Univ. Prof. Dr. Gerhard Amendt
 

Aktuelles

Der Abschlussbericht (pdf) zum Forschungsprojekt Scheidungsväter zum Download

gerhard-amendt.at

 

  Home

  Veröffentlichungen
 
Newsletterarchiv
 
Links

  Kontakt


 

 

Den Artikel als Acrobat Reader Dokument herunterladen

 

Leviathan: Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Jahrgang 25 - 1997, Heft 2

Pädophilie oder: Über sexualwissenschaftliche Trivialisierungen inzestartiger Handlungen*

"Ein großer Irrtum ... wäre es die Unterschiede der Pädophilen- zur Erwachsenensexualität als Ver-sagen und Mangel zu sehen. Wir haben es nicht mit einer defizitären sondern mit einer anders ge-formten Sexualität zu tun."

Die pädophile Sexualform verfügt über ein ungewöhnlich differenziertes Konzept zum Konsens, je-denfalls im Vergleich zu den geläufigen Sexualformen".

"An dieser Stelle kann ich mir einen Seitenhieb nicht verkneifen: Einem Großteil der heterosexuel-len Männer würde eine so sorgfältig entwickelte Konsensstrategie im Umgang mit Frauen gut anstehen."

"Vielleicht spricht sich in der Pädophilie auch ein Ungenügen gegenüber der herrschenden Hetero-sexualität aus, wie manche Klage über Leistungsdruck und Potentseinmüssen vermuten läßt".

Drei Zitate aus Rüdiger Lautmanns Buch: Die Lust am Kind, Hamburg 1994, S. 98, 92 und 109.

Hat die deutsche Sexualwissenschaft ein Klärungsproblem mit der Pädophilie oder hat sie keines? Ist es die Aufgabe einer wissenschaftlich argumentierenden Sexualpolitik, die Formen sexuellen Begeh-rens lediglich zu registrieren oder hat sie auch Maßstäbe für deren Kultur- und Subjektverträglich-keit zur Verfügung? Polemisch gefragt: Ist die deutsche Sexualwissenschaft eine wissenschaftlich sich gebärdende Dependance von Beate Uhse - nur mit dem Unterschied, daß dort nach kommerziellen Interessen gehandelt und hier mit obskur bleibenden Gleichheitsrechten jongliert wird? Ist eine überzeugende Emanzipationsstrategie denkbar, wenn - wie in den USA - die Pädophilen "wrapped in the pieties of feminism (children, like women, have the right to control their own bodies) and the children`s rights movement..." auftraten und Gleichheit für die kindliche Sexualität fordern?

Noch bevor ich im November 1996 an der Universität Bremen einen Vortrag über die sexualpolitische Bedeutung der Pädophilie hielt, wurde mir bemerkenswert oft zu meinem Mut gratuliert, mich zu dem gewagten Thema zu äußern, so als sei die Suche nach Wahrheit nicht die maßgebliche Funk-tion von Wissenschaft. Vielleicht wurde mir als Mut gutgeschrieben, was allgemein als mangelnde Zivilcourage exakter beschrieben wäre? Dann wiederum wurde mir zur Mäßigung meiner Kritik an der Pädophilenpropaganda geraten, damit die mühsam erkämpften Freiräume der kindlichen Sexua-lität nicht gefährdet würden, die seit den 60er Jahren entstanden seien. Dieser Ratgeber dachte wohl an die Demonstrationen der Hunderttausend in Belgien, wo zum Schutz der Kinder ihre vermeintliche Sexualitätslosigkeit in der alles beherrschenden Farbe weiß symbolisiert wurde. Mit dem Appell zur Mäßigung wurde mir eine eigentümlich schwierige Gratwanderung zwischen liberalisierter Sexualmoral und Pädophilie empfohlen, die mir nicht schwer fällt, die aber ein weit verbreitetes Problem zu sein scheint.

Die Vermutung, ich würde mich an ein heißes Thema heranwagen, verwunderte mich, da wir doch seit Jahren Tag für Tag von kindesmißbräuchlichen Straftaten im Fernsehen hören und in den Tageszeitungen lesen. Hat die liberale Öffentlichkeit inzwischen aufgeklärte Beißhemmungen gegenüber sexuellen Minderheiten?

Allem Anschein nach ist die Diskussion über Pädophilie von Besonderheiten geprägt. Die Debatte zeichnet sich dadurch aus, daß es zwar eine leidenschaftliche öffentliche Erregung über begangene Schandtaten gibt, daß eben diese Öffentlichkeit sich aber gleichzeitig weigert, über das Wesen der Pädophilie zu sprechen. An die Stelle der Leidenschaft tritt plötzlich lähmende Apathie. Erregung ist sichtbar verbreitet, nicht aber die Reflexion über ihre Gründe. Nachträgliche Wut und Fassungslosigkeit sind reichlich vorhanden, nicht jedoch vorbeugendes Erkennen und Selbstreflexivität. Es scheint nur ein "Danach" mit Forderungen nach harten Strafen, aber ein kaum erkennbares Davor zum Zweck der Vorbeugung zu geben.

So stehen wir vor dem verblüffenden Phänomen, daß neben der harschen Verurteilung pädophiler Straftaten zu gleicher Zeit genau die Unzuchtshandlungen trivialisiert, ja propagiert werden - und das völlig unbelästigt von einer wachen Öffentlichkeit und fast unbehelligt von der Tages- und Fachpresse -, über deren Folgen sich die Öffentlichkeit entsetzt.

