Marianne Beck-Höllbacher

Der schwarze Kramer

Kapitel 6

DER GELIEBTE

Doch gab es eine alte Geschichte, nach der die Bauernleute zu allem bereit gewesen wären, wenn sie den Bettelmann gefunden hätten, der sie einst verflucht hatte.
Als das alles erzählt wurde, gab es jenen Hof nicht mehr.
Überwachsene Grundmauern, verwilderte Felder ringsum, geborsten & zerstört wie nach einem Kriegszug.
Was einst eine der reichsten Familien gewesen war, die das schönste Anwesen weit & breit besaß, es änderte sich alles auf die Stunde beinah, ja irgendwann war der Tag vorüber, jene Nacht angebrochen, in der in einer einzigen Minute der Fluch des Bettlers Wirklichkeit zu werden begann, so als wäre alle Zeit auf diesen Augenblick zu vergangen, als wären alle Tage seit damals nur noch ein Warten darauf gewesen.

Es war noch vor 1900, da lag dieser alleroberste Berghof in Stille & Frieden.
Man lebte nicht so sehr von den Tieren selbst, als vom Handel mit ihnen.
Die Herren des Hofes waren von jeher Viehhändler gewesen, sie handelten nicht nur mit Rindern, sondern auch mit Pferden, Schafen & Ziegen, besaßen wertvolle Zuchttiere, und es hieß, dass ihnen Tag & Nacht das Geld nicht ausging.
Immer wieder wagten es Bettler, alte Knechte, Einleger dort anzufragen, und ein jeder machte Bekanntschaft mit der Brutalität des Bauern.
Die fast stetig schwangere Bäuerin war kein schlechter Mensch. Wenn der Mann nicht da war, konnte es sein, dass sie einem Armen eine Wochenration in ein Tuch band und ihn damit fortschickte. Ab & zu hatte einer dieses Glück.
Sie war eine schöne große Frau mit feuerroten Haaren & grünen Augen. Auch sie wurde vom Viehhändler nicht zimperlig behandelt.
Sie musste ihm überall & immer zu willen sein, sie kam Jahr & Tag nicht fort von daheim, sie war eine Gefangene im goldenen Käfig.
Sie hatte alles, was es zu besitzen gab: Schmuck & Gewänder, Fleisch & Kuchen, Mägde & Knechte.
Sie lebte inmitten ihrer heranwachsenden Kinderschar, Buben, die dem Vater nachschlugen und Mädchen, die auf sie hinauskamen.
Die größeren Söhne hatten nach & nach die respektlose Art, die der Vater der Mutter gegenüber an den Tag legte, übernommen, wurden dreister & frecher und am Ende sogar seine Spione.
Nicht dass die Töchter die Frau nicht darauf aufmerksam gemacht hätten, allein sie glaubte es nicht, denn welche Frau, die ein jedes ihrer Kinder mit der gleichen Liebe gestillt & herumgetragen, gewickelt & aufgezogen hat, welche Frau würde Angst vor ihren Söhnen haben?
Der Viehhändler war auf seinen Reisen oft lange unterwegs, suchte die entlegensten Höfe anderer Gegenden auf, und bis er zurückkehrte, war zu Hause allerhand geschehen.
Da war die Bäuerin niedergekommen oder um einiges dicker geworden, der Großvater gestorben, die eine oder andere Magd ausgezogen, Leute waren zu Besuch gewesen und wieder gegangen.

Dann war eine Zeit gekommen, in der die Bäuerin in der Nacht fortschlich und im Wald verschwand.
Das war damals gewesen, als sie über die Vierzig hinausging und ihr durch einen Hausierer zu Ohren gekommen war, dass ihr Mann anderswo Liebschaften unterhielt, mit jungen Mädchen ins Bett ging, außereheliche Kinder hatte in anderen Orten und auf fremden Höfen.
Nicht dass sie danach gefragt hätte, ihr lag nicht mehr viel an ihm, es machte ihr nichts mehr aus, und für die Eifersucht war sie nie zu haben gewesen.
Geliebt hatte sie ihn vielleicht vor der Hochzeit, doch das war über zwanzig Jahre her, und was war inzwischen nicht alles passiert zwischen ihnen!
Bald hatte er sie mit Schmuck behängt, bald zu Boden gestoßen, geschwängert, auf Händen getragen, geschlagen & betrogen, wieder verwöhnt & verlassen.
Sie war ihn leid geworden, ob er ihr Geschenke brachte oder einfach über sie herfiel, weil sie ihm gehörte, sein Besitz war wie die Tiere im Stall, ob er Geld vor sie auf den Boden streute und sie hieß, sich darauf zu legen, auf dass er es mit ihr treiben konnte wie in einem Bordell, alles verlangen, wonach ihm gerade war, seine Geilheit ausleben, sie sich ihre Sicherheit auf diese Weise verdienen ließ.
Ob er ihr nachher die goldenen Tausender schenkte, die Dukaten in sie hineinschob, nicht satt werden konnte von dieser Schlacht, berauscht von seiner Manneskraft, seiner Phantasie damit, sie war fertig mit ihren Gefühlen für ihn, es beeindruckte sie keine noch so exzentrische Idee ihres Gatten mehr.
Freilich ging sie auf die Feste mit ihm, in die Kirche, und es gab kein Weib, das derart alle Blicke auf sich zog wie die Frau des Viehhändlers.
