Marianne Beck-Höllbacher

Der schwarze Kramer

Kapitel 2

DER MÖRDER


FREILICH ändere ich die Namen meiner Helden, denn es sind oft Geschichten, die sich einst zugetragen haben, zu meiner, meiner Eltern & meiner Großeltern Zeiten.
Sie werden nicht alle ganz genau so gewesen sein, denn sie wurden oft & oft erzählt - in Nüchternheit & Trunkenheit, im trauten Gespräch, in Heimlichkeit, in aller Öffentlichkeit, von diesem & jenem.
Jeder hat seinen Teil dazugetan, anderes weggelassen oder vergessen, falsch verstanden, nach Gutdünken erzählt, Theater gespielt, übertrieben, sich einen Auftritt gewährt, Gehör verschafft, die Wahrheit wie die Unwahrheit gesagt.
Jedes Erzählen war eine neue Schöpfung, eine Gelegenheit. Der eine oder andere mag dabei sein Talent dafür entdeckt & genützt haben und auf diese Weise zu Ansehen gekommen sein.
Ich selbst schreibe es auf wie es in mir durch die verschiedenen, gehörten Darstellungen über die Jahre hinweg, eingerechnet die Erinnerung und die Vergesslichkeit, meine Geschichte geworden ist.
Kein Erzähler ist vollkommen wahrhaftig, denn jeder versucht, sein Quäntlein beizutragen, Strafe & Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, Liebe & Hass in leuchtenden Farben darzustellen, auch wenn er noch so sehr beteuert, die reine Wahrheit aufs weiße Papier zu schreiben, nach bestem Wissen zu reden, ja, dass die Erde sich auftun möge und ihn verschlingen, die starken Sprüche halt - wer bräuchte sie nicht von Zeit zu Zeit?
Tatsächlich aber gab es in unserem Ort eines Tages einen richtigen Mord, also die Tat und einen Mörder.
Oh! Nicht, dass Ereignisse mit tödlichem Ausgang nicht schon vorgekommen gewesen wären, in alter Zeit, in ferner, fast mythischer Vergangenheit, nein, waren auch Tote gewesen, die man gefunden hatte, die gewiss nicht von allein in die Ewige Herrlichkeit eingegangen sind - gar nicht zu reden von den gänzlich & gründlich Verschwundenen - nie Gefundenen, die sich quasi in Luft aufgelöst hatten oder in den Himmel aufgefahren waren, die im Gebirge Verlorengegangenen, oder die, welche das Tal in Richtung auswärts verlassen, sich in die Tiefe gestürzt oder selbst zu Tode gebracht hatten.
Nicht die Gerippe längst vergessener Toter, die man oben gesehen hatte, wo die Bäume seltener werden, sich fast ganz verlieren, wenn der Baum vom Blitz gefällt, herunter krachte, entzwei brach, in Flammen aufging - jene Erhängten, deren Skelette von Wanderern gesichtet wurden oder durch die Rauh- & Winternächte geisterten, zu gewissen & ungewissen Zeiten umgingen, an die Fenster der Berghöfe klopften, in Almhütten überwinterten, einem Holzknecht begegneten bei Einbruch der Dunkelheit, in der Morgendämmerung noch herumstrawanzten und die Leute und das Vieh erschreckten.
Schließlich hatte es immer Auseinandersetzungen gegeben, von denen keiner etwas wusste oder wissen wollte, heimliche Duelle, nicht in aristokratischer Manier mit Adjutanten und öffentlicher Satisfaktion, aber auf eine stumme Aufforderung hin, eine lang getroffene Abmachung, ein bluträcherisches Ansinnen - aus komplizierten & einfältigen Gründen trafen sich zwei an einem stillen & einsamen Ort und machten es aus: mit dem Jagdgewehr, der Schrotflinte, dem Taschenfeitel oder einfach mit den Fäusten.
Oft kam es nicht heraus, wurde nicht verfolgt, war eben Ehrensache. Man ließ es gerne wie einen Selbstmord aussehen, einen Unfall.
Das Töten von Tieren nicht nur, sondern auch von Menschen hatte Tradition, nicht dass es alle Tage, jedes Jahr vorgekommen wäre, doch konnte mitunter sogar eine harmlose Wirtshausrauferei am Sonntagabend tödlich enden, manchmal nicht sogleich, doch in der Folge: wenn das Opfer oder der Schwächere derartig zugerichtet, nicht mehr nach Hause fand, ohne Bewusstsein liegenblieb, danach erfror, an unterlassener Hilfeleistung starb.
Wenn man sich davonmachte, nichts gesehen und gehört haben wollte oder klar geworden war, dass nichts mehr zu machen ist, dass der Stoß, der Stich gesessen hatte, der Kopf im Blut liegen blieb, wenn der Verletzte auf dem Heimweg in einen Graben stürzte oder sich sonst wie zu Tode stolperte.
Der Tod aber, um den es hier geht, war ein Mord, also etwas von bisher nicht gekannter Beschaffenheit.
Es war ein seit längerem in Gedanken vorbereitetes Ereignis, ein Kalkül, etwas über eine Generation hinweg, das einen Alten und einen Jungen zweier Familien anging, davon niemand eine Ahnung hatte, am allerwenigsten das Opfer.
Nichts, das zwei miteinander ausmachten, das ihr grausiges & persönliches Geheimnis war, sondern eine alte Geschichte zwischen dem Mörder und dem Vater des Getöteten.
Die Sache auf dem Tanzboden lag an die fünfundzwanzig Jahre zurück.
Damals hatte alles angefangen, das mit dem Kainzbauern, Erbe eines großen Hofes, einziger Bub unter sieben Schwestern, ein Draufgänger nicht in Weibersachen nur, sondern ein überaus gescheiter Bursche. Einer, der aufgrund seiner Klugheit, seiner schnellen Auffassung, seiner Belesenheit zu den Angesehenen des Ortes gehörte.
War einer, den man fragte, der Dinge benennen, berechnen, einschätzen konnte, der zurate gezogen wurde, wo andere nicht weiterwussten.