Das geschieht auch im Reich der Wissenschaft. Vom Direktor des Bremer Instituts für empirische und angewandte Soziologie, Rüdiger Lautmann, der in den 70er Jahren durch beachtliche rechts- und kriminalsoziologische Untersuchungen bekannt wurde, wurde eine mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Studie "Die Lust am Kind" publiziert, aus der ich eingangs zitiert habe. Ohne Zweifel läßt sie sich mit ihrer offen affirmierenden Distanzlosigkeit und ihrer sprachlichen Anlehnung an den Jargon der pädophilen Straftäter nur als sexualpolitische Förderung der Pädophilie verstehen

II.

Lautmanns besagte Studie stellt, zumindest im Hinblick auf die geisteswissenschaftliche Forschungs- und Projekttradition der Universität Bremen, einen unübersehbaren Bruch mit jener Solidarität dar, die Gruppen und soziale Schichten bislang erwarten konnten, die erkennbar benachteiligt oder in der Wahrnehmung ihrer Individuationschancen eingeschränkt sind. Paradoxerweise scheint es in der Atmosphäre sexualpolitischer Liberalisierung und der werbepsychologischen Verarbeitung von Partialtriebhaftem zu einer normativen Schwächung der Ansichten darüber gekommen zu sein, was für Kinder gut ist und was nicht. Mein Eindruck ist, daß sich immer mehr Menschen nur noch an strafrechtlichen Bestimmungen orientieren, wenn sie zwischen zulässigen und unzulässigen Handlungen an und mit Kindern unterscheiden. Oder sie verzichten einfach ganz darauf, sich über mögliche Grenzen und Grenzüberschreitungen zwischen den Geschlechtern und Generationen Gedanken zu machen. Die früheren Gewißheiten, herrührend aus kultureller und innerer affektiver Sicherheit - dem, was man "Gewissen" nennt - scheinen immer ungewisser.

Man mag darin ein Schwinden der zivilisatorischen Stabilität im Subjekt vermuten. Nur bringt uns diese skeptische Sicht nicht weiter. Können die mehr als indirekten Aufrufe zur Unzucht mit Kindern gemäß § 176 StGB, wie sie unter anderem von Edward Brongersma, Theo Sandfort, Frits Bernard und anderen in Holland und von Rüdiger Lautmann an der Universität Bremen oder von der nach ihrem Gründer genannten "Guyon Society" in den USA verbreitet werden, nur deshalb so unbehelligt kursieren, weil es inzwischen Schwierigkeiten auch unter den sogenannten "Normalen" gibt, zwischen sexuellem und zärtlichem Verhalten zu differenzieren? Für die Existenz dieser Schwierigkeit gibt es viele Belege. Die entscheidende Frage ist, welche Entwicklungen uns in diese affektive Ungewißheit gebracht haben. Man kann sagen, daß wir heutzutage vor dem Problem stehen, daß die liberalisierte Sexualität mit ihren Möglichkeiten, so ziemlich alles tun und lassen zu können, nachträglich wieder an überzeugende normative Vorstellungen geknüpft werden muß, wel-che allerdings nicht mit den alten Sexualnormen identisch sind. Gelingt das nicht, wird uns ein sexual-politischer Back Lash als Resultat dieser Unfähigkeit ins Haus stehen, wie das in den USA seit gut zehn Jahren der Fall ist. Back Lash auf der einen und pädophile Aufbruchsstimmung auf der anderen Seite bedürfen einer wohlbegründeten Antwort.

Die einzige Grenzziehung zwischen Zärtlichkeit und Mißbrauch, die inhaltlich tragfähig ist, ist jene, die mit einem wohl begründeten Kindeswohl argumentiert. Zugleich scheint mir das die einzige Argumentation zu sein, die gesellschaftlich überhaupt noch konsensfähig ist und gewillt und fähig, die Generationen gegen inzestartige Entgrenzungen wie in der Pädophilie zu schützen. Sexuelle Liberalisierung, die die Grenzlinie zwischen der Welt der Kinder und der Erwachsenen schleift, steuert zivilisationszerstörende Entwicklungen an. Ich will in Stichworten einige Gründe für die pädophile Aufbruchsstimmung nennen:

Der Status der Kindheit verändert sich. Wir können auf Grund der Zunahme von Scheidungen, Wiederverheiratungen und Einzelelternschaften beobachten, daß die Entscheidung über den Schutzbedarf der Kinder immer mehr dem Verwandtschaftssystem entzogen wird. Anstelle der traditonellen Familie übernimmt der Staat diese Regelungen auf dem Gesetzesweg, oder es kommt zur Auslagerungen der Entscheidungen in semi-staatliche Beratungseinrichtungen.

Pervers-pathologische Sexualität wird allmählich enttabuisiert. Die Gesellschaft verwandelt mit Techniken angewandter Marktpsychologie das Perverse in konsumfähige Käufermotivationen. Zugleich rückt die Frage nach der lebensgeschichtlichen Psychogenese von perverspathologischen Charakterstörungen immer mehr in den Hintergrund; sexuelle Identität steht gleichsam ohne Entstehungsgeschichte da. Auch offene Perversion als das Ende einer psychosexuellen Vorgeschichte rückt aus dem Blickfeld. Die Vermeidbarkeit der Perversion ist kein Thema mehr. Damit ist auch die Frage nach der Sexualität der Kinder nicht mehr unmittelbar mit Beziehungserfahrungen im Verwandtschaftssystem verknüpft; sie wird zum Thema mehr oder minder konservativen Strafrechts, der mehr oder minder direkten Unzuchtspropaganda und der einfallsreiche Werbepsychologie.

