Historiker Stefan Karner: „Wissenshungrig nach Geschichte“

11.01.2009 | 18:53 |  ERICH WITZMANN (Die Presse)
„Desinteresse der jungen Menschen“ stimmt nicht, man muss sie nur richtig „packen“. Die Jungen wollen mitreden und mitgestalten.
 
Die Presse: Es kommen tausende junge Menschen ins Parlament zur Ausstellung „90 Jahre Republik Österreich“, vor allem Schülergruppen. Was kann diese Ausstellung der Jugend bringen?

Stefan Karner: Zunächst einmal ist die Ausstellung im großen Bereich der politischen Bildung anzusiedeln, diese ist – insbesondere für die jungen Menschen – enorm wichtig. Die Schule leistet viel, sie kann aber nicht alles leisten. Die Ausstellung kann hier wesentlich ergänzend wirken und tut es auch.

Bei Umfragen zeigt es sich, dass das Geschichtsbewusstsein in Österreich nicht sehr ausgeprägt ist.

Karner: Wir haben mehrere Umfragen, die scheinbar belegen, dass das Interesse an Geschichte abnimmt. Die Republik-Ausstellung zeigt genau das Gegenteil. Wenn man die jungen Menschen dort abholt, wo sie abzuholen sind, wenn man sie zu Themen führt, die sie interessieren, dann sind sie nicht nur interessiert, sie wollen dann auch weiterarbeiten. Wir haben viele Beispiele, die zeigen, dass die jungen Menschen geradezu wissenshungrig nach Geschichte sind, natürlich wenn sie so vermittelt wird, dass die jungen Menschen sie noch verstehen können. Wir haben beispielsweise in der Ausstellung Stationen, wo wesentliche gesellschaftsrelevante Fragten spielerisch erklärt werden. Ich kann weder eine Geschichtsmüdigkeit noch ein Desinteresse feststellen. Wenn man die Jungen bei den für sie relevanten Themen packt, dann wollen sie noch mehr wissen. Es ist allerdings richtig, dass sie mit gewissen Namen, die uns vertraut sind, gar nichts anfangen.

Zum Beispiel?

Karner: Wenn ich Anton Benya sage, dann wird kaum ein junger Mensch mit dem Namen etwas verbinden. Sie können aber etwas anfangen, wenn man Gewalt in der Politik zu erklären versucht oder Wirtschaftskrisen oder in den Alltag hineingeht und von dort her Fragen erörtert: Was war früher selbstverständlich, was ist heute selbstverständlich?

Wenn wir das Wahlverhalten der Jungwähler betrachten, dann orientieren sich die Jungen eher nach einem Trend: Das Umweltthema ist Nummer eins – die Grünen sind die Favoriten; es geht um aggressive Kritik – die FPÖ wird gewählt. Das zeugt nicht gerade vom einem tiefgründigen Nachdenken.

Karner: Genau, da müssen wir ansetzen. Denn die jungen Menschen wollen mitgestalten, sie wollen etwas verändern, sie wollen mitreden. Bei ihren Themen müssen wir sie abholen. Das ist Aufgabe der politischen Bildung. Deswegen haben wir etwa in der Ausstellung Minderheitenthemen drinnen, den Islamismus und andere brennende Fragen. Das interessiert die jungen Menschen. Ich wende mich dagegen, dass man sagt, die Jungen interessiert das nicht. Das interessiert sie sehr wohl. Ich muss eine breite Information geben, da ist die Schule und die politische Bildung, da ist das Elternhaus, sind die Ausstellungen gefordert.
      
Aber zahlreiche Angebote sind ja vorhanden.

Karner: Natürlich. Wenn die Lesebereitschaft abnimmt, dann müssen wir stärker in andere Medien gehen. Ins Fernsehen, ins Internet, in den Film. Warum machen wir in Österreich nicht mehr dokumentarische Filme? Ich bin überzeugt, dass sie angenommen werden. Teilweise arbeiten wir an den Universitäten und Schulen mit didaktischen Methoden, die wir vor 25, 30 Jahren gelernt haben. Wir müssen jetzt auch verstärkt junge Menschen einsetzen, um diese politische Bildung zu vermitteln.