Schon in der Schule ist er immer aufgefallen, einer der Besten gewesen von Anfang an, sodass seine Anwesenheit dort bald überflüssig für ihn war.
Er übersprang ganze Klassen, brauchte sich erst am Ende des Schuljahres zu einer Prüfung anschauen lassen, die er mit Leichtigkeit & Herablassung hinter sich brachte.
Unter dem Jahr blieb er daheim, baute Maschinen, eine Materialseilbahn für den Berghof, schnitzte und berechnete, bastelte und tüftelte, las Bücher & Zeitungen.
Als er in das Alter kam, wo die Mädchen anfingen, interessant zu werden, kauften ihm seine Eltern nicht nur ein Motorrad, sondern auch ein Auto.
Er gehörte zu den ersten Einheimischen, die so etwas besaßen, auf jeden Fall war er der erste, der beides gleich mit achtzehn hatte.
Ab jetzt sah & hörte man entweder das eine oder das andere das ganze Tal entlangfahren, hinauf & hinunter, hinein & hinaus, und jeder wusste, dass es nur dem Kainzbauern sein Sohn sein konnte.
Der Bauernbub trug die besten Anzüge, die schönsten Hüte, die teuersten Schuhe, sah etwas gleich, wie man so sagte, hatte seinen Auftritt, obwohl er von Haus aus nicht besonders hübsch war. Doch wie es ist, zählen die Äußerlichkeiten, beeindruckt die anderen am meisten, was den Reichtum zum Ausdruck bringt. Davor gehen sie in die Knie, dafür haben sie Respekt.
Schönheit & Klugheit allein sind noch lange nichts, und müsste sich einer entscheiden, es würde immer das Geld das Rennen machen.
In Wahrheit gab es einige seines Alters, die es in gar nichts mit ihm aufnehmen konnten, außer dass sie auch ohne jene Aufmachung etwas gleich schauten und den Mädchen durchaus gefielen.
Sie besaßen oft keine Höfe, hatten auf lange hinaus auch keine in Aussicht, waren Knechte, Tagelöhner, Arbeiter, Handwerker.
Einer von ihnen war der SEPP vom Laimerbauern, der auf dem Hof seines Bruders Knecht war, daneben allerhand Reparaturen für andere erledigte, und wenn er auch nicht so außerordentlich gescheit wie der andere war, so hatte er doch Geschick für dieses & jenes, war ein lustiges, pfiffiges Haus, das Ziehharmonika spielte auf allen möglichen Zusammenkünften, und der, wenn man nachts am Laimerbauernhof vorbeiging, nicht zu überhören war, denn dieser Sepp unterhielt das Gesinde am Hof oder hockte allein auf einem Stein und dudelte vor sich hin.
Überhaupt besaß er noch andere Vorzüge, die lockigsten blonden Haare zum Beispiel, eine dunkle sonnverbrannte Haut, eine drahtige Figur, ein freundliches Benehmen, ein einnehmendes Wesen, er war schöner als der Kainzbauernbub, und er hatte noch etwas, was der andere nicht hatte: er konnte eben mit der Ziehharmonika umgehen.
Schon als kleiner Bub hatte er den Fotzhobel gespielt wie kein anderer in seinem Alter. Zur Firmung schenkte ihm der Göd keine Uhr wie es sonst der Brauch war, sondern eine riesengroße Steirisch-Diatonische.
Haggott Sakkra, hat es rundherum geheißen, schon als er sie das erste Mal hin- & herriss, und so war es geblieben.
Später freilich vervollkommnete er die Töne, die Haltung, wenn er sich zurücklegte und sie auseinanderbog, wenn es wie aus einem Zigeunerinnenrock rot & golden hervorblitzte, wenn er sie zusammenquetschte, seine Zugin, sie umarmte und sich über sie legte, dann entlockte er ihr die hinreißendste Musik.
Sie waren ein Paar, er & sie, diese wunderschöne fügsame Braut, die er liebte und herzte in aller Öffentlichkeit, unter der er mit geschlossenen Augen lag, wenn er sie über sich kommen ließ.
Er spielte sie liegend auf dem Boden, und so mancher mochte es anzüglich finden, was er mit ihr aufführte, ihn aber auch beneiden um dieses Verhältnis.
Er konnte laut & (auf)reißerisch spielen, aber auch, was wenige auf diesem Instrument beherrschten, leise & melancholisch, in einer süßen Manier, dass es einem anderen die Tränen in die Augen trieb.
Da durfte kein Glas Wein daneben stehen, sonst wurde es ihnen leicht zu viel, und sie plärrten sich an, überwältigt vom Schmerz, der Erinnerung, der Sehnsucht, versanken in ihren Träumen, verloren nach & nach den Verstand.
Der Sepp mit seiner Zugin machte sie auf, die harten verstockten Bauern, da konnten sie sich am nächsten Tag noch so schämen, ihr Nasenwasser und die Zähren, wie sie ihre Tränen nannten, widerrufen, abstreiten, einem anderen anhängen, es ging ihnen allen gleich.
Es war schon so, dass er zuerst flott & frech zum Tanz aufspielte, dass der Tanzboden wie von selber wogte & hüpfte, sich drehte, einzeln und als ganzes, doch zu vorgerückter Stunde, gegen Ende des Festes, einer Hochzeit, wenn die Brautleute weg waren, hinausmusiziert, da zog er sein letztes & bestes Register. Dann rückten sie zusammen, saßen über den letzten Tropfen, gönnten sich noch ein Glaserl, fingen das Mitsingen & -summen an, mit glasigen Augen, ja es konnten die größten Streithanseln nebeneinander sitzen und nichts anderes tun, als sich umarmen und in aller Herzlichkeit zunicken.
Dann erstanden sie auf - die alten Tage, die Ministrantenzeiten, als noch alles in Ordnung gewesen war zwischen den späteren Gegnern, als sie noch gemeinsam den Tabernakel beweihräuchert, in der Schule voneinander abgeschrieben hatten, noch später die Kriegskameradschaft hinzugekommen war.