In der bodenlangen Tracht half er ihr selber aus dem Wagen, der Pferdeknecht hätte sie nicht anrühren dürfen, höchstens den Schirm aufspannen oder die kleine Treppe ausfahren, in gebückter Haltung wie ein Lakai.
Um die Schultern trug sie Tücher mit Rosen und echten Goldfäden, die samtenen Feiertagshüte waren für sich eine Legende, ihre Dirndlschürzen feinste Seiden im Sommer und schwere Brokate im Winter, und wenn sie ihre Gemeinde verließen, um ihresgleichen aufzusuchen - anderswo - trug sie einen Pelzmantel, der einer Gräfin, einer Kaiserin nicht zu schlecht gewesen wäre.
Geld & Gold waren es nicht, was ihnen fehlte, und wie es ging seit aller Zeit, je reicher & prächtiger sie wurden, je schwerer & honoriger, umso mehr gewann der Reichtum die Oberhand, verlor sich die Liebe, die Harmonie, die Religion. Sie waren reich, sie brauchten weder das eine noch das andere.
Wie lange war es her, dass sie im Bett noch etwas empfunden, sich auf ihn gefreut hatte!
Längst vergessen, eben eine ihrer Aufgaben als Ehefrau, sie war dafür geheiratet worden, da erging es ihr wie vielen anderen auch.
Glücklich & froh war sie nur, wenn sie wieder eine Schwangerschaft, eine Geburt überstanden hatte und ein wenig leichteren Schrittes gehen konnte, sich etwas freier fühlen bis zum nächsten Mal.
Ohne ein Kind im Bauch sein zu dürfen, erschien ihr als die höchste Freiheit.
Wenn auch die Zeit des Stillens ein ständiges Angehängt sein bedeutete, so zögerte sie es doch so weit wie möglich hinaus, denn die Hebamme hatte ihr erklärt, solange sie ein Kind an der Brust habe, könne sie nicht wieder schwanger werden, doch durfte sie nur nicht damit aufhören, dem Kind nichts zufüttern, es nur mit ihrer Milch ernähren.
So hatte sie sich immer wieder ihre Freiheit verdient, denn ihrem Gatten & Bettherrn wagte sie keinen Widerstand zu leisten.
Über den Schwarzen Kramer soll sie Verbindung zu jenem Mann erhalten haben, der in den kommenden Jahren ihr Geliebter werden sollte.
Der Schwarze Kramer dürfte es auch gewesen sein, der ihr die Sache mit der überall bekannten Untreue ihres Gatten zugetragen oder bestätigt hatte.
Er, der gerade wie der andere, an allen möglichen Orten zugange war, hatte ihr den Mann zugeführt, der ihr ganzes, je besessenes Glück & Unglück werden sollte.
Er war das genaue Gegenteil ihres Gemahls, jung, mittellos, ja vollkommen arm, von außerordentlicher Schönheit, er hatte Rasse, sagen wir es gleich, er war ein Zigeuner.
Einer, der für sich etwas Außergewöhnliches darstellte, denn er hatte sein Volk verloren, war einst zurückgelassen worden, absichtlich oder unabsichtlich wer konnte es wissen.
Jedenfalls hatte man einst mitten auf einem Feld im Nachbarort hinter dem nächsten Berg ein schreiendes Neugeborenes gefunden, von dunkler Hautfarbe, mit Augen wie Kohlen so schwarz und einem Wuschel- & Lockenköpfchen, wie in dieser blonden, rothaarigen & blasshäutigen Bauerngegend noch nie eines gesehen worden war.
Er hätte einer ihrer älteren Söhne sein können, doch daran dachte sie im Traum nicht.
Dieser inzwischen Zwanzigjährige war nun ihr Leben, sie hörte & sah nichts mehr als ihn, tat ihre Arbeit in Gedanken an ihn.
Ach, sie hatte Knechte & Mägde, Zugehfrauen, Tagelöhner - so viele sie wollte.
Keiner sah ihr tagsüber etwas an, außer dass sie von Tag zu Tag, Jahr um Jahr schöner & jünger wurde.
Der Zigeuner war Landstreicher, Ernteknecht, Bettler, Maronibrater, Lumpensammler, Hilfsarbeiter von Beruf, aber das interessierte sie nicht.
Sie wusste gut genug, dass Reichtum nichts bedeutete, dass er öde war & leer ohne die Liebe, nichts weiter als ein Problem für sich, eine besondere Form von menschlichem Elend.
Dass alle Reichen in aller Welt gleich waren, dass nur die Armen Charakter hatten, Freude & Leid, wie es sich gehörte.
Denn wie hieß es in einem Kirchenlied, das sie früher als junges Mädchen im Chor gesungen hatte: "Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh' mit allerlei Beschwerden der ewigen Heimat zu!..."
Sie richtete ihn sich her, wie er ihr gefiel. Jetzt trug er Anzüge, ließ sich von ihr aushalten & bezahlen.
Er lebte noch weiter oben am Berg in einer Jagdhütte, die sie für ihn gekauft hatte.
Nach & nach brachte sie alles, was ihr lieb & teuer war, dorthin, dicke Decken, leinerne Bezüge, Kästen & Truhen, Kerzen, Geschirr, Vorräte, Geld & Schmuck, und er hatte nichts weiter zu tun, als dort zu warten, bis sie wieder kommen konnte.
Er war sich seines Privilegs bewusst, pflegte sich wie eine noble Mätresse, trug seinen Teil dazu bei, und es war gewiss seine schönste & vornehmste Beschäftigung, die er in seinem ganzen unsteten Leben ausübte.
