Eröffnungsrede anläßlich der Ausstellung:
Renald Deppe
Palimpsest & Inkunabel
(öbv-atrium / wien, 2006)

© Bodo Hell

ALLES GETUSCHT

so einfach hört sich das an (und seien es Sätze wie Kindersprüche aus Elfriede Gerstls Fliegender Frieda, einem alfabetisierten Kinderbuch, illustriert von Angelika Kaufmann)
ALLES GETUSCHT, so einfach hört sich das an, nämlich: eines Tages überreicht mir Renald Deppe im Schuber einen großen gefalteten elastischen Karton mit einer Partitur zum Thema QUERSTAND, als verschriftlichte Vorgabe zu einer akustischen Realisierung auf der Orgel der Kirche des Benediktinerstiftes Göttweig (hoch über dem Eingang zur Wachau), das Doppelblatt DIN-A2 samt Klappe geschützt in einer Mappe geborgen, nämlich in so einem flachen Schuber, der innen zur Aufbewahrung und außen an den vier verstärkten Ecken zum Einspannen von Zeichenblättern dient und auch als Unterlage am Notenständer firmieren kann

ich ziehe diese grafische Partitur heraus und bin baß erstaunt über solch dichte Fülle an Zeichen, Strichen, Schnitten (sind es MesserGravuren?), an ablenkenden Pfeilen, gelben Senkrechtstreifen und schwarzen rechteckigen Stufenbildungen, Klecksen am Ende der Schnitte sowie Blöcken und Eckfüllungen, Häufungen von Vektoren, Notenköpfen und Vorzeichen wie Auflösungszeichen, die scheinbar willkürlich auf der großen naturbraunen Fläche und auf dem scheckigen weißen Grund verteilt sind, quasi da her und dort hin schwimmend, so daß sich ein dichtes Geflecht übers ganze Doppelblatt ergibt, in dem zu allem Überfluß auch noch Abschnitte im traditionellen 5-zeiligen doppelten Notensystem aufscheinen (Violinschlüssel/Baßschlüssel 4/4tel g-moll), anderswo ausgeschnitten und hier hereingeklebt, und das ist wohl Renalds partielle Antwort auf meine vorsichtige Bitte, mir für die Ausführung der Komposition auch etwas vom gewohnten Schriftbild einer 4-stimmigen Notation zu bieten, damit ich als Bach-Choräle spielender organistischer Dilettant nicht im Wust der grafischen Häufungen unter- und verlorengehe

zusätzlich sind auch noch außen am Faltkarton etliche kurze Verbalisierungen zur Verdeutlichung der ungewohnten grafischen Zeichen angebracht (die man natürlich während des Spielens da auf der Rückseite nicht lesen kann, die man also eigentlich schon internalisiert haben müßte, etwa mitten drin ein großes schwarzes Rechteck mit der lapidaren Erklärung/Aufforderung „den Tod nicht scheuen“)


© renald deppe
trishagion I
antons flaum
(tusche, feder, papier)


*****

>>>