Und obwohl sie draußen in Hallein oder in Salzburg drunten schon gegeneinander prozessierten um einen halben Meter Grund, einen Rehbock, einen einzigen Baum im Wald, ein paar Forellen, eine läppische Behauptung eines dritten, die gekränkte Ehre, ein falsches Wort, Dinge, die man quasi mit dem Hof übernommen hatte, die man weitergeben würde in alle Ewigkeit, saßen sie nun in Eintracht beieinander & fühlten sich tief verbunden.
Wäre einer hergegangen und hätte sie auf ihre höchstpersönliche Feindschaft aufmerksam gemacht, so wären gewiss beide auf den armen Deppen losgegangen und hätten ihm gehörig in den Arsch getreten, ihm eins über den Schädel gezogen.
Man war jetzt der Ansicht, ist eh' alles wegen der Weiber, dass man streiten & kämpfen muss als Mann, der man ist. Kruzitirkn & Sakrament, Teifi eini. Der Sepp spielte sich in ihre Herzen, hatte Macht über sie.
Weit über die Sperrstunde hinaus blieben sie da, teilweise eingeschlafen, teilweise singend, und der Dorfgendarm von Adnet drüben hatte längst seine Runde beendet, sein Fahrrad neben die Tür gelehnt beim Krisplwirt oben und sich dazugesetzt, war ein Mensch wie sie geworden, in seinen Gedanken versunken.
Da hatten ihn seine Vorgesetzten von weiß Gott woher nach weiß Gott wohin versetzt, damit er nicht gemeinsame Sache macht mit den Verwandten & Bekannten, doch was nützte es! Am Ende hätten sie einen jeden belassen können, wo er vom Himmel gefallen war, denn ein jeder hatte Frau & Kinder, brauchte seinerseits die Leute und die ganze Wohlgesonnenheit.
Der Sepp war es, der alle zusammenführte & zusammenhielt, die benachbarten Gemeinden eingemeindete, er war der Glücksfall aller Zeiten, sie steckten ihm Geld zu, verlockende Angebote, sie fingen an, ihn zu brauchen, ihn gern zu haben, er war ihr Orchester, ihr Wanderkino, ihr Wirtshaus- & Hofmusikant, der ihnen die Sterne vom Himmel holte, den Teufel austrieb.
Zuerst spielte er bei kleinen Haus- & Hoffesten, auf Taufen, Hofübergaben, Almabtrieben, Geburtstagen, schließlich zu kirchlichen Anlässen, Hochzeiten, Jubiläen, am Ende luden ihn sogar andere Ortschaften ein.
Mit seiner Ziehharmonika ersetzte er mühelos ein ganzes Ensemble, bestritt einen fröhlichen Abend nach dem anderen, erweiterte sein Angebot, holte sich Rat & Hilfe in Hallein, in Salzburg, sodass das Spielen & Singen sein Leben & Lebensunterhalt wurden.
Natürlich war er so der Schwarm der jungen Mädchen, besaß bald auch ein Motorrad, einen Beiwagen für sein Instrument, eine Lederjacke, schneidige Gewänder in allen Sorten für seine Auftritte, denn das alles gehörte jetzt gewissermaßen zu seinem Beruf.
Immer gut aufgelegt und schön angezogen war er quasi an allen feierlichen Orten zugange, wurde mit Unterhaltung & Musik, mit Tänzen & Festen in Zusammenhang gebracht; wo der Sepp auftauchte, da ging es lustig her, da war etwas los.
Der Kainzbauern-Lois & der Laimerbauern-Sepp waren gleich alt, derselbe Jahrgang, wie man so sagte, hatten immer wieder persönlich miteinander zu tun gehabt, denselben Erstkommunionstag, denselben Firmungstag, denselben Einberufungstag zum Militär, und da sie beide wieder so ziemlich gleichzeitig auf Brautschau waren und die Welt der Unterhaltung noch recht klein war, liefen sie sich immer wieder über den Weg.
Während die Mädchen schamhaft & schamlos kamen, um sich den Sepp anzuschauen, ihm zuzuhören, sich zu seiner Musik verträumt aufführten, in Stimmung bringen ließen oder ihn einfach bewunderten, gerieten andere in den Hintergrund.
Wo & wann konnte eine das noch, außer im Kino in aller Dunkelheit & Seltenheit, als Frau damals? Welchen Grund hätte es sonst geben können, seine Augen an einem Mann weiden zu dürfen wie der Sepp einer war?!
Ja, die Stars im Film, gewiss, aber waren sie vielleicht aus Fleisch & Blut, etwas anderes als eine Schein- & Glitzerwelt, die nirgends existierte und am Ende oder schon bei Stromausfall in sich zusammenbrach?
Wenn das Licht anging, saß man da und fand nicht sogleich zurück in die gefühlsarme & raue Bauernwelt, wo es keine öffentlichen und kaum geheime Zärtlichkeiten gab, wo die Mädchen arbeiten mussten auf dem Feld, dem Acker, im Stall, schwielige, schmutzige Hände & Füße hatten, keine Männer kannten, die ausschauten wie auf der Leinwand.
Mädchen, die Jahr & Tag Kühe molken, Schafe scherten, Holz hackten, Erdäpfel setzten, ein einziges Sonntagsgewand besaßen, das sie schonen mussten und nach der Heiligen Messe am Sonntag schnell auszogen, um nach dieser Feierstunde für die nächsten sechs Tage in den Arbeitskittel zu schlüpfen.
Beim Sepp brauchte sich keine zu schämen, er war keiner von den gewöhnlichen Burschen, die sich lustig machten über die unverheirateten Mädchen, wie es sonst der Brauch war.
Er brauchte keine mehrdeutigen Gesten oder Sprüche, keine Anmacherei den Dirndln gegenüber, sein Instrument, sein Können gaben ihm alles.
Die Angebereien & Gemeinheiten der anderen interessierten ihn nicht, er wusste vielleicht ganz genau, dass ihm das nur zugute kam, er hatte nur zu spielen, und die Augen & Herzen der Jungen wie der Alten flogen ihm zu.
