Roland Weichselbaumer
Wahrheit und Lüge in Bildern und Texten
- so lautet der Untertitel von Brigitte Hamanns Buch
Der Erste Weltkrieg. Den Anspruch auf
Wahrheitssuche hat meiner Meinung ihr Werk nicht
erfüllt. Das Buch ist eher journalistisch aufbereitet,
für ein richtiges Sachbuch wurde viel zu wenig
recherchiert. Bei den Texten handelt es sich um eine
Collage aus verschiedenen deutschen und österreichischen
Werken, da und dort wurden noch ein paar Stückchen aus
dem Familienarchiv des deutschnational gesinnten
Walter Hamann verwendet.
Bei dem Kommentar zu
einem Bild hat sich Brigitte Hamann eher von einem
persönlichen Eindruck leiten lassen, der für einen
durchschnittlichen Leser vielleicht ganz plausibel
nachvollziehbar wäre. Und so lautete ihre
Bildinterpretation: Kaiser Karl, hier als König
Karl IV. von Ungarn, fühlt sich als Herrscher von Gottes
Gnaden und als Verteidiger der katholischen Kirche gegen
Andersgläubige. (Hamann, 2004, S. 170)
Zu einer Zeit als Karl noch einfacher
Erzherzog war, besuchte er die Karogjosbeg-Moschee in
Mostar und wohnte dem Abendgebet bei. (Lorenz, 1959, S.
99). In Neutischein traf er mit einem evangelischen
Pfarrer und einem Rabbiner zusammen. (Lorenz, 1959, S.
106). In Ostgalizien wohnte er einmal dem
Sonntagsgottesdienst eines verheirateten
griechisch-unierten Pfarrers in einer Dorfkirche bei
Lemberg bei. (Lorenz, 1959, S. 110). Soweit man seinen
Lebensweg verfolgt, bekommt man nicht den Eindruck, dass
hier ein späterer sturer Herrscher, in der Tradition
einer schon damals längst vergangenen
Gegenreformationsstimmung im Werden begriffen war.
Während des Ersten Weltkriegs ernannte er dann als
apostolischer König von Ungarn den jüdischen Budapester
Advokaten Dr. Wilhelm Vaszonyi zum Justizminister.
(Lorenz, 1959, S. 361) Wenn Karl aus religiösen Gründen
gegenüber jemanden eine Abneigung hatte, so waren dies
vielleicht noch am ehesten gewisse Freimaurer gemeint,
die aber kaum jemand als Andersgläubige
bezeichnen würde.
Reinhold
Lorenz hat beim Fotomaterial für sein Buch auch ein Bild
von Kaiser Karl in der Bukowina mit der jüdischen
Bevölkerung verwendet. Ein weiteres Urteil der Brigitte
Hamann möchte ich hier bewußt als eine Art der
Geschichtsschreibung des Jahres 2004 unkommentiert
wiedergeben: Franz Josephs Großneffe und
Nachfolger, der 29jährige Karl I., war politisch
unerfahren, wenig begabt und so wankelmütig, daß man
ihn wegen seiner raschen Meinungsänderungen 'Karl den
Plötzlichen' nannte. Er stand unter dem Einfluß seiner
ihm intellektuell überlegenen Frau Zita, und sie
wiederum war von ihren Beichtvätern und ihren
ehrgeizigen bourbonischen Verwandten abhängig. Vor allem
kündigte sich ein politisches Problem an: Zwei von Zitas
Brüdern waren Offiziere der belgischen Armee. Der Haß
der Großfamilie Bourbon-Parma wie des jungen
Kaiserpaares galt dem Bundesbruder Deutschland.
(Hamann, 2004, S. 122)
Quellen:
Hamann Brigitte, Der Erste Weltkrieg Wahrheit und
Lüge in Bildern und Texten, Piper Verlag, München 2004
Lorenz Reinhold, Kaiser Karl und der Untergang der
Donaumonarchie, Verlag Styria, Graz 1959
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