Marianne Beck-Höllbacher

Der schwarze Kramer

Kapitel 3

DIE ANDERE GESCHICHTE

DIE ANDERE GESCHICHTE ist die der Kainzbäuerin, jener Frau, die anstatt der Liesi vom Kainzbauern geheiratet worden war.
Nun, da ich diese Erzählung niederschreibe, ist sie noch am Leben, nachdem sie das Schicksal, das ihr auferlegt war, geduldig und vollkommen einsam getragen hat.
Sie kam aus keinem angesehenen Haus wie die Liesi, war nicht wohlhabend in die Ehe gegangen, auch war sie nicht ausgestattet mit der Lieblichkeit, der Unbekümmertheit, die Mädchen aus guten Verhältnissen eigen ist.
Diese kennen ja von Anfang an nichts anderes als das Wohlwollen, die Freundlichkeit, die Selbstverständlichkeit aller Dinge.
Wie sollten ihnen die Schattenseiten bekannt sein, sie wären damit gewiss überfordert, sind zu fein geboren worden für das Grobe der Wahrheit.
Immer & überall gibt es die einen und die anderen.
Die spätere Kainzbäuerin, ich gebe ihr für diese Geschichte den Namen Philomena, denn Philomena heißt soviel wie: 'Die den Geist liebt', und gerade so eine Gestalt ist sie.
Sie war, was man nannte, ein inwendiger Mensch, jemand, der still seiner Wege ging, ohne viel Aufhebens seine Arbeit tat, jemand, der seine Augen nicht auf das Äußerliche lenkte, sondern den tieferen Sinn der Dinge zu finden versuchte.
Sie war nicht klein & zierlich oder oberflächlich wie die Liesi, welcher der Schalk im Nacken saß, die es faustdick hinter den Ohren hatte, sich, wenn es darauf ankam, Vorteile verschaffte, sich ins beste Licht zu rücken imstand war.
Philomena hatte nichts vom Glanz einer reichen Bauerntochter, sie war im Gegenteil ein wenig eckig & ernst, wenn auch in Wahrheit von klassischer Schönheit.
Doch, das erkannten sie nicht, die anderen, für welche die Schönheit einer Frau, eines Fräuleins im heiratsfähigen Alter, in der Mitgift, ihrem Besitz, ihrer Herkunft bestand.
Dass sich so eine zum Besten herausputzen ließ, sodass sie beim Auftritt jede andere übertraf, braucht nicht verschwiegen zu werden.
Kleider machen Leute, heißt es, der Schein zählt, man will getäuscht sein, sieht, was man sehen will.
So war die Liesi eine kleine, launige & herzige Gämse, ein süßes Mädel, das das Hofiertwerden gewohnt war und es voraussetzte, während die Philomena als einziges Mädchen unter zehn Geschwistern von klein auf zum Arbeiten hergenommen wurde.
Ohnehin hatte ein Frauenzimmer ihrer Art dem Vater, den Brüdern und wie nicht erst später dem Gatten zu Diensten zu sein.
Philomena galt als kluges Kind, schon in der Schule war sie damit aufgefallen, doch kaum jemand wusste, dass die Schule nicht das einzige war, wo sie sich bildete, dass sie ihre Lust nach Wissen nicht zu stillen vermochte, und darin bestand ihr besonderes Leiden, denn als einfaches Bauerndirndl konnte sie sich keine Bücher beschaffen.
In aller Herrgottsfrühe stand sie auf, heizte den großen Stubenofen an, kehrte zusammen, kochte für sich und die Mutter die Milchsuppe, bevor sie gemeinsam in den Stall gingen.
Wenn sie mit der Stallarbeit fertig waren, dem Füttern & Tränken der Tiere, dem Melken, dem Ausmisten, bereitete Philomena das Frühstück für den Vater und die Brüder zu, die erst jetzt langsam aufstanden.
Inzwischen war es sechs, halb sieben in der Früh geworden, und für die Kinder Zeit, in die Schule zu gehen.
Der Weg war lang, tief verschneit im Winter, stockfinster; erst am Ende, wenn das Schulhaus, die Kirche sichtbar wurden, gab es eine freigeschaufelte Schneise, wo sie zum ersten Mal nicht bis zu den Knöcheln, den Knien, im Schnee versanken.
Wenn sie zügig unterwegs waren, schafften sie es in einer guten Stunde.
Wenn es regnete, kamen sie durchnässt bis auf die Haut in die Kirche, ins Klassenzimmer, wo der Schulofen brannte & knisterte. Dort zogen sie ihre Schuhe aus, die weich & lappig waren bei Regen und stocksteif gefroren im Winter.
Die ärmeren Kinder, wie Philomena, trugen keine Socken oder Strümpfe, sondern Fußlappen, die sie jetzt wie Verbände abwickelten und auf die Stangen über dem Ofen hängten, und hier konnten sich die Schulkinder ein wenig trocknen und aufwärmen, bevor sie zur Heiligen Messe in die Kirche hinübergehen mussten und später der Unterricht anfing.
Auf jeden Fall wurde zuerst hingekniet, der Heiland und der Himmel angerufen, ehe ein wissbegieriger Mensch wie die Philomena, etwas von dem erfahren konnte, was für sie wesentlich war.
Wie ein Schwamm, bereit, alles in sich aufzusaugen, saß sie da und horchte, schrieb fein säuberlich jedes Wort in ihr Schreibheft, war die Gestalt gewordene Aufmerksamkeit.
