Home

Philosophiegeschichte

Das Mittelalter

Mittelalterliche Philosophie besteht in erster Linie in der Verknüpfung von Philosophie und Theologie, denn ihre Grundlage bildet die christliche Lehre, die es zu verteidigen und rational zu begründen galt. Eines der Hauptthemen der mittelalterlichen Philosophie ist deshalb die Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Wissen und der damit verbundene Versuch, den unvereinbar scheinenden Gegensatz von geoffenbarter Wahrheit und philosophischer Erkenntnis zu überwinden. 

Die erste Periode (ca. 200-700) fällt zum Teil noch mit der Antike zusammen. Ihr bedeutendster Vertreter ist Aurelius Augustinus, der die wichtigsten Grundlagen der gesamten mittelalterlichen Philosophie legte.  

Die theologisch-philosophische Lehre des europäischen Mittelalters wird Scholastik genannt (lat „schola" - Schule). Mit diesem Begriff ist zugleich eine besondere Art und Weise der Begründung der Glaubenswahrheiten bezeichnet (scholastische Methode), die an den Klosterschulen praktiziert wurde.  

Die Entwicklung der Scholastik erfolgte in drei Etappen. In der ersten Etappe, der so genannten Frühscholastik (ca. 800-1200), bildete sich die scholastische Methode heraus, und es erfolgte die erste Auseinandersetzung mit den Schriften des Aristoteles, die in dieser Zeit bekannt wurden.  

Die nachfolgende Hochscholastik (ca. 1150-1300) wird als Blütezeit der Scholastik bezeichnet. Sie ist gekennzeichnet durch das Bekannt werden der übrigen Schriften des Aristoteles und den Versuch einer Verbindung der aristotelischen Philosophie mit christlichen Auffassungen (Thomas von Aquin). Darüber hinaus erfolgte die Auseinandersetzung mit der arabischen Philosophie. In der letzten Epoche, der Spätscholastik (ca. 1300-1400), erfolgt bereits der Niedergang der Scholastik. Zu den  Kernproblemen mittelalterlicher Philosophie gehört der Universalienstreit. Dabei geht es um die Frage, ob allgemeinen Begriffen eine eigene Realität zukommt oder ob sie nur Resultate des Denkens und der Sprache sind. Bedeutungsvoll für die Entwicklung der Scholastik war die Gründung von Universitäten (12.Jahrhundert), die sich schnell zu Zentren des geistigen Lebens entwickelten.  

Von der Spätantike zum Mittelalter

Im 4. Jahrhundert war die antike Kultur tiefgreifenden Wandlungen unterworfen. Durch die verstärkt heran drängenden  germanischen Stämme aus dem Norden und innere Auflösungserscheinungen kam es schließlich Ende des 4. Jahrhunderts zur Teilung des Römischen Reiches in ein Ost- und ein Weströmisches Reich. Einige Zeit später wurde Rom, die Hauptstadt des Weströmischen Reiches, von einfallenden Barbaren geplündert, und im Jahr 476 zerbrach das gesamte Reich. 

Das Oströmische Reich mit der Hauptstadt Konstantinopel existierte nach dieser Teilung dagegen noch bis in das Jahr 1.453 , in dem die Türken Konstantinopel  eroberten.  Diese  nahezu tausend Jahre dauernde Epoche zwischen dem Zerfall des Weströmischen und dem des Oströmischen Reiches umgrenzt in etwa die Zeit, die heute gemeinhin als Mittelalter bezeichnet wird. Ein symbolisches Datum für den Übergang von der antiken zur mittelalterlichen und damit christlichen Philosophie ist die Schließung der Platonischen Akademie durch Kaiser Justinian im Jahr 529.   

Im selben Jahr wird der erste  große Mönchsorden, der Orden der Benediktiner, gegründet, und von da an werden die Klöster zu Lehranstalten und geistigen Zentren. Der Beginn des Mittelalters markiert auch die beginnende Ausbreitung des Christentums in  Europa. In den großen antiken Städten gab es schon, christliche  Gemeinden, aber sie spielten keine bedeutende Rolle. Jetzt änderten sich die Verhältnisse. Zu Beginn des 4. Jahrhunderts erhielt das Christentum durch einen Erlass Kaiser Konstantins eine gleichberechtigte Stellung neben der heidnischen Religion.

