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Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr
Ich glaube, die Lektüre des Buches Wörter auf Wanderschaft
von Heinrich Scheffler (Pfullingen, 1987), das beim Stichwort "Kamel"
wieder zum notorischen Seil gelangte, war der Auslöser dafür, dass ich in einem
kurzen Dokument die Sachlage (und natürlich meine Sicht der Dinge) beschrieb.
Beim Wiederdurchlesen und -denken bin ich auf den Wikipediaartikel
Gleichnis
vom Nadelöhr (Bearbeitungsstand: 11. Nov. 2008) gestoßen - eine krude
Mischung aus Ungenauigkeiten, Missverständnissen und definitiv falschen
Behauptungen. Daher habe ich beschlossen, diese Seite zu einer Quellensammlung
auszubauen. Wer die Details überspringen möchte, findet am Fuß der Seite eine
Zusammenfassung.
"Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt", sagt Jesus einmal (Mt 19,24; Mk 10,25; Lk 18,25). Im griech. Text steht das Wort kamêlos (mit Eta), das im NT (wie das hebr. gamal im AT) immer das einhöckerige Kamel bezeichnet, das wir Dromedar nennen (camelus dromedarius). (Das zweihöckerige Kamel, camelus bactrianus, findet sich z.B. auf dem schwarzen Obelisken Salmanassers III. abgebildet und ist zumindest seit dieser Zeit im Nahen Osten nicht unbekannt, kommt aber m.W. in der Bibel nirgends vor.)
Das Kamel ist das größte Tier, dem man in Palästina üblicherweise begegnete. Das Nadelöhr ist die kleinste Öffnung. Das Bild ist also klar: ein Riesenvieh kommt niemals durch ein so winziges Loch, erst recht nicht kommt ein Reicher ins Himmelreich.
Vermutlich aus zwei Gründen hat es verschiedene Umdeutungen dieses an sich klaren Bibelwortes gegeben:
Die Forderung nach Kohärenz des Bildes erfüllen aber viele bildhafte
Redewendungen nicht, z.B. der Elefant im Porzellanladen oder die Warnung
Jesu davor, dass das Salz seinen Geschmack verliert
(s.
Jesu
Salzworte).
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Die eine Interpretation besagt, dass "Nadelöhr" die Bezeichnung für eine kleine Mauerpforte in der Stadtmauer von Jerusalem war, durch die ein Kamel, wenn überhaupt, dann nur auf Knien durchrutschen konnte. (Also wenn er schön demütig ist, kommt der Reiche ja vielleicht doch in den Himmel.) Der Nahostkorrespondent
Für die Existenz einer solchen Pforte zur Zeit Jesu habe ich aber bisher keinen Hinweis finden können. |
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Die zweite Interpretation besagt, dass hier eine Verwechslung der Worte "Kamel" und "Seil" vorliegt.
So schreibt etwa Kyrillos von Alexandria (gest. 444) in seinem Kommentar zu Lk 18,25, in der Seemannssprache bezeichne "Kamel" ein dickes Seil. Die maßgeblichen Wörterbücher verzeichnen aber keinen Beleg für diesen Wortgebrauch.
Ab dem 10. Jh. taucht in einigen neutestamentlichen Minuskelhandschriften die Lesart kamilos auf. Ein Scholion zu Aristophanes' Wespen und die Suda, ein Lexikon des 10. Jh., verzeichnen für dieses Wort die Bedeutung "Schiffstau". Darauf ist sogar der (von mir sonst sehr geschätzte) Etymologie-Duden (Duden Bd. 7) hereingefallen. Er behauptet in der 2. Aufl. von 1989 unter dem Stichwort Kamel (S. 322):
In der biblischen Redensart "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr..." steht 'Kamel' nicht für griech. kámelos "Kamel" sondern für kámilos "Tau, Seil".
Doch kamilos ist offenbar nur den byzantinischen Gelehrten bekannt. In der freien Wildbahn der Literatur ist es nirgends belegt. (Weshalb das Greek-English Lexicon von Liddell/Scott/Jones (LSJ) zu diesem Wort sagt: "Perhaps coined as an emendation of the phrase [...] Ev.Matt. 19,24".) Und der Zeitpunkt seiner ersten Bezeugung im NT in der sog. Byzantinischen Renaissance lässt es deutlich als Konjektur gelehrter Philologen erscheinen.
Auch das Griech.-dt. Schul- und Handwörterbuch von Wilhelm Gemoll schließt sich in der 10. Aufl. dieser Meinung an und schreibt unter dem Lemma kamilos: "wohl künstliches Wort, statt kamêlos in Matth. 19, 24". Dafür wird allerdings der Angabe des Kyrillos Glauben geschenkt, sodass es unter dem Stichwort kamêlos heißt: "2. Schiffs-, Ankertau".
Im Koran heißt es von den Menschen, die die Zeichen der Gesandten Gottes nicht anerkennen: "Und nicht betreten sie den Garten (=das Paradies), ehe ein Kamel durch ein Nadelöhr geht." (Sure 7,40(38)). Auch hier könnte man aus dem ǧamalu "Kamel" leicht ein ǧummalu "Tau" machen.
Dabei ist all der Interpretationsaufwand völlig unnötig. Das Griech.-dt. Wörterbuch zu den Schriften des NT von Walter Bauer veweist auf Mt 23,24: "Ihr verblendeten Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt!" Auch hier paßt das Kamel eigentlich nicht ins Bild (wer könnte, sei es absichtlich oder versehentlich, Kamele verschlucken). Das Kamel steht auch hier einfach für etwas vergleichsweise riesig Großes. Da wie dort gibt es keinen Grund, eine Textverderbnis oder ein Mißverständnis anzunehmen.
