Musik macht alles. Nur keine Angst.

(Interview anläßlich der Uraufführung „Tempus Fugit“ - Klanginstallation mit graphischen Notationsarbeiten - zur Einweihung der neuerbauten Philharmonie in Luxembourg, Juni 2005)

Renald Deppe im Gespräch mit Bernhard Günther
über Kultur als Schule der Wahrnehmung, über Ambient-Musik von Mozart, über die EU-Normen des 19. Jahrhunderts, den Zusammenhang zwischen Schubert und den Beatles, sowie über den Unterschied zwischen Auge und Ohr.


Wenn das kein Gespräch für ein Programmbuch wäre, sondern ein Beruferaten, könnte man jetzt viel Geld verdienen: du bist Musiker, Komponist, Maler, Kurator, Veranstalter ... wie siehst du das selbst; wie würdest du das, was du tust, in kurze Begriffe fassen?

Wenn das kein Interview für ein Programmbuch wäre, würde ich sagen: ich mache immer das, was ich am wenigsten kann. Um zu lernen. Und da ich enorm viel wenig kann, mache ich enorm viele verschiedene Sachen, die ich wenig kann, bis ich sie etwas besser kann – so wird das Leben nie langweilig.

Was sind diese Dinge, die du – jetzt schon seit vielen Jahren – tust, um sie besser zu können?

Besser zu können, oder: besser wahrzunehmen. Ein Kultur-Schaffender und ein Kultur-Konsumierender – was sich ja beides überhaupt nicht ausschließt – befindet sich immer in einer Situation der Sensibilisierung der Wahrnehmung: der Selbst-Wahrnehmung und der Fremd-Wahrnehmung. Und diese Wahrnehmung des Anderen und des Eigenen ist auch ein enorm kulturpolitischer und damit politischer Prozess, denn das zeitigt Toleranzen und Intoleranzen, Akzeptanzen und Nicht-Akzeptanzen. Was also heute der Kultur-Prozess den Menschen schenken kann, ist eine Art Schule der Wahrnehmung – das kann am besten und leichtesten die Kultur, und manchmal auch die Kunst.

Vielleicht etwas weniger abstrakt: Die Besucher betreten am 26. Juni zum ersten Mal die Philharmonie und kommen in eine Situation, von der du als Künstler bestimmt hast, wie sie sein soll.

Die Leute betreten eine Architektur, die der Kultur – und damit dem Menschen – dienlich sein soll. Traditionsgemäß gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Architektur und Musik (schon bei den alten Griechen war das Monochord auch ein Architektur-Instrument). Viele Formgesetze der Architektur wie der Goldene Schnitt oder die Fibonacci-Zahlenreihe sind später in die Musik eingeflossen. Architektur und Musik haben einen großen Zusammenhang in der Form, der Gestaltung der Materie. Wenn die Leute die Philharmonie zum ersten Mal betreten, werden sie in einen klingenden Raum treten; die Stille wird sich erst vor den konzertanten Teilen im Grand Auditorium bilden. Die Klanginstallation am Anfang soll eine Kontemplation des Sich-Findens in diesem Raum sein, soll die Strukturen dieses Raumes verstärken oder auch erweitern.

Vorher hast du den Begriff "Schule der Wahrnehmung" verwendet – jetzt betreten die Zuhörer einen klingenden Raum, kommen zum ersten Mal in ein Haus, das von einem Architekten gestaltet wurde und von einem Komponisten mit vielen Musikern zum Klingen gebracht wird. Was wäre dein Wunsch, was in dieser speziellen Situation die "Schule der Wahrnehmung" bewirken könnte?

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Ich habe mir lange überlegt, ob man das Wort "Schule" überhaupt verwenden soll, aber an sich ist es ja ein wunderbares Wort. Die Schule ist im Erwachsenenleben oft negativ belegt, aber jedes Kind, das eingeschult wird, freut sich, in die Schule zu gehen – meistens. Die Schule ist in den ersten Jahren etwas Wunderbares, dann nach 13 Jahren oft zu etwas sehr Furchtbarem geworden. Bleiben wir bei dem Wunderbaren: Was eine Schule bestenfalls bieten kann, ist eine Sensibilisierung des Vermögens, das man hat, um es für sich und für Andere nutzen zu können. Die Philharmonie in Luxemburg ist kein Luxus, sondern ein Gebrauchsgegenstand, um Kraft und Stärke zu finden für sich selber und für Andere. Die Klanginstallation ist ein Mittel dazu, das zeigt, wie man sich an etwas annähern kann, das einem fremd ist. Der Klang kann sehr fremd sein, die Architektur kann sehr fremd sein, und die ausgestellten Bilder, die graphischen Partituren können sehr fremd sein – aber es sollte sich alles ergänzen, damit es zu einem Eigenen wird, damit man sich dem, was dort geboten wird, wirklich nähern kann.

Zum Eigenen werden ja auch die vielen Bilder, die du in wochenlanger Arbeit hier in Luxemburg mit Tusche und Karton hergestellt hast: die verbleiben als Geschenk bei den vielen jungen Musikern aus ganz Luxemburg, die bei der Klanginstallation mitwirken. Vielleicht ist es gut, davon zu erzählen, wie das Ganze entstanden ist – es gibt viel zu sehen, zu hören, es gibt Arbeitsperioden mit den jungen Musikern, ...

Die "Verschulung" der Musik im negativen Sinn hängt mit den Gefängnissen der fünf Notenlinien zusammen. Es gibt viele großartige Musiker, die sich überhaupt nicht der tradierten Verschriftungen bedienen, sie auch gar nicht chiffrieren oder dechiffrieren können. Diese fünf Notenlinien sind ein Segen, aber – wie alles eine Kehrseite hat – auch ein großer Leidfaktor in der Geschichte der Musiker und der Musikfreunde. Unsere musizierende und musikliebhabende Gesellschaft hat sich Jahrhunderte lang auf die schriftliche Fixierung der Musik verlassen und fast nichts Neues mehr hinzugefügt. Das finde ich sehr schade. Diese fünf Notenlinien können sehr vieles leisten, vieles aber auch überhaupt nicht leisten. Ich als Musiker, der sich sehr oft mit diesen fünf Notenlinien beschäftigt hat, manchmal große Schwierigkeiten damit hatte, manchmal große Freude, habe immer versucht, nach anderen Wegen zu suchen, wie man ein Klangbild schriftlich fixieren kann. Es ist ja so, dass die Augen anders reagieren als die Ohren; die Sinne sind verschieden und ergänzen sich – wie im täglichen Leben, so auch in der Musik: man hört nicht nur mit den Ohren, man hört auch mit den Augen. Selbst mit geschlossenen Augen. Es laufen immer Parallelprozesse ab. Die Partituren und die Klänge sollen sich ergänzen. Ausschlaggebend für den Klang, den man hören wird und den ich versucht habe, annähernd auch in einem tradierten Notensystem aufzuschreiben, waren immer die Bilder, die ich vor Augen hatte – und natürlich auch das Bild der Philharmonie. Die Klänge, die sich dann in meinem inneren Ohr ergaben, sind unendlich mühsam auf fünf Notenlinien zu fixieren; zum großen Teil geht es auch gar nicht. Daher weicht das Notenmaterial, das die Kinder haben, schon sehr früh vom tradierten Notensystem ab. Die Begegnung mit dem Unbekannten ist für die Kinder – die damit wunderbar umgehen – eine Befreiung; nicht vom Üben, sondern von der Tradition einer Fixierung. Tradition kann helfen, Tradition kann fördern –

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