So eine Chance würde es nie wieder geben, so ein sagenhaftes Glück, ja, es war nicht nur so, dass er tat, was sie verlangte, wonach sie dürstete, sondern er liebte sie auch.
Für ihn selbst war es ein besonderer Auftrag, denn die Liebschaften, die er bis jetzt gehabt hatte, konnte man kaum so nennen.
Abgehandelt in aller Hastigkeit & Lieblosigkeit, die reine Gier, eine große Sünde vor Gott und den Menschen.
Wer ließ sich schon mit einem Zigeuner wie ihm ein, keine anständige Frau, niemand Freiwilliger, entweder er nahm sich in aller Dreistigkeit eine Magd irgendwo von hinten, hielt ihr den Mund zu und war in zwei Minuten fertig, oder aber er zahlte sich eine Hure, was auch nichts Gescheites war und ohnedies viel zu teuer kam.
Und jetzt kam eine Fürstin zu ihm, legte sich bei ihm nieder, eine herrlich gekleidete, eine angesehene Frau, mit feuerroten Haaren & Zöpfen, mit Dessous angetan, mit Spitzen, duftend nach Parfüm, eine Frau am Höhepunkt ihres Lebens und ihrer Schönheit.
Ausgerechnet so eine hatte sich jetzt in ihn vernarrt, er war ihr Gott, ihr Geliebter, ihr Liebhaber, der Herr, den sie sich selbst gesucht hatte, den sie sich leistete.
Sie ging sorgfältig vor, vergaß auf nichts, ihre Gedanken kreisten ja um nichts anderes.
Sogar Erklärungen & Ausreden hatte sie parat für alle Eventualitäten, denn natürlich wusste sie, dass es nicht für ewig sein konnte, dass es quasi ein Luxus des Augenblicks war, wenngleich sie diesen Augenblick so lange wie möglich hinauszögern würde.
Immer, wenn sie sich auf den Weg machte, ihre Vorbereitungen & Nachbereitungen traf, tat sie es so, als könnte es der letzte Gang dieser Art sein.
Denn wie hieß es in einem alten Spruch: 'Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.'
Einmal hatte sie tatsächlich einen Krug in ihren Korb gestellt, der mit süßem Rahm gefüllt war, neben die Beeren, das Brot und den Kuchen, den Speck, die Eier und andere Dinge.
In ihrer Vorfreude & Aufregung übersah sie eine Wurzel im Wald und stolperte darüber, das Gefäß war nur heraus gefallen, der Rahm ausgeronnen, nichts aber zerbrochen, das wertete sie als ein gutes Omen, und so war es auch.
Jahr um Jahr schenkte ihr der Herrgott die Freude dieser Sünde, die eine Todsünde war, und sie zahlte nicht nur den Zigeuner, sie zahlte den Herrgott selbst Sonntag für Sonntag aus, steckte Schein um Schein, Münze um Münze in den Opferstock für die Armen-Seelen-Messen, denn früher oder später musste sie ja selbst so eine werden. Sie bestach den HERRN, kaufte sich ihren Ablass.
Sie gab den Gemeindearmen, den Bettlern, nahm schwangere Mägde in den Dienst, ernährte ihre Kinder.
Der Viehhändler, dem wenigstens diese Seite seiner Frau nicht verborgen blieb, hatte, wohl aus schlechtem Gewissen, wie er es selbst & anderswo trieb, die Sache mit dem Geldverschleiß hinuntergeschluckt.
Er brüstete sich jetzt mit seiner Freigiebigkeit, einsehend, dass er sowieso nicht wusste, was er mit dem Haufen Geld anfangen sollte, hatte fast vergessen, dass einst ein Bettler, den er von seinen Hunden hatte beinah zerfleischen lassen, den Hof verflucht hatte.
Seltener als früher dachte er jetzt daran, dass dieses Ereignis nun schon so lange zurücklag, es ging ihm aber nie ganz aus dem Kopf, zumal es bekannt geworden war.
Wenn denn all der Aberglaube einen Sinn haben sollte, dann musste einmal etwas passieren, er glaubte nicht wirklich daran, und doch ließ es ihn nicht los.
Das Schlimme an der Sache war, dass der Mann an seinen Verletzungen später gestorben war, er konnte seinen Fluch nicht widerrufen, der Viehhändler nichts mehr gut machen.
Die Sonntage und die Werktage waren in ein gleichmäßiges Fließen, in eine seltsame Ruhe übergegangen, so als könnte es in Ewigkeit so weitergehen, als hätte es gerade so und nicht anders sein müssen.
Die Bäuerin war fast unmerklich auf die Fünfundvierzig zugegangen, hatte diese leichten Fußes überschritten, ohne die Linie, den dünnen Faden zu bemerken, der nun gespannt wurde.
Das Glück, die Leidenschaft machten sie nicht nur schöner, sondern auch blinder, unvorsichtiger.
Das ergrauende Haar pflegte sie mit den Essenzen & Wundermitteln des Schwarzen Kramers zu beseitigen. Bis auf ein paar Fältchen unter den Augen, die von Zeit zu Zeit nur sichtbar wurden, war sie ohne jeden körperlichen Makel.
Dort & da wetterleuchtete es, doch sie war voll des Weines der Liebe, jener Gefühle, die den Menschen, ob Mann oder Frau, über sich hinausgehen lassen, die Berge versetzen, die Sterne vom Himmel holen, den Kopf in die Wolken stecken.
