abzuholen und die ortsfremden Burschen, die sich dorfweise versammelt hatten, zum Tanz einzuladen – eine Betonung des friedlichen Charakters des Tanzes als Ausgleich für das vorhergegangene eher derbe und kriegerisch ausgerichtete Kufenstechen.

 

Der Jäger und das Mädchen

'Segn uns Gott den Lindentanz .....' erklingt die erste Strophe des heiligen Liedes welches den Lindentanz eröffnet. Um das Lindentanzlied hat es seine Bewandtnis. Einst soll auf den Kirchtagen immer wieder ein unheimlicher fremder Jäger mit einer langen roten Feder am Hut aufgetaucht sein, welcher mit dem schönsten Mädchen so lange getanzt hat, bis dieses vor Erschöpfung tot zu Boden viel. Da dieser gespenstische Gast immer wieder da und dort das gleiche böse Spiel trieb, erkannte man in Ihm bald den Teufel. So beschloss man beim Lindentanz ein heiliges Lied zu singen. Ab diesen Zeitpunkt ist der Jäger nirgends mehr gesehen worden.

 

Ursprung und Bedeutung

Das früheste nachgewiesene Zeugnis für ein „Kueffenstechen“ im Kärntner Raum stammt aus dem Jahr 1617, wo es in einem Gerichtsprotokoll für das Dorf St. Ruprecht aus der Gegend nördlich von Villach in dem das Gailtaler Kufenstechen namentlich erwähnt wird. Ab dem 18. Jahrhundert trifft man es, den bisherigen Unterlagen zufolge, ausschließlich im unteren Gailtal an. Die zeitliche Verbindung von Kufenstechen, Lindentanz und Kirchtag konnte noch nicht eindeutig geklärt werden., der Brauch dürfte aber um 1700 in einer der heutigen sehr ähnlichen Form schon bestanden haben und vermutlich noch ein Jahrhundert oder länger zurückreichen.

 

Vom Ablauf her erinnert das Kufenstechen an die römische Quintana, eine militärischen Waffenübung für Soldaten, die im Langer an einem mannshohen Holzpflock ausgeführt wurde und im Mittelalter als Quintaine die Bezeichnung für ein ritterlich-adeliges Waffenspiel wurde. Hier ritt man, als harmlosere Variante der höfischen Turniere, zu Pferd auf Schilde oder Halbfiguren als Ziel. In frühneuzeitlicher und barocker Modifikation finden sich über ganz Europa verstreut Ring- und Karusselspiele, bei denen versucht wurde, mit Lanze, Keule oder Pistole unterschiedliche, zum Teil in Kreisform angeordnete oder bewegliche Ziele zu treffen.

 

Ein Reiterkarussel und Ringelstechen wurde beispielsweise noch 1815 anlässlich des Wiener Kongresses durchgeführt. Auch aus dem Kärntner Nachbarraum Istrien und auch Udine sind ähnlich Bräuche bekannt. Spiele dieser Art mit figuralen Zielen, von denen sich Zeugnisse bin ins 19. Jahrhundert finden, waren jedoch zumeist auf den städtischen Raum beschränkt.

 

Waffenübung für das einfache Volk

Die derzeit ergiebigste Herkunftstheorie besagt, dass mit dem Niedergang der adelig-höfischen Ritterkultur und dem Beginn des Söldnerwesens, als Waffenübungen und kriegerische Spiele auch für das einfache Volk zugänglich wurden, vergleichbare Veranstaltungen auch außerhalb der Städte und Burgen stattfanden – mit den jeweils spezifische vorhandenen Gegenständen als Ziel.

 

Da viele Gailtaler als Säumer oder Pferdezüchter lebten und zum Teil auch ihre Transportgefäße selbst herstellten, wären Verbindungen zu Fass oder Kufe naheliegend. Das Einstechen auf Ringe oder Fässer im ländlichen oder handwerklichen Bereich ist überdies vom bayrisch-oberösterreichischen Raum bis nach Schleswig-Holstein bekannt. Jüngst konnte auch festgestellt werden, dass bereits um 1320 im Rheinland kleine Fässer als Ziel für ritterliche Waffenübungen verwendet wurden.

 

Die Gailtaler Legende

Die im Gailtal überlieferte Legende berichtet, dass zumindest das Kufenstechen aus der Zeit der Türkeneinfälle während des 15. Jahrhunderts (1476-1499) hervorgegangen ist, als die türkischen Heerscharen, die über der Predil-Pass und durch die Pforte von Thörl-Maglern eingefallen waren, das Gailtal mordend und brennend durchstreiften. 1478 hatten sie in der Nähe von Villach ein Lager errichtet, von dem aus sie bis über Hermagor hinaus vordrangen. Von den Adeligen und den kaiserlichen Truppen nur unzureichend geschützt, hatten sich damals Bauernaufgebote den Türken in den Weg gestellt, die aufgrund der Pferdezucht eigene Reitereinheiten bilden konnten.

 

Während einer dieser Kämpfe soll der Anführer einer türkischen Heerschar von Gailtaler Bauern gefangengenommen und am Dorfplatz von Feistritz an der Gail an einen Pfahl gebunden worden sein. Er wurde dieser Erzählung zufolge von den Bauern im Vorbeiritt mit einer Keule erschlagen – eine Tat, die über das Ende der Türkenkriege hinaus zur präventiven Feindesabwehr symbolisch wiederholt worden sein soll.

