Anleitung für Häuselbauer

Ein traumhafter Lohengrin, verlassen von allem Anderen

"Lohengrin" von Richard Wagner am 15. Oktober 2009
an der Bayerischen Staatsoper

Es ist doch zu schade: Da hat man den seit Jahrzehnten besten Lohengrin, umgibt ihn jedoch mit höchst mangelhaften Sängerkollegen und vor allem mit einer Inszenierung, die an Absurdität nicht zu schlagen ist.

Die Vorstellung beginnt damit, dass Elsa von Brabant (Emily Magee) eifrig bemüht ist, das Fundament eines Hauses mit Ytong-Ziegel zu errichten. Der Hausbau geht ihr über alles, denn sogar als Lohengrin erscheint, ist sie nur kurz bereit, die Geschäftigkeit einzustellen. Lohengrin ist offensichtlich handwerklich begabt, und so macht auch er sich gleich ans Werk, mit der Kelle die Mauern des Hauses zu spachteln. Im Zuge der Handlung tischlert und streicht er fortwährend. So wird die Vorstellung vor allem zur Anleitung für Häuselbauer, denn man kann jeden Schritt des Bauvorhabens genauestens nachvollziehen. Das Dach des Hauses wird gerade noch rechtzeitig während des Schreitens zur Trauung der beiden aufgesetzt. Das Haus ist also fertig geworden, es ist in voller Pracht zu sehen, dafür erspart man sich die Kirche, statt deren genügt ein Tisch mit 3 Sessel und ein Kreuz.

Nach Elsas fataler Frage im 3. Akt zündet Lohengrin das Bett, ja sogar die Wiege des zur Zeugung beabsichtigten Babys an, so dass alles vernichtet wird.

Man fragt sich während der Vorstellung oft, was das geschäftige Treiben soll? Es ist nur damit zu erklären, dass man von dem früher in Wagner-Inszenierung gegebenen statischen Agierens der handelnden Personen abgehen will. Der Regisseur Richard Jones misstraut ganz offensichtlich der Handlung und der Musik, die für ihn nicht abendfüllend zu sein scheint. Ärgerlicher kann man Oper nicht mehr inszenieren.

Über all dem steht Jonas Kaufmann als Lohengrin, der tapfer dieses kindische Geschehen mit trägt. Sein Tenor scheint für diese Partie ideal geschaffen zu sein. Sämtliche Höhen schafft er ohne jegliche Mühe und sein Wechselspiel von Piano zu Forte ist geradezu atemberaubend. Diese Stimme ist das Schönste, das man sich für die Partie wünschen kann und dazu noch seine Jugendlichkeit und seine enorme Ausstrahlung. - einfach phänomenal.

Umringt ist er jedoch von provinziell wirkenden Sängern. Hans-Peter König als Heinrich der Vogler hat Tiefe und Mittellage, lässt aber in höheren Lagen wenig von sich hören. Von Emily Magee als Elsa kann man gerade noch sagen, dass sie nicht allzu sehr stört. Ein Desaster ist Michaela Schuster als Ortrud - keine Tiefe und keine Höhe, nur schrille Töne ohne jegliche Dämonie. Diese fehlt auch Eike Wilm Schulte, der aussieht wie ein gemütlicher bayerischer Wirt, aber nicht wie ein verschlagener Telramund. Bei dem Heerrufer des Königs vermisst man sämtliche höher liegenden Töne des Baritons Evgeny Nikitin.

Der Chor jedoch, unter Andrés Máspero, ist durchschlagskräftig und effektvoll.

Da ist noch Kent Nagano als Dirigent positiv zu erwähnen, der seinem vorauseilenden guten Ruf tatsächlich gerecht wird. Was er aus dem großartig disponierten Orchester an Differenzierung herausarbeitet, ist wirklich hörenswert.

Die vier großen Pluspunkte sind also Jonas Kaufmann, der Chor, das Orchester und Kent Nagano.

Diese Inszenierung ist eine der ersten Produktionen unter der Ägide des nach München übersiedelten Intendanten Nikolaus Bachler. Sie zeigt, dass Wien mit seinem Abgang keinen Verlust erlitten hat.

16. Oktober 2009
Eleonore Moser