Marianne Beck-Höllbacher

Der schwarze Kramer

Kapitel 4

DER SCHWARZE KRAMER

Lang waren die Winter, kurz die Sommer, so kurz, dass sie vergessen hätten werden können oder aber wie eine seltene Feierlichkeit im Gedächtnis blieben.
In den heißen Sommern, die in zwei, drei Monaten vorüber waren, wurde für das ganze Jahr die Ernte eingefahren, lebte man im Freien, auf den Almen, den Feldern & Äckern, es war ein Heuen & Mähen, ein Klauben & Pflücken, ein Laufen & Einsieden, ein Häckseln & Dreschen die ganze Zeit.
Im Herbst hielt man Feste ab dort & da, kam zusammen und legte für ein paar Stunden die Hände in den Schoß, durfte zugreifen & essen, trinken & musizieren, ja tanzen und sich verlieben.
Es waren die Tage, für die man sich herausputzte, sich einmal selber schmückte und nicht nur sich, sondern auch die Tiere, die mit Kränzen & Bändern, mit Blumen & Zweigen auf den Köpfen von den Almen herunterkamen, sprangen und übermütig waren, gestriegelt & gekämmt erhobenen Hauptes dahertrotteten mit hellen & dunklen Glocken um den Hals, mit Muhen & Meckern, Blöken & Wiehern.
Sie selbst waren sich sicher, die Hauptdarsteller der Stunde, des Tages zu sein, so wichtig & schön, so ausgelassen trampelten sie daher, pufften sich & machten ihre Späße, konnten spielen, scherzen, wussten, worum es ging.
Sie kannten ihren Wert, sie kehrten heim wie der Hirte auch, waren in den Ferien gewesen dort oben, auf Sommerfrische, hatten alles angefüllt mit Milch & Käse, Junge bei sich ein erstes Mal, waren stolz & fröhlich. Die Keller, die Kannen & Scheffel gingen über, und sie hatten ihr Teil dazu beigetragen.
Es war die Zeit, in der auf den Höfen damit angefangen wurde, das Obst einzukochen, die Erdäpfel, die Rüben, das Kraut zu lagern, wo das Dörren anfing, das Einsuren, das Wegräumen & Aufheben.
Noch später, wenn es feucht & kalt zu werden begann, nebelig & stürmisch, fing man an zu spinnen, zu stricken, zu schneidern, zu sticken & schnitzen, und irgendwann zwischen den Herbstfesten und Allerheiligen kam jemand, der von Kopf bis Fuß schwarz angezogen war - sein Hut, sein Gehrock, seine Hose, seine Weste, sein Schuhwerk, schwarz auch sein Rucksack - ein fast mannshohes klapp- & faltbares Traggestell -, und am Anfang seiner Reise trug er sogar noch einen schwarzen Koffer voller Waren bei sich.
Dieser schwarze Mann war nicht etwa die Habergoaß oder der Kramperl, der Teufel, der Leibhaftige, die Percht, der Gott-Sei-Bei-Uns, ein Kasermandl, keine der noch später im Jahr auftretenden Gestalten, niemand Gefürchteter, kein wirklich böser Geselle, sondern
DER SCHWARZE KRAMER.
Er war ein wandelnder & wandernder Laden, der Supermarkt der Alten Zeit, ein Zauberer & Geschichtenumtrager, der willkommen geheißene Gast aus der feinen Welt, der Sprachgewandte, Gaukler & Künstler, Traumdeuter & Allesbeschaffer, Adressenkartei & Winkeladvokat, aber auch vielerorts ein Geächteter, Verachteter - wie die Menschen eben waren - die einen voller Herzlichkeit & gastfreundlich, die anderen feindselig & boshaft - sie sahen ihn so, wie sie selber waren.
Er trug die herrlichsten Dinge bei sich und die schäbigsten, die kostbarsten wie die billigsten.
Man brachte ihm Vertrauen & Misstrauen in einem entgegen, er war ehrlich & schlau, beschlagen & verschlagen, wusste Ratschläge mitunter, die wertvoller waren als ein Stall voller Kühe, kannte die Leute & Verhältnisse wie kein anderer.
Er konnte verschwiegen sein wie ein unverständliches Buch, kannte Geheimnisse & Wahrheiten, Wichtiges & Nebensächliches, stellte dar ein ganzes Institut für sich.