Er war in keine Raufereien verwickelt, denn während die anderen stänkerten und Finger hakelten, sich die Zähne einschlugen, wie die Tiere gegeneinander rannten, ging er auf dem Tanzboden umher, saß auf der Tribüne, spielte Auge in Auge mit der & der, mit dem & dem.
Der Sepp wurde zum Liebling, zum Künstler, trotzdem war er einer von ihnen, keiner hätte etwas über ihn kommen lassen, schließlich gab es niemanden mehr, der ihn nicht gern als Mann, als Schwiegersohn, als Schwager oder Onkel gehabt hätte. Das wusste er, ließ sich Zeit und sich & den anderen alle Gedanken & Wünsche offen.
Derweil taten sich Verhältnisse auf, ging der zu jener ans Fenster, die mit dem nach Hause, tanzte man zwanglos und absichtlich miteinander, verhandelte dort & da, übergab im Hintergrund die Höfe, um vorne die Weichen zu stellen, dem Heiraten Tür & Tor zu öffnen, dem Turteln im Geheimen eine Aussicht zu bieten.
So kam es, dass dem Kainzbauern-Lois nun auch der elterliche Hof gehörte, seine Schwestern unter die Haube gebracht wurden oder zur Arbeit am Hof eingeteilt waren und er der Schnaidbauern-Liesi, der reichsten Partie des ganzen Gebietes, seine Aufwartung machen konnte.
Diese Liesi war nicht nur die einzige Tochter, sondern das einzige Kind, ihr um einige Jahre jüngerer Bruder, war an einer seltenen Krankheit gestorben.
Die Eltern waren nicht mehr jung und bereits gebrechlich, drängten die Liesi zum Heiraten.
Die aber war eine, die keine Ahnung haben wollte von irgendwas, nicht vom Heiraten mit all der Plage, die sie zu Hause gesehen hatte, dem tagaus tagein dahingehenden Leben, der Sorge um Haus & Hof, um Vieh & Gesinde. Das Kinderkriegen & Kinderhaben, ach Gott, was brauchte sie das jetzt, wo sie jung war & allein und tun & lassen zu können glaubte, was ihr gefiel!
Sie gehörte zu denen, die dem Sepp geradezu nachliefen, ihn verliebt angafften, die Augen verdrehten, wenn sie ihn sahen, ja fast in Ohnmacht fielen, wenn die Rede auf ihn kam.
Indessen war sie eine von denen, auf die man schaute, die ein jeder lieber heute als morgen geheiratet hätte, ganz egal, ob er arm oder reich war. Am besten, so dachte man, wäre es überhaupt, es gelänge einem, sie zu schwängern, denn dann müsste sie einen quasi nehmen!
Die Armen sahen in einer derart Betuchten ihre Rettung, die Reichen den Reichtum, der den ihren mit einem Schlag vermehren könnte, wer hätte also keinen Grund gehabt, ihr Anträge & Erklärungen zu machen!
Sie selbst gefiel sich in dieser Rolle, auf diese Weise wurde sie mitgenommen, heimgefahren, zum Essen & Trinken eingeladen, auf den Tanzboden geführt.
Dann sah man sie auf einmal immer in Begleitung des Kainzbauern-Lois, die meisten hatten das begriffen und sich schweren Herzens damit abgefunden.
Auch ihren Eltern war das nicht entgangen, sie machten sie darauf aufmerksam, dass sie sich mit dem wiederholten Gesehenwerden in Gesellschaft des Kainzbauernbuben so gut wie entschieden hatte, dass von nun an alles seine Ordnung haben müsse, sie sich nicht gestatten dürfe, sich ohne weiteres und ohne Grund von ihrem Burschen abzuwenden und dass man sich Gedanken machen sollte, dieses Liebesverhältnis offiziell einzugehen, sozusagen eine Verlobung, eine Hochzeit in Betracht zu ziehen beginnen müsse.
Zwar ist am Tag der Eröffnung solcher Aussichten der Liesi - obwohl schon fünfundzwanzig, in Wirklichkeit mit ihrer ganzen Gescheitheit aber etwas zwischen sechzehn & achtzehn, wie man so sagt - alles hinuntergefallen, das Herz in die Hose gerutscht, der Schreck in die Glieder gefahren, doch als diese Art Elternbesprechung ein paar Stunden hinter ihr lag, mehr & mehr in die Ferne rückte, in die Vergangenheit überging, fand sie ihren alten Leichtsinn sofort wieder. Rechnete es dem Altsein ihrer beiden Eltern zu, dass sie meinten, so mit ihr reden zu müssen, fasste sich, ließ das Plärren sein, setzte wieder ihren Trotzkopf auf und hielt sich alles offen.
Einige Rechtfertigungssprüche legte sie sich für alle Fälle bereit, ging vor dem Spiegel auf & ab, machte ein freches Gesicht und war nicht mehr oder wieder nicht der Meinung, dass sie nur, weil sie vier, fünf oder zehnmal mit dem Lois aus gewesen war, sich hatte freihalten lassen, mit ihm gekuschelt & gebusselt und sonst noch was hatte, dass sie deswegen mit ihm in alle Ewigkeit zusammen sein müsse, oder wie?
Und, wer weiß, womöglich blieb ihr eh' nichts anderes übrig, als so jemanden am Ende doch zu heiraten.
Als ihre Schulfreundin, die Reitbauern-Mali & der Oberwinkel-Hiasei ihren Hochzeitstag feierten und die Liesi das Brautdirndl sein und die Büscherl anstecken durfte, und als wäre das nicht genug, in einem Gewand dastand, das die Braut fast in den Schatten stellte, mit einem Kranz im Haar, einer goldenen Kette vom Lois um den Hals, da wussten es alle und wurde es nicht mehr hinter vorgehaltener Hand, sondern laut & deutlich gesagt, ja behauptet und gewettet, dass die Liesi & der Lois das nächste Brautpaar sein werden.