Ungefähr hundert Jahre später wurde das Christentum zur alleinigen  Staatsreligion.  Innerhalb von viel Jahrhunderten war ganz Europa christianisiert worden. Mit der Ausbreitung des Christentums in Europa setzt auch ein Wandel in der Philosophie ein. Mittelalterliche Philosophie besteht vor allem in der Verknüpfung von Philosophie und Theologie. Ihre grundlegenden Problemstellungen basieren auf der Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Wissen. Die Grundlage bildete die christliche Lehre, die es zu verteidigen galt (Apologetik). Aber es wird deutlich,  dass mittelalterliches Philosophieren keinen vollständigen Bruch mit der antiken Philosophie bedeutet. Viele Gelehrte suchten eine Anknüpfung an die Theorien antiker Philosophen und eine Verbindung dieser Theorien mit der christlichen Lehre.  

Einer dieser Gelehrten war Aurelius Augustinus, der bedeutendste Philosoph der Zeit des Übergangs von der Spätantike zum Mittelalter. Sein Denken ist vor allem von Platon und dem Neoplatonismus beeinflusst. Vom Neuplatonismus übernimmt Augustinus den Gedanken, dass das gesamte Dasein göttlichen Ursprungs ist. Er teilt die platonische Vorstellung von den Ideen, aber er sieht sie in Beziehung zu Gottes Schöpfung. Gott schuf die Dinge nach den  Ideen, die schon vorher in seinem Geist vorhanden waren.

Wie für Platon, so sind auch für Augustinus die Ideen Urbilder, aber sie sind von Gott „gedachte" Urbilder, nach denen er die Dinge schuf. Auf diese Weise gelingt es Augustinus, die platonische Auffassung von den Ideen mit der heiligen Schrift zu verbinden. Auch Augustinus' Vorstellung vom Bösen entspricht im Wesentlichen der des Neuplatonismus. 

Da das Böse nur die Negation des Guten ist, kommt ihm keine eigenständige Existenz zu. Augustinus' gesamtes Denken ist auf Gott gerichtet. Im  Christentum  liegt für ihn die Quelle jeglicher Wahrheit. Zu  klären bleibt, ob diese Wahrheiten nur durch den Glauben offenbar werden oder ob sie auch mit der Vernunft ergründet werden können. Vernunft und Glauben sind für Augustinus untrennbar verbunden. Vernunft ist im Glauben und im Glauben liegt Vernunft. So gehen auch Erkenntnis und Glauben einen gemeinsamen Weg, den Weg zu Gott.

Nach Augustinus führt dieser Weg über das Innerste der Seele. Die Grundlage von Wissen, Erkenntnis und Wahrheit liegt in der Selbstgewissheit. An allen äußeren, nur sinnlich wahrnehmbaren Dingen kann man, was die Wahrhaftigkeit ihrer Existenz angeht, zweifeln. Aber indem der Mensch zweifelt, wird er sich selbst als eines Zweifelnden  bewusst.  Worin  besteht jedoch die Bedeutung dieser Selbstgewissheit? Diese Selbstgewissheit ist eine Wahrnehmung, die über die sinnliche Wahrnehmung und das dabei gewonnene Wissen hinausgeht. Je tiefer der Mensch in sein Innerstes vordringt, desto näher kommt er der Wahrheit, die nach Augustinus „im inneren  Menschen wohnt". Die Selbstgewissheit steht bei Augustinus von  vornherein in Beziehung zu Gott. In der Selbstgewissheit liegt  Gottesgewissheit, denn Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. 

Aurelius Augustinus (354-430). der zur theologischen Autorität der christlichen Kirche bis ins 17. Jahrhundert wurde, gilt als der bedeutendste Philosoph der Zeit des Übergangs von der Spatantike zum Mittelalter. Er war zunächst Rhetoriklehrer, bevor er sich nach einer Zeit innerer Unruhe und Orientierungslosigkeit zum Christentum bekehrte. In seinen berühmten „Confessiones" („Bekenntnisse") schildert er später, dass es eine göttliche Eingebung war, die ihn zum rechten Glauben führte und die Zeit der Suche und Unentschlossenheit beendete. Nach diesem Erlebnis gab er seine Lehrtätigkeit auf, zog sich auf ein Landgut zurück und widmete sich ausschließlich christlichen und philosophischen Themen. Grundlegend für  sein Denken war der Neuplatonismus, von dem er unter anderem die Ideenlehre und die Auffassung des göttlichen Ursprungs allen Daseins übernahm. Mit seiner Verknüpfung (neu)platonischer Gedanken mit der christlichen Lehre legte er die Grundlagen der gesamten mittelalterlichen christlichen Philosophie.