Er verstand sich darauf zu reden wie eine einfältige Magd, ein andermal glich er einem Professor, einer fremden Sprache mächtig gar, er war Schriftgelehrter & Apotheker, Priester, Liebhaber, Anwalt, manchmal Verratener, manchmal Verräter.
Er sprach mit mehrfach gespaltener Zunge, gerade wie es für ihn zum Besten lief, wie er es für die Geschäfte brauchte.
Wenn er seinen Koffer, seinen mit ihm gehenden Schrank auftat, öffnete er eine wundersame Welt, in welche die Leute hineinschauten wie in die heilige Monstranz.
Da hingen golden & silbern die Kettchen & Reifen, die glänzenden runden Taschenuhren, die Ringe mit Perlen & Steinchen, das Glitzernde halt, aber das war nur eine Abteilung - dort, wo er als Juwelier hinter dem Ladentisch stand und ein Stück nach dem anderen auf ein Viereck aus schwarzem Samt legte, eine Kerze anzündete und den Prunk seiner Kostbarkeiten in der vorteilhaftesten Beleuchtung präsentierte, nicht anders als ein Schmuckhändler im mondänen Foyer eines Luxushotels.
Verschloss er eine Lade, die ein ganzes Geschäft darstellte, fiel der Vorhang dieses Kapitels und ein neues, ganz anderes Schaufenster tat sich auf, und so, als hätte man die alte Örtlichkeit verlassen, vergaß man sie auf der Stelle und trat in einen anderen Besichtigungsraum.
Da waren jetzt die verschiedensten Haarnadeln, Spangen, kunstvoll gebundene Schleifen in allen Farben, Düpierwerkzeuge & -vorrichtungen, um widerspenstiges Haar zu zähmen und zu dämpfen, es zu vermehren, ihm Hülle & Fülle zu geben, eine Kugel daraus zu formen, einen Knoten herzustellen oder vorzutäuschen.
Natürlich gehörten in dieses Spezialfach alle Arten von Kämmen wie die, welche dazu dienten, das Haar zu glätten, zu entfilzen, die tatsächliche, ursprüngliche Erfindung also, dann die feinen Staubkämme für Schmutz & Schuppen und solche, die für beides oder dreierlei waren, desgleichen ein Sortiment von Läusekämmen & Haarölen für die Kopfhaut selber.
Nicht zu vergessen die zahlreichen Zierkämme mit Glitzersteinchen in verschiedenen Farben & Materialien, die gebogenen Drahtspangen, die Schildpattkämme, die weißen Blumenkränzchen - wenn der Schwarze Kramer im Frühling kam - für die Prangerdirndln, die bei der Fronleichnamsprozession hinter der Madonna und den Frauträgerinnen gehen durften, die grünen Myrtenkränze für die Bräute, Nadeln mit Edelweißen darauf, die man in den geflochtenen Haarkranz steckte wie es die junge Kaiserin tat.
Es gab ein Fach für die Pflegebehelfe: Ölfläschchen, Duftessenzen, Sachen, die der Entfettung und solche, die der Einfettung dienlich waren, Haarwaschpulver, das eigentlich eine flüssige Seife war in kleinen Ein-Portionenpolstern oder die Behälter mit bunten Kristallen, die sich in warmem Wasser auflösten.
Für die kleineren Mädchen waren da noch die rosenroten & himmelblauen Seidenbänder, die Zopfspangerln mit Blumen, Sternen, Marienkäfern, Blättern aus falschem Gold & Silber.
Wie im Theater gab es nie zwei Bilder gleichzeitig zu sehen, erst wenn gewählt & gekauft worden war, das Ganze in einer Notiz zu Papier gebracht, verschloss der Schwarze Kramer diese Abteilung und eröffnete eine neue.
Zuerst - eine Minute des Staunens -, des Stöhnens & Maulaufsperrens ob der Prachtentfaltung jedes neuen Lädchens.
Dann ging es ans Angreifen & Hinzeigen, und nicht selten musste er seinen hinter das Ohr geklemmten Bleistift hervorholen, um den allzu dreisten Fingern ein-/zweimal draufzuhauen.
Nicht genug damit, dass sie zu grob hinlangten, alles gar heraus tun wollten, Gefahr liefen, die Wunderdinge zu zerbrechen, hinunterzuschmeißen, zu verlieren, verschwinden zu lassen, waren zudem die Hände der so überaus Interessierten nicht gerade die saubersten.