Die Liebe wurde größer als sie selbst, sie allein bestimmte über ihr Tun & Lassen.
Wusste sie zu Anfang noch genau um die Endlichkeit ihrer Liebschaft, trug bei sich die Angst Tag & Nacht, ob sie ihren Geliebten sah oder nicht, ging mit lauerndem Blick herum, zerrissenen Herzens und schlechten Gewissens, so dachte sie nun so gut wie nicht mehr daran und fühlte sich sicher & geborgen bei ihrem Zigeuner.
Schwer hatte sie gelitten & getragen an der Sünde dieses Wahnsinns, des Ehebruchs, des Betrugs.
Doch mit den Jahren hatten sich diese Bedenken verloren, ihr angetrauter Ehemann ging fremd, zeugte Bälger mit anderen.
Selbst erzählte er es herum, sorgte für Stimmung damit in aller Öffentlichkeit, ließ sich bestaunen, genoss die offenen Mäuler, das Glotzen & Gaffen, die gespitzten Ohren.
Nie würde es aussterben dieses Publikum, diese Schauer & Herumtrager, diese Lauscher & Späher, genauso wenig wie die Art von Selbstdarstellern wie der Viehhändler einer war, dem die Darlegung seiner Potenz und seines Überflusses auf allen Ebenen ebenso viel gaben wie der nachtnächtliche Beischlaf selbst.
Die anderen, die auch nichts lieber getan hätten, erlebten so die Anregung ihrer vertrockneten Phantasie oder die Sache überhaupt auf irgendeine Weise, Leute, die Jahr & Tag mit keiner Frau schliefen, sich nichts dergleichen leisten konnten, nichts zu sehen bekamen von dem, was für einen Viehhändler zu Sonntag & Werktag gehörte, denn es kamen nur wenige auf ein solches Vergnügen in Zeiten, in denen ein Knecht, eine Magd aus Geldmangel nicht heiraten durfte.
Blieben einem Gewöhnlichen eben nur die gewöhnlichen Unzuchtstaten, das Herumhuren in fremden Betten dann & wann, die Nötigung einer armen Küchenmagd, einer Pflanzensetzerin im Wald, einer Sennerin auf der Alm.
Weh' dem, der sich erwischen ließ, schön blöd, der Trottel - blieb noch die Verleugnung des Kindes, der Tat überhaupt, weil: bei der Nacht sind alle Kühe & Schafe schwarz, und das Fräulein, dieses Luder, flog sowieso in hohem Bogen aus der Küche, dem Stall, dem Ort, der Gesellschaft.
Seht, gerade diese Menschen wurden ihr, auch ihr, zum Verhängnis, doch ist es noch weit weg dieses Ereignis, nicht so weit wie am Anfang, aber noch in fast sicherer Ferne.
Es wurde geredet dort & da, die Dienstboten trugen es herum, von Magd zu Magd, von Knecht zu Knecht, von Hof zu Hof.
Und nach etlichen Jahren des Freiseins vom Kinderkriegen war es wieder so, dass ihr die Regel ausblieb.
Doch sie hatte Erfahrung damit, verfiel nicht gleich in Angst & Hysterie, ließ die Tage & Monate verstreichen, vielleicht war sie bereits am Anfang des Alterns angekommen, von wo es heißt, dass es damit recht unregelmäßig zugeht, dennoch konnte sie an nichts anderes mehr denken, es war ihr letzter Gedanke am Abend, ihr erster in der Früh, und dann war es endlich keine Laune der Natur mehr, sondern bitterer Ernst.
Lange hatte sie mit ihrem Alten, dem Viehhändler, dem Großkopferten, dem Geldschweren & Bettgewaltigen nicht mehr das Lager geteilt, das Ehegemach, das reich ausgestattete von ihrer Aussteuer, seinem Zutun, lange nicht mehr das Petroleumlicht, die Kerze gelöscht für dies, was sie nannten den Eheverkehr, die Geschlechtsfrage, das Lotterbett, die Zeugungspflicht, doch so weit es auch zurückliegen mochte das letzte Mal, es war noch im Bereich des Möglichen, es konnte ihm zur Not noch weisgemacht werden.
Denn sie fühlte sich jetzt schwanger, nicht mit aller Sicherheit, man hatte das Seine erlebt in diesen Sachen, doch es sah so aus, als ob noch einmal mit aller Wahrscheinlichkeit, wenn nicht gar Sicherheit, alles darauf hindeutete.
In ihrer Beschwörung aller erdenklichen Auswege & Erklärungen, die noch einmal mit einem Schlag alles verändern könnten, hielten sich Hoffnung & Verzweiflung kaum mehr die Waage, und schließlich konnte sie das Wesentliche nicht mehr verbergen.
Die eigenen Söhne, die sie unter Qualen & Schmerzen empfangen und getragen hatte, die zwei Ältesten, die Sorgenkinder ihrer Schar, ihre ersten zwei Buben, mit denen sie kaum anderes als Plage & Verdruss gekannt, dies kennen gelernt hatte, was es hieß, Söhne zu haben, ganz im Gegensatz zu den Mädchen, die zart & unscheinbar ihr Freude & Stütze bedeuteten, - diese beiden Nichtsnutze, die Herausforderer der Mutter wie der Schwestern - sollten sie, wie, um das Maß voll zu machen, am Ende verraten, die Sache ins Rollen bringen.
