Was wir brauchen: Ein Museum für mehr Demokratie!

23.04.2013 | 18:30 |  ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)


Die Debatte um ein „Haus der Geschichte“ soll endlich aufhören. Und schleunigst mit einer Umsetzung in großem Stil begonnen werden.

Es braucht einen Besuch im nagelneuen Rijksmuseum in Amsterdam, es braucht die Fernsicht auf die problematische Deutschland-Ausstellung im Louvre (s. S. 37) – um wieder mitten in Österreich zu landen. Um selbst als gelernte Wiener Kunstkritikerin auf die Idee zu kommen – da fehlt etwas! In Museen muss nicht nur Kunst hängen, wie man es gewohnt ist hierzulande. Immer wieder wurde ich gefragt, wo man denn hingehen müsse, um österreichische Kunstgeschichte erleben zu können. Locker antworte ich heute: ins Leopold-Museum, ins 21er-Haus. Aber wohin soll ich Suchende schicken, die österreichische Geschichte lernen wollen? Allen Ernstes in ein Heeresgeschichtliches Museum, bei dessen Namen allein jeder Jugendliche heute innerlich entweder kreischt oder sofort abschaltet? Ja. Das war schon anachronistisch für meine, für eine mittlere Generation. Völlig absurd ist es für eine junge Generation, für die Bundesheer und Militär schlicht das Gegenteil von identitätsstiftend bedeutet.

Irgendwann in der Schulzeit wird trotzdem jeder ins Arsenal verschleppt, mit dem Effekt, dass er oder gerade sie sicher nie wieder kommt. Und die Geschichte in den Büchern bleibt. Nicht im Kopf. Je mehr man sich dieser Fehlstelle eines zeitgemäßen Nationalmuseums, das man heute lieber Haus der Geschichte nennt, bewusst wird, desto unfassbarer ist die Situation, ist der Status der seit Jahren völlig eingeschlafenen Diskussion, ist das völlige Desinteresse der Politiker.

Wie kann es das geben? Können wir mittlerweile unsere Kunstgeschichte von hinten nach vorne und umgekehrt erzählen, verstaubt die weniger touristenfreundliche Zeitgeschichte unseres Landes in schubladisierten Konzepten, wird sie durch Dutzende konkurrierende Kommissionen gebremst, erntet sie von Politikern nur Augenrollen. Erbärmlich ist das, blickt man vor allem nach Deutschland, wo seit 1994 das für Zeithistoriker immer noch als Paradebeispiel angeführte Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn steht, mittlerweile mit Filialen in Leipzig und Berlin. Helmut Kohl hat sich dieses Vorhaben auf seine Fahnen geheftet. Wer wird das bei uns tun? In den vergangenen Regierungen, in dieser Regierung niemand. Dabei wäre hier unendlich viel Renommee zu holen!

Also ab auf die grüne Wiese mit einem neuen, prächtigen Bau, neben den Zentralbahnhof zum Beispiel, wo das Wien-Museum sowieso nicht hinwill. Damit unsere Kinder zumindest die Chance haben, dem Heeresgeschichtlichen zu entkommen und ihre Landesgeschichte auf höchstem internationalem Niveau erleben zu können, interaktiv, didaktisch gefinkelt, in bester Architektur. Vielleicht ist das ein erster Ansatz für mehr Interesse an Politik. An Volksbefragungen. An Demokratie. Oder ist es genau das, was die Parteien gar nicht so interessiert?

 

E-Mails an: almuth.spiegler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2013)