Die Herausforderung der Scholastik 

Die scholastische Methode

Im 9. Jahrhundert ging es nicht mehr nur darum, die christliche und die  antike Lehre voneinander abzugrenzen bzw. miteinander zu verbinden, sondern vielmehr um die Entwicklung einer systematischen   Gesamtdarstellung und vernünftigen Begründung der Glaubenswahrheiten. Den Ort der Durchführung dieses umfangreichen Unternehmens bildete der lateinische Schulbetrieb, weshalb man hier von Scholastik (lat. „schola" = Schule) spricht. Der Philosophie, die der Theologie untergeordnet war bzw. mit ihr in eins gesetzt wurde, kam dabei die Aufgabe zu, die zum Teil unüberwindbar scheinenden Widersprüche zwischen offenbarter Wahrheit und philosophischer Erkenntnis auszugleichen. Damit sollten alle gegen den Offenbarungsglauben erhobenen Einwände beseitigt und die christliche Lehre nicht nur wie bisher verteidigt, sondern auch rational  begründet werden. 

Zu diesem Zweck bediente man sich einer besonderen Vorgehensweise, der so genannten scholastischen Methode, die von vielen Gelehrten entwickelt und in den Klosterschulen praktiziert wurde. Die Auseinandersetzung mit einem Text bedeutet danach zunächst die Kommentierung anhand der kirchlichen Autoritäten (Bibel, Kirchenväter) und im weiteren ein Streitgespräch zur Klärung offener Fragen, das mit den Mitteln und Methoden der Logik durchgeführt wurde. Widersprechende Meinungen werden einander gegenübergestellt, wobei schließlich mit Hilfe der Ansichten der Autoritäten eine Lösung des Problems herbeigeführt wird. Diese Vorgehensweise bewegt sich also weitestgehend im Rahmen der bereits vorgegebenen Interpretationen der Kirchenväter (beispielsweise Augustinus), die bereits die dogmatischen Grundlagen des Glaubens geschaffen hatten. 

Die bedeutende Rolle der Logik innerhalb dieser Methode verwundert nicht, gehört sie doch zu den Sieben Freien Künsten, die den gesamten nichttheologischen Lehrstoff des Mittelalters ausmachten und den höheren Bildungsweg bestimmten. Die erste, unterste Stufe des Studiums der Sieben Freien Künste umfasst die Gebiete Rhetorik, Grammatik, Dialektik bzw. Logik das so genannte Trivium), die zweite Stufe beinhaltet Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik (das so genannte Quadrivium).  

Die Entwicklung der Scholastik erfolgte im Wesentlichen in drei Etappen. In der ersten Etappe, der so genannten Frühscholastik (ca. 800-1.200) bildete sich die scholastische Methode heraus, und es erfolgte die erste Auseinandersetzung mit den Schriften des Aristoteles, die in dieser Zeit bekannt wurden. Die Hochscholastik (ca. 1150-1 300) wird als Blütezeit der Scholastik  bezeichnet.   

Sie  ist  gekennzeichnet durch das Bekannt werden der übrigen Schriften des Aristoteles und den Versuch einer Verbindung der aristotelischen Philosophie mit christlichen Auffassungen (Thomas von Aquin). Außerdem erfolgte die Auseinandersetzung mit der arabischen Philosophie. In der letzten Epoche, der Spatscholastik (ca. 1300-1400) erfolgt bereits der Niedergang der Scholastik. 

Die Sieben Freien Künste

Die allgemeine Erziehung und Schulbildung im Mittelalter basierte auf dem aus der Antike stammenden System der Sieben Freien Künste („septem artes liberales"), In der Antike galten sie als eine Art Propädeutik (Einführung) der Philosophie, wahrend sie im Mittelalter den Charakter einer allgemeinen Bildungslehre erhielten, die den gesamten nichttheologischen Lehrstoff umfasste. Man unterscheidet zwei Stufen: die untere Stufe, das „Trivium", das die so genannten „redenden" Künste beinhaltet (Grammatik, Rhetorik, Dialektik) und das „Quadrivium", welches die „rechnenden" Künste ausmacht (Musik, Arithmetik, Geometrie und Astronomie). Im Mittelalter bildeten die Sieben Freien Künste den Grundkurs an jeder Universität.  

