Von Gustav Freytag.
Um 1300 liegt die Stadt noch zwischen Wald
und Wasser, von Holz, Teich, Bruch und Heide umgeben. Aus der Heide führt eine Straße durch die Landwehr,
einen Wall mit Graben, der die Flur und Gemarkung in weitem Kreise umzieht.
Hinter der Landwehr zeigt sich die Stadt, die Morgensonne glänzt von hoher
Kuppel der Stadtkirchen, von dem riesigen Holzgerüste des neuen Doms, an
welchem gerade gebaut wird, und von vielen großen und kleinen Türmen der Stadt.
Sie stehn aus der Ferne betrachtet dicht gedrängt, nicht nur an Kirchen und
Rathaus, auch zwischen den Häusern als Überreste alter Befestigung oder an
einer Binnenmauer, welche die alte Stadt von einem neueren Teil scheidet. Sehr
groß ist die Zahl der Mauertürme; München hatte damals gegen hundert, Frankfurt
zwischen sechzig und siebzig, kaum eine menschenreiche Stadt weniger. Diese
Türme, quadratisch oder rund gebaut, von ungleicher Höhe und Dicke, sind bei
einer reichen Stadt mit Schiefer oder Ziegeln gedeckt, vielleicht mit
metallenen Knäufen versehen, welche im Sonnenlichte wie Silber glänzen, kleine
Fahnen darauf und hie und da ein Kreuz.
Die Stadt hat heute ihren Markttag; am
Rathause ist die rote Fahne ausgesteckt; solange sie hängt haben die fremden
Verkäufer das Marktrecht. Zu allen Toren ziehen die Landleute der Umgebung
herein, auch die Landbäcker und Metzger, welche heute an besonderen Plätzen
feilhalten dürfen. Auf Ständen, Tischen, in Krambuden und den Stadtbänken sind
Waren ausgelegt; das kleine Handwerk der Stadt zeigt heute im Gewühl der
Fremden und Einheimischen, was der Fleiß des Bürgers in der Woche geschaffen. -
Jeder ältere Handwerksmann wußte damals, daß
sein Handwerk seit Menschengedenken große Veränderungen erfahren hatte. Überall
größere Kunst und Reichlichkeit des Lebens; neue Handwerke waren entstanden,
unaufhörlich änderte die Mode. Aus dem Handwerk der Eisenschmiede waren wohl
zwölf jüngere gekommen, vom Sarwirker, der die Kettenpanzer verfertigte, bis
zum Nestel = (Heftel-)macher. Die Riemer, Sattler und Beutler hatten sich getrennt
und die Beutler verfertigten Handschuhe und zierliche Ledertaschen für Frauen
und parfümierten sie mit Ambra. Die Glaser, sonst geringe Werkleute, waren hoch
heraufgekommen; sie verstanden durchsichtiges Glas in den schönsten Farben zu
verfertigen, sie setzten diese Farben kunstvoll in Blei zu Bildern zusammen,
malten Gesichter und Haare, schattierten die Gewänder mit dunkler Farbe und
schliffen helle Stellen aus. Die Schneider, eine sehr wichtige und ansehnliche
Innung, waren zumeist durch die Mode geplagt; schon damals war Klage, daß ein
Meister, der im vorigen Jahre noch zur Zufriedenheit gearbeitet hatte, jetzt
gar nichts mehr galt, weil er die Kunst der neumodischen gerissenen und
geschlitzten Kleider nicht verstand.
Sogar die Schuster waren sehr kunstreich
geworden; ihr Handwerk war schwierig, sie hatten Schnabelschuhe zu nähen von
buntem Leder, deren Spitzen sich zuerst etwas in die Höhe erhoben und dann wie
der Kamm eines Truthahns hinabhingen. Es war Rittertracht; der Rat wollte für
die Bürger nur geringe Länge der Schnäbel zulassen; aber das war vergeblich,
die Zierlichkeit war nicht aufzuhalten. Auch die Schuster hatten sich geteilt;
wer moderne Schuharbeit von buntem Leder verfertigte, nannte sich, nicht
überall, aber z.B. in Bremen: Korduaner; die anderen hießen schwarze
Schuhmacher; sie hatten wieder die Altbüßer von sich ausgeschlossen; diese
saßen als kleine Leute in besonderen Ständen bei ihrer Bastelarbeit. Daß die
Handwerker sich stolz in ihrer Kunst fühlten, sah man schon auf der Straße an
den Häusern, wo ihre Innungsstuben waren. Denn sie hatten wie die Geschlechter
ein schönes Wappen daran gemalt. Das hatten sie sich selbst gesetzt nach alter
Überlieferung, vor anderen die Schmiede, welche Hammer und Zange in einem
Schild führten nach dem Sagenhelden ihres Handwerkes, dem Witege, dem Sohne
Wielands des Schmiedes; oder es war ihnen neulich gar von einem deutschen
Könige verliehen worden, weil sie ihm tapfer beistanden; so sahen die
Weißbäcker freudig auf ihre gekrönte Brezel, denn sie wurde von zwei
schreitenden Löwen gehalten, welche in den anderen Pranken ein Schwert hielten,
und war ihnen von Kaiser Karl IV. wegen ihres Löwenmutes zugeteilt worden.