Nicht zuletzt dank begrifflicher Anleihen beim Vokabular der Psychoanalyse wurde das Perverse als Verhalten trivialisiert. Jeder glaubt heute alles über sich in psychoanalytischer Begrifflichkeiten aussagen zu können, ohne sich in dieser Rede auch nur annähernd dem Wiederholungszwang zugefügter Schädigungen und dem damit vielfach einhergehenden Zwang, andere zu schädigen, entziehen zu können. Hinzu tritt, und das ist nicht zu unterschätzen, die durch die Liberalisierung hervorgerufene Irritation der Erwachsenen, die sich in Unsicherheit darüber äußert, was eigentlich noch als zärtlich sublimierte Zuneigung zu Kindern und was bereits als sexueller Übergriff zu gelten hat.

Man kann sagen, daß die Versuche in Ländern wie Deutschland, USA, Holland und England, die Pädophilie als normale Form der Sexualität zu etablieren, in unmittelbarem Zusammenhang mit den Debatten über sexuellen Mißbrauch stehen, wie sie seit mehr als 15 Jahren in diesen Ländern geführt werden. Was waren und sind die hervorstechenden Besonderheiten dieser Debatte über Sexualbeziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern?

Bemerkenswert war und ist die Fixierung auf instrumentelle Gewalttätigkeit. Auch heute noch bezieht die Mißbrauchsdebatte, wenn auch inzwischen gemindert, ihre treibende Energie aus der Qualität der Gewalttätigkeit, die den sexuellen Mißbrauchshandlungen eigen ist oder zugeschrieben wird.

Sexuelle Gewalt meint dabei die körperliche Überwältigung eines Kindes, dessen gewaltsames Penetrieren und andere sexuelle Praktiken, herbeigeführt durch körperliche Überlegenheit einer erwachsenen Person.

Was fasziniert hier die Öffentlichkeit, was den Einzelnen und was die Wissenschaft an diesem The-ma? Auch hier ist es die instrumentelle Gewalttätigkeit, mit der die Taten einhergehen. Offene Gewaltanwendung löst Empörung aus. Offensichtlich scheint es nur diese zu sein, die Menschen massenhaft befähigt, sich mit den Erfahrungen mißbrauchter Kinder zu identifizieren. Man denke an die mobilisierende Wirkung, die von den grauenhaften Morden in Belgien ausging. Arbeiter gehen zwar immer seltener in eigener Sache auf die Straße, in Belgien jedoch demonstrierten sie spontan gegen sexuellen Mißbrauch. Sie demonstrierten "sexualpolitisch" dagegen, daß Angehörige der politischen Klasse im Schutz des staatlichen Gewaltmonopol pädophile Handlungen an wehrlosen Kindern vollzogen.

Andererseits gibt es eine Tendenz, daß die Fähigkeit zur Identifikation mit den Kindern abbricht, wenn die Gewaltqualität gering ist oder gänzlich fehlt. Das Einfühlungsvermögen in kindliche Erlebnisse mit perverser Sexualität, so wird man schließen müssen, scheint weniger auf der Identifizie-rung mit innerseelischen Vorgängen zu beruhen, die Kinder in die erwachsene Sexualität einführt, denn auf den Phantasien und Bildern, die sich die Öffentlichkeit über die damit verbundene Gewalttätigkeit macht. Die Öffentlichkeit interessiert sich eher für den Hergang der Tat als für das innere Erleben der Kinder. Das unmittelbar Entsetzende hat Priorität vor den wahrscheinlich für die betroffenen Kinder mit der Pubertät oder noch später im Leben einsetzenden psychischen Beeinträchtigun-gen, Erkrankungen oder den Einschränkungen der allgemeinen Glücks- und Beziehungsfähigkeit.

Sicher hängt dies auch mit dem bekannten Faktum zusammen, daß die für die Öffentlichkeit als relevant erachteten Ereignisse von der Presse stark skandalisiert werden. Aber der Genauigkeit halber sei vermerkt, daß von dieser Tendenz eine Reihe feministisch orientierter Hilfsprogramme und The-rapieansätze nicht ausgenommen sind. Zumindest in der Vergangenheit hat man in feministischen Ansätzen als seelisches Leid nur gelten lassen, was den plakativen Vorstellungen einer polarisierten Welt von männlichen Tätern und weiblichen Opfern entsprach. Die öffentlichen Debatten und vor allem die Hilfeangebote für mißbrauchte Kinder schrumpften dann letztlich auf die Sentenz zusam-men: Alle Gewalt geht vom Manne aus! Ohne Gewaltspuren keine Solidarität! Oder: Nicht die Verführung schädigt, sondern die Gewalt!

Man kann in diesen Äußerungen ein deutliches Zeichen von Verständnislosigkeit für die kindliche Lebenswelt erblicken. Diese Einstellung reicht weit. Genau betrachtet hat das vorherrschende Interesse an der Gewaltqualität sexueller Handlungen große Ähnlichkeit mit den psychologischen Recht-fertigungsversuchen von Sexualstraftätern, die sich - krankheitsbedingt - vor ihren Richtern mit dem Hinweis zu entlasten versuchen, daß sie den Kindern ja nicht weh getan hätten, daß die Kinder "es gebraucht" hätten, daß keine Narben geblieben seien, oder, bei besonders schweren Pathologien, daß sie ihre mörderische Tat auf "Wunsch" der Opfer ausgeübt hätten, sie hätten es doch gewollt!