Zudem durften die Gegenstände, wenn sie nicht gekauft wurden den Koffer, den Rucksack nicht verlassen und daneben gelegt werden, wo alles Mögliche ohnedies schon lag & stand - das Fett, die Marmelade, Mehl- & Teigreste, sodass, wenn gewünscht wurde, in die Stoffabteilung des Schwarzen Kramers einzutreten, dieser seinen Laden in die Ehekammer trug und dort auf den Betten ausbreitete.
Dennoch konnte so ein Tuch, bis es seine Besitzerin gefunden hatte, über Milchkannen, Suppenschüsseln, Schmalztöpfe & sonst allerhand gewandert sein.
Immerhin war es der wichtigste Teil seines Unternehmens, denn wer brauchte schließlich keinen Stoff für einen Rock, ein Kleid, eine Schürze?
Tat hervor also das Tuch, das die Augen ringsum leuchten ließ - zuerst den schwarzen Wollstoff für das Wintergewand, dann das weiße Leinen für die Leibchen, farbenfroher schon die Karos in zwei/drei/vier Tönen - rot & grün, blau & schwarz - die dunklen Farben des Winters - die hellen, wenn er im Frühling kam, die seidenen Schürzenstoffe für die Festtage brachte, hellblau & gelb mit eingewebten Blüten, aufgestickten Röslein.
Leuchtende glänzende Seide für die Brautkleiderschürzen war etwas, das er nicht immer hervorholte, denn er wusste über die Verhältnisse Bescheid - wo es sich schickte und wo es eine Verwegenheit, eine Frechheit gewesen wäre - gehörte zu den Dingen, die er nur auf Verlangen herzeigte.
Allzu gefärbte Stoffe durften nicht gekauft werden.
War man vielleicht ein Zigeunermensch, dass man einher schritt wie eine kirchliche Fahnenstange!
Wenn eine sich derart hervorzutun wagte, wurde sie zuallererst einmal von den älteren Frauen geschnitten, ging verschiedener Einladungen verlustig, wurde gehänselt & ausgeschart.
Zwar wurden schöne junge Mädchen überall geschätzt, aber aus der Reihe zu tanzen, konnte einen teuer zu stehen kommen.
War eine ohnehin hübscher als die anderen, war es ratsam, sich beim Aufputz besonders zurückhalten.
Nicht selten waren die Mädchen aus den ärmeren Häusern weit schöner als die reichen Bauerntöchter, und leicht wäre es möglich gewesen, dass ein gut gepolsterter Hoferbe keine standesgemäße Partie nach Hause gebracht, sondern sich in so ein leicht-gewichtiges, zufällig & rein äußerlich, ganz ansehnliches Gesichtchen vergafft hätte, sodass die eine oder andere Großbauerntochter sitzen geblieben wäre.
Alles, was recht war, aber die Armen sollten gefälligst unter sich bleiben und die Reichen auch, schließlich war es immer so gehalten worden, das wusste auch der Schwarze Kramer, der commis voyageur noir des Alpenlandes.
Er erdreistete sich für gewöhnlich nicht, im falschen Haus die falschen Sachen herzuräumen.
Wie leicht ist jemandem ein Floh ins Ohr gesetzt, und dann heißt es, er hätte die Verhältnisse verkannt & verdreht.
Nicht, dass er nicht einzelne Termine gehabt hätte mit der & der, dort & da, doch die blieben geheim, und haben nicht selten nichts als Unglück gebracht.
Aber, lasst uns eintreten in die nächste Boutique - die mit den Hals- & Schultertüchern - wo die bedruckten, gefärbten, bestickten, mit Fransen & Zopffransen versehenen Vierecke aufbewahrt wurden und wo es aussah wie in einem orientalischen Teppichbazar.
Hier galten die gleichen Gesetze wie bei den Schürzenstoffen, die prächtigsten Tücher waren den Besseren unter den Bäuerinnen und ihren Töchtern vorbehalten.
Da gab es welche mit Gold- & Silberfäden darunter, von einer Art, die nur wenige imstande waren zu kaufen und erst recht zu tragen, und sie tauchten erst wieder auf an den hohen Festtagen, bei der Weihnachtsmette, der Auferstehungsmesse in der Osternacht, auf den ersten Hochzeiten im Mai, den letzten im Herbst.
Strümpfe, Strapse, Kurzwaren, Unterwäsche, Büstenhalter bildeten das Dessous- & Luxusgeschäft des Koffers, und hier war es auch, wo die Finger nicht mehr zu halten waren.
