Horaz, Satiren II 6,    Vers  80 - 117

 

Landmaus und Stadtmaus

 

Hexameter

 

Horaz will den Gegensatz zwischen der städtischen Unruhe und der ländlichen Behaglichkeit zum Ausdruck bringen:

    

Land = Sicherheit und Freiheit:  Einfachheit, Bescheidenheit, Ärmlichkeit

Stadt = Risiko und Sklaventum: Reichtum, Luxus

 

 

                                                                       … olim

  81    rusticus urbanum murem mus paupere fertur

  82    accepisse cavo, veterem vetus hospes amicum,

  83    asper1 et attentus2 quaesitis, ut tamen3 artum

  84    solveret4 hospitiis animum. quid multa? neque ille5

  85    sepositi ciceris nec longae invidit6 avenae,

  86    aridum et ore ferens acinum semesaque7 lardi

  87    frusta dedit cupiens8 varia fastidia cena

  88    vincere tangentis9 male10 singula11 dente superbo,12

  89    cum pater13 ipse domus palea porrectus14 in horna

  90    esset15 ador loliumque, dapis meliora16 relinquens.

  91    tandem urbanus ad hunc 'quid te iuvat' inquit, 'amice,

  92    praerupti nemoris patientem17 vivere dorso?18

  93    vis tu homines urbemque feris praeponere silvis?

  94    dum licet, in rebus iucundis vive beatus!"

  95    Haec verba agrestem pepulere19 iamque tenebat

  96    nox medium caeli spatium, cum ponit uterque

  97    in locuplete domo vestigia, rubro20 ubi cocco

  98    tincta super lectos canderet vestis eburnos

  99    multaque de magna superessent fercula cenā.

100    ergo21 ubi purpurea porrectum in veste locavit

101    agrestem, veluti succinctus22 cursitat hospes23

102    continuatque24 dapes, nec non verniliter25 ipsis

103    fungitur officiis, praelambens omne, quod adfert.

104    ille cubans gaudet mutata sorte bonisque

105    rebus agit laetum convivam,26 cum subito ingens

106    valvarum strepitus27 lectis excussit utrumque.

107    currere per totum pavidi conclave magisque

108    exanimes trepidare, simul domus alta Molossis

109    personuit canibus. tum rusticus: 'haud mihi vita

110    est opus hac' ait et 'valeas:28 me silva cavusque

111    tutus29 ab insidiis tenui solabitur ervo.30''

 

1 asper 3: einfach; 2 attentus quaesitis: sparsam mit dem Erworbenen; 3 ut tamen: dennoch so, dass; 4 solvere hospitiis: für eine Bewirtung öffnen; 5 ille = die Landmaus; 6 invidere + Gen.: mißgönnen; 7 semesum frustum: angeknabbertes Stück; 8 cupiens fastidia vincere: den heiklen Geschmack zu gewinnen suchen; 9 tangentis (muris urbani); 10 male = vix; 11 singula (frusta); 12 dente superbo: mit hochmütig verzogenem Mund; 13 pater domus: Hausfrau; 14 palea in horna porrectus: auf heuriger Spreu ausgestreckt; 15 esset = ederet; 16 meliora dapis: "Leckerbissen"; 17 patiens, tis: dürftig, entbehrungsvoll; 18 (in) dorso (dorsum, i: Abhang); 19 pello, is, ere, pepuli, pulsus: beeindrucken; 20 stelle: ubi vestis rubro cocco tincta super lectos eburnos canderet et multa fercula(Speisereste) de magna cena superessent; 21 stelle: ergo ubi (mus urbanus) murem agrestem in purpurea veste porrectum locavit (locare: Platz nehmen lassen); 22 succinctus: hochgeschürzter Sklave (um schnell gehen zu können, schürzten die bei Tisch servierenden Sklaven die Tunika hoch); 23 hospes, itis: die Gastgeberin = mus urbanus; 24 dapes continuare: eine Speise nach der anderen bringen; 25 nec non verniliter: ganz nach Sklavenart; 26 convivam agere: den Gast spielen; 27 valvarum strepitus: Türenschlagen; 28=vale! 29 tutus zu silva und cavus; 30 tenui ervo: trotz ärmlicher Hülsenfrüchte.

 

Übersetzung

Einmal soll eine Landmaus eine Stadtmaus in ihrem armseligen Erdloch empfangen haben, eine alte Freundin die andere, einfach und sparsam mit dem Erworbenen, dennoch so, dass sie ihren engen Sinn für eine Bewirtung lockerte. Wozu viele Worte? Weder missgönnte sie die aufgesparte Erbse noch den langen Hafer und mit ihrem Mund brachte sie eine Rosine und ein angeknabbertes Stückchen Speck, gab es ihr und suchte, den heiklen Geschmack derer, die mit hochmütig verzogenem Mund kaum einzelne Stückchen anrührte, während die Hausfrau selbst, auf heurigem Stroh hingestreckt, Dinkel fraß und Lolch und die Leckerbissen (der Freundin) überließ.

Schließlich sagte die Stadtmaus zu dieser: "Wie kann es dich nur freuen, Liebste, auf dem Abhang eines steilen Waldes zu leben? Hast du Lust, die Menschen und die Stadt den wilden Wäldern vorziehen? Solange es erlaubt ist, lebe glücklich in erfreulichen Verhältnissen!" Diese Worte beeindruckten die Landmaus, und schon hatte die Nacht die Mitte der Himmelsbahn erreicht, als beide ihre Füße in das reiche Haus setzten, wo über Betten aus Elfenbein eine mit rotem Scharlach gefärbte Decke schimmerte und von einem großen Mahl viele Gänge übrig waren. Sobald sie also die Landmaus hingestreckt auf purpurner Decke Platz nehmen ließ, lief die Gastgeberin wie ein hochgeschürzter Sklave hin und her und brachte eine Speise nach der anderen und ganz nach Sklavenart erfüllte sie ihre Pflichten und kostete alles vor, was sie herbeibrachte. Jene lag da, freute sich am geänderten Los und spielte froh durch die gute Lage den Gast, als plötzlich gewaltiges Türenschlagen beide aus ihren Betten jagte. Ängstlich liefen sie durchs ganze Zimmer und noch stärker trippelten sie entsetzt herum, als das hohe Haus vom Gebell molossischer Hunde erschallte. Da sagte die Landmaus: "Dieses Leben habe ich nicht nötig, lebe wohl! Mich wird mein gegen Anschläge sicherer Wald und meine sichere Höhle trotz ärmlicher Hülsenfrüchte trösten."

 

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