Die Welt um sie herum hätte getrost im Schnee versinken können, im Heu, im Laub, in Grammeln & Graupen, in Zucker & Mehl, sie hätte nichts davon bemerkt.
Ihre Augen, ihre Ohren gehörten nur dem Lehrer, egal, ob er Rechnungen an die Tafel zeichnete oder Gedichte vorlas, von Rußland erzählte oder Amerika, ob er Wörter im einzelnen sprach oder in ganzen Sätzen redete, ob er Aufsätze verlangte oder kritisierte. Philomena saß wie eine Statue auf ihrem Platz, hing an den Lippen des Lehrers, kein noch so kleines Teil entging ihr.
Nicht nur die Gedichte, die im Lesebuch standen, konnte sie auswendig, sondern auch die Geschichten, sogar die Rechnungen und Rechenvorgänge im Rechenbuch.
Das Lesen & Lernen waren ihre zweite Natur, das wusste sie bereits am ersten Schultag, ihre Möglichkeit, fortzulaufen, sich eine eigene Welt zu erschaffen.
Sobald sie des Lesens mächtig war, und das war lange vor den anderen, las sie alles, was ihr unterkam, jedes Flugblatt, die Kirchenzeitung, das Gebetbuch, das Gesangbuch, jeden Zettel, auf dem etwas stand.
Weil sie zu Hause immer arbeiten musste, blieb ihr kaum Zeit dafür, und wenn sie entdeckt wurde, nahm man ihr die Bücher, das Papier weg, sie hatte schließlich etwas Wichtigeres zu tun, als zu faulenzen, war nicht als feines Bürgersfräulein auf die Welt gekommen, sondern als Bergbauerndirndl für das Grobe bestimmt.
Die Gelehrsamkeit galt nichts bei den Bauern, war etwas für Tagediebe, Nichtsnutze & Arbeitsscheue, für solche, die sonst nichts konnten, gewissermaßen ein Vergehen.
So war ihr Kinderleben verlaufen. Für sie hatten sie nichts anderes vorgesehen als was man für alle Mädchen ihrer Herkunft eben vorsah, die Hausarbeit, das Kinderkriegen, das Putzen & Kochen, das Stallgehen, sommers & winters, tagaus, tagein.
Mit vierzehn verließ sie, wie damals für Mädchen üblich, die Schule.
Die gescheiteren Buben gingen weiter in geistliche Gymnasien, kamen in Internate, lernten auf die Matura, wurden von Lehrern & Pfarrern zum Studieren ausgesucht.
Nicht aber die Mädchen. Wo hätte es etwas gegeben für die?, außer dem einen oder anderen ein-, zweiwöchigen Näh- oder Kochkurs, ab & zu ein paar Kirchengesangsstunden vielleicht.
Philomena, weil sie so knapp gehalten wurde mit dem, was sie so brennend interessierte, besuchte diese bescheidenen Dinge wie eine Universität.
Wieder war sie bemüht, alles gut & bestens zu machen, hielt Nachfrage & Ausschau, wo es etwas zu erfragen oder abzuschauen gab, lernte so gut wie alles auswendig, aber es blieb spärlich, doch am Ende, am Ende kam sie auf die Idee ihres Lebens.
Von einer alten, lange verstorbenen Magd fand sie eine Bibel, denn es war nicht einmal so, dass ihre Familie selbst eine besessen hätte.
Sie war ihr in den Schoß gefallen wie ein Schatz vom Himmel, und als sie die Seiten aufschlug, eine um die andere betrachtete, da sah sie etwas, was sie zuvor noch nie gesehen hatte.
Da musste einmal jemand gelebt haben, der war wie sie.
Äußerlich eine Dienstbotin, ein armer bescheidener Mensch, doch zuinnerst eine Gelehrte, eine Frau, die zwischen die Zeilen geschrieben hatte, mit feinster Bleistiftspitze, die Ränder mit Notizen, Bemerkungen, Zahlen voll gekritzelt, wie auf ein zweites darüber gelegtes Blatt. In alter Kurrentschrift, regelmäßig, schräg, von winziger Kleinheit & äußerster Genauigkeit.
Vergilbt die Seiten, abgegriffen, kein einziges Mal geknickt oder beschmutzt.
Später fand sie noch einen alten, verstaubten Koffer mit nichts als einem Konvolut von niedergeschriebenen Gedanken, Briefen & Bibelabschriften darin, datiert von 1804 weg bis in das Jahr 1875, einen Stapel verschiedenen Papiers, gelbes, graues, einst blütenweißes.
Immer die gleiche ebenmäßige Schrift, schräg von links nach rechts, beherrscht, demütig, mit schwarzer Tinte.
Zeugnisse eines längst hinübergegangenen, von Gott dem Herrn in die Ewigkeit berufenen Menschen, der 71 Jahre seines Lebens dies hier geschrieben hatte.
Plötzlich hörten diese Aufzeichnungen auf, so als wäre jener Magd, die auf dem Hof ein Leben lang gedient hat, die Feder aus der Hand gefallen, als hätte man sie fortgebracht an einen anderen Ort.
Wahrscheinlich hat sie damals diese Welt verlassen, war vom Schlag getroffen worden, hatte ihr Herz aufgehört zu schlagen, irgendwann, nachdem sie diese letzten Zeilen geschrieben hatte.
Philomena tat sich schwer beim Lesen, so gleichmäßig die Buchstaben auch dastanden, so schwer waren sie zu entziffern; nur ab & zu verstand sie ein Wort, einen Satz, erfasste den Sinn.
