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Expressionismus

Erklärung

Mit Expressionismus bezeichnet man eine gesamteuropäische Kunstbewegung zwischen 1910 und 1924. Der Anstoß ging von den Malern aus; der Name Expressionismus war zuerst der Titel einer Kunstausstellung in Paris (1901 von J. A. Herve geprägt). Alle Künste wurden von dem neuen Ausdruckswillen erfasst; die Maler der »Brücke« und des »Blauen Reiter«, aber auch der Komponist Schönberg, der eine neue Harmonielehre veröffentlichte. Die künstlerische Avantgarde träumte von einer Symbiose aller Künste: Maler und Bildhauer illustrierten Sprachkunstwerke oder dichteten selbst (Kokoschka, Kandinsky, Barlach). Auf der Bühne sollte ein »Gesamtkunstwerk« aufgeführt werden, an dem Bild, Wort, Musik, Tanz beteiligt waren. 

Kurzprosa

Dadaismus

Blickt man von heute auf den deutschen Expressionismus zurück, zeichnen sich zwei Strömungen ab, die aus einer gemeinsamen Quelle hervorgegangen sind, sich befehdet und auseinander entwickelt haben. Die erste ist eine künstlerisch-abstrakte Richtung. Sie entwickelte parallel zur bildenden Kunst eine absolute Wortkunst (August Stramm) und endete im Nihilismus und der Erkenntnis von der Vergeblichkeit einer Weltänderung (Gottfried Benn). Sie war wegweisend auf dem Gebiet der Lyrik. Zu ihr gehört der Dadaismus, eine Gruppe von Künstlern verschiedener Nationalität, die sich als Kriegsdienstverweigerer während des Ersten Weltkriegs in der Schweiz zusammengefunden hatte (Arp, Ball, Huelsenbeck). 

Sie setzten sich für die Vermischung und Ergänzung der künstlerischen Mittel ein, rezitierten Gedichte mit pantomimischer, tänzerischer oder instrumentaler Untermalung, wobei auch Schreib- und Nähmaschinen als Instrumente galten. Oder sie trugen Simultangedichte vor, d. h., sie sprachen mehrere Gedichte gleichzeitig. Schließlich lösten die Gedichte sich in »Verse ohne Worte« auf, verzichteten ganz auf die Sprache, waren nur noch Laut und Rhythmus. Als Programm des Dadaismus könnte man die Worte von Hans Arp einsetzen: »Dada wollte den logischen Unsinn der Menschen von heute mit der alogischen Sinnlosigkeit ersetzen.« Aktivismus. Die zweite Richtung des Expressionismus vertrat den politisch-sozialen »Aktivismus« (Kurt Hiller). 

Für ihn hat die Dichtung nur einen einzigen Zweck: die Veränderung der Welt zur Befreiung der Menschheit. Der Dichter muss als Agitator wirken und die Menschen beeinflussen. Ästhetisches und Formales spielen eine geringe Rolle, zum Kampfmittel werden Polemik und Satire. Der Aktivismus ließ sich den Glauben an den Menschen und an die Verpflichtung zur Umgestaltung der Gesellschaft nicht nehmen und ging in einen politischen Realismus über (Johannes R. Becher, Bertolt Brecht). Er führte zu einer Revolutionierung des Theaters.  

Beiden Richtungen gemeinsam sind die philosophischen Grundlagen (Nietzsche), die künstlerische Loslösung vom Naturalismus, Impressionismus und Symbolismus, die antibürgerliche Opposition und der Pazifismus. Die philosophische Grundlage kommt von Nietzsche, der die konventionellen Werte zerschlagen wollte, denn »Wer ein Schöpfer sein will . . . der muss ein Vernichter sein und Werte zerbrechen«. Für Nietzsche muss diese Entwertung nicht negativ sein, denn sie kann zu einer neuen Wertsetzung führen, zur »Umwertung aller Werte« und zu einem neuen Menschen, der im Jetzt lebt und nicht mehr Idealen dient. 