Die, mit denen sie gekämpft und um die sie gebangt hatte, die ihre Sorge gewesen waren alle Tage bis hinein in die Erwachsenenjahre, an denen ihr Herz hing, völlig zu Unrecht, aber so ist es eben mit den minderwertigen Schafen, die man sich nicht eingestehen will, die eine Mutter verteidigt und schönredet, solange es geht, vor den anderen und vor allem vor sich selbst.
Denn nichts ist schwerer & schmerzlicher, als zuzugeben, schlechte, missratene Kinder zu haben.
Ihr ganzes liebevolles Mutterleben hatte sie sich um diese zwei besonders gekümmert.
Die anderen waren von alleine brav & gehorsam geworden, je schlimmer es die erstgeborenen Zwillinge & Hoferben trieben.
Eben dieselben schöpften Verdacht, sie bemerkten, dass etwas nicht stimmte, sie gingen zum Vater, unterbreiteten ihm ihre Vermutungen, und er setzte sie an auf die Verfolgung & Überführung ihrer Mutter.
So stellten sie ihr nach, quasi in offiziellem Auftrag.
Und es kam heraus, wohin sie ging.
Schutzlos stand sie ihnen eines Augenblicks gegenüber, bat sie auf den Knien wie ein verfolgtes, gehetztes Reh, das um sein Leben fleht, niemandem was zu sagen, doch in ihrer Dummheit & Bosheit rannten sie davon und hinterbrachten es dem Alten.
Einige Monate später gebar sie jenen bildhübschen Knaben, dort in der Hütte, wo er gezeugt worden war, gewiss das schönste Kind ihres Lebens als Gebärende & Geliebte.
Mit fast fünfzig Jahren hatte sie diesen dunkelhaarigen, goldenen Buben bekommen, ein Kind von ganz anderer Art, mit Augen so schwarz wie Kohlen, das Köpfchen voller Locken, ein winzig kleiner und allerliebster Zigeuner.
Nun war es nicht ganz unmöglich, dass man ein dunkelhaariges Kind haben konnte unter lauter blonden, das war schon öfters vorgekommen.
Sie konnte ihre Söhne nicht ernst nehmen, was wussten sie schon, was hatten sie schon für eine Ahnung von so etwas, sie nahm es mit heim, stillte & hätschelte es wie kein anderes ihrer vielen.
Sie trug es ständig mit sich herum, tanzte & sang, war mit ihrem letzten Kind wie die Göttin des Glücks selber.

Als ihr Mann heimkehrte von seiner Ochsen- & Viehhändlertour, da zeigte sie ihm das Kind, lief ihm entgegen wie eine Närrin. Ihr Stolz war ohne Grenzen, sie führte sich auf, als hätte sie den Verstand verloren.
Der Gatte erkannte die Wahrheit sofort, wusste nun auch von ihren Abwesenheiten, und im ersten Augenblick war er drauf & dran, beide zu erwürgen, sie und den Balg in der herrschaftlichen Wiege, hätte sie am liebsten niedergestochen, mit dem Hammer erschlagen, lauter solche Mordsgedanken sausten ihm durch den Schädel.
Doch nach langem Hinschauen, das in ein Starren übergegangen war auf das Weib und das Kind, ging ihm ein Licht auf, und er gewahrte die außergewöhnliche Schönheit, die sich ihm in den zweien darbot.
Da saß sie angetan mit einem langen schwarzen Gewand, einer weißen, halbaufgeknöpften Leinenbluse, die Haare geschnürt & gezopft wie eine Königin.
Von ihr ging fast ein Leuchten aus, eine Helligkeit, eine Freude, und das Kleine, je länger er es anglotzte, umso besser gefiel es ihm.
Keines seiner Kinder kam diesem hier gleich, die Augen so groß & dunkel, das Köpfchen rund wie eine Christbaumkugel, die schwarzen Locken verzauberten den sturen Bauernschädel, diesen stierernen Menschen, diesen Bock, dessen ganzes Selbstvertrauen von seiner Potenz herrührte, seinem Reichtum in Gulden & Talern. In seiner arroganten Herrenmenschenart - ein solches Kind hatte er nicht in die Welt zu setzen vermocht - nicht einmal mit dieser Frau.
Die Söhne trugen ihm nach & nach die Einzelheiten zu, verrieten alles, was sie wussten, legten es darauf an, wichtigtuerisch & töricht wie sie waren, das Ein & Alles ihrer herzensguten Mutter zu zerstören.
Es hatte sie der Neid ergriffen, kamen gar mit der Moral, strapazierten den Anstand und die Ehre, den Pfarrer, taten es vordergründig hinter vorgehaltener Hand, so als hüteten sie das Geheimnis, das sie gleichzeitig verrieten.
Verratschten dem Alten, was dieser längst wusste, spitz gekriegt hatte, freilich über die Details gab es noch einiges zu sagen, doch was waren die Einzelheiten wert, wenn es ums Ganze ging. Ein überflüssiges, lästiges Wissen beinah.
Zum ersten Mal war dieser Mann eifersüchtig auf einen anderen, der die Seinige bestieg & schwängerte, seinen Besitz, über den er befinden & verfügen konnte nach Lust & Unlust, wie Gott der Herr.
Doch ihm war sie ja noch zu wenig gewesen, er musste andere haben, junge Mädchen, für die es das erste Mal war, andere, die selber darauf brannten, es mit so einem zu haben, zu wissen, wie es mit dem war und was er dafür herausrückte.