Wohl nie abgeschickte Liebesbriefe waren darunter, komplizierte Bibelstellen, Gedanken über Dinge, die Philomena nie gehört hatte.
Alles in allem aber waren es Dokumente von unschätzbarem Wert, und vor allem gaben sie Philomena Auskunft darüber, dass es wohl immer Menschen gegeben hatte, die sich mit derlei Dingen beschäftigten, die sich dem widmeten, was in der bäuerlichen Welt keinen Wert hatte.
Im Geheimen gab es Knechte, Mägde, Ausgestoßene, Überflüssige, die um jedes Stück Brot froh sein mussten, aber ihren Besitzern & Herren weit überlegen waren.
Diesen Schatz nahm sie nun an sich, verwahrte ihn bei sich im Bett, unter dem Strohsack, auf dem sie schlief, und wann immer sie Zeit fand, blätterte sie darin, prägte sich die Texte ein, las zu Anfang wieder & wieder die Seiten, die Aufschluss gaben über die Geschichte, die Ordnung der Bücher - die griechischen und die hebräischen - die Gesetzgebung, die Schriften, die Psalmen, die prophetischen Werke.
Da gab es Hinweise, Textkritik, Erklärungen von Namen, Wörtern, Einteilungen.
Zum ersten Mal sah sie die großen Worte PENTATEUCH, EXODUS, GENESIS.
Vor ihr tat sich auf eine neue, eine andere, eine fremde Welt, in die sie hineinging wie in den Himmel selber.
Fortan besaß sie ein kleines, großes, privates Glück, ein Glück, das sie, trotz allem, wie es ihr auch erging im Leben, nie verlassen sollte, eins aber auch, das sie zutiefst & wirklich brauchen würde, so viel Unglück & Schweres, wie vor ihr lagen.
Es war, als hätte sie geahnt, wie bitter sie dies nötig haben würde, denn mitunter dauert es lange, bis ein Mensch sein Leiden gelebt hat, zu Ende kommt damit, es ausgestanden ist und gleich den alten Heiligen Erlösung findet ..., - ehe ein Mensch in Ruhe gelassen wird und mit sich alleine sterben kann.
An den Sonntagen saß sie die zwei, drei Stunden nach dem Mittagessen, vor dem Stallgehen, irgendwo im Feld, am Waldrand, ohne Schuhe, die Schürze über dem Kleid, die Zöpfe ordentlich & streng geflochten, die Heilige Schrift auf den Knien, las & versank, flüsterte vor sich hin, schaute überlegend in den Himmel, zwischen die Gräser, auf den Boden, prüfte die Wörter und deren Sinn, beobachtete abwesend einen Käfer, die Ameisen, eine Amsel, manchmal ein Reh, eine grasende Kuh, eine Henne.
Alles hatte Wichtigkeit & Bedeutung für sie, mehr & mehr drang sie ein in das Studium, vertiefte sich ein erstes Mal in Wörter, Sätze, erkannte, dass Einfaches kompliziert und Kompliziertes einfach war.
Manches erschien ihr sofort verständlich, anderes brachte sie ins Grübeln, ließ sie erkennen, dass oft das eine wie das andere stimmte, auch das Gegenteil nicht falsch war, eine Frage des Standpunktes eben.
Durch die Beschäftigung mit dem Buch veränderte sie sich.
Sie tat die Arbeit mit noch mehr Sorgfalt, begegnete den Tieren mit Liebe & Zärtlichkeit, stellte sich ihren Blicken, hörte auf, die Geschöpfe Gottes als Vieh anzusehen, aß kein Fleisch mehr.
Ihr Gesicht änderte sich, ihre Augen glänzten, sie sah ernst & glücklich aus.
Als das Techtelmechtel zwischen dem Lois und der Liesi langsam zu Ende war, auseinander gegangen wie ein kaputtes Wagenrad, da warf er ein Auge auf Philomena.
Er war gedemütigt, beleidigt worden, suchte Mitleid & Verständnis, und Philomena hörte ihm zu, schaute ihn an, hatte selbst ganz übersehen, dass sie in die Jahre gekommen war, wo die Entscheidungen fallen, die Mädchen in ihrem Alter die Elternhöfe verlassen müssen oder sitzen bleiben, alte Jungfern & Mägde werden, Ehefrauen & Mütter, irgendetwas dieser Art.
Das Gerede der Leute, die sich über ihresgleichen lustig machten, war ihr längst einerlei, sie hatte aufgehört, sich darum zu kümmern.
Als der Lois nun eines Sonntags auftauchte und sie fragte, ob sie mit ihm gehen möchte, da fiel sie mit einem Schlag vom Himmel auf den Boden, eigentlich in die Hölle, doch damals hielt sie den Ort noch für die Erde, was ihr bereits schlimm genug vorkam.
Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie am liebsten so weitergelebt, bei ihren Eltern, den Geschwistern, ihre Arbeit getan, dafür Essen & Bett bekommen und sonst ihr allerliebstes Studium betrieben.
Aber, es kam anders, denn der Lois und seine Eltern hatten den Wert eines so stillen & arbeitsamen Mädchens erkannt, und so begann er um sie zu werben, Geschenke zu bringen, Schmuck, nahm sie mit in die Stadt, ins Kino, auf Ausflugsfahrten, zeigte sich in aller Öffentlichkeit mit ihr, ja mit seinem Herum-scharwenzeln benützte er sie, um jemandem anderen zu beweisen, dass er auf niemanden anstand, dass er hatte, was er brauchte & wollte, nicht nachtragend war und nichts & niemandem nachtrauerte.