Die Täter sind von ihren Aussagen überzeugt. Sie lügen nicht. Sie präsentieren lediglich die Kehrseite ihrer Leidensuneinsichtigkeit, die Teil ihrer Perversion im klinischen Sinne ist; und sie können im Hinblick auf Autoren wie Edward Brongersma und Rüdiger Lautmann sogar inzwischen ihre Uneinsichtigkeit als wissenschaftlich begründete Wahrheit und "ethische vertretbare Sexualform" vor Gericht rechtfertigen.

Die zuvor beschriebenen Reaktionen der Öffentlichkeit legen die Vermutung nahe, daß auch reife Erwachsene nicht frei von pädophilen Neigungen sind. Das ist nichts Neues. Allerdings gibt es zwischen den Pädophil-Perversen und den "Normalen" mit pädophilen Gelegenheitsphantasien einen maßgeblichen Unterschied. Letztere stehen nicht unter dem krankhaften Zwang, ihre Phantasien in die Realität umsetzen zu müssen.

III.

Die Gemeinsamkeit des Normalen und des Pervers-Pathologischen reicht im Alltag recht weit. Der Welterfolg des Romans "Lolita" (1955 publiziert, 1962 von Stanley Kubrik verfilmt) demonstriert chiffrehaft die verbreitete Leidenschaft, sexuelle Überschreitungen der Generationsgrenzen identifi-katorisch nachzuvollziehen, wie zugleich erschauernd zu begehren und heftig zu mißbilligen. Lolita wurde zum Inbegriff des sexuellen Verlangens eines präpubertären Mädchens stilisiert, das den er-wachsenen Mann ins Wanken bringt. Umgekehrt erscheint der Stiefvater namens Humbert Humbert, wie Reich-Ranicki meint, als Opfer offener Verführung eines kleinen "raffinierten Biests", das sich von Gleichaltrigen sich nichts erwartet, dafür aber um so mehr vom erwachsenen Mann als dem psychischen Nachfolger des Vaters. Die gängige Deutung vom verführten Mann gibt der Roman zwar nicht her, aber diese Bedeutung wurde "der kleinen Lolita" wohl auf unabsehbare Zeit beigegeben. Was kollektiv auf Lolita übertragen wird, ist die unbewußte Vorstellungswelt der Projizierenden.

Es zeigt sich hier, daß kindliche Sexualität einerseits noch immer weitgehend geleugnet wird, daß aber unter bestimmten Bedingungen es durchaus möglich erscheint, daß ein Erwachsener ihr zum Opfer fallen kann. Was geht hier vor? Der Mechanismus ist simpel - das pädophile Begehren, das einen Erwachsenen die geltenden Sexualnormen verletzen, eben die Elterngeneration verlassen läßt, bedarf einer seine Schuld und Scham mindernden Erklärung. Das Kind hat ihn verführt, ja überwältigt. Die sonst so starken Erwachsenen werden plötzlich schwach.
Die milde Sicht von den mächtigen Kindern erlebt in der pädophilen Literatur eine glanzvolle pathologische Übersteigerung. Das Kind wird überschätzt und zu einem allmächtigen Wesen stilisiert, dem der Pädophile, sei er sanftmütig, bestialisch oder zwischen beidem gefährlich changierend, sich hilflos ausgesetzt fühlt.

Wie nahe das Beschützende und das Zerstörende in der pädophilen Perversion beieinander liegen, spricht Humbert Humbert, die Hauptfigur Lolita-Romans, deutlich aus:

"Wie süß war es, ihr den Kaffee zu bringen und ihn ihr dann zu verweigern, bis sie ihre Morgenpflicht erfüllt hatte. Und welch rücksichtsvoller Freund war ich, welch leidenschaftlicher Vater, welch guter Kinderarzt, der sich aller körperlichen Bedürfnisse seiner kleinen Halbbrünetten annahm."

Unübersehbar hier die sexualisierte Elterlichkeit von Humbert Humbert und zugleich die impulsiven Zerstörungswünsche, die uns hier - anders als bei dem des Mordes verdächtigen Dutroux - im Gewand liebevoller Fürsorglichkeit gegenübertreten. Doch die Zerstörungwünsche sind umfassend:

"Ich verübelte es der Natur lediglich, daß ich meine Lolita nicht von innen nach außen stülpen konnte, um meine gierigen Lippen an ihre junge Gebärmutter, ihr unbekanntes Herz, ihre perlmutterne Leber, die Meerestrauben ihrer Lungen und ihrer hübschen Nierenzwillinge zu pressen." (Mitschnitt)

Hier ist die unbändige Grausamkeit eines Triebdurchbruchs eines Pädophil-Perversen in angemessene Worte gefaßt. In Brüssel wurden sie schaurige Wirklichkeit. Die Kinder werden in der Projektion mit Kräften und magischen Fähigkeiten ausgestattet, die die pädophilen Täter ihrerseits wie abhängige kleine Kinder erscheinen lassen. Die Kinder - Opfer - erscheinen trotz ihrer körperlichen Kleinheit als diejenigen, welche über die körperlich überlegenen Pädophilen seelisch herrschen.