Hunderte Geräte und Erfindungen, die wir
noch heute gebrauchen, waren auf dem Stadtmarkte des 14. Jahrhunderts feil und
hunderte andere Formen des Schmuckes, der Kleidung und des Hausrats, die uns
fremd geworden sind. Und wer damals vom Lande kam, der staunte über die Pracht
und Fülle begehrenswerter Dinge und fühlte tief den Zauber des Geldes. Aber das
Wertvollste war auch damals in dunklen Stuben und Gewölben der großen
Kaufherren in eisernen Truhen und hinter festem Verschluß aufbewahrt. Und wer
den Reichtum und Wert der Stadt für den friedlichen Verkehr der Nationen
ermessen wollte, der mußte die Waren da suchen, wo sie unscheinbar in Hülle und
Kasten lagen; denn Schaufenster gab es nicht; nur der Goldschmied stellte
vielleicht kleine Becherlein und Ketten hinter die grünen Fensterrauten der
Werkstatt vorsichtig und unter Aufsicht, damit nicht ein fremder Strolch
hineinschlage und mit der Beute entlaufe.
An dem Stadttor ist Aufenthalt und Gedränge;
denn jeder Wagen, der den engen Durchgang passieren soll, wird von Torhütern
sorglich beschaut wegen der Waren, und daß keine Arglist eingefahren werde. Der
Fuhrmann zahlt einen Torzoll und eine Abgabe von den Waren; die Lebensmittel
aber, welche die Stadt nicht entbehren kann, werden zum Teil frei eingeführt,
auch einzelne Rohstoffe, welche eine begünstigte Innung für ihre Arbeit bedarf.
Den Karren der Landleute folgen große Frachtwagen, ihr Inhalt ist unter einer
Leinwanddecke verborgen, es ist wertvolles Kaufmannsgut, eine schwere Ladung;
denn viele Pferde waren nötig, um die Wagen auf den schlechten Wegen
fortzuschaffen; bewaffnete Reiter des nächsten Landesherrn haben der Karawane
das Geleite bis an die Stadtmark gegeben. Sorgenvoll hat der Eigentümer die
Ankunft erwartet, er ist mit seinen Knechten hinausgeritten an die Landwehr;
dort hat er das Geleit empfangen und zieht jetzt freudig bei den Wagen ein mit
Trabanten der Stadt und seinen Knechten. Der Zug windet sich mühsam durch die
Straßen bis zur Ratswaage, wo die Waren gewogen werden und ihre Steuer
entrichtet. Es ist gute Teilnahme in der Bürgerschaft und am Ratshause
bemerkbar und der Kaufmann wird viel beglückwünscht. Denn obgleich dieser
Kaufherr seine Feinde hat und der Handwerker wenig Untugenden christlicher
Menschen so sehr haßt als den Hochmut seiner Geschlechter, so ist glückliches
Einbringen einer wertvollen Ladung in die Stadttore ein ebenso freudiges
Ereignis als die Heimkehr eines Schiffes aus dem Nordmeer. Der Rat hat mehrmals
Boten abgefertigt und Briefe darum geschrieben und die Bürgerschaft dachte, daß
gesichertes Gut der ganzen Stadt zur Ehre gereiche, verlorenes Gut aber mit
Gefahr jedes einzelnen gerächt werden mußte. Es gab daher in der Nähe der
Ratswaage manchen Freudentrunk.
So knarren die Wagen und handeln die
Menschen, bis die Marktfahne am Rathaus abgenommen wird oder ein Glöcklein den
Markt ausläutet. Da ziehen auf allen Straßen die Karren und Menschen zu den
Toren hinaus, Stadt und Land haben ihren Bedarf ausgetauscht, die Sonne hat
freundlich geschienen, der Handwerksmann hat manches Geldstück in seinen Kasten
hinter das kupferne Zahlbrett geschoben; auch der Rat ist zufrieden, es ist nur
einer tödlich verwundet worden, dagegen einige Marktdiebe gefangen, schlechtes
Volk, das hier und da daheim ist; der Nachrichter wird keine große Arbeit
haben.
War die Sonne gesunken, dann wurde es
finster in den Straßen der Stadt, denn Beleuchtung gab es noch nicht; nur wenn
eine Menge vornehmer Gäste oder fremdes Kriegsvolk am Orte lag und in Nächten,
wo Feindesgefahr drohte, befahl der Rat, daß jeder eine Laterne vor sein Haus
hänge, eine Fackel oder Blech mit brennendem Kienholz.
Wer am Abend Geld im Beutel hatte, ging in
die Trinkstuben. Sie waren zahlreich und für jede Art von Ansprüchen. Die
Vornehmen schritten in ihre Geschlechterstuben; dort war geschlossene
Gesellschaft, seltene Speise und teurer Wein. Der Handwerker suchte die
Zechstube seiner Innung. Das lustige Leben der Schenke hört auf, sobald die
Ratsglocke zum ersten Male läutet; dann müssen alle Häuser geschlossen werden
und kein Wirt darf im Hause schenken, nur über die Straße. Nach dem letzten
Läuten soll niemand auf der Straße sein, er wird angehalten und auf die Wache
geführt, nur der Rat ist frei.
Das Hämmern in der Werkstatt und der Lärm
auf den Gassen ist vorüber, nur die Stadtwache schreitet durch die
menschenleeren Gassen und der Nachtwächter, dessen Amt zu den ältesten der
deutschen Städte gehörte; der reiche Patrizier breitet die Decke von Arras über
sein Lager, der Handwerker lag in der Kammer im deutschen Federbett, sein
Knecht auf dem Hausboden. Dann bellten die zahlreichen Hofhunde einander zu; vom
Flusse her drang die kühle Nachtluft in die leeren Gassen und auf dem Turme
hielt der Wächter seinen Umgang und spähte in die dunkle Landschaft, bis sein
Hornruf und das Frühgeläut der kleinen Glocken das Anbrechen eines neuen
Arbeitstages verkündeten.