Es kam soweit, dass Philomena zusammenpackte und nach & nach ihre Habseligkeiten auf den anderen Hof brachte, ihre Aussteuer zusammenstellte, Abschied nahm.
Wo sogar ihre Eltern sie drängten, um Gottes Willen, den Lois, den Siebenmalgescheiten, den Neunmalreichen zu nehmen und sich nicht lange bitten zu lassen.
Wie & wann würde sich schon noch so eine Gelegenheit auftun, kein zweites Mal, das konnte man sich bereits an zwei Fingern ausrechnen, brauchte keine fünf und schon gar keine zehn dazu, überhaupt eine wie die Philomena, die nicht gerade für ihre Geselligkeit, ihren Reichtum bekannt, sondern dort & da als Sonderbare verschrien war, als eine Komische, bei der es sich womöglich im Kopf drehte, die lieber irgendwo hockte und in ein Buch glotzte, als mit den anderen tanzen zu gehen wie es sich für junge Leute gehörte.
Eine Stubenhockerin, eine Fensterguckerin, ein angehender Hausstock, den man nicht mehr hinausbrachte, dem es daheim gefiel wie es war in aller Beschränktheit - müsste sie nicht froh & glücklich sein, wenn einer wie der Kainzbauern-Lois sie anredete, ihr nachpfiff, nachts ans Fenster kam und ihr zu allem obendrein noch einen Heiratsantrag machte!
Je mehr sie überlegte, den anderen zuhörte, sich zu- & dreinreden ließ, umso mehr kam sie selbst zu der Ansicht, dass ihr gar nichts Besseres passieren konnte, als einen Mann wie den Kainzbauern zu kriegen und seine Kainzbäuerin zu werden.
Sie war ein weicher & gelehriger Mensch, jemand, der bald ein Einsehen hatte, der nachgab & aufgab, sich rasch von einer Sache überzeugen ließ, der gehorchte & fügsam war.
Sie tat jede Arbeit schweigsam, manchmal flink, manchmal langsam - fast bedächtig, nie schlampig, freilich größtenteils Tugenden, die nicht jeder verstand, über die man sich spaßhaft machte, für die man für dumm gehalten wurde, denn was vom Feinsten ist, ist nicht jedem erkennbar.
Die Tratscher, die Neidhammeln, sie und viele andere auch, waren mit Grobheit versehen, mit Blindheit geschlagen, sie bildeten die Meinungen, führten die großen Sprüche, zeichneten Philomenas Bild mit deftigen Gesten & Strichen, wie es sich aus der Laune, der Stimmung ergab, und am Ende war kein Stein mehr auf dem anderen, alles hatte sich verschoben, verwischt.
Je tiefer man die Wahrheit verschüttet, umso schwerer wird sie sich wieder finden lassen, und schließlich hatte keiner mehr Gründe, diese Darstellung anzuzweifeln, sie zu hinterfragen.
So war Philomena für ihr Dorf eine Gestalt geworden, die in der Verantwortungslosigkeit der Gaudi, der Belustigung, erfunden worden war, und wenn es da heißt & hieß in alter Zeit bereits : Semper aliquit haeret, so trifft dies ganz besonders auf sie zu, denn nicht etwas blieb hängen an ihr, sondern alles & so viel, dass sie davon ganz verschüttet & zugedeckt wurde.

Als nun eines Tages die Hochzeitsglocken verklungen, die Geschenke betrachtet, verräumt & vergessen waren, als ihr Brautkleid wieder das einzige Sonntags- & Feiertagskleid war, der Kranz, der Strauß verwelkt & verstaubt, da begann für die meisten und besonders für die ersatzweise Genommenen & Verheirateten die Alltäglichkeit, die Schwerarbeit in Haus & Hof, das Kinderkriegen, die Altenpflege, das Krankenschwestersein, das Stallgehen, die Feldarbeit.
Philomena erging es nicht anders, sie fügte & schickte sich in ihr neues Leben, wusste noch nicht, dass sie ihr altes, bescheidenes, ihr eigenes, längst verloren hatte.
Nicht einmal richtig verabschieden hatte sie sich können, denn von Anfang an steckte sie in so viel Arbeit, dass sie keine stille Stunde fand, in der sie ein bisschen lesen oder wenigstens beschaulich hätte sein können.
Die Schwiegereltern kränkelten, sie wollten umsorgt & gepflegt sein, kamen bald aus dem Bett nicht mehr heraus.
Sie ließen alles unter sich, wurden misstrauisch & boshaft, sie verkalkten & verblödeten, und das Wenige an Denkvermögen, das ihnen geblieben war, verwendeten sie, um die Schwiegertochter zu traktieren.
Philomena konnte nicht sagen, ob das rechtens war, sie tat, was von ihr verlangt wurde, sie war ihre Pflegerin, ihre Köchin, ihr Haus- & Zimmermädchen, ihre Botin & Dienerin zu jeder Zeit.
Als sich die Alte, während Philomena im Stall war, wieder einmal von oben bis unten angeschissen hatte, kam gerade der Lois von einer mehrtägigen Reise zu einer Viehversteigerung zurück, hatte einen Ochsen, etliche Kühe, Kälber & Schweine im Gepäck.
Als er ins Schlafzimmer seiner Eltern trat, bot sich ihm ein fürchterlicher Gestank, unten beim Strohsack tropfte es heraus, unter dem Bett hatte sich ein See von Urin gebildet.