Selbstverständlich war der Sepp auch da, eingeladen, als Musikant nicht nur, sondern auch privat. Der hatte inzwischen eine Gruppe von Musikern um sich geschart, eine Truppe gegründet, spielte nicht mehr immer nur allein, wollte sich diesmal auch unter die Leute mischen, selbst ein Gast sein, nur ab & zu die Zugin nehmen und einen Besonderen spielen, sozusagen einen Persön-lichen, einen Landler, einen Schottischen, ein Lied für das Brautpaar, die Brauteltern und sich selber mit jemandem auf dem Tanzboden drehen.
Oh, er war noch immer nicht reich, nichts von der Art eines Kainzbauern, einer Liesi, aber er war das, was jedes Mädchen, jede verheiratete Frau, abzüglich aller Macht und allen Geldes ihres Mannes immer & wirklich bei sich im Bett haben wollte.
Denn, wenn sie auch die Reicheren ehelichten, heiraten mussten, im Innersten hätten sie am liebsten einen Sepp bei sich liegen gehabt, und oft genug hat sich eine "währenddessen" einen anderen vorgestellt.
Es war schon so, dass wenn es darauf ankam, man lieber vernünftig und den Eltern gehorsam war und einen Hoferben nahm, der einem Sicherheit gab und Ansehen und nicht den, den man gern gehabt hätte, der oft genug ein Mann war, wie man ihn sich ausgemalt hatte schon als kleines Dirndl, der aber meistens nichts besaß, und wer wollte für die Liebe schon das Elend heiraten.
So geschah es, dass die Liesi mit dem Lois auf dem Tanzboden war und der Sepp mit einer anderen, und jeder sah, dass die Liesi mit den Augen beim Sepp anstatt bei ihrem Tänzer weilte.
Es kam deswegen noch während des Tanzes zu einem Streit zwischen dem Paar.
Es musste ihr der Wein in den Kopf gestiegen sein, das Blut in den Bauch geschossen, jedenfalls, als der Tanz zu Ende war und der Sepp sein Mädchen an den Tisch zurückgebracht hatte, es ordentlich neben seine Eltern gesetzt, bat die Liesi gegen alle Regeln des bäuerlichen Tanzes, gegen allen Anstand sogar, den Sepp um den nächsten Tanz.
Der ließ sich das nicht zwei Mal sagen, bestellte bei seinen Musikern einen Walzer, und obwohl zu Anfang alle tanzten, blieben bald nur noch der Sepp und die Liesi übrig.
Die Gäste staunten über die Virtuosität des Tänzers, die Leichtigkeit & Bestimmtheit, mit der er sie führte, die Zärtlichkeit, mit der sie ineinander versanken.
Sie drehten sich vor den Augen der Gemeinde, des Pfarrers, der Alten & Jungen in vollkommener Harmonie.
Niemand hatte je so einen schönen Tanz, ein so herrliches Paar gesehen, nicht in dieser Gegend, nicht von Angesicht zu Angesicht.
Was dann geschah, konnte später keiner mehr sagen, vielmehr erzählte es jeder anders, ja man hätte meinen können, man hätte etwas Verschiedenes gesehen, so als wären es mehrere Veranstaltungen nebeneinander oder nacheinander gewesen und zusammengeflossen in ein großes unbegreifliches, beinahe mythisches Ereignis.
Ja, es war so, dass sich nicht nur die Hauptpersonen in die Haare gerieten, sondern sogar die, die es nur erzählten, späterhin sogar jene, die gar nichts selber wussten, außer, was sie von anderen gehört hatten.
Sie bezichtigten einander der Lüge, der Wortverdrehung, spekulierten und verwirrten, schworen und widerriefen, erfanden und schmückten die Szene mit Girlanden, Glühbirnen, mit Spitzen & Strumpfbändern. Es entstand ein Theaterstück, an dem jeder mitarbeitete, Regie führte, besetzte und umbesetzte je nach Abend & Publikum, verschiedene Vorstellungen & Variationen gab.
Einigkeit herrschte später nur darüber, dass der Sepp an jenem Abend auf einmal umringt, abgedrängt in einen Kreis von Männern gezwängt und aus dem Saal geschoben wurde.
Wie auf ein geheimes Kommando hin geschah dasselbe mit ihr, die sich danach, weiß nicht wie, umgeben von Mädchen & Frauen, am Tisch wieder fand.
Sie ahnte wohl, dass in diesen Augenblicken etwas im Gange war, dass man sie vor etwas bewahren wollte, ihr sozusagen wie einem kleinen Kind die Augen zuhielt, während etwas ablief, was sie nicht sehen sollte.
Die Männer hatten sich derweil draußen auf dem Platz vor dem Wirtshaus versammelt, beobachteten das Schauspiel, waren im Begriff Zeugen zu werden, von einer Handlung, die sie später nicht wiederzugeben im Stande waren.
Der Lois forderte gedemütigt und voller Zorn Genugtuung, Wiedergutmachung, Rache.
Der Sepp hatte ihn, so meinte er, vor der ganzen Ortschaft zum Hahnrei gemacht, nicht dem Lois nur, sondern auch allen anderen gezeigt, was unter einem Tanz mit einem Mädchen zu verstehen sei.
Keiner hatte je, wie sie fanden, auf diese herausfordernde Art getanzt, noch dazu mit einem Dirndl, das einem anderen quasi versprochen war.
Keiner würde mehr danach seine Tänzerin auf die althergebrachte ruppige Manier vom Tisch wegreißen und sich mit ihr drehen können, wie er's gerade verstand & vermochte.
Was dies betraf, war eine neue Zeit angebrochen. Einer aus den eigenen Reihen zeigte es ihnen, war er ein Filmstar oder was, dass er sich so gespreizt & gestenzt aufführte!
Wusste er denn nicht, wer er war, woher er kam, welch' niedrigen Rang er einnahm unter den Anwesenden, den großkopferten & bauchigen Bauern & Hofherren unter ihnen! Hatte er vergessen, wer hier die Hosen anhatte, wer bestimmte & zahlte!