Es ist typisch für das Verhalten von Pädophilen, daß sie sich dem Kind geduldig abwartend unter-werfen und zugleich mit ausgeprägt sanftmütiger Zudringlichkeit ihre sexuelle Befriedigungsabsicht verfolgen. Der aggressiven Zudringlichkeit fehlt das Gefühl der Schuld, je mehr sie sich lustvoller Zuneigung verbindet. Es sind die Übergänge zwischen den scharf auseinander tretenden Welten von Zärtlichkeit und Aggressivität, die bei Pädophilen so schwer bestimmbar sind und die jede Trennung in mehr oder weniger harmlose und gefährliche Pädophilie diagnostisch so schwer macht. Selbst die zuwartenden Pädophilen verharren nicht aus humaner Gesinnung wie selbstlose Eltern, sondern aus einer tiefen Angst, die auf sexuelle Reaktionen im Kind sehnsüchtig wartet.

IV.

Das Schwanken in unserer Gesellschaft zwischen Rachebedürfnis im Anschluß an pädophile Hand-lungen einerseits und träger Gleichgültigkeit gegenüber der Propagierung solcher Handlungen zum anderen läßt mich daran zweifeln, ob die lautstarken Erörterungen über "sexuellen Mißbrauch" während der letzten Jahre tatsächlich einem verfeinerten Verständnis der Verführbarkeit von Kindern und ihrer seelischen Verletzbarkeit zuzuschreiben sind. Die Erotik der Kinder und ihre sexuellen Phantasien werden inzwischen häufiger erkannt, aber auch als Rechtfertigung für erwachsene sexuelle Aktivitäten mißverstanden. Die kurzzeitig zu beobachtende Sensibilisierung der Erwachsenen für die eigenen Verführungswünsche und Verführbarkeiten scheint sogar eher im Schwinden begriffen. Statt Einfühlungsvermögen begegnen wir Anzeichen einer kollektiv um sich greifenden Gefühllosigkeit, sich äußernd darin, daß die Verletzungen der seelischen Integrität von Kindern noch immer nur in der Form von Körperverletzungen und grausamer Tötung thematisiert wird. Dieser Logik entspricht auch die weitverbreitete Vorstellung, daß Eltern, die nicht prügeln, bereits hinreichend gute Eltern seien. Oder die plumpe Überzeugung: Nicht die Verführung schädigt, sondern die Gewalt!

Es ist diese Unterscheidung zwischen gewaltsamen und nicht gewaltsamen Sexualhandlungen an und mit Kindern, die auch Lautmann erklären lassen: "Die Lust am Kind als abgrenzbare Sexual-form bindet sich an eine Ethik".

Zu diesem Zweck übernimmt er die in der pädophilen Standardpropaganda etwa von Brongersma übliche Unterteilung in "gute" in "böse", in "echte" und "unechte" Pädophile. In der Pädophilenliteratur werden drei entsprechende Typen präsentiert:

Pädophile Täter, die Kinder lieben und in eine sexuelle Beziehung ohne Gewalttätigkeit einführen; Ersatz-Objekt-Täter, die sich Kinder nehmen, weil sie erwachsener Sexualbeziehungen nicht fähig sind, und aggressiv-sadistische Täter, die gewalttätig ihr sexuelles Begehren verfolgen.

Die Unterteilungen spiegeln ein klassifikatorisches System von Rationalisierungen wieder, das sich nur auf die Erlebniswelt der Täter bezieht. Bei den drei Typen handelt es sich um diagnostische Kategorien, Grundlage der Konstruktion bildet lediglich die antizipierende Erwartung der Autoren über die Reaktionen der Öffentlichkeit: lauter Aufschrei oder sprachloses Schweigen. Entscheidend für die Typisierungen ist, daß ihnen jeder Bezug zu den Kindern fehlt, woran abermals die Beziehungslosigkeit der Pädophilen zu ihren geliebten Opfern als Teil ihrer perversen Charakterformation er-kennbar wird. Das Kind ist bei allen drei Tätertypen ein Ersatzobjekt. Wer ein Kind zum Sexualobjekt macht, auch wenn dieses "mitspielt", hat die Perspektive des Kindes auf sein eigenes erwachsenes pädophiles Begehren verkürzt. Alterstypische Fummeleien von Kindern sind nun einmal psy-chisch etwas anders als das pädophile Fummeln eines Erwachsenen. Letzteres widerspricht allen Annahmen von "Gegenseitigkeit" und von "Beziehung" im emphatischen Sinne, gleichgültig ob man die Situation in Begriffen des symbolischen Interaktionismus oder der Psychoanalyse beschreibt.

Wie Gewalttätigkeit und vermeintliche Gewaltlosigkeit das Ausmaß der öffentlichen Identifizierung mit Kindern bestimmen, habe ich oben angedeutet. Aber wie wirkt dieses Gegensatzpaar auf die Erlebniswelt der Kinder? Die Pädophilen selbst behaupten hier eine große Differenz; die Unterscheidung stellt sozusagen das Einfallstor dar, über das sie ihre ethische Anerkennung betreiben. Aber ist das vermeintlich Gewaltfreie für die Kinder etwas grundsätzlich anderes als das Gewalttätige? Wird allein mittels der Gewaltqualität entschieden, ob Säuglinge, Vierjährige, Kinder und Pubertierenden durch pädophile Akte beschädigt werden oder nicht?