Albertus Magnus 
Vermittelt durch arabische Philosophen wurden im 12. Jahrhundert die Schriften des Aristoteles in Europa bekannt. Die christliche Gelehrtenwelt wurde dadurch mit neuen Erkenntnissen auf dem Gebiet der Logik, Metaphysik und Naturphilosophie konfrontiert Viele sahen jedoch einen Widerspruch zwischen der aristotelischen Lehre und dem christlichen Glauben, weshalb der Gebrauch der Schriften an einigen Universitäten verboten wurde. Albertus Magnus gebührt das Verdienst, der aristotelischen Philosophie zum Durchbruch verholfen zu haben. Er vertrat die Auffassung, dass die Beschäftigung mit der Natur unter Anwendung aristotelischer Gedanken zur wahren Philosophie führen müsse. Der Versuch, die systematisch-wissenschaftliche Philosophie des Aristoteles mit der theologischen Tradition zu verbinden, gelang jedoch erst seinem Schüler Thomas von Aquin.
 

Der Universalienstreit

Die scholastische Methode wurde vor allem von Peter Abälard entwickelt, der durch seine Lösung des Universalienproblems Bedeutung erlangte.  Das  Universalienproblem  gehört zu den Kernproblemen der mittelalterlichen Philosophie. Dabei geht es um die Frage, ob den allgemeinen Begriffen (Universalien) eine eigene Realität zukommt oder nicht. Gebraucht man z. B. die  Begriffe  „Mensch"  oder „Tier"  als  Gattungsbegriffe (beispielsweise in dem Satz: „Alle Menschen sind sterblich"), dann entspricht ihnen in der Realität kein konkretes einzelnes Individuum, denn sonst würde man von dem Menschen oder diesem oder jenem Tier sprechen. Trotzdem verweisen diese Begriffe auf etwas und haben eine bestimmte Bedeutung. Die Frage ist, ob dieses Allgemeine auch Anteil an der Wirklichkeit hat, d. h. ob in der Realität so etwas wie Menschsein oder Tierheit vorhanden ist,  genauso wie es einzelne Menschen und einzelne Tiere gibt, oder anders gesagt, ob es allgemeine Wesenheiten gibt, denen eine eigene Wirklichkeit entspricht, unabhängig von der Existenz der einzelnen Dinge. Problemgeschichtlich geht der Universalienstreit auf die Kritik und Umdeutung der Ideenlehre des Platon durch Aristoteles zurück. Für Platon waren die Ideen das Wahrhaft-Wirkliche, während Aristoteles diese Art der Transzendenz als ein überflüssiges Konstrukt ansah. Es gibt zwei Lösungsansätze des  Universalienproblems, abgesehen von zahlreichen Varianten, die sich zum Teil nicht eindeutig einer der beiden grundlegenden Richtungen zuordnen lassen.

Der eine Ansatz geht davon aus, dass das Allgemeine nur als Name (als Wort bzw. Zeichen) nach dem Einzelnen steht („universalia sunt nomina post rem"). Diese Auffassung wird als Nominalismus bezeichnet (lat.  „Nomen" = Name). Geht man hingegen davon aus, dass es sich bei den Universalien um reale Dinge bzw. Urbilder handelt, vertritt man eine realistische Auffassung. 

Für die Anhänger des Realismus (oder Begriffsrealismus) gilt das Allgemeine als wahre Wirklichkeit, die vor dem  Einzelnen, Individuellen existiert („universalia sunt realia ante rem").  Der Hauptvertreter des Nominalismus ist Roscelin von Compiegne. Er bezeichnet die Universalien als artikulierte Laute, denen in der Realität nichts entspricht. Damit sind die Universalien bloße Sprachprodukte. Für die Vertreter des  Realismus ist das eine unhaltbare Auffassung. Wilhelm von Champeaux, ein Anhänger des Realismus, geht von einer den Dingen gemeinsamen Wesenheit aus, die unabhängig von der Realität der einzelnen Dinge existiert. Dem Gattungsbegriff entspricht somit eine reale Substanz, die mit diesem Wesen identisch ist.  