Alle hatten gesehen, dass man sogar das Tanzen können sollte & müsste, es darin offenbar eine Meisterschaft geben konnte, die sie alle zu Hupfern & Stümpern machte, zu Schauern & Gaffern.
Der Künstler, zu dem sie ihn gemacht hatten, war selbständig & frech geworden, hatte ihnen den Spiegel vorgehalten wie einst der Hofnarr der feinen Gesellschaft. Eine Unerhörtheit, die nicht sein durfte, die es nie gegeben hatte, die abgeschafft gehört auf der Stelle, so wahr ich der & der bin, so wahr mir der Wald da oben gehört, bei meinem Gamsbart & Sechzehnender, bei meinem Erbhof, bei der Dreifaltigkeit, das werden wir noch sehen!
Hin- & Hergeschrei, dies & das, Öl in das Feuer, betrunkenes Gefasel von gestohlener Ehre, die Männerschaft rückte aus & zusammen, ging auf die Jagd.
Jedoch der kunstvolle Tanz war nur die eine Seite, die andere - die andere - etwas viel Schwerwiegenderes, etwas, das sich nicht wegdenken ließ, nicht aussprechen, das aber jeder sofort gewahrt hatte.
War nicht einmal Dreistigkeit, keine Schneid, was beides in Burschen- & Männerkreisen als ehrenhaft & männlich galt, es war etwas Größeres im Spiel, etwas, das man nicht so leicht sein Eigen nannte, das sich nicht kaufen ließ, nicht anheiraten, nicht herbeireden, etwas Seltenes, eine Himmelgnade.
Es war die Liebe, das große unaussprechliche Wort, dem der Reichtum nicht gleichkam, der Besitz, der goldene Herrgottswinkel, das marmornerne Bild.
Es war das Geheimnis, das es ganz selten zwischen zweien gab, etwas, woraus die alten Geschichten waren, das allem zugrunde lag, wie es hieß, und dereinst über alles siegen wird, nicht erzwungen & erfleht werden kann.
Zum ersten Mal hatten sie so ein Paar miteinander tanzen gesehen; zum ersten Mal war es während eines Rituals geschehen, das eigentlich die Liebe zum Inhalt hat, dass sich zwei Seelen, zwei Körper, zwei Menschen, ein Mann und eine Frau vor aller Augen, ineinander verliebt hatten.
Es war ihnen unmöglich gewesen, anders zu sein, wie ein dünner Schleier hatte sich die Liebe auf ihnen quasi niedergelassen, sie umsponnen.
Es war ein Raum um sie geworden, der die anderen zurücktreten ließ, sich aufstellen am Rande des Paradieses, über den Zaun guckend, und so als dürften sie nicht näher kommen, verfolgten sie staunend dieses himmlische Schauspiel.
Vor dem Gasthaus traten sie nun gleichfalls auseinander, denn in der Mitte standen sich der Sepp und der Lois gegenüber, es musste ausgetragen werden, entschieden - ausgeredet war bereits.
Die Sterne für den Sepp hätten in diesem Moment nicht schlechter stehen können, doch beinahe gelassen stellte er sich dem Unvermeidlichen, wusste, dass er hier & heute seinen Preis zahlen musste für das Glück, die Freude, den Himmel auf Erden.
Und wie es von sterbenden Heiligen in alten Legenden berichtet wurde, auf Deckenfresken aufgemalt war, auf den Altären die Glorienbilder - in der Mitte der Kirchen & Dome - erwartete auch er fast froh dieses Martyrium, als hätten sich über ihm die Wolken aufgetan und als könnte er schon die Ewige Herrlichkeit in der Ferne erkennen.
Der Lois schlug auf ihn ein mit dem ganzen Männerzorn, demolierte seine Nase, seinen Mund, sein Gesicht, das Blut sickerte und rann aus allen Öffnungen & Wunden, er wehrte sich kaum, ja man hätte das Gefühl haben können, dass er lächelte, beinah siegessicher dem Ende entgegenstolperte.
Endlich blieb er liegen, die Menge zerstreute sich wieder, hatte das Interesse rasch verloren, wo es nichts mehr zu sehen gab, ging hinein, rief nach Bier & Schnaps & Musik, suchte mit Suff & Gaudi das Gesehene und überhaupt die ganze Sache im Rausch zu vergessen.
Sie hielten es für erledigt, so ist immer verfahren worden, es war nicht der Brauch, sich länger darum zu kümmern, schon gar nicht, dass eine Frau dazwischentrat, doch genau das passierte an diesem Tag.
Die Liesi kam aus dem Saal gelaufen, tat ihre weiße seidene Schürze herunter, kniete sich nieder und verband den Sepp damit, half ihm auf die Beine, und als blutverschmiertes Paar verließen sie das Fest, und jeder musste erkennen, dass sie jetzt erst recht zusammengehörten.
Und dass eine prächtige, eine lustige Hochzeit folgen würde, war so gut wie beschlossen.
Die Schlägerei hatte die Sache vertieft & beschleunigt, was der Lois zurückgewinnen, zurechtrücken wollte, hatte er verloren. Seine goldene Kette lag abgerissen auf dem Boden im Blut des anderen.
Nicht lange nach dieser Märchenhochzeit, die den Sepp zu einem angesehenen, wohlhabenden Bauern machte, heiratete auch der Lois, und so glücklich die eine Ehe war, so unglücklich wurde die andere.
Der Kainzbauer konnte es nicht verwinden, er fing das Trinken an, aus ihm wurde ein brutaler & gefühlloser Ehemann, einer zwar, von denen es etliche gab, war ja nichts Ungewöhnliches, grob zu sein in Bauernkreisen, doch ließ er den Zorn an seiner Frau aus.
Am Wirtshaustisch führte er das Wort, hielt die anderen frei, nur, um sie auf seine Seite zu bringen, und wenn er in der Nacht nach Hause kam, quälte er seine Frau auf schamlose Weise, riss sie aus dem Bett, zwang sie, ihm frische Butternudeln herzurichten, schaute ihr beim Teigmachen zu, schlug sie, wenn es ihm zu langsam ging.
