Sie befinden sich im Kapitel "Ansätze der Sozialarbeit im Umgang mit Flüchtlingen"

Diplomarbeit von Daniela Hafner:
"Die eskalierenden Kreisläufe von Flüchtlingen in Österreich am Beispiel von nigerianischen Asylwerber"

Einleitung Aufbau der Arbeit
1) Allgemeine Gesetzgebung 2) Der vergessene Kontinent 3) Eskalierende Kreisläufe 4) Die Katastrophe 5) Ansätze der Sozialarbeit Der Auftrag an die Sozialarbeit Das doppelte Mandat Dysfunktional - Funktional Die Rolle der Sozialarbeiter Herantasten an die Problemlösung Hindernisse der Sozialarbeit Grenzen der Sozialarbeit Das politische Mandat der Sozialarbeit Überprüfung der These Quellenverzeichnis Impressum
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5.4. Die Rolle der Sozialarbeiter

„Wo immer Beziehungskonflikte, d.h. dysfunktionale Beziehungen, zwischen Gesellschaft einerseits […] bzw. kleinen, privaten Subsystemen andererseits sich stabilisieren oder eskalieren, funktionalisierend einzugreifen, wo solche Stabilisierungen oder Eskalationen von Beziehungskämpfen zu erwarten sind, präventiv aktiv zu werden, das ist das Feld der Sozialarbeit.“236

Jede Intervention muss allerdings das Ziel verfolgen, für beide Seiten akzeptable Beziehungen zu ermöglichen. Milowiz meint, wenn er von Neukalibrierung von Systemen spricht, die Herstellung von neuen stabilen Zuständen eines Systems und beschreibt dies als Ziel sozialarbeiterischer Intervention.

Die Rolle der Sozialarbeiter

Sozialarbeiter müssen sich aus dem Rahmen des Konfliktes begeben, um von dort aus eingreifen zu können. Wie in der Abbildung gezeigt wird, verhindern gegenseitige Abwertungsmechanismen und Schuldzuweisungen die Kommunikation zwischen den beiden Systemen. SozialarbeiterInnen müssen den Konflikt erkennen und dabei dürfen sie nicht Teil eines der Systeme werden, das bedeutet, auch sie sind verpflichtet, eigene abwertende Haltungen abzulegen. Sie sollen aus dieser Position durch verschiedenste Intervenierungsversuche so lange mit beiden Systemen arbeiten, bis die Kommunikation zwischen den beiden Gruppen wieder funktioniert und die Sozialarbeit nicht mehr gebraucht wird. Bei all diesen Intervenierungsversuchen darf es nicht mehr um die Frage gehen, ob etwas dysfunktional ist oder nicht. Eine hilfreiche Methode hierfür beschreibt Milowiz, wenn er sagt, Sozialarbeiter müssen sich in andere Welten begeben in denen andere Zusammenhänge vorherrschen und wo andere Dinge als „angesehen“ und „akzeptiert“ gelten. Prinzipiell gilt, alles was Beteiligte aufwertet, ist erlaubt. Das bringt den Sozialarbeiter im Idealfall so weit, dass es keine Gelegenheit für Beteiligte der Systeme gibt, nicht mit der anderen Seite zu kooperieren bzw. Widerstand gegen sie zu leisten.237

Eine sehr hilfreiche Frage für Sozialarbeiter um zu dieser aufwertenden „Sichtweise“ zu gelangen, wäre z. B. folgende: „Unter welchen Bedingungen könnte ein vernünftiger, ehrenwerter, liebevoller und entscheidungsfähiger Mensch sich entscheiden, auf sein „Image“ in der Öffentlichkeit zu verzichten, in Kauf zu nehmen, dass er abgelehnt, verurteilt, nicht ernst genommen, entwertet wird“.238

Im Konflikt zwischen den Flüchtlingen und der Gesellschaft wären einige Überlegungen dazu:

Im Hinblick auf die Gesellschaft könnte der Sozialarbeiter von den Ängsten vor Verlust des eigenen Arbeitsplatzes und vor Untergrabung der Kultur ausgehen. Er könnte denken, der Exekutive fehle es an fehlender Auseinandersetzung und Ausbildung im Umgang mit straffällig gewordenen Asylwerbern. Die Politik verfolgt den Auftrag, die Gesellschaft schützen zu müssen, und bevorzugt zuerst die eigenen Bürger. Es fehlt den Menschen an Bewusstsein für fremde Kulturen, Religionen, sie sind es nicht gewohnt auf etwas „Femdes“ zu treffen, etc.

Vorurteile239, was verurteilende und abwertende Verhaltensweisen ja meistens sind, müssen nicht immer mit feindseligen Gefühlen verbunden sein. Der Sozialarbeiter kann sich vor Augen halten, dass die Gefühle in der Regel erst dann den Charakter der Feindseligkeit erhalten, wenn sie durch soziale und wirtschaftliche Konflikte ausgelöst werden und Meinungseliten, wie Medien und Politik, offensiv gegen Minderheiten vorgehen.
Psychologen haben festgestellt, dass gerade vorurteilsorientierte Personen ein hohes Maß an Ängsten haben und durch die Herabsetzung und Abwertung meist wehrloser Gruppen versucht wird, das eigene Selbstbewusstsein aufzumöbeln.240

Hinsichtlich der nigerianischen Flüchtlinge hat diese Arbeit schon erklärt, welche aufwertenden Verhaltensweisen sich die SozialarbeiterInnen vor Augen halten sollten, um nicht abwertend eingestellt zu sein. Der Sozialarbeiter darf einen hier in Österreich zum Drogendealer gewordenen Nigerianer nicht vorschnell verurteilen und nur „das große, schmutzige Geschäft“ sehen. Es ist notwendig, sich die Gesamtsituation des Flüchtlings vor Augen zu halten. Zuerst sollte davon ausgegangen werden, dass dieser Mensch nur überleben möchte, seine Familie unterstützen will, und als „pflichtbewusster“ Mensch diese Aufgaben zu meistern versucht.  
Solche Haltungen erscheinen auf den ersten Blick als Ausreden, Entschuldigungen für einige Verhaltens- bzw. Einstellungsmuster. Diese Denkweisen müssen aber, um mit den zwei Gruppen förderlich arbeiten zu können, als notwendig betrachtet werden, um wertefrei zu beiden Systemen den gleichen Zugang zu bekommen. Nur so kann eine Lösung, die für beide Gruppen annehmbar ist, gefunden werden. Herkömmliche Methoden funktionieren hier nicht mehr. Die Sozialarbeit ist gefordert über das „Normale“ hinaus, durch ungewöhnliches Handeln, eine Chance für die Problemlösung zu erarbeiten.

 

Diplomarbeit für Sozialarbeiter