Die Gewalttätigkeit gibt dem Erlebnis sicher eine verschärfende Dimension. Im Hinblick auf Kindeswohlinteressen ist die Unterscheidung jedoch fast unerheblich, weil keine Form der Pädophilie bekannt ist, die förderlich für das Kind wäre. Wenn es um das Kindeswohl geht, müßte nachgewiesen werden, daß die perverse Sexualbefriedigung des erwachsenen Täters die psychische Entwicklung von Kindern fördert, zumindest nicht schadet. Dies kann die Pädophilenpropaganda jedoch nicht leisten.

Lautmann versucht diesem Dilemma auszuweichen:

"Die Berechtigung des pädophilen Anspruchs, eine eigenwertige Sexualform ausbilden zu können, entscheidet sich nach dieser Frage: Können die Sexualskripte eines Mannes und eines Kindes trotz ihrer Inkongruenz so zusammenwirken, daß sich eine stimmige Situation ergibt?" (S. 77)

Lautmann wähnt sich der "stimmigen Situation" ein Stück näher, wenn er harmlose Pädophile von Inzest und Mißbrauch abgrenzt. Die Begründung dafür indes fällt lapidar aus und ist vollkommen blind für die Beziehungsdimension: "Die Erwachsenen-Kind-Kontakte finden nicht innerhalb der Familie statt, sie stellen keine Ersatzhandlungen dar und beruhen nicht auf Gewalt als Selbstzweck." (S. 12)

Jedoch, auch sexueller Mißbrauch und Inzest setzen die Gewalt nie als Selbstzweck ein, sondern immer als Teil einer pathologischen Triebbefriedigung. Wenn der Gewalttätigkeitsfetisch beiseite gelassen wird, bleibt nur die einfache Frage übrig: Was ist das Förderliche für das Kindeswohl an einer sexuellen Handlung zwischen ihm und einem Erwachsenen? Oder noch deutlicher: Was hat der Penis eines erwachsenen Mannes in oder an der Vagina einer Vierjährigen zu suchen; welche Vorteile hat es zum Beispiel für ein kleines Mädchen, wenn sie einen erwachsenen Mann masturbiert oder sich masturbieren läßt oder unter Rücksicht auf die vaginal-anatomisch bedingte Schmerzgrenze sich ganz oder teilweise vaginal penetrieren läßt? Analoges gilt für Knaben.

Anders gefragt: Was spricht für die Sexualisierung der Kind-Erwachsenen-Beziehung? Ich werde schrittweise versuchen, die Erklärung nachzuzeichnen, mit denen Rüdiger Lautmann die "Mädchenliebhaber" und "Knabenfreunde" - wie er männliche Pädophile feinsinnig unterscheidet - als Repräsentanten des Kindeswohls charakterisiert. Und ich werde auf die revolutionären Perspektiven für das Verhältnis zwischen den Generationen und Geschlechtern hinweisen, die ihm vorschweben. Im Zeitalter der zerbrochenen Revolutionserwartungen hält Lautmann gleichsam die Ersatzperspektive einer sexualpolitischen Revolution aufrecht. Er verheißt den Männern - nicht den Frauen -, daß Ausagieren ihrer pädophilen Impulse.

Was also hat es mit der Aussage auf sich, daß die Pädophilie nichts mit Inzest zu tun habe, weil und wenn die fraglichen Handlungen nicht unter Familienmitgliedern stattfinden?

Der These ist die krasse Gegenthese entgegenzuhalten, daß pädophile Handlungen sehr wohl am Ort und in der Atmosphäre von Familien stattfinden. Das ist sogar der Normalfall, da Pädophile auf Säuglinge und Kleinkinder im Schutz der ihnen selbst gewährten Familieneinbindung zugreifen. Dies gilt sogar noch für den Fall, daß die Kinder bereits eingeschult sind, und dies ändert sich grundsätzlich auch dann nicht, wenn sie in die Pubertät eintreten. Denn es kommt nicht auf die Familie als geographischen Ort an. Vielmehr geht es darum, daß das familiäre Leben die alles beherrschende Atmosphäre der Kinder ist, in der sie ihre Emotionalität entfalten und in der sich ihre phasenspezifischen sexuellen Phantasien in der Spannung zu den Eltern entfachen. Von altersbedingten Akzentsetzungen abgesehen, wird sich an dieser affektiven Gefühlsbindung nichts Wesentliches ändern, solange die psychische Bindung an die Eltern nicht beendet wurde. Das gilt gerade für die unbewußten sexuellen Phantasien, die bis in die Pubertät auf die Eltern fixiert bleiben. Diese Konstellation beginnt sich erst dann zu wandeln, wenn die Kinder mit der auslaufenden Pubertät ihre sexuellen Phantasien nach außen richten. Dann verliert die Familie, wenn alles gut geht, an affektiver Bedeutung. Die unbewußten sexuellen Phantasien werden von den Eltern abgezogen, Jungen und Mädchen finden einen Partner bzw. eine Partnerin außerhalb der Familie, mit dem oder der sie sich erstmals autonom ihre sexuellen Wünsche und Beziehungsphantasien erfüllen können.