Man musste hineingreifen, durch das Hosenröhrl fahren, den Velours des Barchents begutachten, die falsche Seide befühlen, mit den rosa Stücken zur nächsten Lampe rennen und das eine mit dem anderen vergleichen.
Mit den rissigen, rauen Händen blieben sie hängen, zogen Fäden, sodass sich nicht selten winzige Löcher bemerkbar machten oder das Unterleibchen am Ende an den verschiedensten Stellen wie mit neuen Gummizügen versehen, ausschaute.
Beherzt & erschrocken zugleich wurde es wieder glatt gestreift und schnell zurückgelegt mit der unversehrten Stelle nach oben.
Man hatte das Interesse daran vollkommen verloren, obwohl man es gerade noch - nicht nur sehen, sondern auch herausreißen hatte müssen.
Verstohlene Blicke flogen zum Schwarzen Kramer, ob ihm etwas aufgefallen war, doch der kannte seine Kundschaft und tat, was am klügsten war.
Er wusste, wo er was los wurde, meistens blieb er gelassen, außer er hatte einen seiner schlechten Tage, wenn er nicht gut verkauft hatte, gerade das Wenigste & Billigste, wenn man ihm seine Zeit stahl, ihn endlos ausräumen & einschlichten ließ, sich selbst bediente, mit den Preisen allzu sehr handelte, am Ende für diesmal gar nichts genommen hatte.
Was sie ihm da alles auftischten, darüber hätte er Bücher schreiben können, einen ganzen Krämerrucksack, ja ein ordentliches Geschäft in der Stadt füllen.
Doch seit jeher war er, wie sein Vater und sein Großvater, wenn nicht gar sein Urgroßvater, in dieser Weise unterwegs.
Sie waren eine aus dem Osten stammende Dynastie von Handelsreisenden, die ärmste, die unterste Schicht von Kaufleuten, verachtet & verschrien von jenen, die über einen fixen Laden, einen Stand im Freien, einen Sonnen- oder Marktschirm irgendwo, verfügten.
Die reisenden Händler trugen oft die schöneren & besseren Waren bei sich als sie ihre sesshaften Kollegen offerierten, welche mit dicken Bäuchen hinter der Budel standen und über Schubladen mit Schildern, eine Registrierkasse, einen oder mehrere Ladengehilfen & Laufburschen herrschten.
Oder die langen Dürren, denen die Kleinlichkeit, der Geiz, die Pfennigfuchserei aus den Augen schaute, die das Schäbigste wie das Teuerste anboten und taten, als würde ihnen jeder noch so kleine Preisnachlass tatsächliche & sichtbare Schmerzen verursachen, die sich, wenn sie den Tag nicht mit dem größten Gewinn beendeten, ihrer Existenz beraubt sahen und die ganze Nacht keinen Schlaf finden konnten.
Die ihre Lehrlinge & Angestellten schikanierten, mit Schlägen & Dachteln traktierten, sie misstrauisch beäugten und umso schlechter behandelten, je jünger & gefügiger sie waren.
Die ihre Kundschaft mit ausgesuchter Höflichkeit und äußerster Demut empfangen konnten, mit Vertrauen erweckender Rede schmeichelhaft & verständnisvoll taten, des Nachts auf Sparstrümpfen & Geldsäcken kein Auge zumachten, ein leuchtendes Schaufenster, einen eisernen Rollladen, einen Hinter- & Lieferanteneingang und tausenderlei Dinge besaßen, zwei, drei & mehr Schlösser an den Türen & Fenstern hatten, während der Schwarze Kramer Jahr & Tag mit seinem Geschäft auf dem Rücken durch die Täler zog, bergauf, bergab mit seiner Last unterwegs war.
Bald freundlich aufgenommen, voll Sehnsucht erwartet, bald ausgejagt, beschimpft, ums Geld betrogen, alles hatte er schon mitgemacht, ertragen, hinuntergeschluckt, sein Lehrgeld bezahlt, bis er die Verhältnisse gekannt hatte, auf manche Höfe nicht mehr ging und einen großen Bogen um sie machte.
Er hatte auf seine Art die Bauern kennen gelernt, es gab nicht wenige darunter, die seinesgleichen verspotteten, ihre Schulden bei ihm abstritten, sich der letzten Bestellung, die sie ihm aufgegeben hatten und die er jetzt bei sich trug, nicht mehr erinnerten.
Ach, sie waren nicht selten wie seine reichen protzigen Kollegen in den Städten.