Der neue Mensch unterdrückt seine Triebe nicht, er hilft nicht dem Nächsten, er hat den »Willen zur Macht«, er ist ein »Übermensch« im Guten und Bösen. Der Wille zur Erneuerung wird verdunkelt durch die Stimmung der Endzeit, durch Visionen herannahenden Unglücks und des Weltuntergangs. Da es keine übergeordneten Werte mehr gibt, kann man alles von verschiedenen Standpunkten aus betrachten, die alle ihre Berechtigung haben; daher spricht man von »Perspektivismus«. 

Kunsttheorie  

Auch die expressionistische Kunsttheorie beruft sich auf Nietzsche, für den das Rauschhafte, Formlose (Dionysische) gleichberechtigt neben dem Reinen, Klassischen (Apollinischen) steht. Diesen Gedanken nahmen die frühen Expressionisten auf. »Sie stürzten sich, beherrscht vom rasenden Takt der mechanisch abrollenden Umwelt, mit wollüstigem Schrei in die Welt neuer Wunder, verschwendeten sich entzückt an die Erscheinungen, ließen Sinne und Nerven lodern und zucken . . . und dichteten Rausch, Spannung und Kater. Bis allmählich in der Seligkeit des Seins leise anklingend, dann posaunenhaft dröhnend die Erkenntnis anschwoll: . . . Wir sind! Und sind Menschen! Uns Menschen soll nicht die Welt, sondern die Menschheit das Wichtigste sein« (Pinthus, »Zur jüngsten Dichtung«, 1915). 

Aus rauschhaftem Erleben schuf der Künstler eine subjektive Kunst, deren Inhalt nicht mehr die Objekte waren, nicht mehr der Eindruck der Gegenstände auf der Netzhaut, sondern visionäre Weltschau. »So wird der ganze Raum des expressionistischen Künstlers Vision. Er sieht nicht, er schaut. Er schildert nicht, er erlebt. Er gibt nicht wieder, er gestaltet. Er nimmt nicht, er sucht« (Edschmid). 

Die neue Haltung erklärt sich aus der politisch-sozialen Situation. Seit 1870/71 herrschte Frieden; das Bürgertum lebte in Ruhe dem Gelderwerb; es hing an seinen Konventionen, seinem nationalen Stolz und seinen verlogenen Moralbegriffen. Die Städte wuchsen, die Maschinen, die Industrie und mit ihnen das Proletariat. Die Gesellschaft wurde zur Massengesellschaft, deren Kennzeichen nach Freud sind: »der Schwund der Einzelpersönlichkeit, die Orientierung von Gedanken und Gefühlen nach gleichen Richtungen, die Vorherrschaft der Affektivität und des unbewusst Seelischen, die Tendenz zur unverzüglichen Ausführung auftauchender Absichten.« 

Die bürgerliche Jugend langweilte sich, sie sehnte sich nach Tätigkeit, und wenn es der eigene Untergang sein sollte. »Geschähe doch einmal etwas. Würden einmal wieder Barrikaden gebaut. Ich wäre der erste, der sich darauf stellte, ich wollte noch mit der Kugel im Herzen den Rausch der Begeisterung spüren« (Heym, Tagebuch). Die Söhne lehnten sich auf gegen die Väter und dokumentierten ihre Verachtung zunächst in Äußerlichkeiten. »Unanständig sauber war ich bisher.  

Wenn ich den Rockaufschlag Doktor Hochs betrachtete, mit seinen zahllosen Flecken, und des Anarchisten dunkelgrünes Hemd, daran sämtliche Knöpfe fehlten, so war es eine Schande, wie bürgerlich anständig ich gekleidet war. Ich stank geradezu nach bürgerlichem Anstand. Mein ganzes Benehmen verriet die >gute Kinderstube<, es galt zu beweisen, dass ich ihr gründlich entwachsen war . . . Warum sich >gesittet< und sich nicht >ungehörig< aufführen? . . . Nur weil die Eltern mich solchen Anstand gelehrt hatten: der Vater, dieser hartgesottene, im Staatsdienst ergrauende Spießer, und die Mutter, das Provinzmädchen, die arme Ahnungslose?« (J. R. Becher).

