Marianne Beck-Höllbacher

Der schwarze Kramer

Kapitel 5

HAUSIERER & KORBFLECHTER

DER SCHWARZE KRAMER aber war nicht die einzige jener, längst ausgestorbenen Gestalten meiner Kinderzeit.
Da waren noch einige andere, die ihrer Wege zogen, einsam, schwer beladen, allein auf ihren Füßen.
In genagelten, geschnürten Schuhen gingen sie einher, bald in aufgeweichten, durchnässten, bald in steinharten, löchrigen & drückenden Schuhen, mit blutigen Füßen, erfrorenen Zehen & Fersen, mit Blasen & Wunden - die Schwielengänger, die Kamele & Lastenträger des Abend- & Alpenlandes.
Auch die Hausierer trugen viele Waren unterschiedlicher Qualität bei sich, sie hatten sich oft auf nur einen Artikel oder ganz Weniges spezialisiert.
Überhaupt waren die Geschäfte damals viel beweglicher, denn so gut wie niemand hätte sich - mir nichts dir nichts - auf ein Fuhrwerk gesetzt, um in einem entfernten Ort etwas zu kaufen oder womöglich nur zu begutachten.
Hätte man sich vielleicht zurechtfinden können in einer sündigen Stadt, wo es Dirnen gab & Alkohol, verschlungene Wege & Gassen, Gauner & Taschendiebe, Betrüger, Lumpen & Gesindel!
Verkündete es denn nicht der Pfarrer dann & wann von seiner goldenen, engelsbesetzten Kanzel herunter, was die Städte für ein Sodom & Gomorrha waren!
Der Herrgott selbst hatte dort keine fünf Anständigen gefunden, wie erst ein einfacher Bauer nicht!
Die wandernden Läden waren überall im Land unterwegs, und oft gaben sich die Träger dieser mehrstöckigen Einrichtungen die Türklinke in die Hand.
Zuerst & zuoberst kamen die Hausierer & die Korbflechter, die beide dem Schwarzen Kramer nicht unähnlich waren, denn sie gehörten auf jeden Fall zu denen, die für das Geld etwas daließen, denn es gab daneben jede Menge Bettler, Bittsteller, Bettgeher, die man plötzlich auf dem Hof, im Heustock, im Stall und mitten im Haus hatte, solche, die sozusagen sich selbst daließen und die einem, wenn man ein geduldiger Mensch war, weiter nicht auf die Nerven gingen, sondern einfach eine Schlafgelegenheit brauchten und Hunger hatten.
Nicht die, die einem die Gemeinde sowieso aufgebürdet hatte je nach Größe des Hofes, sondern Zusätzliche, die sich nicht darum kümmern konnten, ob der Bauer bereits mit einem oder zwei ihrer Sorte belastet war oder nicht.
Viele Höfe gab es, die dafür bekannt waren, dass sie alles, was sich in dieser Art auf das Haus zu bewegte, verjagten, verfolgten, Steine schmissen auf lebende Menschen in Lumpen, ihre Hunde losbanden.
Gefährliche, hungrige Kettentiere, die mit einer ordentlichen Hundemahlzeit belohnt wurden, wenn sie den Bettler erwischten und ihm ihre Zähne ins Fleisch hauten, dass er es nimmer vergaß und sich nicht mehr blicken ließ.
Es waren unter ihnen die schönsten und reichsten Höfe, denn auch früher teilten nur die Ärmeren, nur sie verstanden etwas von der Barmherzigkeit.
Tätigten die Großkopferten einmal eine Spende, dann musste es im glänzenden Rahmen geschehen, bei den Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen, wo sie sich zeigen & sonnen konnten in der Dankbarkeit der Gemeindeärmsten, des Pfarrers, bei der öffentlichen Nennung der Summe, des Familiennamens, des Hofnamens.
Sie ließen sich die Hände schütteln, am liebsten hätten sie sich die Füße küssen lassen, nahmen die Huldigungen genüsslich in ihren besten Kleidern entgegen, überboten sich unter ihresgleichen in Mitleid & Freigiebigkeit.
Leute, die die Sternsinger zu einem Festmahl in die gute weihnachtliche Stube baten, sie mit Münzen & Papiergeld überhäuften, die, je mehr es sahen, umso spendabler wurden, dieselben Leute hetzten am anderen Morgen die Hunde auf einen einzelnen Menschen, der um ein Stück Brot bettelte.
Mit der Zeit sprach es sich herum, wo etwas zu holen war und wo nicht, doch kamen immer wieder Ahnungslose auf ihren weiten Fußmärschen an solche Adressen oder unversehens auftauchende Gehöfte, denn, wenn sie ihre oft jahrelange Runde abmarschiert waren, fingen sie von vorne an, hatten nicht selten einen weiter zurückliegenden Vorfall vergessen.