Auch die so genannten Ehrenhaften waren dem nicht immer und nicht dauernd abgeneigt, die Pfarrerköchin beispielsweise von dort & da, die eine oder andere Bäuerin, Mägde ohne Zahl & Namen.
Pah, was war schon eine Magd! Etwas, dessen man sich bediente, wenn nichts anderes da war, etwas, worauf einer Appetit kriegte hie & da. Die Unbeholfenheit & Angst dieser Mädchen allein schon hatten ihn geil gemacht.
Wenn er dann nach längerer Abwesenheit heimgekommen war, gab es ein neues Kind am Hof oder hatte die Alte beträchtlich an Umfang zugenommen oder stand kurz davor, ein weiteres Mal schwanger zu werden.
Ja, und hatte er vielleicht dieses Recht nicht vor allen anderen?
Stand es denn nicht in der Bibel, den Kirchengesetzen, den Ehepflichten!
Schuftete er vielleicht nicht Tag & Nacht dafür, um es sich wenigstens auf diese Weise gut gehen zu lassen!
Schließlich war die Seine lang genug ohne Mann gewesen und die anderen auch!
Schier in Zugzwang war er gekommen wegen der Weiberleut, die er beglücken sollte mit seiner weitum bekannten Liebeskunst.
Und jetzt!
Ein hergelaufener Zigeuner, eine gottverdammte Kreatur, ein Weiberverführer & Hühnerdieb, ein Kesselflicker & Klampferer, ein Landstreicher, ein Vagabund, ein Depp und ein Trottel.
Heiliger Birnbaum, Kruzifix und verdammt nochmal, das war womöglich was anderes!
Er hatte es nicht gebracht, da gab es einen, der es seiner Alten machte, auf den sie selber heiß war.
Ganz ohne ihn hatte sie ein anderes, eigenes Leben begonnen, an ihrem Glück gearbeitet, sie brauchte ihn nicht, schön war sie selber.
Ihre Schönheit und die Schönheit des anderen hatten Gefallen aneinander gefunden, es war nicht weniger als ein Naturgesetz, was konnte einer dagegen tun!
Sie & ihn umbringen und dafür ins Zuchthaus gehen?
Dumm wird er sein, dazu hing er zu sehr am Leben, der Bequemlichkeit, den Weibern, an sich selber, seinem Hof und seiner Pracht.
Während ihm solche Sachen durch den Kopf schossen, beschloss es in ihm, dass er es hingehen lassen werde, vor der Öffentlichkeit so tun, als wüsste er nichts, als hätte er in aller Selbstverständlichkeit so ein Kind gezeugt.
Unterstützte ihn halt der Zigeuner, wen ging es was an!
Sollen sie doch reden die Leute, zu ihm würden sie nicht wagen, etwas zu sagen. Nein, bei ihm & für ihn war alles in bester Ordnung. !Sakrament!
Dann nahm er eines Tages das Kind aus der Wiege, zum Erstaunen der Mutter, die ihn misstrauisch und vollkommen starr vor Angst um das Kleine mit weit offenen Augen verfolgte, wie er es herumtrug, hinüber zum Licht, es betrachtete & streichelte, es wieder zurücklegte.
Etwas anderes und mehr hatte er nicht gesagt.
Sie begriff, dass er einverstanden war, es ihr gewissermaßen erlaubte, bereit war, das Unaussprechliche zu dulden, die Fassade, den Schein zu wahren.
In diesem Augenblick gaben sie einander die Absolution, beschlossen ihr Verständnis & Einverständnis füreinander.
Eine wortlose Hinzufügung im Ehevertrag, eine Fußnote, eine Ergänzung, eine einvernehmliche Lösung.
Bei anderen Abmachungen war es schließlich genauso, man kannte sich aus mit Anwalt & Notari, hatte im Lauf der Zeit genug damit zu tun gehabt, wusste Bescheid, auch über ungewöhnliche Lösungen.
Auf diese Weise kamen sie einander näher, hatten mit einem Mal etwas wirklich Einziges gemeinsam, ein Geheimnis von großer Tragweite & Bedeutsamkeit.
Doch, wie sich herausstellte, hatte man die Rechnung ohne den Wirt gemacht.
Dennoch, für diese Stunde hatte es den Anschein, als sei die Unordnung noch einmal in Ordnung gebracht, wie man gerne beim Verlassen des Beichtstuhls glaubt, seine Sünden & Fehler fürs erste los zu sein.
Ego te absolvo, hätte der Priester geflüstert und ein/zwei Rosenkränze zur Buße aufgegeben, VATERUNSER und GEGRÜSZETSEISTDUMARIA ohne Zahl, aber das war ein Fall für Rosenkränze ad infinitum, wenn es überhaupt eine Entschuldigung dafür gab.
Ließe sich noch reden über größere Dinge wie den Bau einer Kapelle, eine Altarrenovierung vielleicht, die Stiftung einer goldenen Madonna, den Guss einer Glocke, schließlich schien das Ewige Leben in Gefahr, die Auferstehung selbst, das Himmelreich rückte in die Ferne.
Die Rosenkränze bestanden darin, dass der Viehhändler eines Tages, eines Nachts nicht alleine heimkehrte, sondern eine Equipage der besonderen Art mit sich führte.
Was aussah wie das Einstellen einer Magd und für die anderen so dargestellt wurde, war nichts anderes als die neue Frau des Viehhändlers, die Mätresse, seine Zweite und von nun ab Erste & Einzige Frau.
Was sich jetzt auf dem Hof abspielte, drang nur nach & nach - nach draußen, jedenfalls wurde bekannt, dass er die Andere mit Pracht & Macht ausgestattet hatte.