Als sie ihm einmal eine bereits am Abend vorbereitete Pfanne voller Nudeln hinstellte, da würgte er sie, warf das Essen auf den Boden und zertrat es.
Erst recht musste sie ihm jetzt einen neuen Teig kneten, auswalken, in feine Streifen schneiden, den Ofen einheizen, Wasser zum Sieden bringen, Butter schmelzen, Käse reiben, alles wie es sich gehörte, wie es ihm in den Sinn kam, mitten in der Nacht.
Als sie dann Kinder hatten, zog er auch sie aus den Betten, sie mussten sich aufstellen, Fragen beantworten, die ganz Kleinen soll er, wenn sie schrieen, an die Wand geworfen haben, eins ist danach nicht mehr 'richtig' gewesen, hieß es.
Er begann auf die Jagd zu gehen, schoss Gämsen, Rehböcke, Hirsche, Auerhähne, alles, was es abzuschießen gab.
Er traf die Tiere vorschriftsmäßig, genau, mit einem einzigen Schuss mitten ins Herz.
Daheim in der Stube hingen die Gewehre, eins neben dem anderen an den Wänden entlang, geputzt & geladen, alles auf Hochglanz.
In der Schule gehörten seine Kinder, wie einst er selbst, zu den Besten, doch ging man ihnen aus dem Weg, man fürchtete den Vater im Hintergrund, seinen Jähzorn, seine Unberechenbarkeit.
Es herrschte ein vollkommen geordnetes Leben auf dem Hof, die Dinge wurden richtig & sinnvoll getan, sie waren nicht arm, die Kainzbauernleute, doch lebten sie einsam, ohne Gäste, ohne Freunde, es ging um nichts anderes als es dem Vater, dem Mann recht zu machen.
Eines Tages ist das zum Krüppel geschlagene Kind dann verschwunden gewesen. Eine eisige Stille lag über dem Haus, niemand wagte zu fragen, doch das kommt erst viel später auf.

Die Liesi & der Sepp hatten zwei Söhne, musikalisch wie der Vater ein jeder, freundlich, fröhlich, unterhaltsam, gern gesehene Buben überall.
Der Jüngere studierte in Salzburg, wurde zum Priester geweiht, ging später nach Rom, soll in den Vatikan berufen worden sein, wo er eine hohe Stellung hatte in der kirchlichen Hierarchie, der Ältere sollte den Hof übernehmen.
Bei irgendeiner Veranstaltung im Dorf, war es ein Kirtag oder sonst eine Gaudi, kam es dazu, dass der Lois bei vollkommener Nüchternheit dem Sepp drohte.
Es war gehört worden von diesem & jenem, kaum ernst genommen, nicht einmal vom Sepp selber, denn jeder kannte ja den Jähzorn des Kainzbauern, war keine Seltenheit so eine Äußerung, war eben nicht gut Kirschenessen mit dem Alten.
Doch hätte einer genauer hingeschaut, hingehört, hätte er seine Wahrnehmung auf einem besseren Stand gehabt, wäre er misstrauischer und weniger leutselig oder einfach nicht so gleichgültig gewesen, hätte er die Art wie & was gesagt wurde, kaum missverstehen oder überhören können.
Denn, wie er die Worte nah an ihn gewandt mit blitzenden Augen und besonderem Zorn, in einem fast leisen, doch umso bestimmteren Ton gemeint hatte, konnte eigentlich niemandem entgangen sein.
Doch hört einer nur, was er hören will, und so ist es wohl zu verstehen, dass in diesem Augenblick, und obwohl sich später jeder daran erinnerte, keiner Verdacht schöpfte, aufhorchte, innehielt.
Dass es eine Abrechnung, einen Zahltag noch geben werde, dass er, der Kainzbauer, etwas guthabe und keine Schulden mache und keine Schulden dulde, dass eine größere Rechnung offen sei, dieser Art jedenfalls waren viele Jahre später die Auskünfte, die Erinnerungen, die Zeugenaussagen, und wenn es auch niemand genau wusste, so stimmte doch der Eindruck, der damals zurückgeblieben ist.
Es war um eine Rechnung, eine Abrechnung, andere meinten gar, um Geld gegangen.
Immerhin hatten sie bemerkt, dass es etwas sein musste, das nur die zwei anging und daher ein Einmischen, ein Nachfragen überflüssig gewesen wäre.
Aber der Kainzbauer hatte die alte Geschichte gemeint, und in Wahrheit dürfte das jeder verstanden haben, denn auch das war eine Sache, die nur die beiden betraf.
Ein andermal erhielten die Liesi und der Sepp einen nicht unterzeichneten Brief mit einer Schreibmaschine geschrieben: "dich krieg ich noch, und wenn nicht dich, dann müsst ihr alle auf der Hut sein".
Der Liesi hatte er den Brief nicht gezeigt, doch fand sie ihn eines Tages selbst, das Datum war so alt, dass sie ihm keine wirkliche Bedeutung mehr beimaß.
Zwar fragte sie ihren Mann, und sie kamen beide überein, dass so ein altes Schriftstück wohl nicht mehr recht ernst zu nehmen sei.
Der ältere Sohn war dem Sepp, wie man so sagte, aus dem Gesicht geschnitten, genau so schneidig & frech wie einst sein Vater, war er mit seinem kleinen Auto eines Tages, eines Abends, unterwegs.
Es ist ein Samstag, der junge Sepp dreht seine Wirtshausrunde, nichts Unübliches, und gegen Mitternacht landet er, bereits auf dem Heimweg, in einem der abgelegeneren Gasthäuser, dem letzten, bevor er heimkommt, sieht noch Licht, einige Autos davor und beschließt, hineinzugehen.
Ein Tisch voller Kartenspieler, einige Eingeschlafene, nichts Aufregendes außer, dass der Kainzbauer darunter ist.
Der junge Sepp setzt sich, grüßt in alle Richtungen, bestellt sich ein Bier. Der Kainzbauer nimmt ihn ins Visier, beginnt ihn anzustarren, kriegt glänzende Augen, während der andere nichts ahnend und fast belustigt fragt, ob etwas nicht stimme.