Eltern und Stiefeltern sind immer die ersten phantasierten sexuellen Liebesobjekte der Kinder. Sie werden als Zeichen der Ablösung durch andere Männer und Frauen ersetzt, die sozusagen in die Nachfolge der aufgegebenen Eltern eintreten. Deshalb tragen die ersten Liebespartner der Kinder so oft Zeichen der Ähnlichkeit mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil. Der Weg hinaus ins Leben wird durch die Ablösung von den Eltern erst möglich und zugleich unumkehrbar. Allein dies ermöglicht Kultur, Autonomie und die Entstehung von Generationenfolgen. Verfehlt ein Heranwachsender dieses Ziel zum Teil oder gänzlich, so sind in einer weiten Streuung psychische Krankheit, Beziehungsunfähigkeit, soziale Verwahrlosung und kulturzerstörerische Tendenzen die Folge. Die Pädophilie ist ein solches Indiz der Kulturzerstörung, das durch verfehlte psychische Erwachsenheit entsteht. Für die Pädophilie gilt wie für alle anderen Perversionen, daß sie die Trennung der Geschlechter und die Andersartigkeit von Eltern und ihren Kindern, eben die Generationenfolge, psychisch nicht zustande bringen.

Alle sexuellen Beziehungen, die Kinder vor der psychischen Ablösung von den Eltern eingehen, sind deshalb inzestartige Beziehungen. Denn alle Erwachsenen treten, ob sie das wollen oder nicht, den Kindern in der emotionalen Gefolgschaft der Eltern gegenüber. Erst wenn die Kinder sich mit ihren Phantasien von den Eltern abgewandt haben, können andere Personen mit ihrer je eigenen Gefühlswelt als Nichteltern wahrgenommen werden. Jede sexuelle Handlung zwischen Erwachsenen und Kindern einschließlich solchen während der Pubertät trägt deshalb mehr oder weniger ausgeprägt inzestartige Züge. Das Begehren des Kindes ist von Inzestphantasien beherrscht, und es steht noch heftig unter deren Herrschaft, wenn der Pädophile als eine "sexualisierende quasi versorgende Elternfigur" sie neuerlich entfacht. Das Wesen der Ungleichzeitigkeit zwischen beiden gipfelt in der sekundären Entfachung ödipal inzestuöser Empfindungen beim Kind. Jeder Erwachsene, der sich der Kinder zur Befriedigung seiner sexuellen Wünsche bedient, steht deshalb in der kindlichen Lebens-geschichte für die Wiederkehr des Ödipuskomplexes. So gesehen verliert die Frage, ob Erwachsene Kinder außerhalb oder innerhalb der Familie verführen, der Lautmann so grundlegende Bedeutung beimißt, auf einmal einen Großteil ihrer Wichtigkeit. Für das kindliche Erleben ist die psychische Repräsentanz der Sexualität von Erwachsenen, im ursprünglichen Fall mit den Eltern, die Quelle potentieller neurotischer wie psychotischer Störungen.-

Daraus ergibt sich, daß eine frühkindliche pädophile Erfahrung immer schädigend sein wird. In welcher Art und Weise sie negativ auswirkt, läßt sich nicht voraussagen. Es ist auch wenig sinnvoll, immer von einer "Traumatisierung" auszugehen. Schädigungen sind auch jenseits dieser Schwelle vorstellbar.

Aus diesen Überlegungen heraus ist es sinnvoll, politisch auf jeden Fall am Schutzalter von 14 Jahren festzuhalten. Pädophilie, sexueller Mißbrauch und Inzest mögen sich zwar unter unterschiedlichen Bedingungen ereignen, aus der Sicht des kindlichen Erlebens jedoch werden damit immer se-xuelle Phantasien verwirklicht, die auf den gegengeschlechtlichen Elternteil gerichtet sind. Lautmann zitiert zwar Finkelhor:

"Einige Arten sozialer Beziehungen verletzten tief verwurzelte Werte und Prinzipien unserer Kultur über Gleichheit und Selbstbestimmung. Sex zwischen Erwachsenen und Kindern ist eine davon." Aber Lautmann zitiert Finkelhor nur in der Absicht, ihn zu verwerfen. Mit großer Selbstgewißheit fordert er, die Pädophilie nicht nur sozial und ethisch als eine eigenständige Sexualform anzuerken-nen, sondern auch in der Wissenschaft einen Paradigmenwechsel über die kindliche Entwicklung und über das Verhältnis der Generationen zueinander herbeizuführen. Das werde sich später auch in der sexuellen Erziehung der Kinder niederschlagen. Künftig würden wir uns von den vertrauten "Denkmustern von Sigmund Freud bis Lawrence Kohlberg" verabschieden müssen!

Um zusammenzufassen: Das pädophile Bekenntnis als Wissenschaft propagiert die Abschaffung der Kindheit (Lautmann S. 129ff). Freud und Kohlberg einschließlich der dazwischen liegenden psychologischen Forschung würden - so sieht es Lautmann - das Leben zu sehr als eine "Art Hürdenlauf" betrachten, so als müßten "an kritischen Stellen ... Schwellen überwunden werden."(S. 62) Diese unbequemen Hürden, so ist hinzufügen, bestehen just darin, im eigenen sexuellen Begehren auch eine andere, fremde Person wahrzunehmen und sie nicht nur als zähes Relikt eines innerlich hängen gebliebenen Elternteils zu vereinnahmen. Nach Lautmann kommt es durch diese unerfreulichen Hürden "zu Altersgrenzen und Generationsgruppen im Begehren und Verbieten". "Zweifel an dieser Sicht des Reifens und Fortschreitens sind angebracht".(S. 62) Altersgrenzen und Generationenfolgen werden vom pädophilen Bekenntnis in der Tat als tragende Elemente der Kulturentwicklung verworfen, theoretisch und praktisch. Übrigens hat das schon der Marquis de Sade so gemacht, wenngleich literarisch anspruchsvoller.

V.

Kommen wir zum Schluß zur sexualpolitischen Wende, wie sie Rüdiger Lautmann vorschwebt.

