Michael Lorenz

 

"Johann Strauss auf Irrfahrt" -  Ein paar notwendige Anmerkungen (for the English version go here)

 

Da in Silvia Mattl-Wurms Replik auf Frieder Reininghaus' Artikel "Johann Strauss auf Irrfahrt" (Österreichische Musikzeitschrift, 65. Jg., Heft 9, Wien 2010, S. 45) Wichtiges ungesagt blieb, seien mir als Schubert-Forscher und ehemaligem Präsidenten des Internationalen Franz Schubert Instituts ein paar Anmerkungen gestattet. So löblich die nunmehrigen Bemühungen der Wienbibliothek um die Wiederbeschaffung der gestohlenen Strauss-Autographen sind, so kann doch nicht verschwiegen werden, dass die nunmehr in Coburg aufgetauchten Strauss-Skizzen nur die Spitze eines Eisbergs darstellen und die Öffentlichkeit über das Ausmaß der Verluste, die die Musiksammlung der Wienbibliothek bis zur im Jahr 1994 erfolgten Pensionierung des Leiters dieser Sammlung erlitten hat, bisher nicht informiert wurde. Besonders die der Wienbibliothek gehörenden Nachlässe von Otto Erich Deutsch und Ignaz Weinmann wurden Opfer massiver Verluste. Bereits im Jahr 1993 tauchte ein zweifellos der Wienbibliothek gehörendes Konvolut aus dem Nachlass Weinmann im Wiener Antiquariatshandel auf, das von der Schubert-Forscherin Rita Steblin erworben wurde. Steblin informierte damals sofort die Leitung der Bibliothek, die aber keinerlei rechtliche Schritte setzte und nach einem offenbar noch heute gültigen Diskretionsprinzip alles hinter den Kulissen abwickelte. Der Leiter der Musiksammlung wurde still und heimlich suspendiert und schließlich in die Pension entlassen. Polizei und Staatsanwalt wurden nicht eingeschaltet. Unter den Verlusten aus dem Nachlass Weinmann befinden sich nicht nur unersetzliche Zimelien aus dem ehemaligen Besitz der Familie Krasser, wie die Gebetbücher von Schuberts Schwester Therese Schneider und deren Tochter, sondern auch zahlreiche andere wertvolle Bücher und eine Haarlocke Franz Schuberts, die anlässlich der Exhumierung des Komponisten im Jahr 1863 dessen Halbbruder Andreas Schubert übergeben worden war. Auch aus dem Nachlass Deutsch gelangte Material aus der Wiener Stadt- und Landesbibliothek in den Antiquariatshandel. Gitta Deutsch, die Tochter des großen Schubert-Forschers versuchte damals vergeblich, die Medien für diese dubiosen Vorgänge zu interessieren. 1998 informierte ich den damaligen Kulturstadtrat Peter Marboe von den mutmaßlichen Diebstählen - es erfolgte keine Reaktion. Im Jahr 2000 informierte ich den Leiter der Wiener Stadt- und Landesbibliothek Dr. Walter Obermaier und seinen Stellvertreter Dr. Gerhard Renner von der Tatsache, dass die verschwundene Haarlocke Franz Schuberts aus Ignaz Weinmanns Nachlass nun als "Leihgabe Ernst Hilmar" (und in Schuberts Todesjahr umdatiert) in der Schubert-Gedenkstätte Atzenbrugg ausgestellt sei und dass es überdies zahlreiche Verdachtsmomente gebe, dass das verschollene, im Besitz der Bibliothek befindliche Leihgeberverzeichnis der Schubert-Ausstellung 1897 ebenfalls gestohlen worden sei. Immerhin war dieses handschriftliche Verzeichnis in der von Ernst Hilmar herausgegebenen Zeitschrift "Schubert durch die Brille" als "in Privatbesitz aufgefunden" zitiert worden (Brille 14, S. 106). Eine Kopie einer Seite aus diesem Verzeichnis wurde von Hilmar eigenmächtig in einen meiner Aufsätze eingefügt (Brille 24, S. 46). Rita Steblin hatte diese wertvolle, in Leder gebundene Handschrift noch 1993 im Büro des IFSI in der Kettenbrückengasse gesehen, wo ihr Hilmar sagte, dass dieses Buch keinen IFSI-Stempel erhalten dürfe, da es "dem Rathaus gehöre". Die Leitung der Bibliothek ließ nach diesem Verzeichnis (das nie mit einer Signatur versehen worden war) suchen: das Buch konnte nicht gefunden werden. Eine polizeiliche Anzeige wurde nicht erstattet und es wurde auch nie versucht, die gestohlene Haarlocke aus Atzenbrugg zurückzuholen. Nur Dr. Renner fragte mich ab und zu in launigem Ton: "Waren Sie schon in Atzenbrugg?" Am 6. Mai 2009 informierte ich Dr. Mattl-Wurm vom Diebstahl der Schubertlocke und übergab ihr Kopien aller meiner Unterlagen zu dieser unseligen Causa, die mittlerweile weit über den Bereich von "Mutmaßungen und Vorverurteilungen" hinausgediehen war. Von einem Versuch der Wienbibliothek, "in Kooperation mit den zuständigen Behörden allfällig entwendete Materialien möglichst unbeschädigt wieder in ihre Sammlungen zu bekommen" (wie Mattl-Wurm das in der ÖMZ nennt), war nach diesem Gespräch – lange bevor die Strauss-Affäre an die Öffentlichkeit drang – nichts zu bemerken. Mattl-Wurms damalige Reaktion definierte in nuce das sträflich passive Verhalten der Wienbibliothek und seine Beweggründe: "Wenn wir Anzeige erstatten, ist das ja für die Bibliothek peinlicher als für Hilmar!" Wenn in dieser Affäre die Polizei irgendwann Diebesgut sicherstellt, so kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass sie nicht von der Wienbibliothek alarmiert wurde. Es war keinesfalls die sich nun als kriminalistische Raffinesse gebärdende, geradezu panische Untätigkeit der Wienbibliothek, die dazu führte, dass ein Teil der Strauss-Beute wieder auftauchte, sondern die Dummheit der Täter und ein glücklicher Zufall in Gestalt des Vorsitzenden der Deutschen Johann Strauss Gesellschaft Ralph Braun. Die Geschichte erinnert an das Wiener Stadt- und Landesarchiv, wo man sich zwischen 1969 und 1999 wertvolle Beethoven-Akten stehlen ließ, mangels eines Verzeichnisses bis heute nicht genau weiß, was gestohlen wurde und natürlich niemals eine Anzeige erstattete.

 

Siehe auch: 'Replik auf Walburga Litschauers Beitrag "Perspektiven der Schubert-Forschung in Österreich"'

 


© Michael Lorenz 2010. Die Publikation dieser Glosse wurde von der ÖMZ trotz erfolgter Zusage unter Gebrauch hanebüchener Ausreden storniert.           nach oben