Die Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen liegen für Wilhelm in den verschieden zusammengefügten Eigenschaften und Zuständen. Neben der realistischen bzw. nominalistischen Auffassung gibt es noch andere Möglichkeiten der Beantwortung der Universalienfrage.  Ein  interessantes  Beispiel  dafür  ist der Vorschlag von Peter Abälard. Er kennt die divergierenden Lösungsansätze von Roscelin und Wilhelm und unterzieht beide einer kritischen Betrachtung. Roscelin unterschätze, so Abälard, den bedeutungstragenden Aspekt der Universalien, denn ohne Zweifel verweisen diese allgemeinen Begriffe auf etwas, weshalb sie nicht nur willkürlich Lautgebilde sein können. Aber Abälard  kritisiert auch Wilhelms  Darstellung. 

Das, worauf die Universalien verweisen, könne keine reale Substanz sein, denn ein real existierendes Allgemeines müsste dann verschiedene, einander widersprechende Eigenschaften aufweisen. Würde beispielsweise so etwas wie ein „Lebewesen" real existieren, dann wäre es zugleich  vernunftbegabt  und  nicht-vernunftbegabt, was einen Widerspruch darstellt. Das Allgemeine ist für Abälard kein real existierendes Ding,  sondern eine vom Menschen hervorgebrachte Abstraktion. Nur im subjektiven Denken sind die Universalien allgemein. Die abstrakten  Begriffe werden jedoch  nicht willkürlich gebildet. Es handelt sich um eine Abstraktion aus den Einzeldingen, die der Verstand leistet, indem  er, von  den  einzelnen  Dingen  ausgehend, deren Ähnlichkeiten bestimmt und diese zusammenfasst.

Mit dieser Auffassung weist Abälard auf den schöpferischen, aktiven Anteil des Menschen an seiner Welterfahrung hin, was angesichts der im Mittelalter verbreiteten Darstellung  des  Menschen  als  bloß  passiv Empfangenden einen äußerst modernen Aspekt seiner Philosophie darstellt. 

Die Aristoteles-Rezeption in der Hochscholastik

Im 8. Jahrhundert waren die Araber in Spanien eingedrungen, was nicht nur zur Vermittlung der Kultur und Wissenschaft des Orients beitrug, sondern  auch  zum  Bekannt werden  der wichtigsten Schriften des Aristoteles in Europa führte. Die Rezeption der aristotelischen Schriften brachte Mitte des 12. Jahrhunderts bedeutende Veränderungen innerhalb der Scholastik.

Über Syrien vermittelt war es in der arabischen Welt zu einer Aneignung griechischer Kultur gekommen. Die Werke der griechischen Gelehrten wurden ins Arabische übersetzt, und auf dieser Grundlage kam es zur Ausbildung einer islamischen Philosophie. Vor allem die Schriften des Aristoteles wurden studiert und kommentiert.  Der Philosoph AI-Farabi war zum  Beispiel der erste, der die Logik des Aristoteles auf die offenbarte Religion anwandte. Einen bedeutenden Beitrag hinsichtlich dieser  Kommentierung leistete auch  Ibn  Ruschd  (von  den  Lateinern Averroes genannt), der an einer Systematisierung der islamischen Lehre arbeitete und durch den vor allem die „Metaphysik" des Aristoteles bekannt wurde. Averroes ging, ebenso wie die Scholastiker, davon aus, dass die in den Religionen enthaltenen ewigen Wahrheiten mittels der Vernunft rational begründet werden können. Die Schriften des Aristoteles, ebenso wie die darauf Bezug nehmenden Erläuterungen der arabischen (und auch jüdischen) Gelehrten, wurden schließlich aus dem Griechischen bzw. Arabischen ins Lateinische übersetzt. Die Verbreitung dieser Schriften führte zu neuen philosophischen Ansätzen innerhalb der christlichen Philosophie sowie zu neuen Methoden des Philosophierens. 

Triumph des Heiligen Thomas von Aquin,

Mit Thomas von Aquin (1225- 1.274) erreichte die mittelalterliche Rezeption der Schriften des Aristoteles ihren Höhepunkt. Thomas versuchte, die christliche Lehre mit der Wissenschaftsauffassung des Aristoteles zu vereinen. Damit gelang ihm die bereits von seinem Lehrer Albertus Magnus angestrebte Synthese von Theologie und Philosophie, bei gleichzeitiger Anerkennung des Unterschiedes beider Lehren bezüglich ihrer Methoden. 