Sie jammerten & plärrten, dass sie die Philomena die ganze Zeit auf diese Art verkommen lasse, sie nichts zu essen hätten, ... den größten Hunger sowieso, und wenn sie endlich was daherbringt, dann ist es kalt & ungenießbar, sodass sie alles speiben müssten.
Sie wischt ihnen die Ärsche nicht aus, lässt sie im schmutzigen Strohsack liegen, setzt sie nicht auf den Leibstuhl heraus, ihre Allerwertesten sind schmerzhaft & brennen wie Feuer, und außerdem hat die Philomena von dem Ersparten genommen, sie hintergangen, und deswegen haben sie die Sparbücher jetzt im Ofen versteckt.
Der Lois rannte durchs Haus in den Stall, wo die obendrein schwangere Philomena unter einer Kuh saß und molk, riss sie vom Schemel herunter und schlug ihr mitten ins Gesicht.
Sie strauchelte, rutschte aus, fiel zu Boden, wo er sie niedertrat, mit seinen Stiefeln bearbeitete, wie er sie gerade erwischte.
In dieser Nacht hatte sie ihre erste Fehlgeburt, es sollten weitere folgen, am Kainzbauernhof herrschte eine raue Luft.
Die Sparbücher, welche die Philomena verbrannt haben soll, ein Umstand, der zum wildesten Geschrei, das vorstellbar ist, führte, diese Sparbücher fand man, lange nach dem Tod der Alten, eingewachsen in Spinnweben, in der doppelten Wand eines Küchenschranks.
Was sie tatsächlich in den Ofen gesteckt hatten, damit die Philomena es selbst anzündete, war ihre Bibel gewesen, und so besaß sie längst nichts mehr, was ihr gehörte.
Der Lois gab ihr Jahr & Tag kein Geld. Was zu kaufen war, brachte er selber heim. Sie hatte am Sonntag in der Messe nicht einmal das Opfergeld, dafür musste sie scheele Blicke von ihren Banknachbarinnen einstecken, sie stießen sich mit den Ellbogen, verdrehten die Augen, schauten sich gegenseitig viel sagend an und schielten gleichzeitig spöttisch auf sie.
Bald war sie schwanger, bald nicht, denn ihr Mann schwängerte und schlug sie.
In den Wirtshäusern, den Bauernstuben ging dauernd ein Gerede, ein Gerücht um, die Philomena wurde nie wo gesehen, außer in der Kirche, sie konnte nicht mit den anderen Weibern nach der Messe zum Wirt gehen auf ein Seidel Bier, eine Würstelsuppe, eine Schale Tee.
Alles, was sie in ihrer Handtasche trug, war ein Taschentuch und ein Rosenkranz.
Während sich die anderen noch in der Kirchenbank in aller Vorfreude & Selbstverständlichkeit anschickten, bereits in Richtung Wirthaus dachten, schon über den Sonntagnachmittag beratschlagten, wo und bei welcher man sich heute zusammensetzen wird, hörte sie verstohlen mit.
Niemand beachtete sie oder forderte sie auf, mitzukommen.
Es waren kalte, knappe Grußerwiderungen, die sie erhielt, und hätte sie nicht eine jede immer zuerst gegrüßt, hätte keine was gesagt.
Man gehörte eben dazu oder nicht, schließlich lud auch sie niemanden zu sich ein oder zahlte einmal eine Runde.
Immerhin war sie Bäuerin auf einem reichen Hof, und seit wann musste man denn mit den Reichen Erbarmen haben!
So erfuhr sie nichts von den Vorgängen & Ereignissen im Dorf, auch nicht, was man über sie erzählte.
Aber, wenn der Lois angetrunken und wild vom Schnaps in der Nacht heimkam, warf er ihr die Behauptungen & Gerüchte über sie, über ihn, vor die Füße.
Sie hatte keine Ahnung, wo diese Geschichten herkamen, aber auf den Wirtshaustischen wurden sie wie ein zäher Teig hin- und hergezogen.
Die Dörfer brauchten einen Sündenbock, immer haben sie etwas erfunden, jemanden, der es nie recht machen konnte, jemanden, dem sie alles anhängten.
Neid & Feindschaft, Tratsch & Lügen gehörten zu ihrem Leben wie der Gottesdienst, es war eine Art Lustbarkeit sogar.
Nahm eine Partei für die Betroffene, wurde sie ausgelacht, selber gehänselt und in die Nähe einer solchen Person gebracht, denn eine einzelne und eigene Meinung zu haben, war geradezu unanständig & unratsam.
Wer in diesen Schlagzeilen stand, war gebrandmarkt, hatte eine schlechte Nachrede von vornherein, bekam die dunkle Seite des Lichts zu sehen.
In dieser Art spielte sich auf den reicheren Höfen das Leben ab, eigentlich war es gar keines, jedenfalls nicht eins, von dem man hätte sagen können, wenn man es überhaupt gewusst hätte, es ginge irgendwie mit dem zusammen, was man vom Äußeren her vermuten durfte.

Das Haus war ein vielhundertjähriger Bau mit mehreren Stockwerken, Kellern & Gärten, Scheunen & Zuhäusern, Wirtschaftsgebäuden, Geräteschuppen, Troatkästen, einem eigenen Stallzubau.
Die Fenster & Balkone waren in ihrer Sorte die schönsten weit & breit.
Auf der leuchtend weißen Wand nahmen sich die hölzernen Fensterstöcke mit den grünen Läden fast malerisch aus.