Für den anstehenden Paradigmenwechsel zur kindlichen Erziehung werden zwei sexualpolitische Antworten gegeben. Ich nenne die Antworten strategisch, weil sie auf den Umbau grundlegender Beziehungen zwischen den Generationen und Geschlechtern angelegt sind.

Diese angestrebte sexualpolitische Veränderung zielt darauf ab, in einer neuen, umwerfenden Art und Weise die als überflüssig erachtete Generationengrenze aus dem Wege zu räumen. Im Sinne eines Coming Out würden dann alle Männer ihr Verlangen nach heranwachsenden Mädchen spüren, was sie nach Lautmann auch früher schon taten, aber als Geheimnis hüteten oder hüten mußten (Lautmann S. 136). Damit soll es nach diesem sexualpolitischen Entwurf ein Ende haben. Das bedeutet nicht weniger, als daß sporadisch auftretenden pädophilen Phantasien künftig der Weg von der Phantasie zur Verwirklichung geebnet werden soll. Ein Vater würde zwar seine Tochter wegen des Inzesttabus respektieren müssen, nicht aber deren vierjährige Gespielin.

Wie wird das Ziel der Pädophilisierung der Gesellschaft erreicht, das hier Männern verheißen wird? Und sind es tatsächlich Verheißungen, die diese Chaospädagogik ausmachen? Lautmann stellt fest, "daß sexuelle Kompetenzen in der Kindheit schritt- und schubweise erlernt werden"(S. 136)

Gewiß, so ist es. Doch Lautmann fügt hinzu:

"Schade, daß das in sexueller Hinsicht so planlos geschieht und von eher zufälligen Botschaften aus den Kreisen der Eltern, der Gleichaltrigen und der Medien gesteuert wird. Daß die sexuelle Soziali-sation bislang nicht rationalisiert worden ist, sichert allerdings der Erwachsenen-Kind- Sexualität ihren Tabucharakter."(S. 60)

Was wird hier als neue Stufe der Rationalisierung in Aussicht gestellt? Lautmann erklärt, daß das, was den Kindern bislang fehle, die systematische Vermittlung sexuell bedeutsamer Symboliken sei. Im Familienkreis liege vieles noch im Argen. Geschähe die Vermittlung erst einmal gezielt und planvoll durch wissende Experten, dann würde der Tabucharakter, der noch immer auf der Sexualität von Erwachsenen und Kindern laste, verschwinden. Zugleich würden die Unterschiede zwischen den Generationen fallen.

Gemeint sind jene Unterschiede, an denen wir uns als Kinder rieben, weil wir lange nicht wahrhaben und uns eingestehen wollten, daß die Eltern wirklich größer und uns überlegen waren. Nicht zu vergessen ist, daß wir uns zeitweise nicht damit abfinden konnten, daß die Beziehung von Vater und Mutter geheimnisvolle Dimensionen hatte, von denen sie uns ausschlossen und wo wir - zu unserem großen Glück - keinen Fuß oder sonst etwas auf den Boden bekamen.

Wie wird nach Rüdiger Lautmann die pädophile Pädagogik der Zukunft aussehen, in der damit Kin-der die störenden Generationengrenzen nicht mehr erleben müssen? Die interessierte Antwort: Die sogenannten "echten" Pädophilen werden die Retter der rationalen Erziehung sein. Sie werden als liebevolle Experten in die Rollen eingesetzt, in denen Eltern, Schule und Peer Group bislang versagen. Wir sollen die echten Pädophilen zu den systematischen Trägern der rationalisierten sexuellen Sozialisation der Kinder machen. Wir erfahren, daß der sogenannte echte Pädophile nicht von den Hemmungen belastet sei, die die "Inzest-Eltern" für die Sexualerziehung so ungeeignet machten (S. 60).

Ich will nur auf eine Realitätsverkennung hinweisen: Sie besteht in dem völligen Unverständnis der elterlichen Hemmungen, mit ihren Kindern über Sexuelles zu reden. So mißlich das für die sexuelle Aufklärung der Kinder mitunter auch sein mag, so sind diese Hemmungen doch Ausdruck einer kultivierten funktionalen Scham. Denn sie bringen die allgegenwärtige Form der Gefährdung durch gegenseitiges sexuelles Begehren in verdeckter Form, eben in Form der Scham, Hemmung oder Verleugnung, zum Ausdruck. Die Scham der Eltern deutet an, daß sie die Generationengrenze, das Inzesttabu, sehr wohl einhalten, daß sie aber zugleich im Reden über Sexuelles in ihrer Sicherheit erschüttert werden. Folglich wird im Kreis der Familie das Thema Sexualität nicht pausenlos präsentiert, weder theoretisch noch praktisch.

Mit ihrer kindlich-naiven Selbstempfehlung als Sexualaufklärer der Zukunft übersehen die Pädophilen die prekär ausgeglichene Geschlechterspannung zwischen Eltern und ihren Kindern. Sie können den in der Eltern-Kind-Beziehung beschlossenen Autonomie-Effekt nicht wahrnehmen. Sie wollen umgekehrt die inzestartige Überschreitung körperlich praktizieren. Und vor allem wollen sie den mächtigen Wunsch nicht aufgeben, alle Orte zugleich einzunehmen: Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Gespiele und Lehrer gleichzeitig sein. De facto machen sie aus Lehrern pädagogisierende Lüstlinge!


© Copyright by Gerhard Amendt

 

 
amendt@uni-bremen.de