Die Grundlage der Theologie bildet der Glaube, die der Philosophie die Vernunft. Thomas vertritt die Auffassung, dass sich einige Wahrheiten sowohl mit der Vernunft (d. h. rational und wissenschaftlich) als auch durch die Offenbarung ergründen lassen, d. h. dass beide durch unterschiedliche Herangehensweisen letztlich zu einem gemeinsamen Ziel gelangen. Allerdings schränkte er diese Auffassung insofern ein, als er einige Wahrheiten für ausschließlich durch den Glauben und die Offenbarung erkennbar hielt.

Die Ebstorfer Weltkarte
Während den Griechen die Lehre von der Kugelgestalt der Erde bereits geläufig war, sah man im Mittelalter in dieser Anschauung einen Widerspruch zu den christlichen Schriften und setzte die Vorstellung von der Erde als Scheibe dagegen. Wie in dieser berühmten Karte aus dem 13. Jahrhundert wird die Erde zu meist als kreisförmige, vom Ozean umflossene Flache dargestellt, die in die drei Erdteile Europa, Asien, Afrika aufgeteilt  ist, wobei Asien den größten Teil  bildet. Im Zentrum befindet sich Jerusalem, das man für den Mittelpunkt der Welt hielt.  Die Scheibe wird von der Gestalt Christi  getragen, dessen Kopf, Hände und Füße die vier Himmelsrichtungen  anzeigen, wobei der Kopf in östliche Richtung weist. Es ist sofort sichtbar, dass die Darstellung der Welt stark vereinfacht ist und nicht den realen Größenverhältnissen entspricht. Das liegt zum einen daran, dass die Lage eines Ortes damals nicht nach neuzeitlichen Berechnungsmethoden bestimmt wurde. Andererseits stand die geographische Genauigkeit auch nicht im Vordergrund, Die mittelalterlichen Karten haben eher einen erzählerischen  Charakter. Sie schildern die Geschichte der Welt, ausgehend von der  Schöpfung, und berichten von Wundern im Sinne der damaligen  Überlieferung. Deshalb ähneln sie viel eher einer Weltchronik als einer maßgetreuen Darstellung der Erdoberfläche.

 

Die christlichen Gelehrten wurden mit neuen Erkenntnissen auf dem Gebiet der Logik, Metaphysik und Naturphilosophie konfrontiert, deren Zusammenhang mit der Offenbarungslehre sich nicht ohne weiteres erschloss. Außerdem führte die Aristoteles-Rezeption zu einer Aufwertung von Wissenschaften wie Astronomie, Physik, Mathematik und Medizin. Diese Gebiete waren bisher ausnahmslos der Theologie untergeordnet gewesen. Jetzt wurde zunehmend deutlich, dass jede Disziplin (auch die Theologie selbst), ihre eigenen Inhalte und Methoden aufwies. Das galt auch für die Philosophie, die ebenfalls im Dienst der Theologie stand. 

Bei den islamischen Philosophen sah man nun, wie philosophische Themen behandelt wurden, ohne dass ständig Bezug auf die Autoritäten genommen wurde. Somit rückte die Frage nach dem Verhältnis von Theologie und Philosophie erneut ins Blickfeld.  Es war Thomas von Aquin, der wie kein anderer Denker seiner Zeit eine Synthese von Theologie und Philosophie anstrebte, bei gleichzeitiger  Anerkennung der jeweiligen Eigenständigkeit beider Lehren  bezüglich  ihrer Methoden. Die Theologie beruht auf dem Glauben, die Philosophie auf der Vernunft. Thomas ist nun der Meinung, dass sich einige Wahrheiten sowohl  mit Hilfe der christlichen Offenbarung als auch mit der Vernunft ergründen lassen. Theologie und Philosophie beinhalten somit zwei verschiedene Wege, die ein gemeinsames Ziel verfolgen, nämlich die Suche nach Wahrheit

Diese zwei Erkenntnismethoden bestehen jedoch nicht einfach nur parallel nebeneinander, sondern wirken aufeinander ein und tragen damit gegenseitig zu einem besseren Verständnis der anderen Herangehensweise bei. Eines der Hauptanliegen von Thomas ist die Verteidigung theologischer Inhalte mittels philosophischer Argumente. Nach Thomas sind jedoch der Vernunft bestimmte Grenzen gesetzt Nicht alle Fragen können durch die Vernunft geklärt werden. Es gibt auch Wahrheiten, die sich erst durch die Offenbarung erschließen, wie z. B. die Dreieinigkeit und die Inkarnation. Die Synthese von Philosophie und Theologie gelingt Thomas auf der Grundlage seiner Aristoteles-Rezeption, die mit ihm ihren Höhepunkt erreicht. Am Beispiel der Schöpfungslehre lässt sich zeigen, wie Thomas die christliche Lehre mit der Wissenschaftsauffassung des Aristoteles zu vereinen sucht.  