Daraufhin dreht der Kainzbauer dem anderen das Wort um und tut, als hätte man ihn angestänkert, als hätte er gesagt, dass mit ihm, dem Kainzbauern, etwas nicht stimme, wendet sich an die anderen, die bis dahin nichts derartiges gehört hatten, bringt sie auf seine Seite.
Zwischen dem jungen Sepp und dem Lois gibt ein Wort das andere, es kommt zu einer Auseinandersetzung, die in nichts ihre Ursache hat, außer in etwas, das an die zwanzig, fünfundzwanzig Jahre zurückliegt und zwischen Sepp's Vater & dem Kainzbauern war.
Als der Sepp bald daraufhin zahlt, um das Gasthaus so schnell wie möglich zu verlassen, ohne ausgetrunken zu haben, bereits bereut, überhaupt hineingegangen zu sein, da hat der Kainzbauer sich schon festgebissen.
In ihm nimmt ein teuflischer Plan Gestalt an, er sieht die Stunde für gekommen, ruft dem anderen nach: "Heute Nacht, heute Nacht, hörst du, da bring' ich dich um!"

Es ist jene Nacht, in der das ganze Tal gegen halb zwei Uhr nachts das Motorrad heimfahren und eine Weile später wieder hinausfahren hört.
Es gibt kaum ein Haus, wo ihn nicht wer gehört hat, denn jeder kannte das Motorrad des Kainzbauern, schließlich stand sein Hof weit drinnen fast am Talschluss, wo es bereits wieder steil hinauf geht, und wann er fort fuhr oder heimkam, wussten daher alle.
Wie Perlen standen die Höfe an der einzigen Straße aufgefädelt, dicht oberhalb oder unterhalb, jeder Lichtschein, jedes Geräusch wurde wahrgenommen.
Niemand benützte nachts die Straße, ohne gehört zu werden, wo der Lärm aufhörte, die Lichter an- & ausgingen, war jemand nach Hause gekommen.
Dass in der Mordnacht ein wieder wegfahrendes Motorrad gehört wurde, war ungewöhnlich, dort & da dachte man, sich getäuscht zu haben, könne wohl doch nicht das tiefe Motorgeheul des bekannten Vehikels gewesen sein, wird eben einer einen heimgefahren haben und dieser musste ja dann wieder zurück.
Doch dabei blieb es nicht, denn einige Höfe haben eine knappe halbe Stunde später wieder das gleiche gehört, ein heimkehrendes Motorrad, wieder klang es wie das erste, dann blieb es still.
Am nächsten Morgen, noch bevor der Tag begonnen hat, ist die Nachricht des Todes von Haus zu Haus, von Tür zu Tür getragen, als hätte der Todesengel allerorts angeklopft und persönlich die Botschaft überbracht.
Überall brannten schon die Lichter noch zu nachtschlafener Zeit, in den Stuben, auf den Bänken saßen die Leute wie in Agonie, sie begriffen kein Wort, sie schüttelten die Köpfe, sie hatten vergessen, den unbekannten Boten zu fragen, ob das die Wahrheit ist, ein böser Traum vielleicht, der Sepp ist tot, das gibt's doch nicht, was für ein Sepp?, der Alte oder der Junge?
Hat man doch gehört beim Fenster herein, der Junge!
Man hüllte sich in Mäntel & Decken, niemand war imstande, Feuer zu machen, Tee zu kochen oder in den Stall zu gehen, sie hockten da und froren, brüteten über dem Unglaublichen.
Endlich fing das Beten an, das Gee - grüßet seist du Maria, voll der Gnaden, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes. Heilige Maria, Mutter Gottes! Bitt' für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Absterbens. Amen.
Herr erbarme dich, Christus erbarme dich, Christus höre uns, Christus er-höre uns, gib dem verstorbenen Sepp und allen Christgläubigen die ewige Ruhe, und das Ewige Licht leuchte ihm, jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.
Führe den Sepp ein in dein Reich und lass ihn noch heute bei dir im Paradiese sein.

..., der für uns Blut geschwitzt hat,
..., der für uns der schwere Kreuz getragen hat,
..., der für uns gegeißelt ist worden,
..., der für uns mit Dornen gekrönt worden ist,
..., der für uns gekreuzigt worden ist.

Neige oh' göttliche, schmerzensreiche Jungfrau & Gottesmutter Maria Dein Haupt in Barmherzigkeit und führe den Verstorbenen mit deinem Sohne ein ins Himmelreich.

Als der Sepp heimgekommen war - sein Elternhaus lag Tal auswärts oben auf einem schrägen Feld mit einem holprigen Zufahrtsweg - und bereits zu Bett gegangen, hörte er den steilen Weg herauf ein Motorrad, dann das Abstellen des Motors, Schritte nähern sich auf dem Schotterweg dem Haus.
Die Höfe waren alle gleich gebaut - neben der Eingangstür links - die Reihe der Stubenfenster, des Hauptraums des Hauses, so war es auch hier.
Der Sepp stand im Dunkeln auf, stieg vom ersten Stock hinunter in die Stube, neben dieser lag das Schlafzimmer der Eltern.
Die Mutter, die wegen des Wartens auf den Sohn noch nicht geschlafen hatte, stand auf und betrat die Stube von der anderen Seite, wo der Sepp bereits im Finsteren horchte.
Da tat sie etwas, was ihrem Sohn das Leben kostete, sie schaltete das Licht ein.
Seine letzten Worte waren: "Schalt' das Licht aus!"
Es leuchtete nur wenige Sekunden, doch dem Kainzbauern, der draußen die Pistole angelegt hatte, genügten sie, um den einzigen tödlichen Schuss abzugeben, um Rache zu üben an jemandem, der ihm nichts getan hatte, der nicht einmal ahnte, warum er sterben musste.
Der Mörder setzte sich wieder auf seine Maschine und fuhr nach Hause. Nun hallte noch einmal das Geräusch eines Motorrades das Tal entlang, jetzt kam er richtig heim und legte sich nieder.