 

Eine zweite Version weiß zu berichten, dass bei einem Überfall auf das Lager der Türken einem türkischen Obristen von einem Bauern aus dem Dorf Saak in einem beherzten Vorstoß der Kopf abgeschlagen worden sein soll. Der Bauer musste seine Großtat zu Hause den Zurückgebliebenen vorführen, wofür eine Tonne auf einem Pfahl gesteckt wurde. Die anderen Streiter machten es ihm gleich und zum Andenken an diesen Tag wurde das Ritual alljährlich wiederholt.

 

Die Untergailtaler Frauentracht

Wenn man heute von den Frauentrachten in Kärnten spricht, dann denkt man sofort an die bunte, kurze Kirchtagstracht des unteren Gailtales. Durch Ihre Kürze und Farbenfreudigkeit unterscheidet sich die Untergailtaler Frauentracht auffallend von den sonst dunklen, langen Formen der Bänderhut- oder Goldhaubentrachten Kärntens. Kein Wunder, dass diese Tracht zu den meistbeschriebenen und noch öfters gemalten Formen Kärntens gehört und sich auch die Wissenschaft immer wieder mit ihr beschäftigt.


Sie wird in erster Linie am Jahreskirchtag getragen. Da sie streng an dieses Brauchtum gebunden ist, konnte sie zusammen mit diesem überleben. Die ältesten Trachtenstücke stammen aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Durch den Dobratschabsturz im Jahre 1348 wurde die Gail aufgestaut und die Bildung von Sumpfwiesen verursacht.

 

Das saure Gras ermöglichte die Pferdezucht in diesem Tal, das an der Drehscheibe Kärnten-Friaul-Krain liegt. Kein Wunder, dass die Gailtaler seit jeher als Frächter (Säumer) aufschienen und dem Verkehr zwischen den Adriahäfen (Triest, Venedig) und dem Alpenvorland (München, Augsburg) dienten.

 

Von diesen Fahrten brachten die Männer Erinnerungsstücke mit, die oft auch die Tracht betrafen. So ist es erklärlich, dass gerade diese Tracht sich rasch änderte und immer wieder in neuen Formen aufschien. Die Untergailtaler Frauentracht wird vielfach als „Slawische Tracht“ bezeichnet.

 

Geht man jedoch dem sprachlichen Ursprung der Stückbezeichnungen nach, so sieht man, dass z.B. das „untarfad“ (Unterpfad) deutschen Ursprungs, „rajuc“ (kleiner, enger Unterrock) slawischen oder slowenischen Ursprungs und „p’z’netl“ (fazoletto = Kopftuch) italienischen Ursprungs sind.

 

Diese Tracht ist eine ausgesprochene Festtagstracht und wird in den Beschreibungen immer wieder als malerisch und originell bezeichnet. Unterschiede ergeben sich durch die Art und Farbe der Stoffe, durch verschiedene Musterungen und auf die Trägerin abgestimmtes Beiwerk.

 

Die Frauentracht besteht aus einer Vielzahl von Teilen:

Der LEIBKITTEL gliedert sich in den plissierten und gestärkten Rock oder Kittel (ras) aus Reinwollfresko oder Lüster und das ärmellose Mieder, das aus glattem, geblumtem oder fein besticktem Samt genäht ist. Kittel und Mieder sind vorne offen und werden mit Bändern zusammengehalten.

 

Die BLUSE (vajspat = Weißpfad) besteht heute aus weissem Baumwoll-Leinengemisch. Ihre weitbauschigen Ärmel und der V-förmige, stark gefältete und gestärkte Kragen (kreaschl = kommt von gekräuselt), der den Rücken hinabläuft, bilden einen starken Kontrast zum dunklen Leibkittel.

 

Zur Festtagstracht gehören auch zwei SCHÜRZEN (wurtach = Vortuch). Die untere, kleinere Schürze, ist dunkel und glatt, die grössere darüber ist handplissiert und häufig von roter, grüner oder schwarzer Farbe (oft mit Blumenmotiven).

 

Der UNTERROCK (untarfat = Unterpfad) misst 12 Laufmeter im Volant. Er ist aus weissem Leinenstoff, der vorne offen ist. Seine stark gestärkte Borte im unteren Teil ermöglicht das federnde Mitschwingen des schweren Kittels.

 

Der ANSTANDSROCK (rajuc) darunter ist ein enger Rock aus weissem Leinen, der vor allzu neugierigen Blicken schützen soll.

 

Die baumwollene UNTERHOSE mit Gummizug wird unterm Anstandsrock getragen. Ihr spitzenbesetzter unterer Rand soll einige Zentimeter unter der Unterrockkrause hervorschauen.

 

Die weissen STRÜMPFE (stumpfe) mit ihrem Zipfel-, Streifen- oder Zopfmuster heben die Waden der Mädchen besonders hervor.

 

Zwei mit Fransen besetzte SEIDENTÜCHER finden als Kopf- und Brusttuch (p’z’netl = fazoletto) Verwendung.

 

Man trägt breite LEDERGÜRTEL mit Federkielstickereien (pas), vereinzelt auch besetzt mit Metallplättchen.

 

 

 

 

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