Thomas stimmt mit* der neuplatonischen These überein, wonach alles Sein von Gott aus dem Nichts geschaffen wurde. Diese Annahme bildet die Grundlage seines Verständnisses der aristotelischen Wissenschaft. Nach Aristoteles muss man vom Einzelnen ausgehen, um etwas über das Wesen der Dinge auszusagen. Das Wesen der Dinge liegt in ihnen selbst. Aus seiner Unterscheidung von Stoff und Form entwickelt Aristoteles seine Lehre vom Werden. In der Materie ist, so Aristoteles, das Wesen nur der  Möglichkeit  (Potentia) nach angelegt. Erst durch die Form wird die Möglichkeit zur Wirklichkeit (Energeia). Bewegung und Entstehung sind ständige Veränderungen im Verhältnis von Materie und Form. Es ergibt sich ein stufenförmiger Aufbau alles Seienden, das von der ersten Materie als bloßer Möglichkeit bis zu Gott  als reiner Wirklichkeit reicht.

Thomas identifiziert  dieses Prinzip im Gegensatz zu Aristoteles mit dem Schöpfergott. Gott hat als erster Beweger das Verhältnis von Möglichkeit (Potenz) und  Wirklichkeit (Akt) in  die Welt gesetzt und damit den Prozess des Werdens und Vergehens ausgelöst Das Prinzip ist somit Ausdruck der göttlichen Vernunft. Warum und wie Gott die Welt geschaffen hat, kann die menschliche Vernunft allerdings nicht ergründen, da es sich bei der Schöpfung um einen Akt der Freiheit handelt.

Die Spätscholastik

Das späte Mittelalter (etwa ab dem 14. Jahrhundert) ist eine Krisenzeit, nicht nur was die wirtschaftliche und soziale Entwicklung angeht, sondern auch was das Verhältnis von Theologie und Philosophie betrifft. Der Gegensatz von Philosophie und Theologie wird zunehmend deutlicher, eine Synthese nach Art des Thomas von Aquin immer unmöglicher. Charakteristisch für die philosophischen Entwürfe dieser Zeit ist die konsequente Suche nach Gewissheit, wobei die Frage nach den Grundlagen menschlicher Erkenntnis in den Vordergrund rückt. 

Die Philosophie des Wilhelm von Ockham ist ein Beispiel für die neuen Fragestellungen und Lösungsansätze des späten Mittelalters. Die Grundlage seines Denkens bilden vor allem zwei Prinzipien: 

das Omnipotenz- und 
das Ökonomieprinzip. 

Ersteres besagt, dass Gott die Dinge nach freiem Willen schuf, d. h. dass er sie auch hätte anders schaffen können. Das hat zur Folge, dass die Welt nicht mehr als notwendige, sondern als eine der möglichen Welten des Universums gesehen werden muss. Außerhalb Gottes (dem allein ein notwendiges Sein zukommt) gibt es nur kontingente (zufällige, mögliche),  keine  notwendigen  Dinge.  Die  Vernunft  kann demnach die Welt zwar als rational, nicht aber als notwendig begreifen und sie  kann demzufolge auch keine vollständige Einsicht in das Wesen und die schöpferische Freiheit Gottes gewinnen. Hatte Augustinus noch den Zugang zu den Ideen Gottes durch Erleuchtung (Illumination) des menschlichen Verstandes angenommen, erkennt Ockham die Endlichkeit und damit die Grenze der menschlichen Erkenntnisfähigkeit. Die schärfer werdende Trennung von Philosophie und Theologie zeichnet sich ab.  Das Ökonomieprinzip, das so genannte Ockhamsche Rasiermesser, lautet, dass eine Vielheit nicht ohne Notwendigkeit  zugrunde gelegt werden darf. Das  besagt, dass alle überflüssigen Erklärungen von Sachverhalten unsinnig sind und vermieden werden sollten. 

