(Portrait im Falter vom 24.08.2005)

Carsten Fastner

Qualität des Scheiterns

Wie kaum ein anderer hat Renald Deppe in den letzten zwanzig Jahren das Wiener Musikleben abseits der großen Bühnen geprägt: als Musiker, Veranstalter und als sozialer Plastiker. Im Porgy & Bess feiert er diese Woche seinen fünfzigsten Geburtstag.

Den postmodernen Trick, jedweden Zweifel mit Ironie oder Zynismus billig aus dem Weg zu räumen, hat Renald Deppe nicht drauf. Sonst würde er keine so ausgewogenen Sätze sagen wie: „Ich habe mich nie darum bemüht, in der Welt der Hochkultur vorzukommen, und ich bin für diese Welt wohl auch gar nicht interessant.“ Erstaunlich bleibt es freilich doch, dass ausgerechnet er als einer der umtriebigsten zeitgenössischen Musiker dieser Stadt auf den einschlägig etablierten Podien nicht zu hören ist, nicht im Konzerthaus, nicht beim Klangforum, nicht bei Wien Modern und auch sonst bei keinem der Großveranstalter. Traurig, sagt er so, dass man es ihm glauben kann, sei er darüber keineswegs. „Ich vermisse nichts.“
In den Untergrund muss aber auch nicht gleich absteigen, wer Deppe hören möchte. Für gewöhnlich findet man den Saxofonisten und Klarinettisten an den Rändern des Musikbetriebs, auf kleinen Festivals und Bühnen, oft auch in der Provinz und natürlich immer wieder in dem von ihm 1994 gemeinsam mit Christoph Huber und Matthias Rüegg gegründeten Jazzclub Porgy & Bess. „Ich würde mich aber nie als Jazzmusiker bezeichnen, dafür kann ich zu wenig. Ich war immer ein improvisierender Musiker, der sich manchmal auch im Jazzidiom bewegt. Aber es war nie mein Ziel, wie Charlie Parker zu klingen.“
Renald Deppe hat es geschafft, wie Renald Deppe zu klingen: ziemlich wild und laut, hochenergetisch und virtuos, anspielungsreich und manchmal sogar witzig. Wenn er Bestehendes bearbeitet, seien es amerikanische Standards oder russische Schmonzetten, nimmt er dieses „Bearbeiten“ ziemlich wörtlich und geht gründlich zur Sache, rückt Klischees zurecht, verschiebt gewohnte Perspektiven – und belässt dem Ganzen doch so viel Musikalität, dass auch weniger versierten Hörern noch genug zu staunen bleibt. Wenn er frei spielt, nimmt er gern das Mundstück seines Instrumentes ab, und dann wird es schnell richtig wüst...

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© renald deppe
trifolium II(Auszug)
für margarethe
(tusche, feder, braunholzmaterial)



Der Witz an Deppes Kunst aber ist, dass sie nicht nur klingt. Genau genommen müsste man sein ganzes Arbeitsleben als Kunstwerk bezeichnen. Beim Studium an der Folkwang-Hochschule in Essen kam der gebürtige Bochumer in Kontakt mit den Ideen von Joseph Beuys, der im benachbarten Düsseldorf Anfang der Siebziger eine Professur innehatte und für Aufsehen sorgte, als er vom zuständigen Kultusminister (dem späteren Bundespräsidenten Johannes Rau) fristlos entlassen wurde. Beuys hatte die Zugangsbeschränkungen zu seiner Klasse aufgehoben und jeden Bewerber aufgenommen: eine Konsequenz seiner Überzeugung, nach der „jeder Mensch ein Künstler“ sei.
Während sich die deutsche Studenten- zur Friedensbewegung entwickelte und die grün-alternative Avantgarde in kilometerlangen Ostermärschen durchs Land zog, definierte Beuys den gesamten Planeten als künstlerisches Gestaltungsmaterial; für alles, was der Mensch in seiner Gesellschaft gestalte, prägte er den Begriff der sozialen Plastik: „Ich behaupte, dass dieser Begriff ,soziale Plastik‘ eine völlig neue Kategorie ist. Ich schreie sogar: Es wird keine brauchbare Plastik mehr hienieden geben, wenn dieser soziale Organismus als Lebewesen nicht da ist. Das ist die Idee des Gesamtkunstwerkes, in dem jeder Mensch ein Künstler ist.“
Der nicht ganz pathos-, aber völlig ironiefreie Duktus dieses Kunstverständnisses ist Renald Deppe bis heute anzuhören: „Ich finde die Idee der sozialen Plastik in der Musik sehr wichtig. Jede abstrakte ästhetische Reaktion hat für mich auch konkrete soziale Bezüge zu Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Das Zueinanderführen von Menschen ist wie das Zueinanderführen von künstlerischen Elementen: Es führt zu etwas Neuem. Das ist auch Komponieren, nicht nur das Schreiben mit zwölf Noten.“ Einen Beuys-Hut hat Deppe nicht auf. Aber ohne seine Künstlerweste geht er nicht aus dem Haus.

Wie lange Renald Deppe schon in Wien an seiner sozialen Plastik arbeitet, weiß er selbst nicht so genau. „Wahrscheinlich seit dreißig Jahren“ lebe er in der Stadt, „ganz sicher aber seit fünfundzwanzig“. Fest steht, dass er Anfang dieses Monats fünfzig wurde und dass im Porgy & Bess demnächst ein Geburtstagskonzert stattfindet. Fest steht auch, dass das Porgy nur ein Teil des Deppe’schen Gesamtkunstwerks darstellt. „Unsere Idee war, die Grenzen zwischen Jazz, improvisierter Musik und zeitgenössischer Musik aufzuheben. Nicht nur musikalisch, sondern vor allem auch zwischen den Szenen.“
Das Zusammenführen verschiedener Szenen, die Erschließung neuer Spielorte, die Ermöglichung von Experimenten: Ein grundsätzlicher künstlerischer Gestaltungswille trieb Deppe bei allen seinen Gründungen an, und davon gibt es nicht eben wenige. Schon bald nachdem er sein Studium an der Wiener Musikakademie bei Alfred Prinz, dem damaligen Soloklarinettisten der Wiener Philharmoniker, fortsetzte, begann er mit der sozialen Basisarbeit. „Die Akademie war so verkrustet und überlastet, dass wir Studenten uns selber Auftrittsmöglichkeiten organisieren mussten. Also hab ich bei mir Hauskonzerte veranstaltet, und um die Abgeschlossenheit der verschiedenen künstlerischen Zirkel zu durchbrechen, haben wir Profis und Studenten eingeladen, Musiker, Literaten und bildende Künstler. Irgendwann hatten wir dann regelmäßig achtzig, neunzig Leute in der Wohnung. Das ging so lange gut, bis ein Gast meine Frau des Hauses verweisen wollte, weil sie sich grade mit wem unterhalten hatte.“

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