Marianne Beck-Höllbacher

Epitaphe

Epitaphe 5

EPITAPH V / II
EPITAPH V
Wege nach Rußland

ANNA VOM ANGER*
* = Hofname
geborene Höllbacher
* 22. 11. 1920 in K. Bundesland
Salzburg
+6. 8. 1980 ebenda

ALOISIA
* 10. 7. 1940
am 21. 6. 1966
verehelicht mit Dr. Roman Gasteiger
Tierarzt in St. Kolomann

keine Kinder

verehlicht
8. 10. 1993
Hofname = VORDERWALD

OTTO
* 18. 7. 1941
Bauingenieur & Hoferbe

ehelicht am 16. 6. 1965
Josepha Wallinger
* 1. 7. 1943

JOHANN
* 1970

THOMAS
* 5. 7. 1943
+10.2. 1944

ALOIS VON VORDERWALD*
* = Hofname
Familienname = Walkner
* 1. 1. 1915 in K. Bundesland
Salzburg
+15.12.1989 in Volozin, Weißrußland
Ludmilla
* 1915
+1985

MARIA
* 13. 10. 1946

18.10.1941
Einberufung von ALOIS zum
II. Weltkrieg, schickt oft Feldpost
nach Hause; wird im Herbst 1942
auf Heimaturlaub geschickt und
kehrt Anfang November an die
Front zurück.
Sein letzter Brief ist mit dem
24.14.1944 datiert (Russische
Front). Nach Kriegsende kehrt
er mit keinem Heimkehrertrans-
port zurück. Nachfroschungen
ergeben >vermisst in der Sowjet-
union bei Leningrad<.
Er ist in Wahrheit aber in Gefangen-
schaft geraten und bei einem Eisen-
bahntransport nachts aus dem Fenster
gesprungen, irrt umher, versteckt sich
in Wäldern, verlassenen Hütten, er-
nährt sich von Pilzen & Beeren &
gelegentlichen Diebstählen auf
Feldern & Höfen.
Kommt unerkannt oder unverraten
nach Weißrußland in die Gegend von
Volozin, wo er zu Beginn des Winters
1945 von einem Hund gestellt wird,
als er aus einem Schuppen einen Kohl-
kopf stiehlt. Die Keusche wird von der
30-jährigen Ludmilla Pawlowa bewirt-
schaftet. Ihr Mann ist im Großen
Vaterländischen Krieg, seit Sommer
1944 hat sie keine Nachricht mehr von
ihm. Ihre einzige Tochter ist 2-jährig
zu Beginn des Winters verstorben.
In ihrer einfachen Isba beherbergt sie
die verbannte Dichterin Ilona Schmarinova,
deren kleiner Sohn in einem Moskauer
Waisenhaus verhungert ist.
Als die Dichterin diese Nachricht erhält,
erhängt sie sich im Schuppen,wo die Kohl-
köpfe lagern. Dies geschieht in der Nacht
vom 1. auf den 2. Dezember 1945 als
ALOIS den Kohlkopf entwendet.
Während des Kampfes mit dem Hund im
Schuppen gewahrt er die Erhängte, knüpft
sie ab, sie ist noch warm, jedoch nicht mehr
zu retten. Durch den Lärm geweckt, erscheint
Ludmilla. ALOIS überwintert unbemerkt auf
dem Hof, kann aber nicht auf die Dauer
bleiben. Da Ludmilla inzwischen von ihm
schwanger ist, läßt sie ihn nicht gehen.
Im Juni 1946 verläßt ALOIS Ludmilla, am
13.Oktober 1946 kommt MARIA zur Welt.
Im Juni 1947 kehrt ALOIS heim. Die Zeit
vom Juni 46 bis zum Juni 47 wird nicht
näher beschrieben.
Im Sommer 1950 trifft ein Brief aus
Volozin ein, aus dem in kyrillischer &
lateinischer Schreibweise von der
gemeinsamen Tochter berichtet wird,
ein Foto von Mutter & Kind liegt bei.
ALOIS gelingt es, da er ihm vom Brief-
träger auf dem Feld ausgehändigt wird,
den Brief geheimzuhalten. Dennoch
wird im Dorf die Existenz desselben
bekannt.
ALOIS antwortet erst 1952 mit dem Ver-
sprechen, Ludmilla zu besuchen.
1965 hinterlegt ALOIS bei einem Notar
sein Testament, in dem er nicht, wie
üblich den Hof seinem Sohn überschreibt,
sondern ihn zu drei gleichen Teilen nach
seinem Ableben den 3 Kindern über-
antwortet. Damit steht er offiziell zu seiner
russischen Tochter. Es kommt zur Schätzung
des Gutes.
1980 Tod von Anna nach einer Brustkrebs-
operation.
1981 - 82 Vorbereitung der Reise in die
SU.
18.10.1982 ALOIS fliegt 37 Jahre nach
seiner Einberufung von Wien nach Kiew,
fährt von dort mit dem Zug nach Minsk
und weiter mit dem Bus nach Volozin, wo
er Ludmilla wieder- und seine 36-jährige
Tochter MARIA zum ersten Mal sieht.
Er bleibt drei Wochen und besucht Ludmilla
bis zu ihrem Tod 1985 jedes Jahr.
Neuerliche Schätzung bei der Hofübernahme
durch OTTO.
Er muß 2/3 des geschätzten Wertes an
seine Geschwister ALOISIA & MARIA in bar
auszahlen, ALOISIA verzichtet zugunsten MARIAs
auf ihren Anteil, da sie vermögend ist.
1978 ALOISIA reist mit ihrem Gatten in die
SU und überbringt ihres & MARIAs Erbe.
Das äußerst bescheidene Leben beeindruckt
sie, die Aufnahme ist herzlich, doch schwierig
wegen der Verständigungsprobleme.
Es bleibt ein Briefkontakt mit Übersetzungen.
ALOIS trägt sich wieder mit dem Gedanken
einer letzten Rußlandreise.
Am 7.November 1989 verabschiedet er sich
und fährt allein in die SU.
Als er dort ankommt, ist alles viel stattlicher,
er besucht Ludmilla's Grab und sitzt abends
vor dem alten Schuppen wie vor 44 Jahren.
In der Nacht vom 1.auf den 2. Dezember
geht er hinein und denkt sich jene Nacht zu-
rück, seit damals hat ihn nichts anderes mehr
beschäftigt, der Krieg ist ihm einerlei, an ihn
denkt er kein einziges Mal - Ludmilla ist nicht
mehr - die Dichterin, die er nicht retten konnte-
sein Fortschleichen im Sommer 46, wohl wissend,
daß Ludmilla schwanger ist & er nicht zurück-
kommen würde.
In einer Ecke des Schuppens hat er vor
seiner Flucht sein Taufamulett vergraben,
gleichsam als Pfand zurückgelassen.
Er gräbt und sucht, findet es aber nicht
mehr.
Am 12. Dezember, einen Tag vor seiner
Heimreise erleidet er einen Schlaganfall
& lebt noch drei Tage.
Er wird am orthodoxen Friedhof von
Volozin neben Ludmilla beigesetzt.
Auf dem Grab stehen die Worte:
WOHL DEM MENSCHEN, DEM DER
HERR DIE SCHULD NICHT ZUR LAST
LEGT UND DESSEN HERZ KEINE
FALSCHHEIT KENNT. Psalm 32
ALOIS WALKNER
* 1.1.1915 KRISPL BEI SALZBURG - AUSTRIA
+15.12.1989 VOLOZIN - U.D.S.S.R.