Gut zwanzig Jahre jünger als seine Hauptfrau war sie und besaß die strahlende Schönheit der Jugend, die immer siegt über die Reife & Würde des Alters, mag sie noch so oberflächlich und ebenso vergänglich sein.
Auch sie ein Zigeunermensch wie man eine dunkelhäutige, dahergelaufene Hure ganz im Allgemeinen zu nennen pflegte.
Das Mensch also hatte die schönsten, größten Augen, Haare & Zöpfe wie die Geliebte am Hofe eines Maharajas im fernen Indien.
Weiß der Himmel, wo er die aufgegabelt und wie er sie erworben hatte!
Auf jeden Fall übernahm sie von Stund' an beinah das Regime über Haus & Hof, Mann & Besitz.
Der Bäuerin blieb nichts anderes übrig, als mit ihrer Kinderschar und dem Jüngsten in ein kleines Zuhaus zu ziehen, eine Art Austragstübchen, war nun Bettlerin im eigenen Haus um Brot & Platz für sich und die Kinder.
Die andere führte indessen die Hofgeschäfte, ließ ein- & aus- & umräumen, der Schwarze Kramer, die Hausierer & Umtrager kamen und verdienten leichtes, schnelles Geld.
Wenn der Alte von seinen Reisen zurückkehrte, empfing ihn eine Fürstin, keine Bäuerin.
Sie lag ihm zu Füßen, richtete ihm ein Lager wie niemand es je getan hatte, streute Rosenblätter auf die seidenen Decken, entzündete Kerzen & Räucherwerk, dass ihm die Sinne schwinden mussten.
Sie ließ zu seinem Empfang Speisen zubereiten wie sie hierzulande niemand kannte, brachte die einfältigen, verdutzten Mägde dazu, diese Köstlichkeiten für den Herrn herzustellen.
Als Zigeuner- & Bettelkind herumgezogen & herumgestoßen, in der Welt herumgekommen, missbraucht, ausgenutzt, sah sie nun in diesem Mann, den sie umgarnt & bezirzt hatte, das Götter- & Himmelsgeschenk ihres Lebens.
Sie verstand & wusste Dinge, von denen gewöhnliche Frauen keine Ahnung hatten.
Sie hatte sich mit allem durchgeschlagen, beherrschte das Handwerk des Bettelns & Jammerns wie selbst unter ihresgleichen keine zweite, denn auch die Bettelei war ein Beruf, ein Handwerk, das gekonnt sein musste, sie hatte diese Tätigkeit nie verachtet und es darin zur Meisterschaft gebracht.
"Soll keiner denken", sagte sie einmal, "dass Betteln jeder kann!" Viele machten es schlecht und blieben arm dabei.
Ein Gelegenheitsbettler war für sie überhaupt kein Bettler, entweder man bettelte ganz, mit Leib & Seele oder gar nicht.
Als sie selbst in der Lage war, einem Bettler etwas hinzuwerfen, da gab sie es nur den Tüchtigen unter ihnen.
Als Dirne, die sie später wurde, tat sie es genauso. Es war für sie ein Geschäft, das mit der gleichen Leidenschaft zu betreiben war wie die Bettelei, vielleicht sogar wie jedes andere.
Bald war sie auch hier die höchstbezahlte, bestgekleidete unter den Straßenhuren gewesen.
Sie arbeitete mit Distanz & Hingabe zugleich, fertigte die Kunden nicht einfach ab, sondern trachtete, dass sie zufrieden nach Hause gingen, dass sie versprachen, wiederzukommen.
Alles hatte sie im Sortiment geführt, sie spielte alle Stücke, gab Zugaben & Delikatessen zum Besten, war unterwürfig & dominant in einem, kannte bald Möglichkeiten & Leckerbissen, dass die Männer rasend & süchtig wurden, sich mit vollem Namen in Listen & Terminkalender eintragen ließen. Nichts tat sie mit halbem Herzen.
Am Ende hatte sie ein Haus besessen, eine Sekretärin, die Tag & Stunde der Ordination genau festlegte, für die Herrin auswählte, zusagte & absagte und die Kassa führte, bei der es mit Zucht & Ordnung herging wie in jedem seriösen & honorigen Geschäft.
Was es offiziell war für die Nachbarn und die Polizei, für diesen & jenen, die namenlosen Gaffer & Frager, hieß Kartenlegerei & Handlesen, Religion & Salonkonversation, Festlichkeit im privaten Rahmen, und so war es ja auch, denn sie hatte Stil, achtete auf ihren Ruf.
Überall standen Madonnen & Heilige, Kerzen & Räucherschalen, seidenbezogene Sofas mit schweren, dunklen Schabracken, orientalische Teppiche lagen auf den Böden und hingen an den Wänden, allenthalben pompöse Sitz- & Liegegelegenheiten; Hunde & Katzen, Schlangen & Papageien waren zugegen, alles im Halbdunkel hinter prächtigen Vorhängen - Tag & Nacht.
Sie hatte sich ihre Welt selbst erschaffen mit dem, was sie konnte und wozu sie sich gemacht hatte, allein mit ihrem Körper, ihrem Willen, ihrem Mut.
Irgendwann musste also auch der Viehhändler das Etablissement ausfindig gemacht und diese Pompadour aufgesucht haben.
Wie & wann es zu dieser Handelseinigkeit gekommen war, hatte er selbst vergessen.