Wie sehen Sie den Geschichtsunterricht an den Schulen? Der wurde ja auch gekürzt.

Karner: Es ist ein generelles Manko unseres Bildungssystems, dass wir die allgemeinbildenden Fächer zurückschrauben und scheinbar glauben, dass wir uns auf die Ausbildungsfächer – etwa Physik, Mathematik usw. – konzentrieren sollen. Zur Allgemeinbildung gehört auch das Musische, Geschichte und Philosophie im weitesten Sinn, das ist ja unser Leben. Wenn Studierende vor dem Fertigwerden sind und Grundfragen unserer Gesellschaft, unserer Politik gar nicht verstehen, weil sie es nie vorher gehört haben, weil wir nur mehr mathematische Modelle vortragen und in der Betriebswirtschaftslehre im Prinzip Buchhalter ausbilden: Dann frage ich mich, ob wir mit diesen – später so bezeichneten – Managern wirklich die Wirtschaft leiten können. Wir brauchen Manager mit einem breiten Allgemeinwissen, nur so werden sie in der internationalen Wirtschaft überhaupt bestehen können. Die wesentlichen Geschäfte werden nicht von drei Buchhaltern, die sich etwas ausrechnen, abgeschlossen, sondern von Menschen, die einen Weitblick haben.
Sie haben gesagt: „Geschichte ist das Leben“. Um die Errichtung des sogenannten „Hauses der Geschichte“ – und Sie sind einer der wissenschaftlichen Proponenten dafür – ist es seltsam ruhig geworden.

Karner: Den Kraftakt, der in Deutschland zum „Haus der Geschichte“ geführt hat, den hat es bei uns nicht gegeben. Die Regierung Schüssel (2000 bis Anfang 2007, Anm.) hatte den Wunsch, dass man das angeht, da wurden entsprechende Gremien gebildet,diese haben einen Fahrplan ausgearbeitet. Der erste Punktdes Fahrplans, die internationale Evaluierung, ist durch. Der zweite Punkt, die Ausschreibung eines Konsortiums für die Organisation, ist geschehen. Bis zum Frühjahr dieses Jahres soll ein Plan, inklusive der Standortfrage, vorliegen.

Es gab schon Standortvorschläge, die inzwischen von anderen Interessenten verbaut wurden.

Karner: Ganz ehrlich: Wir waren sehr gut auf Schiene bis etwa 2005. Seit 2006 geht das Projekt nur noch formal weiter, wie es in Österreich üblich ist: Geschehen muss etwas, aber passieren darf nichts. Ich bin darüber betrübt, weil ich gerade bei der aktuellen Republik-Ausstellung ein großes Interesse vieler Menschen orte und ich angesprochen werde, ob nicht ein Teil davon ein Kumulus für das „Haus der Geschichte“ sein könnte. Ich fürchte aber, dass es durch die Wirtschaftskrise und die knapper werdenden Finanzen eines noch viel stärkeren Engagements bedürfte. Dabei ist es gerade in Zeiten der Krise notwendig, dem Menschen Orientierung zu geben. Österreich hat schon mehrere Krisen überwunden und daraus gelernt. Geschichtswissen und Geschichtsbewusstsein helfen dabei.

ZUR PERSON

Stefan Karner (56) ist Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung und stellvertretender Vorstand des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Uni Graz. 1995 wurde er als „Wissenschafter des Jahres“ ausgezeichnet. Seit 2001 ist er in den von der Bundesregierung ein- gerichteten Arbeitsgruppen für das „Haus der Geschichte“.
Gemeinsam mit dem Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs Lorenz Mikoletzky hat er die wissenschaftliche Leitung der „Republik-Ausstellung 1918–2008“ inne (seit 12. November 25.000 Besucher, zwei Drittel Schüler). In diesem Jahr ist er der wissenschaftliche Leiter der NÖ Landesausstellung „Österreich. Tschechien.“ in Horn/Raabs/Tel? (Eröffnung am 18. April).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2009)

http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/442953/index.do?_vl_backlink=/home/politik/innenpolitik/index.do (online am 17. Jänner 2009)