Was wir daraus lernen können: nur weil etwas plausibel klingt, muß es noch lange nicht wahr sein. So wenig man ein Kamel verschlucken kann, so wenig kriegt man es durch ein Nadelöhr. Kamilos ist nur eine gelehrte Konjektur aus byzantinischer Zeit, ein Ablenkungsmaneuver von Besserwissern. Denn die eigentliche Frage ist: wie können wir reichen Bewohner des westlichen Abendlandes ins Himmelreich kommen?
Die eigentlichen Quelltexte sind durch braun-orange Hintergrundfarbe kenntlich gemacht, meine Kommentare dazu durch grüne Serifenschrift. Die syrischen und arabischen Passagen habe ich wiedergegeben, so gut ich es vermochte. Ich bin beider Sprachen kaum mächtig. Überhaupt empfehle ich, auch mir nichts unbesehen zu glauben. Daher habe ich reichlich Verweise auf die Quellen beigegeben.
Nicht für alle Quellen konnte ich auf Gedrucktes zurückgreifen, daher habe ich manchmal nur Verweise auf Netzadressen. Hinsichtlich des Urheberrechts hoffe ich, es durch Zitieren einzelner Lemmata oder kurzer Passagen nicht verletzt zu haben. Bei einem Gutteil der Texte sollten auf Grund des Alters Urheberrechtsansprüche ohnehin erloschen sein. Sollte dennoch jemand seine Rechte verletzt sehen, möge er mich umgehend darauf hinweisen.
Ab hier benötigt man Schriftarten für Altgriechisch, Syrisch, Arabisch, Koptisch und Armenisch. Der dauernde Wechsel der Schriftrichtung in Lexikonartikeln führt im Browser zu Darstellungsproblemen, die ich bisher nicht ganz gelöst habe. Auf das rechtsbündige Ausrichten syr. und arab. Quelltexte habe ich nach einigem Herumprobieren verzichtet.
Dank JSTOR ist es mir gelungen, der Miszelle "Camel and Cable"
aus der Feder des Assyriologen Paul Haupt, im American Journal of Philology
(AJPh 45,3 (1924) 238-241), habhaft zu werden. Der Artikel trägt den Titel
"Philological and Archeological Studies", die
erste
Seite ist über das Internet abrufbar. Leider trägt er nichts Erhellendes
zu unserer Frage bei, vielmehr geht er der Frage nach der Etymologie der
beiden Wörter camel und cabel nach.
Engl. camel, griech. κάμηλος, kommt nach Haupt von arab. jimâl (i.e. جِمَالٌ), dieses beruht auf einer Wurzel km "aufhäufen". Hebr. גָּמָל < *kamal "buckelig, höckerig" hat Erweichung der anlautenden Tenuis durch das benachbarte m. Das Kamel ist also nach seinem Höcker benannt.
Der unsystematische, assoziative Schreibstil Haupts verschleiert allerdings oft, worauf der Autor hinauswill, und erweckt Misstrauen, ob die Vergleiche und Behauptungen, die er oft en passant einwirft, alle zutreffen.
Interessant ist der Verweis Haupts auf den Babylonischen Talmud, Baba
Metziʿa 38b (in der zweisprach. Ausg. von Lazarus Goldschmidt,
Leipzig: Harrassowitz, 1906: Bd. 6, S. 601, Z.16;
Bd. 6
von Goldschmidts Talmud-Edition kann beim Internet Archive
heruntergeladen werden):
דלמא מפומבדיתא את דמעיילין פילא בקופא דמחטא
Du bist wohl aus Pumbedita, die einen Elefanten durch ein Nadelöhr bringen.
Hier also der Elefant als Specimen für etwas Riesengroßes. Aber auch Goldschmidt kennt die NT-liche Lesart vom Tau und schlägt daher in einer Fußnote vor, פילא als lat. filum "Faden" zu verstehen – was der Redewendung ihren Witz nimmt! (Was soll daran Besonderes sein, einen Faden durch ein Nadelöhr zu bringen?) Haupt widerspricht daher: "Aram. pîlâ, of course, is not the Lat. filum, Fr. fil, but denotes elephant, Ass. pîru."
Die NT-liche Forschung ist sich einig darüber, dass die Evangelisten Kamel geschrieben (das belegt die handschriftliche Überlieferung) und auch gemeint haben (darauf verweisen die frühen Übersetzungen ins Koptische, Syrische, Lateinische und Gotische).
Seit dem 5. Jh. ist durch Kyrillos von Alexandrien und die (von der syrischen Kirche beeinflusste) armenische Bibelübersetzung die Idee vom Seil belegt. Kyrills Lukaskommentar ist nur in der syrischen Übersetzung erhalten, dürfte dort also fleißig rezipiert worden sein. Irgendwie scheint Syrien ein Zentrum für das Seil zu sein.
In der Byzantinischen Renaissance im 10. Jh. findet das Seil dann auch seinen Niederschlag in griechischen Handschriften des NT - in Form eines offenbar von Gelehrten ad hoc erfundenen Wortes kamilos.
Obwohl die großen Griechischwörterbücher wie Pape oder Liddell/Scott auf den geringen Wert dieser Lesart verweisen, wird sie immer wieder, leider auch von meinem geliebten Etymologie-Duden, zur richtigen erklärt. Und dank des Wikipedia-Artikels wird das Märchen vom Seil auch die nächsten Jahrzehnte unbeschadet überstehen.
Gibt es im Syrischen ein Wort gml (gamla) = Seil, und wenn ja seit wann? Oder ist dieses Wort genauso eine Gelehrtenschimäre wie griech. kamilos?
Mein Syrisch ist schwach. Vor allem meine Übersetzung Kyrills sollte noch einer Begutachtung unterzogen werden.
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Letzte Aktualisierung: 9. Juni 2012