Die jungen Autoren  schlossen sich zusammen zu Kaffeehausliteraten-Gruppen und Künstlervereinigungen, die sich sozialistisch gebärdeten. Aber die Intellektuellen blieben unter sich. Als der Krieg ausbrach, wurden die meisten Soldaten, und viele verloren ihr Leben (Stadler, Stramm). Eine wichtige Rolle im Geistesleben spielten die Zeitschriften.  Der Sammelpunkt für Strömungen wie Expressionismus, Kubismus, Futurismus war »Der Sturm«, herausgegeben von H. Waiden, der neben der Zeitschrift einen »Sturm«-Kunstsalon und eine »Sturm«-Bühne eröffnete, um dem Programm der Kunstsymbiose gerecht zu werden. In Opposition zum »Sturm« stand »Die Aktion« (Hrsg. Pfemfert), die vor allem politisch-literarische Ideen vertrat. Sie wurde nach dem Ersten Weltkrieg ein rein politisches Blatt linksradikaler Agitation.  

Die bevorzugten Gattungen des Expressionismus sind die Lyrik und die Dramatik. In der Lyrik  hat eine Zuwendung zur Sprache stattgefunden, die ebenfalls auf Nietzsche zurückgeht. Von den Malern, vor allem den Futuristen, übernimmt sie den Hang zur Abstraktion; er äußert sich in der Dichtung in einer Zerstörung der üblichen Grammatik. Der Satz soll befreit werden von allen logischen Zutaten (Konjunktionen, Adverbien, Interpunktion). Das Substantiv wird zur wichtigsten Wortart. 

Und dann die langen Einsamkeiten. Nackte Ufer. Stille. Nacht. Besinnung.
Einkehr. Kommunion. Und Glut und Drang.
Zum Letzten, Segnenden. Zum Zeugungsfest. Zur Wollust. Zum Gebet.
Zum Meer. Zum Untergang.                    (Ernst Stadler) 

Durch Kombination von mehreren Substantiven entstehen Assoziationen. Ohne Logik, nur mit losgelösten Wörtern, glaubte man in tiefere Seinsschichten eindringen zu können. Das entsprechende Darstellungsmittel sind mehrdeutige Bilder, die gleichzeitig verschiedene Assoziationen wachrufen.  Wenn Stramm schreibt: »Das Turmkreuz schrickt ein Sturm«, so weiß man nicht, wer wen hier erschreckt. Es gibt keine eindeutige Aussage mehr, klischeehafte Vorstellungen werden überwunden. Typisch für die expressionistische Dramatik ist das Verkündigungsdrama:, sein Ziel ist der »neue Mensch«, die Veränderung der Gesellschaft. 

Es läuft im Allgemeinen nach folgendem Schema ab: Der Anstoß zur Erneuerung geht von einem einzelnen aus, der meist der »oberen« Gesellschaftsschicht angehört, jedoch anonym bleibt (Mann, Frau). Ihm tritt als Gegenspieler ein Vertreter der alten Gesellschaft entgegen; es kommt zur Auseinandersetzung. Die Masse begleitet diese wie der antike Chor mit Zurufen, entscheidet sich aber meist für den Gegner und macht so den »Verkünder« zur tragischen Figur. Im Verkünder verbinden sich christliche Vorstellungen mit Nietzsches Übermenschen (Vertreter: Ernst Barlach, Georg Kaiser, Ernst Toller). Das Theater wird damit zu einem Ort für Denkanstöße. Damit der Zuschauer nicht im Denkvorgang gestört wird, werden Kostüme und Kulissen auf ein Minimum reduziert; die Bühnenfiguren sind nicht Menschen aus Fleisch und Blut; die Sprache ist ungewöhnlich. Das expressionistische Drama wurde von Bedeutung für Brechts episches Theater.

Literatur

Best, 0. F. u. Schmitt,H.-J. (Hrsg.), Die deutsche Literatur. Ein Abriss  in Text und  Darstellung, Reclams Universalbibliothek, Bd. 14: Impressionismus und Dadaismus (RUB  9653). 

Steffen, H. (Hrsg.), Der deutsche Expressionismus, Kleine Vandenhoeck-Reihe Bd. 208., Eine Sammlung von Einzelaufsätzen.

Lektürevorschlag

Heym: Lyrik.
Stadler: Lyrik.
Trakl: Lyrik.
Kaiser: Die Bürger von Calais.
Kafka: Die Verwandlung; In der Strafkolonie; Der Prozess; Das Schloss;