Der Sinn dieser These besteht in der Vermeidung einer Eins-zu-Eins-Entsprechung von Begriffen und Gegenständen, denn  Begriffe  sind  trügerisch und nicht jede Beschreibung entspricht einem real existierenden Gegenstand. Es gibt zum Beispiel Dinge, denen  unterschiedliche Begriffe zugeordnet werden. Worauf Ockham  mit seinem „Rasiermesser" hinweisen will, ist, dass durch überflüssige  Erklärungen  oder  Begriffe  möglicherweise falsche Annahmen (der tatsächlichen Existenz des beschriebenen Dinges) verbunden sind. Ockham stellt damit eine Art wissenschaftlicher Maxime auf. Hinsichtlich  des   Universalienproblems vertritt Ockham einen nominalistischen Standpunkt.  Nach seiner Auffassung sind die Allgemeinbegriffe Namen  im  Sinne von  Zeichen,  Bedeutungsinhalten, die im Denken an die Stelle konkreter Dinge treten und mit denen das menschliche  Denken  die  Dinge  bezeichnet.  Existent sind für Ockham nur die Einzeldinge, weshalb sich die Erkenntnis auch auf diese einzelnen Dinge richten muss. Ockham unterscheidet 

eine intuitive von einer 

abstraktiven Erkenntnis. 

Erstere bezieht sich auf

unmittelbar gegenwärtige und direkt wahrnehmbare Gegenstände und Sachverhalte sowie auf die innere Selbsterfahrung, letztere führt zu Aussagen aufgrund von Begriffen ohne die unmittelbare Anwesenheit eines Objekts. Im ersten Fall wendet man sich also direkt den Realitäten zu, im anderen Fall sind die Ergebnisse nur abgeleitet. Die intuitive Erkenntnis ist für Ockham die Voraussetzung der abstraktiven. Die Erkenntnis des Einzelnen und die empirische Erfahrung werden somit zum Grundprinzip der Wissenschaft. Aufgrund dessen ist beispielsweise die Beweisbarkeit Gottes  unmöglich, denn der Begriff „Gott" ist nur abgeleitet und hat keine Erfahrungsgrundlage. 

Deshalb kann, so Ockham, an Gott nur geglaubt werden. Bedeutsam an Ockhams Erklärung ist die Tatsache, dass der Unterschied zwischen intuitiver und abstraktiver Erkenntnis nicht in den verschiedenen Gegenständen gründet, mit denen man sich jeweils beschäftigt, sondern in der Art und Weise der Erkenntnis selbst, d. h. der Erkenntnisvollzug steht im Vordergrund und nicht der Erkenntnisgegenstand. Mit dem spätmittelalterlichen Nominalismus Ockhams ist der Weg bereitet für skeptische und kritische Denkansätze, die kennzeichnend für die Philosophie der Neuzeit sind. Ockham und einige seiner Zeitgenossen vertraten den „neuen Weg" (Via moderna), der allmählich die älteren, von Thomas von Aquin und Albertus Magnus ausgehenden Schulen (Via antiqua) zurückdrängte. Zwischen diesen beiden Richtungen kam es noch lange zu Auseinandersetzungen (so genannter Wegestreit), aber an den Universitäten setzte sich zunehmend die Via moderna durch. 

Duns Scotus 
Am Ende des 13. Jahrhunderts wurde die philosophische Theologie im Sinne  der von Thomas von Aquin durchgeführten Synthese zunehmend als Bedrohung der Offenbarungstheologie empfunden. Im Zusammenhang mit der Rückbesinnung auf Augustinus erfolgte bei Duns Scotus die strikte Trennung von Theologie und Philosophie.
 

Der Schulmeister beim Unterricht
Das Ziel des mittelalterlichen Bildungswesens bestand in der Erziehung des Menschen zu einem Mitglied der christlichen Gemeinde und in der Unterweisung im Glauben. Lehrer und Erzieher waren bis ins späte Mittelalter Geistliche. Das Schulwesen beginnt mit den Klosterschulen, die in der Zeit Karls des Großen ihre höchste Blüte erlebten. Neben den Klosterschulen entwickelten sich im 8. Jahrhundert Dom- und Stiftsschulen, aus denen mildem Aufschwung der Wissenschaften im 12. und 13. Jahrhundert die Universitäten hervorgingen.

 

Quellen: Herausgb. Peter Delius, Autoren: Christoph Delius und Matthias Gatzemeier, Deniz Sertcan,Kathleen Wünscher;  Könemann Verlagsgesellschaft m.b.H, Bonner Straße 126, D-50968; 2000