Die Bäuerin hatte im ersten Stock die Balkone mit roten Begonien behängt, sodass sich ein rot-grünes Band um die Mauern zog, wobei die Balkone eigentlich Umgänge waren, die um drei Seiten des Hauses führten.
Die schweren geschnitzten Geländer bildeten vom ersten Stock hinauf bis unters Dach eine dreistöckige Loggia, der mittlere Erker war mit hohen bunten Glasfenstern versehen und konnte so verschlossen & geöffnet werden.
Dieser kleine Raum, der sowohl zum Garten als auch zum Haus gehörte, war Philomenas Lieblingsort, hier hatte sie einst gedacht, wolle sie ihr Buch lesen, sich zurückziehen und ab & zu ein bisschen für sich selber sein.
Aber die Stunden, die sie dort verbringen sollte, waren von Anfang an gezählt gewesen, sie fand keine Zeit, war über & über mit Arbeit eingedeckt, und schließlich besaß sie gar kein Buch und keine Ruhe mehr, sodass sie den Platz, der ihr gleich am ersten Tag gefallen hatte, am Ende fast vergaß.
Wenn sie auch von Zeit zu Zeit eine Magd beschäftigte, als sie ihre Fehlgeburten und schließlich die fünf Kinder der Reihe nach gehabt hatte und solang die noch ganz klein waren, blieb doch keine für länger, denn sie fürchteten den Bauern in seinem Jähzorn, sie ertrugen das Leid der Bäuerin nicht, konnten nicht mit anschauen, wie er sie und seine Kinder behandelte.
Wenn einige Zeit ohne Zwischenfälle vergangen war, wurde es unnatürlich still auf dem Hof, jeder ahnte, dass die nächste geringste Kleinigkeit der Anlass sein konnte, wo dem Kainzbauern seine Nerven durchgingen.
Am Samstag Abend, manchmal auch schon freitags, fuhr er dann mit seinem Motorrad davon und kam erst gegen drei, vier Uhr in der Früh zurück.
Und wenn dies auch die Stunde seiner Gewalt gegen die Bäuerin war, vor der sie sich anfangs fürchtete wie vor dem Tod, so war doch der Abend dieser Nacht ihre schönste Zeit, denn jetzt war er mit Sicherheit fort.
Sie arbeitete im Stillen für diese wenigen Stunden, saß mit der Magd und den Kindern um den Tisch, im Gras, auf dem Balkon, sie kleidete sich schön, hatte Kuchen & Milch beisammen und beging in aller Feierlichkeit diese Abende.
Immer gelassener sah sie den nächtlichen Ausschreitungen ihres Gatten entgegen, hatte sie noch am Beginn ängstlich gewartet, wurde sie später immer ruhiger, bis sie mit den Jahren sogar vorher noch einschlafen konnte.
Sie wachte auf, wenn er draußen den Motor abstellte, das Tennentor öffnete, und schon an seinem Schritt, die Art wie er näher kam, erkannte sie seine augenblickliche Verfassung.
Es konnte sogar geschehen, dass sie so fest schlief, erst aufwachte, wenn er sie an den Haaren riss, ihr ins Gesicht schlug oder sie am Ellbogen packte und aus dem Bett zerrte.
Sie wusste, dass ihre Stunde wieder gekommen war. Wenn er nur die Kinder in Ruhe ließ, wollte sie alles ertragen.
Selber wehrte sie sich nur, wenn er eins der Kleinen aus der Wiege warf. Wie gerne hätte sie das jeweils Jüngste bei sich liegen lassen!
Ab & zu ließ sie die Kinder bei sich einschlafen, doch musste sie auf der Hut sein, selbst wach bleiben, um sie noch rechtzeitig aus dem Zimmer tragen zu können.
Trotzdem vergriff er sich noch oft genug an ihnen, dann waren die Auseinandersetzungen zwischen dem Ehepaar besonders hart, denn um die Kinder zu schützen, ging Philomena mit der ganzen Kraft, die sie aufbringen konnte, auf ihn los.
So sehr er sie auch schlug, nichts tat ihr so weh, wie wenn er die Kinder quälte.
Dafür tat sie alles: ihm die Butternudeln herstellen & anbraten, im Tiefschlaf arbeiten wie eine Irre, sich vergewaltigen lassen, egal, ob er sie schwängerte, Hauptsache, er ließ die Kinder in Ruhe.
Übermenschlich war es, was sie an sich geschehen ließ, nur dafür, dennoch gelang es nicht immer.
In jene Nacht, in die wir noch einmal zurückgehen müssen - in jener Nacht - war alles anders gewesen.
Er kam heim und legte sich still neben Philomena, die im Augenblick wusste, dass etwas nicht stimmte.
Seit er saufen ging, hatte er das nie getan, auch bemerkte sie trotz der Dunkelheit, dass er nicht schlief und nicht betrunken war.
Sie ahnte & fürchtete, dass etwas viel Schlimmeres geschehen sein musste als alles, was er ihr bis jetzt angetan hatte, und so sehr war ihr Leben mit dem seinen verknüpft, dass die Änderung, die sie auf sich zukommen spürte, ihr eine vollkommen unbekannte und übergroße Angst einflößte.
Alles ging ihr durch den Kopf, die Kinder, die in der Schule zwar die Gescheitesten waren, eins hübscher als das andere - Buben wie Mädchen - was würde jetzt mit ihnen werden?
Sie - allein ohne ihn - sie konnte nicht Motorrad- und nicht Autofahren, war gewissermaßen am Hof angebunden, allein mit den Kindern, die nur noch sie hatten.