Es ist eines Tages alles wie von selbst gegangen, und jetzt war er mit einer Zigeunerin liiert, die ihre eigenen Gesetze hatte und nun den Hof des Viehhändlers wie eine Gräfin, eine Maharani, regierte.
Nun war sie dabei, den Hof in einen solchen Tempel zu verwandeln, nach & nach wechselte sie die Gegenstände aus, bald gab es Räume von verblüffend morgenländischem Aussehen.
Der Viehhändler spezialisierte sich jetzt ausschließlich auf die Zucht von Rassepferden und trieb Handel damit.
Eine andere Art von Stil & Reichtum hielt Einzug auf dem Bauernhof, und bald herrschte auch hier jene Dämmerung und fremdartige Atmosphäre wie einst im Stadtpalais der Zigeunerin.
Die Bäuerin vegetierte im Schatten dieser Ereignisse mit den Kindern, vor allem mit dem Kleinsten, in einem einzigen, ihr zugewiesenen Zimmer, das sie, jedenfalls in Richtung Hof, nicht verlassen durfte, denn dort war sie nicht mehr erwünscht.
Prächtig war der Anfang vom Ende anzuschauen, die Schwarzen Kramer gingen ein & aus, nicht mit Tand & Krempel, mit allerlei Nützlichem, mit diesem & jenem. Sie kamen an, beladen mit bestellter Ware, mit Stoffen & Tüchern, Schmuck & Spiegeln, Bildern in Goldrahmen, Tafelgeschirr, Silberbesteck, mit Madonnen & geschnitzten Herrgottsfiguren.
War ein Kommen & Gehen, ein Verrücken & Rumoren im ganzen Haus.
Feuer wurden angezündet, um die alten Kästen & Truhen zu vernichten, nichts war gut & schön genug in den strengen Augen der neuen Herrin.
So vergingen die Tage & Monate, Sommer & Winter und am Ende die Jahre.
Ob er nach alldem noch seinen Spaß mit ihr hatte, wer weiß. Äußerlich hatte er sich, so schien es wenigstens, angepasst.
Die älteren Kinder hatten nach & nach das Haus verlassen, mehr oder weniger unbemerkt, heirateten, wenn es ging, in andere Höfe ein, mussten sich selbst ihr Auskommen suchen.
Später, im zehnten Jahr dieses Zustandes, kam es jedoch zu einem folgenschweren Geschehen zwischen den beiden Frauen.
Warum die Zigeunerin plötzlich im Austragstüberl der einstigen Bäuerin erschienen war und sie angegriffen hat, bleibt im Dunkeln.
Vorausgegangen sein soll eine Auseinandersetzung wegen des inzwischen zehnjährigen Knaben, der sich ungeachtet des Verbotes immer wieder auf dem Hof, im Stall, in der Scheune herumtrieb, und genau dabei dürfte er einige Merkwürdigkeiten der Zigeunerin zu sehen bekommen haben.
Magisch angezogen von den Vorkommnissen schlich er sich immer wieder ein und überraschte sie.
Einmal hat sie ihm mit einem Stilett aufgelauert, es ihm gefährlich nah an die Kehle gehalten.
Jedenfalls müssen sich die zwei Weiber während des Streites mit allem Möglichen gegenseitig gedroht haben.
Am selben Abend kehrt der Bub nicht in die Behausung seiner Mutter zurück.
Sie eilt hinauf in den Wald, in die Hütte ihres Geliebten, zu seinem Vater, sie beginnen gemeinsam nach dem Kind zu suchen, sie tun es vergeblich.
Am Morgen geht die Bäuerin auf den Hof und stellt die Zigeunerin zur Rede, diese wehrt sich, geht auf die andere los und sticht ihr das Stilett mitten ins Herz.
Den Buben hatte sie tags zuvor auf dieselbe Art umgebracht und ihn dann vergraben.
Als der Viehhändler von seiner Geschäftsreise zurückkehrt, steht sein Haus in Flammen.
Der Zigeuner war vom Wald heruntergekommen das einzige Mal, hatte das Feuer gelegt, so dass niemand mehr hinaus konnte.
Es verbrannten die Tiere & Menschen, die Vögel & Schlangen in den Käfigen, die Leichen und die Lebendigen.
Er und der Viehhändler standen gemeinsam vor dem nächtlichen Schauspiel.
Dort oben brannte nicht nur das gesamte Anwesen, das reichste weit & breit, sondern auch der Wald, das Heu, die Zäune.
Drunten im Ort sah man die Feuersbrunst, die alles auslöschte, was einst gewesen war.
Weithin leuchtete es rot auf, und sie starrten, unfähig, etwas zu tun, auf dieses ungeheuere Geschehen.
War, als führten die Götter unter sich einen Krieg mit eigenen Gesetzlichkeiten, für sie, die einfachen Leute nichts Begreifliches mehr.
Denn es blieb kein Ziegel auf dem anderen, es fielen die Balken, die Dächer herunter, es war der Jüngste Tag gekommen, der Frevel hatte ein Ende.
Der Zigeuner floh, ging auf Wanderschaft, wie es sich für ihn gehörte.
Der Viehhändler wurde viel später, erhängt an einem Baum in seinem eigenen Wald gefunden. Der Fluch des Bettlers hatte sich erfüllt.
Möge kein Stein auf dem anderen bleiben, kein Hund, kein Mensch überleben auf diesem Hof, so wahr ich ein Bettler bin, Gleiches soll mit Gleichem vergolten sein!