Marianne Beck-Höllbacher

Der schwarze Kramer

Kapitel 1

MEIN DORF
(statt eines Vorwortes)

MEIN DORF ist ein verstreutes Dorf gewesen, lag im Gebirge, hatte Wälder, Gehöfte, Felder - große & kleine, Äcker & Wiesen, Almen, einen einzigen Bach und damit ein Tal, ein Ober- & ein Unterland, und weil die Flächen so klein waren, wie geklöppelte Spitzentüchlein eins neben dem anderen, über-, hinter- & beieinander lagen, hießen die Bewohner es in früheren Zeiten: das Oberlandl & das Unterlandl.
Und weil es nicht mehr ist wie früher, nur ein kleines Land in mir, weit in der Vergangenheit, so weit, dass man es nicht mehr wird verstehen können, will ich es aufheben wie es in mir zum Bild geworden ist, und sei es für mich allein, denn wir haben Menschenkinder, die studiert haben werden alles Mögliche: die Antike, die Weltgeschichte, die Klassische Musik, die hohe Medizin, die Technologien, aber sich nicht vorstellen können werden, woher sie kommen und was alles vorausgegangen ist, bis sie dort angelangt waren, wo sie jetzt sind.
Das Leben der Mütter & Väter ist vergessen & verloren, vergangen für immer.
Benannt ist der Ort nach zwei Tieren, jenen Geschöpfen, die nach einer Pestseuche vor sechs/ siebenhundert Jahren übrig geblieben sein sollen, einer Ziege und einem Schwein, genauer gesagt, einer Geiß und einer Sau.
Beide leicht zu ernährende & bescheidene Haustiere, die in aller Kärglichkeit die Zeiten des Hungerns & Fastens überstanden haben und gerade darum gehalten & gezüchtet wurden.
Denn, wo der Boden hart war, dünn & steinig, dort fristeten nicht nur die Menschen ein trostloses & ärmliches Dasein, sondern auch die Tiere, die ihnen ganz & gar ausgeliefert waren.
Dennoch brachten es etliche dieser Leute zu Wohlstand im ortsüblichen Sinn, andere blieben dagegen zurück, besaßen nur Keuschen - kleine Häuser mit einem Stall - einer einzelnen Kuh darin, einer Ziege, einem Schaf; ein paar Hühner & Hasen, ein Schwein, einen kleinen umzäunten Gemüsegarten.
Aber diese Keuschler, die Häusler, die so gut wie keinen Viehstand hatten, sich mit Lohnarbeit dort & da, dann & wann verdingten, selbst sie gehörten noch zu einer Art besitzenden Klasse, sie konnten wenigstens irgendetwas ihr Eigen nennen.
Schließlich gab es ja noch den weit größeren Teil der Einwohner - die, welche über kein noch so kleines Besitztum verfügten, denen kein Baum, kein Quadratmeter, kein Huhn und also auch kein Ei gehörte, nichts, das sie mit einem Zaun, einem Gatter, einem Namen hätten versehen können.
Sie waren Knechte & Mägde, die vielen Übrigen: die verstoßenen, versteckten, nicht selten verschenkten & verleugneten Kinder einer kinderreichen Gesellschaft.
Sie waren gezeugt worden, genau wie die anderen, Tag & Nacht, sommers & winters, in Lust & Schrecken, in der Finsternis des Waldes, im Stall, in den Heuschobern & Tennen, in hölzernen Alkoven, geboren in Schande & Scham, die Frucht der Geilheit wie der Gleichgültigkeit, der Grausamkeit, der Verzweiflung.
Nicht alle stammten aus armen Häusern, aus außer-ehelichen Verhältnissen, der Notzucht, nein, sie kamen mitunter von den ersten & besten Höfen, doch das ungeschriebene überlieferte Gesetz des Erbens & Vererbens machte nur den erstgeborenen männlichen Nachkommen eines Ehepaares zum Bauern & Besitzer des Anwesens.
Die Brüder & Schwestern, die danach geboren wurden, hatten keinen Anspruch auf ein Auskommen. Weil nicht genug für alle da war, tat man so, als gäbe es sie nicht.
Sie durften, wenn sie Glück hatten, unter der Duldung des Bruders & dessen Frau, auf dem Hof arbeiten, für einen Strohsack, auf dem sie schliefen & einen Saufraß ein Leben lang.
Sie hießen 'Die Weichenden', denn sie mussten weichen - ihrem ältesten Bruder, ihrer Schwägerin, den Nichten & Neffen.
Nur bei wenigen ging es so hoch & anständig her, dass sie eine Abfindung in Form einer Kuh bekamen, dafür mussten sie fort von zu Hause, heiraten, sich anderswo umschauen, einem anderen Hof ihre Dienste antragen, die meisten aber erhielten gar nichts und konnten auch nicht bleiben.
Es gab zehn, zwölf, fünfzehn, sechzehn und mehr Kinder in einer einzigen Familie, alte Leute waren da, übrig gebliebene Knechte & Mägde, kranke, zerschundene, abgerackerte Menschen, Einleger, Bettgeher, Bettler; alle möglichen Gestalten mussten durchgefüttert und in Verwahrung gehalten werden, irgendwie.
Die Bauernhöfe, von denen ich erzähle, waren oft solche - nicht nur - aber auch.
Sie konnten äußerlich einen durchaus imposanten Eindruck machen, waren riesige, steinerne oder hölzerne Kästen, ruhten auf tiefen Fundamenten, waren Teil des Berges selbst mit vielen Räumlichkeiten, hatten einen oder mehrere Ställe, Balkone, Loggien, Umgänge in zwei, drei Stockwerken übereinander mit einem gewaltigen Schindeldach über allem; Kamine, Tore & Türen, Fenster - unzählige - mit Balken & Läden, Gittern & Schnitzereien.
Dahinter verbarg sich ein Hofstaat in einem anderen, einem bäuerlichen Sinn, war etwas, das den Namen Staat verdiente.
Der Herr dieses Hauses & Staates war der Bauer wie anderswo der Herr im Hause Habsburg.
Man war unabhängig, hatte eigene Gesetze & Gepflogenheiten.
So konnte es auf einem Hof groß hergehen, mit Kleidung & Essen, herrschaftlicher Ausstattung & Feierlichkeiten, während auf einem anderen Knausrigkeit & Geiz den Ausschlag gaben.
Einmal hatten es die Dienstboten gut, woanders kaum zu essen, wurden traktiert & gequält, gestraft, geschlagen, ausgenutzt.
Von außen unterschied sich dieser Kosmos nicht von einem anderen, drinnen konnte der Himmel sein oder die Hölle, Freundlichkeit oder Gehässigkeit, Freude oder Elend, Glück oder Unglück.
Es war wie überall & immer, Wirklichkeit & Schein konnten eng beieinander liegen oder unendlich weit voneinander entfernt sein.