Wie lange würde er fort sein, wann & wie zurückkommen?
Könnte sie, ohne ihn, für sich und die Kinder die Existenz erwirtschaften?
Zum ersten Mal hatte er sie nicht geschlagen, gestoßen, gewürgt, angeschrieen, alles genannt, und nie war sie gleichzeitig in so abgrundtiefer Angst & Sorge neben ihm gelegen.
Mitten in diesen Gedanken klopfte es an die Haustür, es war schon hell geworden, draußen stand eine Handvoll Gendarmen.
Philomena ging im Nachthemd mit aufgelösten Haaren & barfuß an die Tür, sperrte sie auf.
Der Lois war lautlos hinter sie getreten, er ließ sich abführen, sagte kein Wort, so als hätte er darauf gewartet, ging mit den Gendarmen, würdigte sie und seine Frau keines Blickes.
Er hatte sich nicht ausgezogen gehabt, die Kinder waren aufgewacht, standen jetzt dicht bei der Mutter, schauten zu, wie sie den Vater außer Haus brachten.
Sie fürchteten nur, dass sie auch die Mutter mitnehmen könnten, aber das taten sie nicht.
Die Kleinsten, die am wenigsten begriffen, fingen zu schreien und zu weinen an, die Größeren, die zwar auch nicht wussten, was passiert war, fühlten nichts als Erleichterung, als dieser Mann, dieser Teufel, sich endlich anschickte zu gehen, und es sah nicht danach aus, als würde er so schnell wiederkommen.
Die Art wie sie ihn fesselten, nach der Waffe fragten, von Mord die Rede war, deutete darauf hin, dass er auswärts ein Verbrechen begangen haben musste, er jemanden unter die Erde gebracht hatte in seiner Brutalität.
Die Kinder kannten ihn kaum anders, er war der Schrecken ihres Lebens. Sie waren klug genug, um zu wissen, dass sie damit, dass dieser Mann den Hof, das Haus verließ, frei waren und ohne ihn eine goldene Zeit in Glück & Freude vor ihnen liegen musste.
Es hatte einer dafür sterben müssen, gewiss, aber irgendwer musste ihn hinter Gitter oder ums Leben bringen, sonst würden sie alle an ihm zugrunde gehen.
Sie atmeten auf, liefen zu Philomena, und die Älteste sagte: "Gott sei Dank, jetzt sind wir ihn los, hoffentlich kommt er nie wieder!"
In der Nacht, in der er sie alle in Ruhe ließ, hatte er einen Mord begangen, den Sohn seines einstigen Rivalen umgebracht, er hatte sich endlich ausgiebig und für seinen Verstand an der richtigen Person gerächt.
Bis zu diesem Tag der Rache mussten die Demütigung, die er vor Jahren hatte hinnehmen müssen, seine Frau & seine Kinder ertragen.
Von allen Gedanken, die Philomena in dieser Nacht durch den Kopf gingen, war ihr einer unerfindlich gewesen.
Sie hatte nur an sich und die Kinder, ihre Existenz gedacht, nicht aber daran, dass das Sicherste, was ihnen gehörte, Haus & Hof, in Gefahr sein könnten.
Bei allem hatte sie nicht geahnt, dass sie schon in diesen Stunden nichts mehr besaßen.
Als die Kinder am Montag in die Schule gingen, wichen die anderen vor ihnen zurück und beschimpften sie als Mördergesindel. Die Lehrer geboten dem keinen Einhalt.
Sie sahen sich derartigen Anfeindungen & Drohungen ausgesetzt, dass sie sich nicht mehr außer Haus getrauten.
Philomena ging weiterhin sonntags in die Kirche, doch setzte sich niemand zu ihr in die Bank oder ließ sie neben sich Platz nehmen.
Sie spuckten vor ihr aus, stießen ihr die Schirme ins Kreuz, zischten ihr im viel zu nahen Vorbeigehen: "Mordssau!", "Mörderweib!" in die Ohren, ins Gesicht, dass sie den Speichel & die faulen Gerüche der Mäuler zu spüren bekam.
Der Pfarrer gab ihr öffentlich von der Kanzel herunter zu verstehen, dass die Familie eines Mörders in der Gemeinde unerwünscht ist und sie sofort den Ort verlassen sollen, bevor noch etwas geschieht.
Philomena, die nichts kannte als diesen Platz, wo sie geboren, aufgewachsen und nun verheiratet war, Philomena wusste nicht, wohin sie gehen sollte, wie sie es überhaupt anstellen könnte, fortzuziehen.
In einer der nächsten Nächte brannte der Kainzbauernhof lichterloh.
Als die Feuerwehr endlich ausrückte, lag schon alles in Asche.
Die Tiere, die nicht verbrannt waren, blieben auf dem Feld zurück. Die Kainzbäuerin verließ mit den Kindern zu Fuß und mit nichts als den Kleidern auf dem Leib das Tal.
Viel später hat ein Auswärtiger den Grund mit den Ruinen gekauft, Philomena hat am Anfang bei entfernten Verwandten Unterschlupf gefunden, dann eine Stadtwohnung in Salzburg bezogen und eines Tages mit dem Erlös aus den Liegenschaften des Kainzbauernhofes ein kleines Bauernanwesen im Flachgau gekauft.
Mit ein paar Kühen & Kleintieren, mit einem Obst- & einem Gemüsegarten zog sie die Kinder groß.
Sie besuchte ihren Mann im Gefängnis, sie hielt zu ihm, er hatte niemanden sonst.
Als er nach Jahren entlassen wurde, zog er wieder zu ihr.