Viel hatte er schon bei seinem Vater mitbekommen, denn schon als kleiner Bub mit sechs / sieben Jahren war er mit ihm unterwegs gewesen, um von Grund auf das Handwerk eines zu Fuß gehenden Krämers zu erlernen.
Er erinnerte sich wie er den Vater hatte weinen sehen, weil sie nach einer ganzen Woche nichts verkauft hatten.
Wie sein Vater einmal gestürzt war und der Hochwasser führende Gebirgsbach den Rucksack samt Inhalt fortgerissen hatte.
Wie sie in einem Heustadel übernachteten und vorbeikommende betrunkene Bauernburschen ein Zündholz hineinwarfen, sodass das Heu, in dem sie schliefen, in Minuten hellauf brannte, wie sie oft nur im Stall, nicht einmal in der Tenne über Nacht bleiben konnten und in der Früh keine Schale Milch bekamen, auf der Stelle fort mussten, sobald der Bauer ankam, wie sie mit leerem Magen tagelang unterwegs waren und gute Waren gegen bescheidene Mahlzeiten eintauschten.
Viel schlimmere Dinge noch hatte der Vater vom Großvater erzählt, der es noch viel schwerer gehabt haben soll, machte sich und dem Buben damit Mut, und so waren sie weitergegangen, hatten wieder & wieder von vorne angefangen.
Einmal waren sie mit Zigeunern gereist, das Zufußgehen hatte ein Ende gehabt.
Nach drei Wochen, eines Morgens, als der Vater aufwachte, waren diese fort mit dem Jungen, fort auch sein Zeug und sein ganzes Geld.
Von diesem Tag an war der Alte nicht mehr richtig im Kopf gewesen. Nach einigen Tagen fand er die Spur der Zigeuner wieder.
Sie tanzten & lachten, sie trugen den Schmuck aus seinem Koffer, die Stoffe & Tücher am Leib.
Irgendwie gelang es ihm, das Kind zu packen und mit ihm davonzulaufen.
Dann hatte er ihn lange nicht mehr mitgenommen, er war zu Hause bei der Mutter und den kleineren Schwestern geblieben, machte sich Sorgen mit ihnen, bangte um seine Heimkehr, seine Unversehrtheit, und als er nach etlichen weiteren Jahren, in denen er allein unterwegs war, überfallen wurde und in einem Waldstück beinahe verblutet wäre, da nahm er den inzwischen Zwölfjährigen wieder mit.
Doch er wurde hinfälliger, kam immer langsamer voran, hatte Angst, an Türen zu klopfen, sprach nichts mehr, seine Finger waren von der Kälte unbeweglich geworden, seine Augen schwach, er hörte schlecht, und eines Tages in der Früh, als sie wieder in einer Feldhütte übernachtet hatten, konnte er nicht mehr aufstehen.
Der Sohn lief zum nächsten Bauern um Hilfe, der den Alten auf seinem Pferdekarren in die Stadt fuhr.
Von jetzt an ging der inzwischen Fünfzehnjährige allein, der Vater war noch etliche Jahre bettlägrig, dann starb er in geistiger Umnachtung, wie sie es nannten, wenn ein Mensch das Elend seines Lebens vergessen hatte.
Nun sorgte der Junge, wie zuvor sein Vater, für den Lebensunterhalt der Mutter und seiner Geschwister, und so war es geblieben.
Er hatte nie geheiratet, er besaß ja eine Familie, denn schon weit früher hatte er bei sich beschlossen, dass es nach ihm keinen neuen, kleinen Schwarzen Kramer mehr geben sollte.
Jude war sein Vater gewesen, und so war wohl auch er einer, und wie sie alle durch die Zeiten überlebt hatten, das wussten sie selber nicht, trotzdem hatten sie es noch besser als andere erwischt, wenigstens erzählte das der Vater.
Man schlug sich durch, kannte nichts anderes als diese ewige Wanderschaft, es war Gottes Wille, dass sie so lebten und das Schicksal trugen, das er ihnen mitgegeben hatte.
Doch was interessierte die Besitzenden & Ansässigen das Dasein von solchen Menschen, deren Existenz & Lebenskampf über ihre Vorstellungen ging.
Sie, die einen anderen nur nach dem beurteilten, was er besaß, ihren eigenen Wert danach bemaßen, oft selbst nur recht & schlecht auf den Höfen gelitten waren, das Gnadenbrot erhielten.
Am Ende wusste das auch der Schwarze Kramer und verzieh es ihnen, denn er war auf sie angewiesen, musste gar um diese Kundschaft froh sein.