Der Ruf war ihnen gefolgt, er war & blieb ein Mörder, doch ließ man seine Familie in Frieden und achtete Philomena für ihren Fleiß und ihre Anständigkeit.
Der Lois war jetzt ruhig & einfach geworden, er wirtschaftete gut, und sie kamen wieder zu Wohlstand.
Ich bin einmal auf diesem Bauernhof gewesen, denn in der Nähe fand eine Hochzeit statt, zu der wir und viele andere aus derselben Ortschaft geladen waren - Grund genug für die ehemalige Heimatgemeinde des Kainzbauern, dort vorbeizuschauen und sich ein Bild über die Verhältnisse zu machen.
Der Mörder selbst führte uns in einen großen sauberen Stall. Das Haus und die Einrichtung waren über die Maßen schön, es gab ein Gaffen & Staunen in jedem Raum.
Und, als hätte die Philomena den Besuch erwartet, trug sie Kuchen auf und Kaffee, Speck mit Brot und andere Köstlichkeiten.
Sie bewirtete die Frauen, die sie einst angespuckt, die Männer, die ihren Hof angezündet hatten, mit dem Besten, das sie besaß.
Diese Menschen waren ihre Erinnerung an ihr Heimatdorf, an das, woher sie kam und wohin sie niemals mehr gehen würde.
Trotz allem waren sie ihre Gäste, die einzigen, die je gekommen sind, Philomena freute sich, und es tat ihr weh, sie konnte ihre Tränen kaum zurückhalten, sie hatten sie nicht ganz vergessen, und sie zeigte sich erkenntlich.
Eine seltsame Stille herrschte an diesem Ort, so als wäre vor langem der Atem angehalten worden.
Die Kinder, die inzwischen erwachsen waren, saßen nebeneinander auf der Stubenbank und sagten gar nichts.
Im Herrgottswinkel brannte eine kleine rote Grabkerze Tag & Nacht für den Ermordeten, aber das wussten nur sie, auf der Fensterbank daneben lag eine Bibel, darauf ein Rosenkranz.

Dann starb der Lois, lag eines Morgens tot im Bett.
Später verließen die Kinder nach & nach das Haus bis auf die älteste Tochter, der Philomena den Hof übergab.
Philomena arbeitete & sparte, fuhr auf den Markt, legte Schilling für Schilling auf die Seite, eröffnete Sparbuch um Sparbuch, für sich brauchte sie so gut wie kein Geld.
Sie wollte ihren Kindern für die traurige Kindheit etwas zurücklassen, sich auf diese Weise von ihrer Schuld, wie sie meinte, loskaufen. Unablässig hatte sie darüber sinniert, wie sie das gutmachen könnte, so war sie auf diese Idee gekommen.
Sie selbst sehnte sich nach dem Tod, sie war müde & leer, hätte sich am liebsten aufgehängt, von einem Berg in die Tiefe gestürzt, doch wollte sie den Kindern nichts mehr antun, nicht noch einen Mord in dieser Familie, in diesem Leben.
Lieber wollte sie so lange wie möglich arbeiten und Geld verdienen, auf dass sie vom Jenseits herüber den einen oder anderen Wunsch erfüllen könnte.
Doch soweit sollte es nicht kommen, denn als sie später schon im Altersheim lebte und einmal ein wenig Geld gebraucht hätte, da stellte sich heraus, dass die in Verwahrung gegebenen Sparbücher nicht mehr existierten.
Die Tochter, der sie ohnehin Haus & Hof vermacht hatte, war damit auf & davon.
So verfügte sie nicht einmal, wie die anderen alten Leute, über ein bisschen heimliches Taschengeld für diese oder jene bescheidene Lustbarkeit, konnte an keinem Ausflug teilnehmen oder sich einer Pflegerin gegenüber erkenntlich zeigen.
Im Gegenteil stand sie auf der Armenliste bei denen, für die dann & wann gesammelt wurde, für die sich fremde Angehörige verantwortlich fühlten.
Wie einem kleinen Kind wurden ihr eine Tafel Schokolade, ein Sackerl Zuckerl zugesteckt.
Auch das hob sie noch auf, nahm nichts für sich, und wenn ab & zu ein Enkelkind zu Besuch kam, schenkte sie es ihm.
Die Kinder selbst suchten sie nicht mehr, und das war das einzige, was sie zutiefst bekümmerte & betrübte, denn, wenn sie nicht gewesen wären, was hätte sie gehalten auf Erden, dachte sie bei sich, und jetzt waren sie es, die nichts von ihr wissen wollten.
Das schwerste Leid für sie war nicht gewesen, dass ihr Mann sie schlecht behandelt hatte, dass er ein Mörder war, sie wieder & wieder alles verloren hatte, mit der Armut auf du & du stand, sondern, dass sie ihre geliebten Kinder, für die sie alles ertragen hatte, nun verlassen hatten.
So sehr sie auch darüber verzweifelte, so oft sie weinte und im Innersten klagte, sie ließ sich nichts anmerken, verlor kein Wort darüber.
Ein jedes ihrer Kinder würde sie verteidigt haben, hätte jemand etwas Schlechtes über sie oder auch nur die Wahrheit gesagt, denn sie selbst wusste am besten, welche Szenen & Bilder in den Kindern verschlossen waren.
Sie trugen und bewahrten in sich das Geheimnis des Leides der Kinderjahre, die vergänglich & ewig sind zugleich.
Sie suchten die Erinnerung nicht, ein jedes war damit allein.